Nachdem Jesus Israel fluchtartig verlassen musste – der Talmud berichtet noch in einer Chiffren – Anekdote davon – blieb die Schar seiner Schüler zunächst unter der unangefochtenen Leitung des Judas zurück. Aber bald sollte, wie es der erste Johannesschluss bereits ankündigt, ein Zwist um die Leitung zwischen Judas und dem „Superjuden“ Simon ausbrechen, den man damals noch spöttisch „Kepha“ nannte, den Stein im Weg oder auch den Stein im Schuh, sowie Jakob, dem leiblichen Bruder Jesu, der den „Verlag“ in der Nähe der heute Qirbet Qumran genannten Örtlichkeit am Toten Meer leitete. Die Angelegenheit klärte sich bald. Judas und Jakob einigten sich bald und schlossen sogar Freundschaft miteinander, während etliche ehemalige Anhänger Jesu, die sich von der Basis des jüdischen Glaubens nicht trennen konnten, dem Simon zuliefen, der sich nun auch expressis verbis von den Schülern des Judas trennte und eine jüdisch – messianische Gemeinschaft schuf, wie es deren in Israel Dutzende gab.
Fortan führten die Gemeinschaften jede ihr eigenes Leben. Simon machte sich besonders in Samaria einen Namen, wo man seit alters dem Jerusalemer Kult skeptisch bis ablehnend gegenüber stand und auf vorgeblich älteren Traditionen beharrte. Sie waren in Wahrheit nicht älter, sondern nur stärker mit älteren vermischt, aber das wusste kein Samaritaner mehr. Dafür erwartete man in dieser Landschaft den Messias heißer und unmittelbarer als im übrigen Israel, wo die Messiasgläubigen nur einen Bruchteil der Einwohnerschaft ausmachten. Simon aber verkündete überall den Messias, den er persönlich gekannt haben wollte und der eines Tages „entschwunden“ sei, niemand wisse, wohin. Dabei wusste Simon recht gut, dass Jesus, den er als Messias verkündete, keineswegs „entschwunden“ sondern zu Schiff. dem Vernehmen nach in Richtung Westen, aufgebrochen war. Aber seine Überzeugung, dass Jesus der Messias sei, war ehrlich, das muss man bei allem, was noch geschehen wird, bedenken.
Da war noch keine Rede vom Kreuzestod Jesu, aber umso mehr war von dem Gerücht die Rede, dass er am Ende der Zeiten wiederkommen werde, um Israel zu erlösen – und das Ende der Zeiten, beteuerte Simon, wäre jetzt. Damit sagte er auch nichts als die Wahrheit, denn jede Sekunde, die wir erleben, bezeichnet genauestens das Ende der Zeiten – weiter geht es in diesem Moment noch nicht. Aber natürlich dachte Simon nicht in diese Richtung, in die Jesus vielleicht gedacht hätte, sondern ihm schwebte wie vielen Zeitgenossen in seinem Volk, ein Finale alles irdischen Geschehens vor, über dem Jesus als „Herr des Himmels“ an der Seite Jahwes präsidierte. Man kann es dem Simon im Grunde nicht übelnehmen – er hatte Wunder erlebt, die kein Mensch bis dahin gesehen hatte, er hatte Tote auferstehen gesehen, genau gesagt, den Judas, den alle für tot gehalten hatten, nur Jesus nicht. Er hatte gesehen, dass Kranke geheilt wurden, darunter in seiner eigenen Familie und er hatte von Jesus das Versprechen erhalten, dass er das Seinige finden werde – und was konnte das anderes sein als das, was er gerade tat? War nicht, was er tat, von Erfolg gekrönt, wuchs die Gemeinde, die im Übrigen streng jüdisch war, die den Sabbat und die Beschneidung hielt, kein Schweinefleisch aß, aber auch die Taufe zur Vergebung der Sünden, wie sie Johannes gehalten hatte, kannte und übte, nicht beinahe täglich, schielten die Jerusalemer Priester nicht schon argwöhnisch herüber und die Priester der Samaritaner hörten ihnen fasziniert zu?
Israel ging es zu dieser Zeit nicht schlecht. Herodes, ihr König, tat alles, um seinem Volk ein gutes Leben zu bescheren, aber irgendwie drangen seine wohltätigen Bestrebungen nicht ins Bewusstsein dieses Volkes ein. Schuld daran waren vornehmlich die Pharisäer, die überall verbreiteten, dass Herodes kein echter Jude sei – er war tatsächlich ein Nachkomme zwangskonvertierter Araber – und außerdem ein Knecht der Römer, obgleich sich nicht einmal eine einzige römische Militärsandale im ganzen Land finden ließ. Sie ließen keine Nachricht über Palastintrigen aus, schmückten sie noch entsprechend und erzeugten Herodes den Wüstling, obgleich der nichts anderes tat, als einst alle Könige Israels, die alle mit Mord und Totschlag vor allem in den eigenen Familien gehaust hatten und doch alle als Helden von den gleichen Pharisäern angepriesen wurden, die den Herodes verdammten. Kurzum, die Israeliten fühlten sich geknechtet, obgleich sie es nicht im Mindesten waren, sondern im Gegenteil eine Zeit der Konsolidierung erlebten, wie sie zuvor kaum eine gekannt. Daher wurde Simons Mär von den letzten Tagen auch in Israels selbst mehr und mehr geglaubt – und deshalb sahen die Jerusalemer Priester und die Pharisäer argwöhnisch auf das, was aus Samaria kam, denn DAS hatten sie nun wirklich nicht gewollt.
Kepha – der alte Spottname wurde, je mehr Zeit nach seinem Tode verging, immer mehr zum Ehrennamen und als „Petrus“ = Fels dann irgendwann auch noch zum „Felsen des Glaubens“ – und so „irgendwann“ war dann der Zeitpunkt auch nicht – denn Israel ging nach Herodes Tod an die Römer verloren, die es im Handstreich besetzten und ihre Präfekten schickten, denn das Gebiet wurde keine selbständige Provinz, sondern gehörte zur großen Provinz Syria und die Präfekten waren dem Statthalter von Syria unterstellt. Das geschah nur wenige Jahrzehnte nach Simons Tod – die Schüler Jesu, die sich bis dahin unter des Jakob Schutz befunden hatten, flohen mit ihren Schulhaupt Judas nach Alexandria und verbreiteten sich von dort aus über den gesamten Raum des römischen Reiches, denn Judas hatte sich an den Unruhen zugunsten des Herodessohnes Archelaos beteiligt, während die Gemeinde des Kepha stillgehalten hatte und daher in Jerusalem und in Israel, das nun Judäa hieß, blieb. Aber sie trieb eifrig Mission, zuerst in Syrien und Kleinasien, dann aber auch in Griechenland und natürlich in Rom, wohin es alle Strömungen zog, die nach Rang und Namen im Reich begehrten. Die Hauptstadt der Gelehrten, der Wissenschaften und Künste war und blieb Alexandria – die Hauptstadt der Wirtschaft aber, des Geldes und aller religiösen Strömungen, die Geld begehrten und auf Wachstum aus waren, war und blieb Rom, das „Haupt der Welt“, „Die Stadt“ wie sie im ganzen Reich hieß. Und – war nicht Petrus selbst einst nach Rom gezogen? Das war er wohl, denn er hatte gerüchtweise vernommen, dass Jesus, der Entschwundene, sich in Rom aufhalten sollte.
Das Gerücht entsprach wohl der Wahrheit und es gibt sogar Indizien, die einen Aufenthalt Jesu in Rom belegen könnten – wenn darüber nicht, wie seit jeher der Brauch, die „vatikanische“ Archäologie den Schleier breiten würde – nun, ich besitze genug Material über dieses Indiz, um zu der Überzeugung zu kommen, dass Jesus in Rom war und jene Kapelle Quo Vadis vielleicht nicht über eine Legende, aber über eine echte Begegnung des Simon mit seinem hoch verehrten Meister spricht. Wir müssen den Zeitpunkt dieser Begegnung nur aus den Tagen des Nero zurück verlegen in die Tage des Augustus, dann kommen wir der Sache schon weitaus näher. Petrus starb in Rom, auch das ist zumindest möglich, möglich auch, dass er in der Nähe des vatikanischen Hügels begraben wurde, gewohnt hat er mit Sicherheit auf der rechten Tiberseite, wo sich die Häuser Derer befanden, die als Fremde in Rom lebten und daher keinen Grund und Boden in Der Stadt besitzen durften. Man darf dabei nicht an Mietquartiere denken, die befanden sich in der Stadt selbst und niemand fragte danach, ob ein Mieter das Bürgerrecht besaß oder nicht. Sondern man muss an Villen und zumindest geschlossene Häuser denken, die sich im Besitz einer einzigen Familie befanden und die zuweilen Teile des Hauses wie wir es aus Pompeji kennen an andere Personen vermieteten. Übrigens lebte man zu dieser Zeit auf der rechten Tiberseite ziemlich komfortabel, in einer zwischen Hainen und Gärten weit ausgezogenen Siedlungslandschaft. Erst nachdem Claudius die Juden alle auf die rechte Tiberseite verbannt hatte, wurde es dort eng und wuchsen auch dort Mietskasernen in die Höhe. Dort ist Simon dann auch gestorben, er kehrte nicht mehr nach Israel zurück, und dort ist er dann auch begraben worden – das Grab wurde von seiner Gemeinde gepflegt und Jahrhunderte später zum – ideellen – Mittelpunkt der konstantinischen Basilika Alt – Sankt Peter, von wo es durch die konstantinische Confessio erreichbar blieb.
Dass Petrus in Rom starb, wird heute von der Christenheit nicht ernsthaft bezweifelt. Aber es war kein Märtyrertod, sondern ein ganz normaler Tod durch Altersschwäche, der ihn ereilte. Aber es starb dort nicht der Verkünder der Botschaft Jesu, sondern der Begründer des Christentums und das ist nur wenigen bewusst. Petrus formte aus seinem subjektiven Empfinden heraus diese Religion auf der Grundlage eines volkstümlichen Judentums völlig neu und strich alles aus ihm heraus, was ihm an der eigenen Religion bisher als skurril und nicht nachvollziehbar erschienen war. Er war kein Theologe, wollte auch niemals einer sein. Die in seinem Namen überlieferten Texte sind samt und sonders epigraphisch, das betrifft auch die in seinem Namen überlieferten Apokryphen. Er selbst hat nichts verkündet, als den erschienen Messias und das Ende der Zeiten, an dem er wiederum erscheinen werde. Ansonsten gab er sich mit der Religion Israels zufrieden und wollte ihr nichts hinzufügen und eigentlich auch nichts wegnehmen, denn er kannte seine eigene Religion nur insoweit, als sie allgemein im Volk bekannt war: Sabbat, Beschneidung, Kaschruth, Auslösung der Erstgeburt, Heirat als Sakrament, Scheidebrief, Wallfahrtsfeste, festliche Abende bei Erscheinen der neuen Mondsichel, Aussegnung der Toten und die wenigen Vorschriften über rituelle Unreinheit, die für die einfachen Israeliten relevant waren. All das finden wir auch im Christentum – selbst die Beschneidung finden wir, gegen die Saulus in Antiochia dann im Namen seiner Heidenmission Sturm läuft. Die heiligen Schriften der Juden waren auch ihre Heiligen Schriften und am Sabbat gingen sie wie alle Juden in die nächstgelegene Synagoge um zu beten und Gottes Wort zu hören. Dazu hüllten sie sich in den Tallit und legten zum Gebet die Lederriemen an, das „Schema Israel“ war auch ihr Glaubensbekenntnis. Erst nachdem die Legende von der Kreuzigung aufgekommen war, wurde der Graben zwischen Juden und „Christen“ breiter und zuletzt unüberschreitbar. Simon selbst hat diese Legende noch nicht gekannt.
Das Christentum steht heute, sagt man, auf zwei Säulen: Peter und Paul. Dabei haben sich die beiden mit Sicherheit nicht gekannt. Als Saulus in Tarsus aufwächst, geschehen die Massaker des Pilatus, als er nach Jerusalem kommt, herrschen mildere Statthalter und er kann ungehindert seinen Studien nachgehen. Petrus aber ist zu dieser Zeit schon sanft in Rom entschlafen, an ihn erinnert man sich nur noch in den Kreisen der samaritanischen und teilweise der judäischen Christen. Die Samaritaner erinnern sich seiner als an einen Wundertäter, wobei viele Wunder wohl eher Wundererzählungen gewesen sind, die Judäer an einen volkstümlichen Prediger. Der Rest, auch die Legende von dem zeitgleichen Martyrium Beider ist Schall und Rauch. Saulus ist zeit seines Lebens ein einsamer Kämpfer für die Erlösung und wohl der einzige handfeste Theologe, den das Christentum in dieser frühen Periode besessen hat, weshalb der theologische und philologische Ketzer Markion ihn vor allem zum Bürgen für das rechte Christentum erklärt – und ihm damit unbeabsichtigt auch im orthodoxen Christentum zu normativen Ehren verhilft. Petrus hingegen, wie sein vermeintlicher Meister, lebt seine Botschaft und hinterlässt nichts als die Erinnerung. So spiegeln sich die frommen Seelen in Petrus, die „Intellektuellen“ des Glaubens tendieren mehr zu Paulus. Aber der Kern und das Wesen des Christentums ist eben nicht Paulus, der es interpretiert und einrichtet, sondern Petrus, der es erlebt und lebt. Christus – ist eine Kunstfigur, die das ganze Knäuel der Konfessionen und Theologien notdürftig zusammen hält und an den Heiligen Geist glauben sowieso bald nur noch die Spiritisten allein deshalb, weil da von „Geist“ die Rede ist und das ist halt ihr Metier. Die eigentliche Adresse des Christentums aber ist Jahwe, der gute, alte knapp zweieinhalb Jahrtausende zählende Jahwe. Anders hat Petrus seinen Gott nicht gedacht, er wäre gar nicht auf die Idee gekommen, es könne einen anderen als ihn geben. Jesus, der Messias, ist ohne Jahwe gar nicht denkbar, denn eine verworfene Welt, die der Erlösung bedürftig wäre, kommt in der Antike außerhalb des Judentums gar nicht vor. Kein antiker Gott profitiert irgendwie oder spricht auch nur von einem Ende der Zeiten – nur Jahwe spricht vom Jüngsten Tag.
Halten wir also fest: es war nicht Jesus, der das Christentum mit seiner Lehre begründete, es war Simon, der Klotz, der zum Felsen des Glaubens wurde. Nachdem er in Israel viel Zulauf erhalten hatte, zog er nach Rom, nicht um zu sterben, sondern um Jesus wieder zu begegnen und wahrscheinlich ist er ihm auch begegnet, aber was sich wirklich zwischen den beiden begab, deckt der Mantel der Legende zu. In Rom ist er auch gestorben und der Petersdom steht sage und schreibe wirklich auf den Gebeinen des Begründers der Christenheit. Nicht Jerusalem, Rom ist das Zentrum der Religion, wie die katholische Kirche es ja auch stets behauptet hat. Die Päpste als Nachfolger Petri bekleiden ihr Amt mit historisch richtiger Legitimation. In diesem Licht sind alle nachfolgenden Konfessionen eigentlich wüste Ketzereien und das ostkirchliche Schisma eine haarsträubende Dummheit, sie hätten 1054 Rom als Haupt der Christenheit von Rechts wegen anerkennen müssen. So liest es sich also, wenn man genau liest und wenn mancher Anhänger der Ökumene deshalb verzweifelt und wütend sein sollte, ich fühle mit ihm, aber ich kann es nicht ändern. Und glauben Sie mir – ich bin auch aus diesem Grunde froh, dass ich hier nicht über meine eigenen Angelegenheiten schreiben musste.

 

Ich habe es doch geahnt: die meist verbreitete Philosophie der Kaiserzeit, entweder bezeichnet als Stoa oder als Neuplatonismus (beides moderne Klassifikationen) bemänteln nur den Mangel eines Wissens, das die Philosophiehistoriker entweder nicht haben oder, was ich eher annehme, nicht haben wollen.
Das Indiz, welches mir in dieser Beziehung in die Hand fällt, ist auch ihnen wohlbekannt und ist als solches ihr Beleg dafür, dass es sich bei der Philosophie der Kaiserzeit um Platonismus gehandelt hat: die „ungeschriebene Lehre“ die gemeinhin Plato zugeschrieben wird, aber wenn eines sicher ist, dann dies: sie stammt nicht von Plato.
Was man über die „ungeschrieben Lehre“ sicher sagen kann, stammt zu einhundert Prozent aus dem geistigen Formenkreis der Gnosis und ist die beste Kosmologie, die je in ihrem Umkreis entworfen wurde. Als Umkreis offenbaren sich dem Kundigen die Lehren der Miriam, jener Frau, die nie die „Geliebte“ aber immer die intellektuelle und kongeniale Gefährtin Jesu gewesen ist und deren Lehren seine eigenen um Jahrtausende überlebt haben.
Erstes und wichtigstes Indiz für die Herkunft der „ungeschriebenen Lehre“ aus dem geistigen Formenkreis der Gnosis ist ihre Metaphysik. Die griechische Denkweise kennt kein metaphysisches Denken, all ihre Systeme sind immanent, ihre Götter wohnen auf Bergen und im Meer oder unter der Erde, der Himmel ist ein leeres Rund über einer seit Ptolemaios immerhin kugelgestaltigen Erde, an welchem die Sterne als sozusagen himmlische Ordensgalerie ihre Bahnen ziehen, denn sie wurden nach Heroen und anderen Gestalten der Mythologie benannt oder nach bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Sein bedeutete dem Griechen schlicht das Sein auf Erden, ein anders kannte er nicht. Das Moment der Transzendenz hingegen war ihm wohl bekannt, Götter wurden zu Menschen und Menschen zu Göttern und ein ungreifbares Schicksal waltete über der Welt und in der Welt, dem Menschen einmal fühlbar, einmal nicht. Götter erschienen als Menschen und Ideen erschienen als reale Dinge ohne deshalb eine metaphysische Existenz zu besitzen – sie kreisten wie die Fixsterne am Firmament und warfen wie Mond und Sonne ihr Licht gegen die Wände der Höhle, in der die Menschen saßen und ihren Schatten betrachteten. Außerhalb der Höhle herrschte das wirkliche Leben – aber es herrschte ebenso auf Erden, wie zuvor das Leben in Täuschung dort geherrscht hatte. Ein Universum oder gar einen Bereich jenseits des Universums kannte das Griechentum nicht und so auch nicht Plato. Die Philosophie der Griechen und darauf kann man sich verlassen, war und blieb stets erd- und menschengebunden. Diese Lehre aber ist genau das nicht.
Da sie das nun nicht ist, bringt sie den Philosophiehistoriker in Erklärungsnot, es gibt verschiedene Modelle, die beide einen Teil der Wahrheit beschreiben ohne ihn wirklich zu erkennen, dabei liegt er doch offen wie der Brief auf dem Tisch, aber den fand ja auch niemand, eben weil er so offen auf dem Tisch lag. Wer es weiß, wird es aber wiedererkennen: wir haben es hier mit der maßgebenden Teleologie der Gnosis zu tun, mit den uranfänglichen Verhältnissen von Ordnung und Chaos – für den Eingeweihten mit dem Verhältnis der ersten ungeteilten Kraft zur zweiten in sich geteilten und so auch zerrissenen. Diese beiden bilden samt den Implikationen der zweiten Kraft eine Einheit, aber die zweite Kraft strebt fortwährend danach, von der ersten unabhängig zu werden, was nicht geht. Dabei schafft sie die Dinge, die von der ersten Kraft mit Dauer und innerem Leben erfüllt werden und sich dementsprechend auch nach Ordnung und nicht nach unbestimmtem Chaos wie Herzensverstand oder Bauchvernunft oder was es da noch für krauses Zeugs als Rechtfertigung für ungeordneten Geist und schwachen Verstand gibt, streben. Der Römer, der der neuen Philosophie anhing, und das waren sehr viele, verachtete diese „Gemütsmenschen“ herzlich, aber natürlich ließ er sie leben, er bedachte wohl, dass auch sie ihre Qualitäten haben mochten, auch wenn es nicht die eigenen waren. Was konnten diese Menschenkinder dafür, wenn sie sich selbst nicht im Griff hatten…. es hatte ihnen ja niemand beigebracht, wie man dahin kommt und so taten sie sich im Taumel ihrer wechselnden Gefühle und assoziativen Gedankenfetzen gütlich. Es tat sich eine Kluft zwischen denen auf, die diese Philosophie als Grundlage ihres Lebens akzeptiert hatten und denen, die weiterhin in einer archaisch intuitiv bestimmten Sphäre lebten. Während die Einen einen offenen, über das Vorfindliche weit hinausgehenden Begriff von Sein hatten, war und blieb Sein für die Anderen an die irdischen Verhältnisse gebunden.
Die Urheber dieser Philosophie waren mit der Zeit infolge ihrer massiven Verbreitung vergessen worden – kein Wunder, dass sich die Philosophen gegen den Anspruch einer neuen Religion, dass ein gewisser Jesus deren Urheber gewesen sein sollte, mit Händen und Füßen wehrten. Sie wussten zumindest dies: dass er es nicht gewesen war. Ehe ein Judenbengel eine solche Lehre begründete, dachten sie, dann schon lieber Plato, der ein echter Grieche gewesen war. So schrieben sie die „ungeschriebene Lehre“ ihm zu in der Hoffnung, dass niemand sich im Ernst die Mühe machen würde, dem akribisch nachzugehen. Sie sollten sich nicht verrechnet haben, denn nicht einmal Plotin erkannte, in der Philosophie erzogen, dass Plato der Urheber nicht sein konnte. Er erkannte nur, dass sie zu dem, was er als Gnosis kannte, nicht passte, ja dass die Gnostiker seiner Zeit sich sogar in offener Gegnerschaft zu dieser Lehre befanden und dies entsprach ja auch der Wahrheit. Die Gnosis seiner Zeit war eine regelrechte Religion, die lediglich Versatzstücke wie eine Garnitur malerisch über ihren „Kuchen“ verteilt hatte.
Den Sieg trug indes nicht die antike Philosophie davon, sondern eben jene Religion, gegen welche die Philosophie sich so vehement gewehrt hatte. Denn diese Religion erwies sich als nützliches Instrument um eine obsolet gewordene Staatsreligion vollwertig zu ersetzen. Sie hatte alles, was man für eine solche benötigt: einheitliche mythologische Vorstellungen, einen fest gefügten Kult, hierarchische Strukturen, ein soziales Netz und an ihren Dogmen war, ehe sie zur Staatsreligion wurde, eifrig gefeilt worden. Die Philosophie geriet in Vergessenheit, wurde hier und da sogar regelrecht verfolgt, weil sie die Eigenschaft hatte, die Menschen geistig unabhängig zu machen. Aber desungeachtet bestand sie weitere tausend Jahre, ehe sie durch das Christentum endgültig ausgerottet werden konnte. Aber die Umstände, die dies möglich machten, hatten nichts mehr mit der eigentlichen Philosophie zu tun, sondern mit jener Afterreligion, die sich den Namen der Gnosis angemaßt hatte.

 

Die modernen Blechinstrumente sind viel zu scharf intoniert. Daher wirken sie eher aufdringlich als glanzvoll, eben „Jubelbrause“ statt die Würde und Pracht eines Kirchraumes zu unterstreichen und das Geschehen darin selbstbewusst zu kommentieren – ich kann jeden verstehen, der vor solcher Seelenlosigkeit die Segel streicht. Das sind nur noch Noten, akkurat wiedergegeben… aber Gabrielis Musik ist eben etwas Anders als akkurat gespielte Noten wiedergeben können.
Mit Sicherheit spiegelt sich in seinen Kanzonen und Recercari, in seinen Sinfonien der Geist Venedigs, man sieht förmlich die Vertreter der Signoria vor sich, wie sie im Dom Platz nehmen und den Klängen lauschen in denen sie sich wiederfinden: nur sind diese Klänge andere als die, die wir heute vernehmen, wenn wir wieder einmal eine Aufnahme dieser Musikstücke auflegen – und uns kurz darauf die Ohren zu, denn so grell wollten wir es eigentlich nicht.
Diese Musik ist auch nicht für ein reines Bläserensemble geschrieben, mit Fug und Recht lässt Gabrielis Partitur Besetzungsfragen außer Acht und notiert nur die Stimmen. Eine gute Wiedergabe ist die alte Aufnahme mit Wenzingers Schola Cantorum Basiliensis, in der Flöten, Zinken, Bombarden, aber auch Violinen und Gamben neben den Posaunen und gelegentlich wohl auch Trompeten verwendet werden, moderne Instrumente aber weitgehend außen vor bleiben. Die Klangpracht leidet übrigens keineswegs unter dieser gemischten Besetzung. Sie ist in sich und gegeneinander viel zu gut eingesetzt. Und – nicht alle diese Musikwerke sind gleicherweise auf Klangpracht berechnet, es gibt auch nachdenkliche, ja geradezu grüblerische, fragende Partien, es ist eine freie, vom liturgischen und funktionalen Kontext gelöste Musik. Es geht nur noch um Schönheit und um die Transparenz eines polyphonen Gebildes im Gegensatz zu der oft verunklärenden Polyphonie der niederländischen Schule, von der die venezianische indes (Willaert) abstammt. Aber sie geht eigene Wege. Die Werke des älteren Gabrieli sind noch weit mehr der dichten, intransparenten Polyphonie der jüngeren Niederländer verpflichtet, die des jüngeren Gabrieli nicht mehr und das muss sich auch in der Aufführung derselben widerspiegeln und das schafft kein modernes Brass – Ensemble.
Mit Gabrieli erreicht die venezianische Schule ihren Zenit – seine Nachfolger verfolgen schon eine Musik der vorgegebenen Floskeln, mit denen Gabrieli noch ringt. So sind auch ihre Arbeiten zum größten Teil beliebig und eben „Weihnachtsmusik“, über die man weghören kann. Aber Größeres als seine Musik ist im Bereich der „Kirchentonarten“ nicht mehr geleistet worden, erst im Bereich der Dur – Moll – Tonalität taucht dann Monteverdi mit seinen genialen Opern auf. Gabrieli reizt das modale System bis zum Anschlag aus, aber seine feine Arbeit geht im Blechgetöse der modernen Aufnahmen unter. Und es fehlt zudem auch den besseren an der leicht heiseren Intonation der Orgel von San Marco, die hier, trotz modernem Ensemble, wenigstens zwei Mal mitspielen darf, aber wohl früher oft mitgespielt hat und die dem Ensemble quasi aus dem Hintergrund eine raffinierte Klangkrone verpasst.
Gabrieli hat aber nicht nur Instrumentalmusik verfasst, sondern auch einen Schatz an Motetten, die an Klangpracht nicht hinter jener zurückbleiben, aber vielleicht eine Spur konventioneller sind. Nur ist die Spur manchmal recht schmal – denn absichtsvoll arbeitet Gabrieli mit verschiedenen Tempi, steigert und vermindert sie, setzt sie gegeneinander, arbeitet mit Solo- und Plenumgruppen und natürlich verzichtet er auch nicht auf die Beteiligung von Instrumenten, warum sollte er. So taucht er die Musik in samtene Dunkelheit wie in strahlendes Licht, läßt weniges viel sein und vieles wenig, wenn es sich in anscheinend homophonen Passagen ergeht, die aber nichts als Engführungen polyphoner Passagen sind und was die Musik seiner Zeit an rhythmischen Möglichkeiten bietet und das ist Einiges, lässt er sich auch nicht entgehen. All das geht in besagter Aufnahme manchmal allerdings etwas im Klangbrei unter… wohl deshalb, weil ein Chor und kein Solistenensemble beschäftigt war, das hier eigentlich hin gehört hätte.
Wer aber einen Querschnitt der Musik Gabrielis gewinnen will, ist, vorgenannte Einschränkungen eingeschlossen, mit dieser Platte recht gut bedient – mir ist die Orgelmusik etwas zu kurz gekommen, immerhin gibt es da mehr und Anspruchsvolleres als seine „Intonationen“. Aber die Interpretation italienischer Orgelmusik ist wohl eine Sache für sich und bei den Intonationen kann man noch am wenigsten falsch machen – macht man auch nicht, da sei die Orgel von San Marco vor. Die wenigsten Organisten, am norddeutschen und romantischen Klangideal geschult, kommen mit der asketischen Interpretationsweise italienischer und auch spanischer Orgelmusik älterer Herkunft klar, entweder sie registrieren zu dick, zu hoch oder sie nehmen die Tempi zu forsch und sausen über die Figuren hinweg, als ob es nichts kostet. Aber es kostet eben alles. Daher kann ich auch keine der vielen Interpretationen italienischer oder spanischer Orgelmusik des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts empfehlen – und bin so auch ganz froh, dass sich niemand der Orgelstücke Giovanni Gabrielis angenommen hat, jedenfalls nicht auf dieser Aufnahme.

Die Aufnahme: Gabrieli in San Marco – Edward Power – Biggs, The Gregg Smith Singers, The Texas Boys Choir, The Edward Tarr Brass Ensemble und das Gabrieli Consort „La Fenice“ auf Sony Essential Classics, Leitung Vittorio Negri

 

 

Es gibt Bücher, die liest man einmal und es ist genug. Es gibt Bücher, die liest man immer wieder, bis man sie endlich beiseitelegt und für immer. Und es gibt Bücher, die liest man einmal, dann noch einmal und dann entfalten sie in uns ein Eigenleben, das uns in Abständen immer wieder an sie erinnert und so leben sie mit uns. Das Buch von Kazantzakis gehört für mich dazu.
Es gibt auch einen Film zu dem Buch, über ihn möchte ich aber nicht schreiben. Wer möchte, kann ihn sich ansehen, aber er gibt das Wesentliche des Buches nicht wieder. Wie sagte meine Bekannte, die Dorothea Siewert – Medek im Allgemeinen dazu: man kann aus guten Büchern nur schlechtere Filme machen und dies ist ein sehr gutes Buch, also ist der Film daraus auch nicht ganz schlecht geworden, aber er ist der Film und das Buch ist das Buch.
Wichtig ist vielleicht zu wissen, dass Kazantzakis für dieses Buch von seiner Kirche exkommuniziert wurde. Das ist umso erstaunlicher als er die Grundlagen des christlichen Glaubens keineswegs leugnet. Der Jesus seines Buches, denn um diese Person geht es zumindest vordergründig, ist ganz und gar der Jesus der Bibel – und doch, und dann wundert es mich schon viel weniger, schillert diese Person zwischen Zügen, die dem biblischen und solchen die – intuitiv – dem historischen Jesus zugehörig sind und es geht zugleich weit über beide hinaus in Regionen, die nur noch im Reich des Geistes beheimatet sind. Das mag der orthodoxen Kirche, die sich eigentlich so viel auf ihre Geistigkeit zugutehält, dann doch zu viel geworden sein.
Der Jesus des Kazantzakis ist treu nach der Bibel der Sohn eines Zimmermanns und seiner Frau Maria – Miriam. Er hat das Handwerk seines Vaters erlernt, aber er zimmert im Einvernehmen mit den Römern, die das Land besetzt haben, die Kreuze, an die man die diversen „Messiasse“ Israels heftet. Historisch ist das der blanke Unsinn, denn die Römer besorgten ihre Kreuzigungen stets selbst, jeder beliebige Legionär verstand sich auf das Zuhauen der dafür nötigen Querhölzer und Sedilien, die Langhölzer waren normalerweise, wenn es nicht um Massenkreuzigungen ging, bereits am für die Hinrichtung bestimmten Ort vorhanden. Aber Kanzantzakis will uns mit diesem Kunstgriff sagen, dass Jesus und seine Familie eigentlich mit den Römern im Einvernehmen leben – wie auch viele andere Israeliten seiner Zeit. Aber auch in der kleinen Stadt Nazareth in der er lebt, ist es zu spüren: es brodelt in Israel. Man lebt nicht abgeschnitten von den Ereignissen im Land und die Stimmung ist gegen die Römer, für die Jesus seine Kreuze schnitzt. Er selbst wird um dieser Beschäftigung willen von den anderen Israeliten verachtet. Auch die Liebe der Rabbinertochter Miriam kann er auf diese Weise nicht erringen und zuletzt und im Tiefsten – hasst er sich selbst für das, was er tut und er tut es nur, weil er hofft, auf diese Weise den Wundern und Weissagungen zu entgehen, die ihn seit seiner Geburt umschwirren. Kurz und gut: er will seine Bestimmung nicht erfüllen, will nicht der Gottessohn sein, für den seine Mutter ihn hält.
Aber eines Tages legt er sein Werkzeug beiseite und macht sich bei Nacht und Nebel aus dem Staub, hin zu den Einsiedlern am Toten Meer wo er, als er eintrifft, aber schon vom Leiter der Gemeinde als der Gottessohn und Messias erkannt wird – der kurz darauf verstirbt. Er bleibt eine Zeit lang bei den Einsiedlern, lernt dort auch den Zeloten Judas kennen, der mit dem Befehl gekommen ist, ihn umzubringen, ihm stattdessen aber nachfolgt, aber er fühlt: dies ist nicht das Leben, das er sucht. So macht er sich auf und besucht den neuen Prediger Johannes, der am Jordan lebt und zu dem die Massen strömen und der für eine Erneuerung des Volkes Israel eintritt – dann werde, so sagt er, das Land Israel auch frei werden. Zum Zeichen der Umkehr und Bereitschaft sollen die Menschen sich im Jordan von ihm taufen lassen. Diese Umkehr wünscht auch der Kreuzzimmerer Jesus und so lässt er sich von Johannes taufen. Im Augenblick da er ihn tauft, erkennt Johannes, wer Jesus ist und spricht es auch aus: „ich taufe dich Jesus, Gottes Sohn, die Hoffnung der Menschen!“ Judas, der mit ihm gekommen ist, bemüht sich vergebens, die nachfolgenden Gespräche Jesu mit dem Täufer zu verstehen, ihm ist, als vernehme er nur Naturlaute. Aber als er von Johannes Abschied nimmt, ist er entschlossen, seine Sendung anzunehmen, nur nicht in Zorn und Hass wie der Täufer, sondern als Sendbote der Liebe. Jakobus und Andreas, die er bereits in der Wüste kennen lernten, sowie Judas schließen sich ihm an. Zu ihnen gesellt sich dann bald der sehr junge Johannes, der Bruder des Andreas und in der Folge gesellen sich immer mehr Menschen dazu, auch Simon Petrus, der älteste Bruder von Johannes und Andreas, alle nach ihrem Vater Zebedäus, einem reichen und auch reichlich selbstgerechten Fischer, auch die Zebedaïden genannt. Der Schauplatz der folgenden Ereignisse ist Kapharnaum, wo Zebedäus seinen Fischereibetrieb hat und auch Miriam, die Tochter des Rabbiners aus Nazareth, inzwischen eine Art Bordell betreibt, deren einzige Hure sie selbst ist. Jesus erfährt, dass auch sie ihn liebt, was er niemals vermutet hat, aber sie weist ihn, nachdem sie ihn eine Nacht beherbergt hat, ab und führt ihr Leben als freischaffende Hure weiter. Jesus geht in die Wüste, von Zurückweisung und Selbstvorwürfen gequält und hofft darauf, in der Wüste umzukommen wie der Sündenbock des Versöhnungsfestes, auf den er dort trifft. Aber seine Sendung ist eine andere – zwar wird er, das weiß er nun, wie dieser Sündenbock umkommen, aber nicht hier und nicht in diesem Moment… er hat die Bilder, die seine geistige Gefährtin, die sich Verdammnis nennt, ihm zeigt, wohl verstanden. Er wird seine Gefährtin in Jerusalem wiedertreffen.
In der Zeit, die ihm noch bleibt, sammeln sich Menschen um ihn und er lernt die Vorstellungen kennen, die sie von ihrem persönlichen Heil haben, lernt, dass solche Vorstellungen nicht auf die angeblich Rechtschaffenen beschränkt sind, sondern dass gerade die gesellschaftlich Benachteiligten und die Verstoßenen Vorstellungen von ihrem persönlichen Heil haben. Im Übrigen nehmen die Ereignisse nun ihren biblischen Lauf und es kommt zur Kreuzigung, die durch Judas möglich wird, der unter der Last des ihm von Jesus aufgetragenen Verrats zerbricht. Im Einzelnen sind diese Szenen aber alle voller wichtiger Gedanken, es empfiehlt, sie sämtlich gründlich zu lesen und zu bedenken, auch wenn ich sie hier nicht im Einzelnen aufführe. Denn es geht nun zügig auf die letzte große Versuchung Jesu zu: den von ihm selbst insgeheim gehegten Wunsch, er möge doch sein wie alle anderen auch und der Kelch möge an ihm vorübergehen. Und siehe da, er geht an ihm vorüber; zwar ist die Kreuzigung vollzogen, aber da kommen Engel und nehmen ihn vom Kreuz ab, seine Wunden heilen und genesen geht er wieder auf Wanderschaft, findet Miriam, die er aus den Fängen ihrer selbstgerechten Verfolger befreit und beginnt mit ihr ein Familienleben als Zimmermann, bekommt Kinder, für die er Wiegen schnitzt und wird im Schoße der Familie und als geachteter Handwerker alt, als er unvermittelt aufgestört wird, weil eine bunte Schar in seine geordnete Welt einbricht, die seine alte Lehre in total entstellter Form vertreten, aber nun froh sind, dem Meister selbst zu begegnen – der er gar nicht mehr sein will. Ihr Lehrer ist ein gewisser Paulus… und Jesus erschreckt sich zutiefst darüber, was aus dem, was er einst lehrte, geworden ist. Aber er kann es nun nicht mehr ändern, denn ihm würde niemand glauben, dass er der Urheber dieser Lehre gewesen ist. Die Vorstellung von seinem daraufhin erfolgenden Tod reißt ihn in die Gegenwart zurück und er findet sich gekreuzigt und in den letzen Zügen liegend, der Engel, der in seiner bürgerlichen Existenz sein Schutz war, offenbart sich ihm als seine Gefährtin, die ihm versichert, dass nun alles seinen von Gott gewollten Gang gehen würde, weil er die letzte Versuchung bestanden habe. … denn es ist alles ein Ende und alles ein Beginn – schließt das Buch.
Die Studien, die Kazantzakis für dieses Buch betrieben hat, gehen weit über den Rahmen bloßer Bibelarbeit hinaus. Man findet rabbinische Literatur ebenso darin wie den Geist Qumrans wie ihn seine Zeit verstand und mengenweise von der Kirche teilweise sogar verdammtes apokryph christliches Gut. Aber das Buch ist kein bloßes Kompendium von Fragmenten und kontextualen Bezügen, es ist wie alle Bücher von Kazantzakis, ein sehr persönliches Bekenntnis nicht so sehr zu einer Gestalt, als vielmehr zu einem Phänomen, nämlich dem des Sendungsbewusstseins. Dabei wird der Kosmos des Sendungsbewusstseins in all seinen Facetten durchdekliniert: innere und äußere Faktoren, Zweifel und blinder Glauben, Selbstzweifel und Selbstvertrauen stoßen sich eng im Raum und verletzen einander auch dann und wann. Sendungsbewusstsein, das Bewusstsein, mehr zu wissen und zu sehen als andere und es ihnen sagen zu müssen, trifft auf alles, was in uns und außerhalb von uns dem entgegen steht: die Selbstgerechtigkeit die ihm entgegen schlägt genau so, wie die Selbstgerechtigkeit in der eigenen Brust, die das Ergebnis der Sendung immer wieder in Frage stellt und den Menschen zwingt, es wiederum zu prüfen: hält es noch stand, ist es noch echt? Oder ist es nicht besser, in der Menge unterzutauchen, sich zu verstecken, zu sein wie alle, ein gutes, glückliches Leben zu führen und die Sendung nur als privates, tief verborgenes Gut mit sich zu tragen wie das verborgene Talent, das nie gemehrt wurde? Wer eine Botschaft hat, soll er sie künden oder soll er sie verbergen, ist die Frage, die bereits am Beginn des Buches auftaucht und welche Folgen hat es, wenn er sie verkündet und welche wenn er sie verbirgt? Beide Möglichkeiten werden erbarmungslos verfolgt: die Offenbarung führt ans Kreuz, das Verbergen führt in einen frustrierenden Tod, denn die Botschaft wird zwar offenbar werden, aber in der falschen Hand wird nur Falsches dabei herauskommen. Der biblische Jesus steht exemplarisch für dieses Sendungsbewusstsein und seine Gefahren, die inneren wie die äußeren. Er scheitert entweder äußerlich an der Selbstgerechtigkeit der Anderen oder, schlimmer, er scheitert innerlich, am eigenen Wunsch nach einer Durchschnittlichkeit, die er nicht haben kann.
Es wäre Kazantzakis sicher keine Entscheidungshilfe gewesen, hätte er gewusst, dass seine Gestalt in Wahrheit niemals gekreuzigt wurde, denn die Szenerie der Kreuzigung ist ihm nur ein Gleichnis für das, was dem Verkünder unbequemer Wahrheiten selbst dann droht, wenn eine gläubige Menge in ihm den Sohn Gottes sieht. Es gibt keine Ausnahme von der Regel des Zebedäus, der, wunderbare Szene, seinen Stein selbst dann noch in der Hand behält, als alle anderen ihre schon längst kleinlaut beiseitegelegt haben. Die Regel des Zebedäus aber ist die vorherrschende und wenn Jesus sie hier einmal überwindet und sich auch gleich einen Feind damit macht, dann ist dies das Wunschdenken des Kazantzakis – in Wahrheit steht Zebedäus nicht allein da, wie man dann in den Szenen auf Golgatha erleben kann. Man muss dann eben auch konsequent sein und das ist Jesus in der letzten seiner Versuchungen nicht: er hat dies Leben eines Wanderlehrers geführt, ja, aber er distanziert sich nunmehr von diesem Leben, lässt es im Stich und überlässt es auf diese Weise dem Paulus, der es entstellt und verzerrt. Sich zu entsetzen hilft nichts mehr, denn mit der Distanzierung von der Lehre ist auch jegliche Vollmacht und Verfügung über sie verloren gegangen. Bleibt bei dem, was ihr als wahr erkannt habt und verkündet es ohne Scheu, mögen euch auch noch so viele Zebedäus und Pilatus begegnen, sonst fällt es am Ende noch einem Paulus in die Hand und dann „gute Nacht!“, die Lehre Jesu wird zum Christentum. Der Mensch Jesus wird zum unnahbaren und unantastbaren Gott des Dogmas.
Aber ist es denn unvermeidlich, dass Leiden die Konsequenz des Sendungsbewusstseins ist? In gewisser Weise schon, man wird es, auch wenn man es nicht mit dem Leben bezahlt, anders als andere zu sein, auf eine Art immer bezahlen müssen, sofern man sich selbst treu zu bleiben wünscht. Denn Selbstgerechtigkeit und Selbstzufriedenheit sind Eigenschaften, die angefragt, sich als durchaus labil erweisen und auf jede Beunruhigung aggressiv reagieren. Wer aber diesem Druck nachgeben möchte, der muss damit rechnen, dass er selbst zum Totengräber seines Lebenswerkes wird und dass ihm das nicht einmal als unangenehm erscheinen wird, vielmehr als die Erfüllung aller seiner insgeheim gehegten Wünsche. Er wird, was ihm eben noch wichtig erschien, ohne größere Gefühlsregung begraben können, ja er wird sich gegen unbequeme Mahner kühl und kurz angebunden erweisen, so wie Jesus in der Geschichte auch hier und da einen Mahner von der Türe weist.
Aber die Katastrophe ist ja nicht geschehen – oder ist sie doch geschehen? So wie Jesus in Wahrheit nicht gekreuzigt wurde, seine Lehre über Jahrhunderte nicht öffentlich geächtet wurde und erst durch das Christentum der öffentlichen Ächtung anheimfiel, sieht es erst einmal nicht so aus, zumindest sieht es nicht so aus, als wäre sie von innen heraus verraten worden. Aber eine andere Katastrophe mag sich anbahnen: dass sie nun sozusagen postum im Bestreben eines Menschen untergeht, der genau dieser Versuchung des kleinen Glückes erlegen ist… dabei lassen sich großes und kleines Glück doch, wie Thomas Mann uns zeigt und etliche „Piraten des Geistes“ uns gezeigt haben, auch durchaus miteinander vereinen…. nur macht das ein wenig zusätzliche Arbeit, denn es verlangt, dass man auch im kleinen Glück das große nicht aus den Händen gibt…. auch nicht dann, wenn es anscheinend schwierig wird, beides zu vereinen. Anders als hier durch Kazantzakis vorgestellt, geht es immer, aber – es verlangt auch die dazu geeigneten Menschen, eben jene „Piraten des Geistes“ die Kazantzakis so geliebt hat.
Berlin im Juli 2014
© Juliane Bobrowski

 

– Anmerkungen zu einer nicht nur evangelikalen Ansicht –
Ich habe schon zuvor in etwas anderem Zusammenhang darauf hingewiesen, aber scheinbar ist das untergegangen. Wenn es eine moderne Religion gibt, in der Homosexualität die allerbesten Chancen auf Emanzipation hat, dann ist diese das Christentum. Das Judentum verdammt sie per Gesetz, der Islam per Tradition. Das Christentum nimmt, wie alle antiken Religionen, dazu nicht Stellung, denn es will nicht Gesetz für dies und das sein, sondern befasst sich mit dem Menschen als solchem und seinem Verhältnis zu seinem Gott.
Gehen wir aber zu seinen ersten Anfängen zurück, zurück in die Zeit als das Christentum anfängt, sich einen Glaubensbestand und eine Sittenlehre zu erarbeiten, finden wir ein Bild, das auch gut und gern einem Roman entsprungen sein könnte, nur dass es sich hier um einen Griff ins pralle antike Leben handelt. Da ist ein junger Jude aus Tarsus nach Jerusalem gekommen um an der dortigen „theologischen Hochschule“ seine Studien zu vollenden. Der junge Mann heißt Saulus. Und wie es so kommt, irgendwann dort stellt er fest, dass es ihn zum eigenen Geschlecht hinzieht – er ist Jude und damit ist dies für ihn ein todeswürdiges Verbrechen für das sein Gesetz keine Nachsicht kennt. Später spricht er schamhaft selbst davon als von dem „Satan, der ihn mit Fäusten schlägt“. Sicher ist, dass er niemals heiratet, aber ein Frauenfeind scheint er dennoch nicht zu sein. Sie sind ihm fremd, er folgt im Urteil über sie lediglich der jüdischen Ansicht. In seinem inneren Zwiespalt will er zunächst die vermeintliche Todsünde mit umso größerem Eifer für Jahwe kompensieren und das bringt ihn mit der Gemeinde des Simon Petrus zusammen, die er erst verfolgt, bei der er aber dann tolerante Aufnahme findet. Entsprechend widmet er sein Leben fortan der Ausbreitung dieser Lehre, die er dann auch mitgestaltet – unbemerkt erst, aber im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung ändert sich das, indem er von einem reichen christlichen Religionsreformer namens Marcion entdeckt und in den Vordergrund gestellt wird. Das Christentum wird in der Folge nach seinen Vorstellungen gestaltet und vereinheitlicht werden. Die Evangelien, das ist heute erwiesen, folgen erst nach seinem Tod. Er ist auch wahrscheinlich dem Simon niemals mehr selbst begegnet, es ist die zweite Generation und die dritte, in der er sich bewegt, eine Generation, die den Kreuzestod schon kennt, aber noch nichts Genaues darüber weiß; die erste Generation um Simon kannte ihn nicht, die vierte kennt ihn in allen Einzelheiten.
Unser heutiges Christentum ist also ein Geschöpf mit zwei Köpfen: einen bilden die Evangelien, einen anderen bildet das Corpus Paulinum mit seinen ethischen, dogmatischen und so weiter Maßgaben. Die beiden widersprechen sich zwar nicht geradezu, aber man darf niemals vergessen, dass das CP nicht auf der Grundlage der kanonischen Evangelien verfasst ist, sondern wenn, dann Quellen nutzt, die heute entweder verloren oder nur als Apokryphen mehr oder weniger zufällig erhalten sind. Vieles, besonders alttestamentliche Zitate bringt er aus dem Kopf, also nicht unbedingt immer korrekt und sowieso nicht nach der hebräischen Redaktion von Jamnia, die er noch nicht kennen kann, da sie noch nicht existiert, sondern er zitiert nach der griechischen LXX, die auch seinen „Heidenchristen“ zugänglich ist und möglicherweise noch nach anderen Schriften. Aber das soll uns jetzt im Einzelnen weniger beschäftigen.
Unter den „Briefen des Paulus“ als welche die Theologie des Saulus bezeichnet wird, finden sich auch zwei nachträglich redigierte Briefe an eine christliche Gemeinde in Korinth. In ihnen finden wir, was wir ansonsten in diesen Briefen erst mühsam zusammen suchen müssen, nämlich ethische und moralische Maximen, Regeln für den Gottesdienst und für das anschließende gesellige Miteinander. Wir finden auch Regeln dafür, wer zur Gemeinde gehören soll und wer nicht und jetzt wird es interessant, denn Saulus erweist sich hier als kundiger Vermittler zwischen jüdischer und antiker Lebensweise. Frauen sollen , so seine Regel für den Gottesdienst, einen Schleier tragen, sofern sie daran teilnehmen wollen (keine anständige freie griechische Frau verließ jemals das Haus ohne Matronenschleier, aber offensichtlich will Saulus hier, dass die Regel auch für Sklavinnen gelte, denn vor Gott gibt es keine Sklaven) und am besten ist es, wenn sie in Gemeindeangelegenheiten überhaupt den Mund hält. Es war parallel auch in anderen öffentlichen Angelegenheiten so, dass Frauen weder ein Stimm-, noch ein Rederecht hatten. Im Gottesdienst darf sie, wenn sie das Schleiergebot beachtet, aber mitbeten, mitsingen und sogar predigen und prophezeien, denn im Gottesdienst (also vor Gott) gilt ein jeder einem jeden gleich. So klärt sich der oft zitierte und beklagte Widerspruch zwischen dem Freiheitsgebot des Galaterbriefes und den Einschränkungen im ersten Korintherbrief auf. Es geht einerseits um die Freiheit des Christenmenschen und andererseits um die Beachtung der öffentlichen Sitten. Ich revidiere hiermit meine frühere Ansicht, dass es sich vom Galaterbrief zum ersten Korinther um eine Weiterentwicklung handeln solle – vielmehr betrachtet Saulus die Rolle der Frau in den beiden Briefen lediglich unter verschiedenen Aspekten. Damit ist für beide der Anspruch der Authentizität, den ihnen die moderne neutestamentliche Forschung zugesteht, gegeben.
Aber was hat das mit Homosexualität zu tun? Erst einmal nichts – aber besagter erster Korintherbrief ist auch die Kernstelle der evangelikalen Ablehnung der Homosexualität als solcher, nur – hier handelt es sich offensichtlich um einen verhängnisvollen Irrtum, der durch Jahrtausende Christentum immer wieder Leid über Menschen gebracht hat. Denn nicht etwa homosexuelle Menschen, Männer wie Frauen, schließt Saulus aus der Gemeinde aus, sondern Prostituierte beiderlei Geschlechts. Die Ausschließung ist vorläufig zu sehen – denn wenn sie ihren Lebenswandel aufgeben, sollen sie in der Gemeinde willkommen sein. Dasselbe gilt von allen anderen Verfehlungen und anrüchigen Handlungen. Da steht nicht „Homosexuelle“, sonder da steht „Lustknaben“, heute nennt man diese Sparte des Amüsierbetriebes Stricher. Denn dass man von Homosexualität nicht „lassen“ kann, weiß Saulus gut genug und verlangt es daher auch nicht. Außerdem gehört sie in der antiken Welt und erst recht in einer antiken Großstadt zum erotischen Alltag. Saulus unterliegt hier, wie in vielen anderen Fällen, nicht mehr dem jüdischen Zeremonialgesetz, das er ganz und gar den Juden überlässt – der Christ ist hier einmal mehr vom Gesetz des Jahwe frei. Aber unsere evangelikalen Christen und mit ihnen die Mehrzahl der christlichen Sekten halten sich Augen und Ohren zu, wollen nicht hören und wollen nicht sehen und machen Aufstand, wenn jemand wie die Christen in Württemberg, zu hören und zu sehen versucht. Wer die Stelle nachlesen will, es handelt sich im ersten Korintherbrief um Kapitel 6 die Verse 9 – 11. Dort ist von Lustknaben und Knabenschändern die Rede, also sowohl von denen, die ihren Körper käuflich anbieten als auch von denen, die dieses Angebot nutzen. Von freier Liebe zwischen Menschen gleichen Geschlechts hingegen finden wir hier kein Wort. Und auch an anderer Stelle finden wir keines – warum auch sollten wir?
Wenn man die Aufregung. die in manchen Gemeinden herrscht, einmal unter diesem Aspekt betrachtet, fällt sie in sich zusammen und macht dem Platz, was man christliche Freiheit nennt. Aber warum hat man diese Verse zweitausend Jahre lang nicht so gelesen wie sie geschrieben worden sind? Nun – darüber muss man nicht mich, sondern die Geschichte der christlichen Exegese befragen. – Berlin im Juli 2014 © Juliane Bobrowski

 

Bitte jetzt nicht lachen und auch nicht den Kopf schütteln, ich habe wirklich noch alle Tassen im Schrank. Dennoch habe ich mich neulich mit einem Wesen von einem anderen Planeten irgendwo in den Plejaden unterhalten, einem netten jungen Mann… nein, in Wahrheit war es kein netter junger Mann, sondern es war eine nette junge Frau, aber was soll ich sagen, ihre Stimme veränderte sich, sie sprach auf einmal mit einem kleinen Akzent. Ich habe mich auch mit einem recht erfahrenen Außerirdischen mit nicht ganz sauberen Absichten unterhalten – in Wahrheit mit derselben jungen Frau, nur war der Akzent diesmal stärker, die Stimme tiefer und sie hat noch lange danach Schmerzen im Kehlkopf deswegen gehabt.
Nun ist es ferne von mir, dass ich außerirdisches Leben nicht für möglich halten würde, das Universum ist viel zu groß, als dass ein ähnlicher Fall wie die Erde nicht auch anderswo sich begeben könnte. Aber ich bin ein arger Skeptiker, wenn es darum geht, dass jemand von jemandem „besetzt“ werden könnte. Das halte ich für unmöglich und ich vermute stark, mit dieser Meinung stehe ich nicht ganz allein. Ich halte entsprechend auch nichts von dem Rummel, der um alle möglichen „Medien“ gemacht wird, von allen „Botschaften weiser Meister“, die sich da im Raum tummeln und meist nur die Weisheiten ihrer „Kanäle“ produzieren. Aber ich halte etwas von der Beobachtung, dass Menschen, die aus irgendwelchen Gründen gewisse Ereignisse verdrängen wollten oder auch mussten, sich in anderen Persönlichkeiten sozusagen selbst neu erfinden und man hat auch die erstaunlichsten Beobachtungen mit ihnen gemacht: sie verändern ihre Stimmlage, verändern ihr Mimik und Gestik, verändern sogar ihr Denken und Fühlen, kurzum, man erlebt eine Person, die mit der, die man kennt, nur noch die Fassade gemein zu haben scheint – und es ist doch immer noch dieselbe Person. Das Ganze ist eine psychische Störung, die unter dem Kürzel MPS zusammengefasst wird. Der Betreffende ist nicht krank – er wäre im Gegenteil krank, wenn er diese Spaltung nicht unternommen hätte. Es ist ihm etwas geschehen, was er nicht verarbeiten konnte, man sagt auch: nicht verwinden. Da hat er es fallen gelassen und sich eine andere Person erfunden, die von alledem nichts weiß.
Aber was für ein Wesen wird von unwissenden Esoterikern darum gemacht? Da wimmelt es von solchen MPS – Befallenen, aber der Grund ist hier ein etwas anderer: den Leuten reicht ihre eigene Befindlichkeit nicht aus, sie wären gern etwas Besonderes und da ihnen selbst das niemand glauben würde, tun sie sich eine andere Personalität an. Das ist, noch einmal zu wiederholen, nicht krankhaft, die Leute sind nicht verrückt, haben kein verzerrtes Verhältnis zur Realität. vielmehr ist die unmittelbare Realität für sie die gleiche wie für uns. Aber – solche Leute sind aus anderen Gründen gefährlich. Wer ihnen glaubt, landet bald in einer Welt, in der alles und alle mit irgendetwas „besetzt“ sind und ein solcher Glaube kann sehr wohl krank machen, aber vor allem kann er das gesunde Verhältnis zu anderen Menschen gründlich zerstören. Menschen, die an „Besetzungen“ glauben, sind wie ein Krebsgift, das die Seele zerfrisst und das Denken vernebelt, denn sie sehen überall Gespenster, sehen sich überall von „bösen Mächten“ umgeben und jeden ihrer Freunde und Lieben sogar vorzugsweise, denn ihnen gilt ja ihre größte Sorge und so sind sie auch zuerst Opfer dieses Wahns.
Nein, die Außerirdischen kommen nicht, wenn es sie gibt, dann an Orten, die von uns nichts wissen und wir nichts von ihnen. Das wird auf absehbare Zeit auch so bleiben und jeder, der sich etwa davon die Lösung der eigenen Probleme oder die der Welt erwartet, wird sich in sehr viel Geduld fassen müssen und zudem wird er sich an den Gedanken gewöhnen müssen, dass die ihm vielleicht selbst wenn es sie gäbe nicht helfen könnten. Denn die Probleme, die es hier auf Erden gibt, sind unsere Probleme und müssen auch von uns als ihren Urhebern bewältigt werden. Wer einigermaßen informiert ist, weiß, dass sie auch bewältigt werden können, dass nur eine im Untergang befindliche Profitwirtschaft die Lösungen der Probleme unterdrückt und dass ohne dieselbe rasch Hilfe geschaffen werden könnte. Wir kriegen keine Hilfe von irgendwo, aber wir können uns, so wir erkennen was uns hindert, selbst helfen. Alle diese UFO – Sekten sind im Grunde nichts als die Hilferufe von Menschen, die zwar sympathisch und aufgeschlossen, aber auch unwissend genug sind, sich hilflos zu fühlen. Und nun ist das Erkenntnis – Projekt selbst in Gefahr, zu einer solchen UFO – Sekte zu mutieren. Es ist selbst in Gefahr, sich in ein angstschlotterndes Gebilde aus Menschen zu verwandeln, die sich vor Parasiten und Besetzungen fürchten und in jedem guten alten Freund, der auch nur einen Strich wissender als sie selber ist, eine solche „dunkle Existenz“ sehen, denn seltsamerweise sind diese Freund niemals von „positiven Energien“ besetzt, sondern stets von negativen. So auch mit unserer jungen Frau, deren erste Besetzung aber so was von negativ war… und nun hab ich den schwarzen Peter einstecken, ich bin auch besetzt, möglicherweise von meiner eigenen Vernunft… wehe dem, der sich nicht selbst hat. Ich amüsiere mich darüber, aber der ernste Hintergrund dessen ist mir durchaus klar – wer an Besetzungen glaubt, will vor allem seine Freunde davor schützen und dabei entdeckt er, dass die auch „besetzt“ sind – nur an die eigene Besetzung glaubt er niemals, er ist alleweil „sauber“ und er muss nun alle diese Besetzten vor sich selber retten und das gelingt ihm immer nicht, weil sie ihm alle einen Vogel zeigen… nur ein paar Neurotiker sind willens, sich mit Hilfe eines solchen Manövers zu entlasten und sozusagen Co – Abhängige dieses Wahns zu werden. Schließlich finden sich in allen Menschen Züge, die ihnen mehr oder weniger zusagen und sich von denen zu entlasten, die ihnen weniger zusagen, wäre willkommen.
Ah, noch was: da fällt mir Boko Haram ein, diese islamistische Sekte, die alles Wissen verdammt. Da fallen mir auch die Erinnerungen einer Französin ein, von der eine andere islamistische Sekte marokkanischen Ursprungs verlangte, dass sie ihre gesamte Vernunft und all ihr Wissen auf dem Altar der Gottergebenheit opfern solle. Denn Vernunft und ist nach diesem Konzept der Feind aller Klarheit und Wissen ist der Tod aller Erkenntnis und die Wurzel des Bösen. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein“ fällt mir auch noch ein und damit ein Kernsatz des Christentums, das anscheinend in die gleiche Richtung will. Man braucht den Dummen, Stumpfen, den, der aus dem Bauch lebt, denn mit jemandem, der von seinem Kopf lebt, kann man keine Statistik machen… und das jetzt hier, in einem Kontext, der sich gerade dem Prinzip der gedanklichen Klarheit verschrieben haben will? Aber vielleicht habe ich mich auch geirrt, vielleicht war das nie Streben des Projektes? Ehe uns der Wahn der Besetzungen und Parasiten verschlingt, ehe die Außerirdischen von allen Seiten über uns kommen und die Weisen Meister uns mit ihren Plattitüden überschütten – bleiben wir bei uns selbst wie der Fels in der Brandung bleibt und lassen wir die fruchtlose Wut des Ozeans der Wahnideen an uns emporbranden… der Ozean ist schon mehrfach ausgetrocknet und verfroren, aber die Felsen, die Zeugen für die Gestalt der Erde, sind wenn auch hier und da erodiert, noch immer da…. immer daran denken: Im Anfang war die Vernunft und nicht die Angst vor Besetzungen, aber zuweilen doch die Hoffnung darauf, dass jemand anders kommt und unsere Probleme löst. Begrabt diese Hoffnung und macht euch daran, meine ich, eure Probleme wie ihr sie selbst erkennt auch selbst zu lösen und beseitigt alles, was euch daran hindern möchte, es sei was es immer sei, ein Gott, eine Bank, die Angst vor einem „dunklen Wesen“…
Berlin im Juli 2014
© Juliane Bobrowski

 

Dass Mozarts „Zauberflöte“ ein Stück unsterblicher Musik ist, wird selbst in einer Zeit, in der Musik mehr als Betäubungsmittel denn als ästhetischer Genuss und ethische Aussage eine Rolle spielt, niemand in Frage stellen. Es ist auch ein offenes Geheimnis, dass Mozart und Emanuel Schikaneder, beide begeisterte Freimaurerbrüder, sich einige Anleihen bei den Ritualen ihrer Vereinigung genommen haben – dennoch ist diese Oper alles andere als ein Abklatsch freimaurerischer Rituale. Sie klärt Menschheitsfragen – und sie ist bei Licht besehen ein Hohes Lied auf die Ideale, denen Selbsterkenntnis sich verpflichtet fühlt.
Zunächst zum Inhalt: Sarastro, Hoherpriester einer ägyptischen Priesterschaft, hat Pamina, die Tochter der „Königin der Nacht“, Frau eines alten Freundes, geraubt, um sie in den Vorstellungen seines Kollegiums zu erziehen und mit dem Sohn eines anderen alten Freundes zu vermählen. Die verzweifelte Mutter, die Sarastro, wie soll es anders sein, in seinem virilen Hochmut von nichts unterrichtet hat, ergreift die Gelegenheit und als ihre Beraterinnern ausgerechnet den Heiratskandidaten Sarastros aus einer gefährlichen Situation befreien (an diesem Punkt beginnt die Handlung) beschließt sie, ihn zur Befreiung ihrer Tochter Pamina einzusetzen. Sie überreicht ihm ein Bildnis Paminas, das den Jüngling sofort begeistert und fernerhin eine Flöte, deren Klang zaubrisch – besänftigende Wirkung haben soll. Tamino, der Königssohn, nimmt das Geschenk an und macht sich auf den Weg zu dem Heiligtum, dem Sarastro vorsteht und in dem er Pamina gefangen hält. Auf diesem Weg begegnet Tamino dem Vogelfänger Papageno, der seine Vögel an die „Königin der Nacht“ abliefert und dafür von ihr mit allem Lebensnotwendigen versorgt wird. Dieser Papageno, übrigens gerade notgeil, spielt sich als Taminos Lebensretter auf und wird von den Damen der Königin dafür zu Recht empfindlich bestraft.
Tamino gelangt zum Eingang von Sarastros Tempel, aber es gelingt ihm nicht, ihn zu betreten. Er befragt einen heraustretenden Priester und erhält die Auskunft, dass man sich den Eintritt in den Tempel erst durch ein gefährliches Ritual verdienen muss. Es wird ihm aber bestätigt, dass Pamina im Tempel und dass sie am Leben ist. Von Liebe zu Pamina getrieben stimmt er der Einweihung zu und wird nun durch die verschiedenen Stufen des Rituals geführt. Sarastro bittet mit der Priesterschaft zusammen um einen glücklichen Ausgang des Rituals, das Pamina mit Tamino gemeinsam absolvieren wird. Auch Papageno hat sich inzwischen am Tempeleingang eingefunden und wird von den Priestern mit seiner Wunschbraut Papagena „bedient“. Seine Prüfung besteht darin, dass man ihn glauben macht, Papagena wäre eine alte Frau – aber ehe er gar keine abbekommt, ist er bereit, die vermeintliche Alte zu nehmen und wie man sich vorstellen kann, ist er von der Wendung der Dinge dann hoch erfreut.
Auch Monostatos (der einzeln Stehende), zunächst Scherge des Sarastro, ist in Pamina verliebt. Aufgrund seiner unansehnlichen Erscheinung aber lehnt Pamina ihn ab und er fühlt sich von ihr ungerecht behandelt – was Folgen haben wird. Monostatos läuft zur Königin der Nacht über und ermöglicht es ihr, das Territorium von Sarastro zu betreten. Dort hat sie eine Auseinandersetzung mit ihrer Tochter, in der sie diese verpflichten will, Sarastro umzubringen (ihre große Arie). Sie überreicht ihr den dazu nötigen Dolch – er wird jedoch eine ganz andere Funktion erfüllen…
Durch die Kraft der Elemente geht Taminos Prüfungsreise und nicht zuletzt mit Hilfe der Flöte meistert er seine Prüfungen – nur an der Probe des Schweigens, die Tamino schweren Herzens aber beherrscht besteht, droht Pamina, die nun an seiner Liebe zweifelt, zu zerbrechen. Sie will den Dolch, den ihre Mutter ihr gab um Sarastro zu ermorden, dazu benutzen, sich selbst umzubringen und kann nur durch die Intervention der drei Knaben, die ihre und Taminos Prüfung begleiten (ein wunderbares Terzett) und ihr Taminos unveränderte Liebe versichern, daran gehindert werden. Im gleichen Moment kündigt der Chor der Priester das Ende des Prüfungsweges an. Tamino und auch Pamina werden unter die würdigen Mitglieder des Tempelkollegiums aufgenommen, die Königin der Nacht und ihre Helfershelfer, die schon weit in den Tempel eingedrungen waren, werden in den Abgrund gestürzt. Ein Loblied des Chores auf Sarastros Weisheit und die Macht der Liebe beendet die Oper.
Nun scheint es bei alledem aber mit Sarastros Weisheit doch nicht so weit her zu sein, denn sein Triumph geschieht auf Kosten der Königin der Nacht, deren Schmerz über den Verlust ihrer Tochter in jeder Hinsicht ungesühnt bleibt – die Inszenierung, die ich sah, übersah dieses Moment allerdings nicht, und zeigte, wie Sarastro auch die Mutter im Kreis der Erlösten anerkennt und aufnimmt – im Libretto ist dergleichen nicht vorgesehen. Eine gewisse Ähnlichkeit mit Wagners Parzival war zu erahnen, in dem am Ende Kundry, die stets unbedankt Helfende, die Botin des Grals, von Parzival die Taufe und damit die Erlösung von ihrem Fluch erhält, auf immer durch die Weltgeschichte geistern zu müssen. Wenn es um die Aufhebung der Dualität von Licht und Finsternis geht, hat Schikaneders Libretto seine zeitgemäßen Schwächen, die aber durch den Bezug auf Pamina als Eingeweihte dann doch relativiert werden „ein Weib, das Nacht und Tod nicht scheut/ist würdig und wird eingeweiht“ singt der Chor und macht damit klar, dass es nicht um das weibliche Geschlecht als solches, sondern um das unbeherrschte Spiel der Emotionen geht, dem Zügel anzulegen auch der Frau möglich ist. Während die Königin der Nacht ihren Emotionen blindlings folgt, lässt sich Pamina selbst unter äußerstem emotionalen Druck noch von Einsichten, auch wenn es nicht ihre eigenen sind, überzeugen und ermutigen. Ihr Glaube an das Gute ist stärker als ihre Erfahrung mit dem Bösen.
Sarastros Weisheiten wirken mitunter sogar etwas abgeschmackt – vor allem wenn er allen, die ihnen misstrauen, die Zugehörigkeit zur Menschheit abspricht. Das darf er nicht, aber er tut es und niemand wagt es, ihm zu widersprechen – wenigstens nicht in dieser Sache. Dennoch sind Einwände auch gegen Sarastros Pläne legitim, wie die Versammlung der Priester zeigt, in der über Taminos Zulassung zu den Prüfungen beraten wird. Der Priester, der Einwände äußert, wird deshalb nicht des Kollegiums verwiesen. Es wird aber klar: sicher ist sich auch Sarastro seiner Sache nicht, er wird nur alles ihm Mögliche für dieselbe tun. Die Angelegenheit selbst muss er wie jeder andere in die Hand der Götter, will hier sagen, in die Hand der Akteure selbst legen.
Die Welt des Sarastro ist eine ideale, nicht die wirkliche Welt. Die wirkliche Welt ist die des Papageno und seiner Papagena, die ihren Weg zwischen den dualen Welten sucht und sie dadurch miteinander in Balance hält. Sarastros etwas weltfremde Weisheit muss diese Ebene dulden und ihre Bedürfnisse berücksichtigen. Und so erhält Papageno, der aus der Sphäre der Königin der Nacht stammt, seine Braut aus der Sphäre des Sarastro, ein Umstand, der in den Inszenierungen bisher kaum beachtet worden ist. In gewisser Weise ist Papagena die Widerspiegelung der idealen Frau unter der Maßgabe des alltäglichen Lebens und Papageno nicht nur der Buffo des Librettos, sondern die sozusagen Legalisierung des Weltlichen, das sich aus beiden Komponenten, der irdischen und der himmlischen speist. In gewisser Weise ist er ein Ahn des Peachum aus Brechts „Dreigroschenoper“, dessen „wir wären gut/anstatt so roh“ hier schon leise anklingt. Sarastros ganze Weisheit führt dahin, dass er diese Konstellation akzeptieren muss. Papageno ist den hohen Idealen der Priester nicht abgeneigt, „nur die Verhältnisse/ die sind nicht so“ geht Peachums Song weiter und dasselbe gilt auch für Papageno, er wird weiter seine Vögel fangen, weil er von irgendetwas leben muss. Auch Sarastro kann nicht von Weisheit allein leben, er lässt sich seine Beratung auch entgelten und hofft für gewährtes Wohlwollen auf leibliche Vergeltung. Mozart schrieb seine unsterbliche Musik auch nicht um Gottes Lohn, sondern war an den Einnahmen aus der Aufführung prozentual beteiligt, ebenso aus anderen Aufführungen seiner Werke. Emanuel Schikaneder aber hatte ein festes Einkommen und war auf Erfolg oder Misserfolg seiner diversen Libretti nicht angewiesen. So ist die Handlung zwar an die Vorstellungen der Freimaurer angelehnt, aber weit davon entfernt, ihre Rituale abzubilden, weshalb die beiden Freimaurer auch niemals Schwierigkeiten mit ihren Brüdern bekommen haben. Nichtsdestoweniger ist diese Oper natürlich auch eine Werbung für die von den Freimauern vertretenen, gerade in dieser Zeit äußerst aktuellen Ideale – es ist die Zeit der französischen Revolution. Aber diese Ideale vertreten eben nicht nur Freimaurer, sondern, dies die Wunschvorstellung Sarastros, sie sollten die allgemeinen Vorstellungen der Menschheit sein. Und so ist der Ruf der „Zauberflöte“ als Freimaurer – Oper, der hier und da noch geäußert wird, eigentlich verfehlt. Mozart hat für seine Freimaurer andere Musik geschrieben und auch deutlich als Musik für die Loge bezeichnet. Sarastro ist kein „Meister vom Stuhl“, sondern die Zusammenfassung der kommenden bürgerlichen Ordnung, während die Königin der Nacht und dadurch wird Schikaneders radikale Lösung auch verständlich, für das Ancien Regíme steht, das ersatzlos weichen soll – nicht jedoch, wie man an der Figur Pamina sehen kann, der Adel an und für sich und auch Tamino, ist er nicht ein Königssohn? Schikaneder hält, wie viele Aufklärer, den Adel als solchen für reformfähig.
Aber im Licht moderner Spiritualität, was will, was kann uns diese Oper sagen? Hält sie modernen Vorstellungen noch stand, hat sie ihnen gar etwas zu geben? Ich denke, sie hat das durchaus: denn wenn man sich die Beliebigkeit ansieht, mit der heute und hier Spiritualität in das bloß Übersinnliche hin abgetan wird, dann erlebt man hier, wie dem irdischen Leben keine unverbindliche „Geistigkeit“ sondern ein unmittelbares Erleben des Elementaren gegenüber gestellt wird, das sogar lebensgefährlich werden kann. Dabei sind die Elemente durchaus sinnbildlich für die Gefahren gemeint, die der „Reisende“ auf seiner Reise durch sich selbst erleben kann und bestehen muss. Es gibt in dieser Spiritualität keinen Weg zurück sondern nur den Weg nach vorn oder ins Grab – wobei auch das Grab nicht unbedingt wörtlich zu nehmen ist, sondern eher den nur allzu fühlbaren Verzicht und die Erinnerung an ein nicht wieder gut zu machendes Versagen bezeichnet. Das alles füllt moderne Spiritualität nicht mehr aus – kein esoterisches Seminar, keine Meditationsrunde orientiert sich mehr daran, sie alle wollen Menschen „erbauen“, nicht sozusagen auf Tod und Leben herausfordern – wer das im Gegenteil versucht, gerät rasch in den Ruf einer schädigenden Psychosekte. Man ist in der modernen Spiritualität in beinahe jeder Beziehung weichgespült, es sei denn, es ginge um Meinungsverschiedenheiten, da ist man rasch dabei, Harmonie auf jede nur mögliche Weise herzustellen und fragt nicht mehr viel nach dem Preis. Auch Sarastro folgt, oberflächlich betrachtet, diesem Modell, wenn er die Königin der Nacht mit Mann und Maus versenkt. Er begegnet dem Widerstand nicht argumentativ, er begegnet ihm gewaltsam. Er will nicht überzeugen, sondern richten. Dabei widerspricht er zwar sich selbst, aber welcher Guru würde nicht um den Preis der Harmonie in seiner Gemeinde sich selbst widersprechen wollen und die eigenen Ideale von Menschlichkeit und Freundlichkeit zum Teufel schicken, sobald sie ihn anscheinend stören? Auch das gehört zur modernen Spiritualität dazu – dass man potentiellen Widerspruch auf Abstand hält und gegebenenfalls mit physischer Vernichtung bedroht. Nur sehr wenige Geistesrichtungen können auf diese Taktik verzichten, fühlen und wissen sich stark genug, auch den im Arm zu behalten, der sich dem Guru bei allem Respekt doch nicht völlig unterwerfen möchte.
Weichgespülte Spiritualität ist es nicht, was uns diese Oper vor Augen führt, sondern hier sehen wir den harten Weg der Tatsächlichkeit, die auf die Befindlichkeiten der Reisenden keine Rücksicht nimmt – aber auf der anderen Seite auch keinen Widerspruch gegen ihren selbstherrlichen Anspruch duldet – entweder jemand besteht die Prüfung nach den vorgegebenen Regeln oder er wird ohne Ansehen der Person in die Finsternis gestürzt, hier die Guten, da die Bösen… und dazwischen die von beiden auf jeweils ihre Weise verachtete wirkliche Welt auf die es letztenendes aber ankommt, denn in ihr und von ihren Menschen wird die Zauberflöte ja inszeniert und gehört….

 

Meine Autokorrektur kann Deutsch, denn sie streicht mir die Form „verschwörten“ an. Die Form „verschworenen“ nicht, das ist auch korrekt. Aber diese Verschwörer sind nicht verschworen, sondern brüten jeder für sich in seinem Kammer vor sich hin und glauben inbrünstig an das, was ihnen von den gut bezahlten Protagonisten in der Medienindustrie vorgebetet wird. Allenfalls besteht unter ihnen, wie unter den Anhängern jeder Religion, ein gewisses Understatement darüber, dass sie sämtlich Opfer von Verschwörungen sind. Welche, darüber streiten sie sich schon wieder heftig mit dem ganzen Eifer von Verfechtern einer jeweils einzig wahren und rechten Religion.
Man muss sich nur einmal intensiv auf dem Medium „Youtube“ zu Deutsch: deine Röhre umschauen, um relativ schnell einen Überblick über die mitunter verdächtig professionell ausgestatteten Dienste zu erhalten. Auch in dieses Forum, das eigentlich dem Gegenteil von Verschwörern eine Plattform geben wollte, haben sie seit langem Einzug gehalten. Auch hier glaubt man, die erste Mondlandung habe im Studio stattgefunden, auch hier glaubt man, das WTC sei von der Regierung gesprengt worden und Nine Eleven eigentlich ein Staatsakt, auch hier glaubt man daran, dass auf der dunklen Seite des Mondes ein prähistorisches Raumschiff liegt und Putin eigentlich der Luke Skywalker wäre, der gegen die Dark Vaders der westlichen Welt zu Felde zieht.
Unbestritten ist dabei, dass die augenblicklich maßgebliche Politik eher dem Akt eines Jongleurs gleicht, der seine Keulen dann auffangen muss, wenn sie fallen als einer durchorganisierten Weltverschwörung zwecks Errichtung – ja wessen denn eigentlich? Eine Verschwörung muss sich notwendig gegen etwas richten und eine Alternative im Auge haben, aber wogegen richtet man sich und welche Alternativen sind gewollt? Über beides besteht große Uneinigkeit und nur über den paranoiden Sachverhalt selbst besteht Konsens. SIE sind hinter uns her… auch wenn wir das nicht glauben, aber SIE haben eher Ähnlichkeit mit einem Gespenst als mit einer realen Anwesenheit. Unbestritten ist, dass unsere „Schönen und Reichen“ ihre privaten Zirkel haben, das bestreiten sie selbst nicht, unbestritten ist auch, dass diese Zirkel Einfluss auf alles nehmen, was ihre Interessen tangiert, aber wohlkalkulierte Weltpolitik betreiben doch gerade diese, oft miteinander rivalisierenden Zirkel nicht. Unbestritten ist, dass es Machtsphären gibt und Streit um Einflussgebiete, unter dem die Völker leiden müssen, unbestritten ist auch die Rolle, die die Geldinstitute in diesen Machtsphären spielen – dies ebenfalls nie zum Wohle derer, die in diesen leben und immer zum Wohle derer, die dort ihre Profite machen. Aber Verschwörungen sind das nun einmal nicht. Denn man sieht nicht, was sie anstelle des Vorhandenen hervorbringen wollen, man sieht überall nur Bestandswahrung. Dazu bedarf es aber keiner Geheimverschwörungen, das ist offizielle Leitlinie der Politik.
Verschwörerisches kommt eher von der anderen Seite. Denn der Bereich der nationalistischen Klubs nimmt bedenklich zu und nicht wenige Protagonisten solcher Klubs sehen das Heil in einer Rückwendung von einer globalen, hin zu einer wiederum regionalisierten Erde. Das kann angesichts der Lage nur auf Kosten anderer Völker geschehen und so sind diese Klubs dann auch im höchsten Grad empfindlich, wenn es um Integration einer „fremden“ Kultur in die eigene geht – als könne die eigene Kultur solche Einmischungen nicht vertragen, als müsse sie unter ihr zugrunde gehen. Was soll man aber mit einer Kultur, die eine andere nicht mehr amalgamieren kann? Ist eine solche nicht durch sich selbst zum Untergang verurteilt? Kann ein nationalistischer Klub das noch abwenden? Wenn das die Ausgangssituation sein sollte, dann wären die eigenen Ressourcen dieser Kultur schon derart demontiert, und wer sollte sie demontiert haben, wenn nicht die Kulturträger selber, dass wir eher heilfroh sein sollten, wenn uns eine „Spritze“ mit „Frischzellen“ aus einer unverbrauchten Ressource zuteilwird.
Die europäische Kultur wird sich verändern, sie wird Farbe annehmen und das im wortwörtlichen Sinne. So wie es heute unerheblich geworden ist, ob jemand Katholik oder Evangelischer oder Jude oder gar nichts ist, wird es binnen kurzem unerheblich sein, ob er Buddhist oder Hindu oder Muslim ist, ob seine Haut weiß und blass oder brünett oder sogar dunkelbraun ist. Was soll uns hier eine Verschwörung? Wir haben es immer mit Europäern zu tun, also mit unseresgleichen. Wir werden diese Europäer ausbilden und wir werden sie dann in die Herkunftsländer ihrer Vorfahren zurück senden, damit sie dort für die gleichen Standards sorgen, die in Europa längst gang und gäbe sind. DAS ist die maßgebende Verschwörung und ihr Ziel ist eine Erde, in der die Kulturen einander durchdringen statt einander ausschließen. Wir werden die Geldwirtschaft in ihre Schranken weisen und durchsetzen, was jüngst noch ein frommer Sonntagsspruch war: dass die Wirtschaft für die Menschen da ist und nicht die Menschen für die Wirtschaft, wie Claude Junkers sprach. Wir werden die schon vorhandenen alternativen Technologien nutzen und weiter entwickeln und werden keinen zivilisatorischen Mangel leiden, sondern im Gegenteil, immer mehr Gebiete grundlegend zivilisieren. Der Hunger wird schwinden, die Menschen der Zukunft werden gesund und langlebig sein, und obgleich viel mehr an Zahl wird ihre Existenz doch dank der Anstrengungen der Wissenschaften gesichert sein. Die Menschen der Zukunft werden klug und gebildet sein und wir werden weiterhin das gesamte Spektrum ihrer Interessen benötigen, also auch Handwerk und Künste werden Perspektiven haben, es werden weiterhin Fachkräfte aller Art gebraucht werden, mehr als wir heute ausdenken können, denn jede beantwortete Frage wird wieder neue Fragen auslösen, auch wenn niemand gezwungen sein wird, körperlich schwere oder erniedrigende Arbeiten zu tun, denn dafür werden wir uns die passenden Maschinen erschaffen. DAS, liebe Leute, ist die Verschwörung und wir, liebe Leute, wir sind die Verschwörer vor denen wir uns fürchten.
Wir werden zu fernen Welten reisen und ferne Welten werden zu uns kommen, sobald wir unsere eigenen Wertvorstellungen „ewigkeitstauglich“ gemacht haben und auch das wird kommen. Gespenster wie Rassismus und Chauvinismus werden binnen Kurzem der Vergangenheit angehören, wir können sie uns einfach nicht mehr leisten. Wir haben ganz andere Probleme, als das, wie sich jemand den Scheitel zieht. Wir werden mit den Behinderten von heute so umgehen, dass sie ganz gleichberechtigt zur menschlichen Gesellschaft gehören und wir werden daran arbeiten, ihre Behinderungen entweder durch Technik zu kompensieren oder sogar ganz zu heilen. Eugenik werden wir aber nicht betreiben, sondern jeder Mensch wird auf Erden willkommen sein. Wir werden keine Abtreibungen mehr brauchen, weil jeder Mensch, der geboren wird, eine sichere Perspektive haben wird. Wir werden auch diejenigen Menschen, deren geschlechtliche Orientierung anders als unsere eigene ist, als ganz normal ansehen – auch wenn es deren Bedürfnis, etwas Besonderes zu sein, vielleicht enttäuschen wird. Religionen aber, Ideologien und auch Verschwörungstheorien sind ganz und gar Privatsache, kein Staat der Erde ist an irgendeine Religion etc. rechtlich oder inhaltlich gebunden. Es gibt keine muslimischen Staaten, es gibt keine christlichen Staaten mehr, wenn es denn überhaupt noch welche gibt, sind es reine Verwaltungseinheiten. Das also ist meine Verschwörungstheorie und für sie tue ich, was immer ich kann, wer macht mit?

 

 

…bist würdig aller Ehr und Gunst – dieser Luther – Vers fiel mir eben wieder ein, als der Schiffskorso zum Christopher Street Day an unserem Balkon vorüber schwebte und jedes Schiff mit einer anderen Art Krach aufwartete. Die auf den Schiffen fuhren, nennen diesen Krach freilich mit einem anderen Namen: sie nennen ihn Musik. Und der CSD ist auch nicht mehr, was er mal war, seit die Schwullesben in Deutschland so gut wie keine Diskriminierungen mehr zu befürchten haben. Haben sie nun Angst, dass so gut wie kein Hahn mehr nach ihnen kräht und sind sie deshalb so laut und schrill? Aber lassen wir das und widmen wir uns weiterhin unserem Thema.
Musik also. Es gibt, darüber sind sich wohl alle einig, kein Volk auf Erden, das nicht irgendeine Musik hätte. Die Musik, die es jeweils hat, ist mehr oder weniger Spiegelbild seines kollektiven Geisteszustandes. Das ist nicht im Sinne von Beeinträchtigungen zu sehen, sondern beschreibt nur neutral deren Prioritäten. Bei den Naturvölkern sind es Naturlaute, aus denen ihre Musik entsteht, bei den Kulturvölkern sind es Töne, die den Umkreis ihrer Kultur umschreiben, die Hochkultur besitzt ein ganzes Arsenal an Klangfarben, Tönen und Rhythmen, so auch Europa bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts, ehe Europa zur Zivilisation überging zusammen mit den Vereinigten Staaten. Es ist vielleicht Wenigen bekannt, aber auch die Vereinigten Staaten haben ihre musikalische Klassik gekannt und geliebt und sie ist der kontinentalen gar nicht einmal so unähnlich. Auch wenn sie keine Genies wie Beethoven oder Wagner hervorbrachten, gute Leute sind auch bei ihnen zu finden und sogar, denken wir nur an Gershwin, Bernstein und Ives, bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein. Auch diese und einige Andere gehören heute zum „Welterbe der Musik“ oder wie man bei uns zu sagen pflegte, zum „Goldenen Fonds“ der Weltkultur.
Musik ist aber auch immer mit denen verbunden, die sie treiben und man treibt seit ältesten Zeiten viel Verschiedenes mit ihr. Es gab bereits in der Antike große Künstler… und es gab auch schon in der Antike jene Musik, die man nur mit dem Attribut „populär“ bezeichnen kann. Damit ist das unendlich weite Feld der Gebrauchsmusik gemeint, die vom Kinderlallen bis zum Spottlied reicht und die mit ihrem Anlass entsteht und auch mit ihm untergeht um sich an andere Stelle und zu anderem Anlass neu zu erheben. Weiterhin besteht noch das ebenfalls unendlich weite Feld der Tanzmusik, in der sich die Trommelrhythmen Afrikas mit den Klängen der mittelalterlichen Drehleiern und dem Sound böhmischer Blasmusik ganz legitim vermischen. Diese Tanzmusik entsteht und vergeht aus dem Augenblick und nur ganz wenige dieser Melodien überleben ihre Zeit und finden sich als Themen in „klassischen“ Bearbeitungen wieder, wie in Händels „harmonischem Grobschmied“ oder Beethovens „Wut über den verlorenen Groschen“ in der es um eine ungarische Melodie geht. In Ägypten gab es die Gesänge und Musikstücke der Tempel, die unserem harmonischen Empfinden seltsam entsprechen, und es gab die Musik des Alltags mit ihren lockeren Rhythmen und nie ganz lupenreinen Melodien. In Griechenland gab es die – einstimmigen – Festgesänge und die manchmal geradezu abenteuerlichen Auf-und-Ab- Bewegungen der alltäglichen Lyrik, die ja auch stets gesungen wurde – die lateinischen Klänge waren nicht viel anders geartet. Allen aber ist gemeinsam, dass die Musik zum Tanz das Ekstatische kannte wie auch das feierlich – Gebundene und auch in der beginnenden Neuzeit kennen wir beide Faktoren, Galliarde und Pavane, Sarabande und Gigue. Meist folgen sie sogar in thematischer Verbindung aufeinander, die majestätische Basse Danse wird zum hüpfenden Nachdans. Auch harmonische und rhythmische Kühnheiten sind gar nicht so selten… dennoch ist und bleibt diese Musik Massenware und will auch gar nichts anderes sein. Selbst dann nicht, wenn einige dieser Melodien gesamteuropäische Popularität erreichten wie die „flandrischen Mädchen“, die noch hundert Jahre später Frescobaldi das Thema für einen seiner großen Variationszyklen abgaben oder das hochberühmte Bataille – Modell, das noch im achtzehnten Jahrhundert bei Cabanilles für thematischen Nachschub sorgte. Ob eine der Musiken, die da gestern auf den Schiffen gespielt wurden, eine ähnliche Geschichte haben wird, ich weiß es nicht. Immerhin kommt es vor – auch einige Songs der Beatles gehören heute schon zum klassischen Repertoire selbst angesehener Sinfonieorchester…
Will sagen: Pop – Musik gab es immer schon und wird es immer geben solange es Menschen gibt. Das ist nicht der Punkt, an dem meine Kritik ansetzt. Sie setzt an der Art des musikalischen Reichtums, an der Weise der musikalischen Klarheit, kurzum an der Frage, in wieweit eine solche Musik den Nerv unserer musikalischen Ästhetik trifft und so auch von verschiedenen Leuten mit verschiedenem Musikgeschmack zumindest toleriert werden kann. Sie stellt die Frage, wie die musikalische Ästhetik derer entwickelt sein muss und welche Prioritäten da gesetzt sind, denen sie gefällt. Einem am rein tonalen Prinzip geschulten Ohr gefällt sie nicht, soviel dürfte klar sein, aber auch einem Ohr, das mit atonalen Mustern immerhin umgehen kann, geht sie nicht recht ein. Aber woran liegt es, dass sie sichtlich Hunderten und Tausenden gefällt? Am Genuss künstlerischen Raffinements wohl nicht – woran dann? An edler Einfalt und stiller Größe liegt es auch nicht, woran aber dann? Liegt es daran, dass wir es schlussendlich gar nicht mit Musik zu tun haben? Dass wir es nicht mit Kompositionen zu tun haben, sondern, sagen wir es frei weg, mit Betäubungsmitteln? Dass man gar nichts hören will, sondern nur etwas fühlen? Das Metier ist bekannt, bestimmte Rhythmen versetzen, über längere Zeit und in großer Lautstärke rezipiert, das Gehirn in einen gewissen Zustand der Absenz. Das Gleiche trifft für bestimmte Frequenzen zu. Ist es das, was gewollt ist und nicht die bewusste Bewegung zu den Vorgaben irgendeines musikalischen Gebildes, das unsere eigene Freude widerspiegelt oder unsere eigene Melancholie, unsere eigene Spottlust? Konsumieren wir diese Klänge und Rhythmen wie wir Alkohol konsumieren? Bin ich mit meiner Suche nach musikalischen Kriterien hier ganz auf der falschen Spur? Es scheint zumindest so zu sein, dass ich besser die Drogentherapeuten um Rat fragen soll als die Musikästhetiker und Musiksoziologen.
Ist dies Komasaufen auf Musikalisch? Es scheint so zu sein, denn außerhalb eines bestimmten rauschhaften Zustandes empfindet jeder Mensch diese Kombinationen als nicht tolerable Zumutung an seine Sinnesorgane. Diese irrlichternden Tonfolgen, grundiert von monotonen niederfrequenten Rhythmen, denen beim besten Willen ein Melodiebogen nicht abzuhören, noch nicht einmal abzuspüren ist, sie scheinen wirklich eher einem rauschhaften Erleben zugänglich zu sein als einem nüchternen Gehirn. Sollte es Texte zu dieser Musik geben, so sind sie absichtlich so gestaltet, dass ihre Verständlichkeit von vornherein nicht beabsichtigt ist. Es soll da einfach nur eine irgendwie verzerrte menschliche Stimme ihr Wesen treiben, was sie und warum von sich gibt ist ganz und gar irrelevant. Diese menschliche Stimme hat keine andere Aufgabe, als Sympathiewerte zu vermitteln, da man ja etwas Menschliches vernimmt, auch wenn man nicht ergründen kann, was man hört, so, wie zum Alkohol der Geschmack als Vertrauen stiftendes Moment gehört: es schmeckt gut, also trinkt man. Woraus der Geschmack besteht will man lieber nicht wissen, aber man empfindet ihn als nette Geste. Ansonsten: aufreizend eines, niederschmetternd das Andere und aufputschend Beides – das ist moderne Tanzmusik, die auf jeden anderen Inhalt verzichtet außer auf diesen: das Subjekt der eigenen Handlungsfähigkeit möglichst schnell zu entheben, es zum Objekt in diesem Falle akustischer Manipulationen zu machen und das möglichst vollkommen. Soll ich das lieben, wenn ich nun einmal nicht besoffen werden will? Wohl kaum. Aber – warum drückt mir das Bezirksamt drüben dann solches aufs Ohr?

1. Der Ursprung der Vereinigung
Die Freimaurerei ist ein Kind insbesondere der englischen Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts. Die erste Großloge wurde 1723 in London eröffnet, was voraussetzt, dass es schon einige Zeit zuvor Bestrebungen zu einer solchen gegeben haben muss, wovon aber nichts Genaues bekannt ist. Mit einigem Mut kann also bereits das siebzehnte Jahrhundert als Vorbereitungszeit einbezogen werden. Das ist umso wahrscheinlicher, als die erste freimaurerische Verbindung im Jahr 1598 nachgewiesen ist. Es handelt sich um die Loge Mother Killwinnig No. 0, wie man sehen kann, eine englischsprachige Verbindung. Die Verbindung zu den aus dem Mittelalter stammenden Bauhütten wird dadurch geschlossen, dass diese, die sich in der beginnenden Neuzeit mit ihrer Erosion des Zunftwesens im Niedergang befanden, nicht zünftige vermögende Bürger als „freie Maurer“ aufnahmen, deren Zuwendungen die Existenz der Bauhütten sicherten. Diese „free masons“ mussten sich nicht an die Zunftbräuche halten und mussten auch das Handwerk nicht ausüben. Der erste Nachweis solcher free masons geschieht im Rechnungsbuch der Virginia Company of London im Jahre 1620. Einzige Bedingung für die Aufnahme war die Zusicherung absoluter Verschwiegenheit nach außen, was sich sowohl auf die bloße Zugehörigkeit als auch späterhin auf alles erstreckte, was innerhalb der Verbindungen vor sich ging.
Während der Niedergang der Bauhütten aber auch durch diese Einrichtung nicht aufzuhalten war, formierten sich die „freien“ oder, wie sie ebenfalls oft genannt wurden „angenommenen Maurer“ zu einer eigenen Institution mit eigenen Zielen. In einer bürgerlichen Institution Englands konnte das nichts Anderes sein, als die Verbreitung der aufklärerischen Sichtweisen und Ideale der Zeit. Zunächst entstanden in London, dann auch in anderen britischen größeren Städten kleine Zirkel, die nicht mehr mit traditionellen Bauhütten in Zusammenhang standen, sondern ein bürgerliches Eigenleben führten und nach eigenen Normen des Zusammenhaltes suchten. Dabei wurde die Arkanpflicht immer mehr ausgeweitet, die Mitglieder erkannten einander an bestimmten Codewörtern und Codegesten, die zum Teil heute noch gültige Erkennungszeichen sind. Es entwickelten sich, angelehnt an alte Bauhüttenbräuche, eigene Rituale, denen aber kein sakramentaler Charakter zukam, da die Vereinigungen sich nicht als Zusammenschlüsse sakralen Charakters ansahen, die vielmehr als bloße Gemeinschaft stiftende Verrichtungen gelten sollten. Die englische Freimaurerei war auch maßgebend für die frühe Verbreitung freimaurerischer Bünde in den englischen Kolonien Nordamerikas und somit in den Vereinigten Staaten von Amerika, zu deren Gründervätern fast durchweg Freimaurer zählen.
Von London aus gelangte das Freimaurerwesen relativ schnell hinüber nach Frankreich und die französischen Aufklärer griffen die Idee dankbar auf und organisierten sich vielfach nach dem gleichen Muster. Aber die Begründung des Freimaurertums in Frankreich stieß auf die hier sehr viel stärker als in England entwickelte Individualität der Aufklärer und so kam es zunächst zu vielfachen Streitigkeiten und Rivalitäten, in denen ein erster Versuch, die Maurerei zu begründen (1738 die erste Grand Loge de France) scheiterte und erst 1778 mit der Gründung des Grand Orient de France eine zentralisierte Struktur dauerhaft eingerichtet werden konnte. Es ist bekannt, dass namhafte französische Aufklärer Mitglieder in französischen Logen waren, aber es ist auch bekannt, dass keineswegs alle französischen Logen auch Horte revolutionärer Gesinnung gewesen sind. Die Aufklärung ergriff nicht, wie in England, vorwiegend die bürgerliche Klasse, sie ergriff in Frankreich vielmehr auch viele Angehörige der unteren und mittleren Adelsränge, die durch den französischen Absolutismus und durch dessen straffe Zentralisation auf Hocharistokratie und Königshaus als die allein wirksamen politischen Faktoren dem Bürgertum in vielfacher Hinsicht geistig und materiell näher standen als der Aristokratie. Diese Adeligen hatten verständlicher Weise bei allem Willen zu Reformen wenig Interesse daran, ihre ohnehin nicht besonders zahlreichen Privilegien zugunsten einer egalitären Ordnung aufzugeben und standen daher der sich anbahnenden Revolution von 1789 skeptisch bis ablehnend gegenüber, ohne indes ihren aufklärerischen Impuls zu verleugnen. Dies spiegelte sich auch in den Logen wider und so kam es dazu, dass die erste französische Großloge, eben jene Grand Orient, stark unter adeligem Einfluss stand, so stark, dass sie einen royalen Hocharistokraten zum Großmeister einsetzte (Louis Philippe d’ Orleans). Eine mit der Grand Orient rivalisierende rein bürgerliche Loge, die Grand Loge de Clermont, bestand noch bis 1799 also über das Ancien Regíme und die Zeit der Revolution hinaus bis in die napoleonische Ära.
Von Frankreich aus gelangte die Freimaurerei dann, schon in etwa den Formen, die man auch heute noch kennt, mit den Gedanken der Aufklärung auch nach Deutschland. Nun kann man aber nur theoretisch von Deutschland reden, wenn man diese Zeit meint, denn was Deutschland ist, war zerspalten in mehr als dreihundert mitunter winzige Staatsgebiete, die alle dem deutschen Kaiser gegenüber recht souverän waren. Entsprechend unübersichtlich gestaltete sich auch die Ausbreitung der Freimaurerei, der sich in Deutschland beide Klassen, das Bürgertum und der Adel gleicherweise widmeten (man denke immer daran, dass sowohl Preußens König Friedrich II als auch Mitglieder des habsburgischen Kaiserhauses Freimaurer gewesen sind). Das hatte zur Folge, dass in den deutschen Logen egalitäre Prinzipien herrschten und keine Adelsränge anerkannt wurden. Männer wie Lessing und Friedrich von Hohenzollern oder Joseph von Habsburg waren vom freimaurerischen Standpunkt gesehen, nur gleichberechtigte Brüder, die sich den Vorschriften des Bundes in gleicher Weise zu fügen hatten.
Ehe sich deutsche Logen gründeten, wurden Deutsche in englischen Logen aufgenommen, ob sich Gleiches in Frankreich vollzog, ist zumindest nicht bekannt, aber doch nicht unwahrscheinlich, da mehr die französische als die englische Aufklärung zum Paten der deutschen Bestrebungen wurde. Die Logengründungen aber waren, dem partikularistischen Prinzip im deutschen Sprachraum folgend, ebenfalls partikuläre Ereignisse mit jeweils nur auf ihre näheres Terrain eingeschränkter Bedeutung. Eine einheitliche Großloge für Deutschland gibt es gemäß dem föderalen Prinzip, in das die deutsche Kleinstaaterei auf dem Umweg über Bismarcks Kaiserreich dann mündete, bis heute nicht. Stattdessen existiert ein Verband jeweiliger territorialer Großlogen.
Von diesen drei Hauptzweigen aus verbreitete sich die Freimaurerei weiter durch Europa und über den Globus, so dass sie heute als eine weltweit verbreitete Organisation angesehen werden kann. Dabei ist nicht relevant, ob sie in den jeweiligen Statistiken der Länder aufgeführt ist oder nicht, da eine Pflicht zur staatlichen Anerkennung seitens der Freimaurer nicht besteht. Es handelt sich im Gegenteil immer um eine auf privater Initiative beruhende und demnach auch privatrechtliche Vereinigung.
Der Ursprung der inneren Organisation
Da ich selbst kein Freimaurer bin, steht mir ein Urteil über Sinn und Zweck freimaurerischer Vorstellungen nicht zu. Indessen haben sich aber inzwischen so viele Personen wie Institutionen Urteile über dieselben angemaßt, dass nicht unterlassen werden kann, wenigstens mit einigen verbreiteten Vorurteilen aufzuräumen – ich denke, dass ich hierfür die Zustimmung auch eines Freimaurers gewinnen kann.
Die gemeinschaftsstiftenden Rituale der Freimaurer entstammen nicht irgendwelchen uralten Traditionen ägyptischer Herkunft und haben auch mit dem jüdischen Tempelkult nichts gemein. Beides wird hin und wieder selbst von Freimaurern behauptet. In Wahrheit stammen die Riten aus der Zeit der mittelalterlichen Bauhütten, welche die Aufnahme neuer Mitglieder so feierlich wie nur möglich zu gestalten suchten – und auch so abenteuerlich wie nur möglich, denn ein bisschen Grusel ist immer gut, wenn es eine Arkanpflicht zu beachten gilt. Die galt im Anfang zwar nur Berufsgeheimnissen, während die Mitgliedschaft in der Bauhütte selbst bekannt war, sie weitete sich im Lauf der Zeit aber auf die Mitgliedschaft selbst aus. Das Rituale selbst, die sogenannte Tempelarbeit, sollte geheim sein, aber wie es mit vielen Geheimnissen geht, kaum etwas wird lieber ergründet und ausgeplaudert als eben Geheimnisse und so erging und ergeht es auch den Freimaurern, sie mögen es mit Nachsicht betrachten oder nicht.
Kern des freimaurerischen Gedankenkreises sind auch nicht irgendwelche Rituale religiösen oder parareligiösen Inhalts, sondern der Kern ihres Gedankenkreises ist die Humanität, unter der sie die diskrete Verbesserung der menschlichen Ethik und Moral verstehen. Nicht große Revolutionen sollen dies bewirken, sondern stetige und hartnäckige Arbeit eines jeden Freimaurers an den Menschen in seiner konkreten Umgebung. Abschließung wird also bei einem Freimaurer nicht gern gesehen, Isolationismus ist keine freimaurerische Tugend. Sondern der Freimaurer soll unbehindert und frei im Sinne der Menschenfreundlichkeit „am rauen Stein“ wirken wo immer er wirken kann und er soll zu diesem Zwecke jede Form von Mitmenschlichkeit nutzen – ein Menschenfeind ist nicht geeignet, sich einer freimaurerischen Vereinigung anzuschließen, obgleich das hier und da aus Unkenntnis heraus vorgekommen sein kann. Die parareligiösen Rituale sind mehr auf den Symbolcharakter der Religionen ausgerichtet als auf deren Inhalte – allerdings haben die christlichen Symbole dabei einen historisch bedingten Vorrang und so wird es angesichts der Bibel als Symbol für die Weisheit jenseits der Philosophien, einem Muslim vielleicht etwas schwer fallen, Freimaurer zu werden, obgleich dem inhaltlich nichts entgegen steht. Andere Symbole kommen dem natürlichen Spieltrieb jeder „Knabenvereinigung“ entgegen, als welche man die freimaurerischen Zirkel immer auch betrachten muss – auch wenn man ihre erwachsene Zielrichtung nicht in Zweifel zieht, der Ritus hat immer auch etwas von einem pubertären Spiel, wie sie sich sonst auf Schultoiletten ereignen. Nur geht es hier nicht um gemeinschaftliches Onanieren oder um Schwanzvergleiche, sondern im Gegenteil wird gerade alles Triebhafte aus dem Ritual ausgeblendet und der Mann erscheint in einer patriarchalen Tradition als idealtypische Figur. Erst seit Neuerem ist auch das Frauenbild des Freimaurertums hier und da vorsichtigen Reformen unterzogen worden, bis dahin galt die Frau mehr oder weniger als notwendiges Übel und der Freimaurer sollte sich sehr gut umsehen, ehe er einer Frau die zeremoniösen Handschuhe überreicht, die als freimaurerisches Eheversprechen gelten. Selbstverständlich gilt die Arkanpflicht dann auch gegenüber der Ehefrau eines Freimaurers, dennoch ist sie aus dem Umkreis der Loge nicht ausgeschlossen, es finden in regelmäßigen Abständen Veranstaltungen statt, an denen auch die Frauen der Freimaurer teilnehmen dürfen und sollen. Geschlossene Frauenlogen aber werden erst seit dem vorigen Jahrhundert begründet und sind als Institutionen nach wie vor umstritten.
Ein weites Feld jedoch sind die verbreiteten Vorurteile, mit denen im Prinzip jede Geheimgesellschaft nur aus dem Grund zu ringen hat, dass man ihre Realität eben nicht kennt. Das macht Nichtzugehörigen umso mehr Angst, wenn sich herausstellt, dass die Angehörigen einer solchen Geheimgesellschaft tatsächlich sich in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft hervortun und es wahrscheinlich erscheint, dass sie einander in die Sättel helfen, es hier und da auch wirklich so vorkommt, denn auch ein Freimaurer ist nur ein Mensch und so von Korpsgeist, Nepotismus und Korruption gefährdet. Indes – eine wirkmächtige freimaurerische Weltverschwörung wäre wohl, betrachten wir die gegenwärtige Lage, das Beste, was der Menschheit insgesamt passieren könnte. Und damit wäre das hauptsächliche Vorurteil leider schon aus dem Rennen, denn von freimaurerischen Idealen ist in der gegenwärtigen Weltlage nichts, aber auch nichts zu spüren, geschweige zu sehen.
Eher schon könnte man annehmen, dass an dem Vorurteil etwas wäre, dass die freimaurerische Tätigkeit sich gegen die Interessen insbesondere der katholischen Kirche richten könnte. In jedem Falle aber kann man sicher sein: gegen Religion als solche richtet sich die Freimaurerei nicht, dieses Feld ist ihr nebensächlich – gegen den Katholizismus als Machtorgan aber hat sie sich immer wieder gerichtet, und wie weit der moderne Atheismus und sein Kirchenkampf mit Aktivitäten der Freimaurer Hand in Hand gehen, ist zumindest nicht erweislich. Wenn es aber so wäre, so wäre es dem Christentum als solchem nicht zum Schaden, würde es von einer Institution wieder zu einer Bekenntnisgemeinschaft werden. Dasselbe trifft natürlich auch für alle anderen Weltreligionen zu.
Über das Verhältnis der Freimaurerei zur Frauenfrage habe ich ja schon kurz gesprochen. Hier sind die Dinge in Fluss wie in der gesamten bisher patriarchalen Gesellschaftsstruktur. In ihrem Schoß und als eines ihrer Spiegelbilder ist die Freimauerei entstanden und mit ihr wird sie sich wandeln müssen oder sie wird mit ihr untergehen. Ob die strikte Trennung von männlicher und weiblicher Freimauerei sich aber wird halten können, bezweifle ich, eher sehe ich die Perspektive in einer gemischten Arbeit, an der beide Geschlechter gleichberechtigt und auch gleich verpflichtet Anteil nehmen. Selbstverständlich wird dies nicht ohne vielfache Verwerfungen bewerkstelligt werden können, da auf beiden Seiten erhebliche Vorurteile bestehen. Aber die Zeit der Freimaurerei als eine Zeit der Herrenklubs ist abgelaufen, die Zukunft gehört einem neuen Bild oder sie schwindet. Schon heute klagen viele Logen über Mitgliederschwund, was nicht zuletzt in ihrem Traditionalismus begründet ist und darin, dass sie über Jahrzehnte versäumt haben, ihre Werte zeitgemäß zu präsentieren. Was im achtzehnten Jahrhundert leicht fiel, nämlich zeitgemäß und sogar der Zeit voraus zu sein, sollte im einundzwanzigsten Jahrhundert unserer Zeitrechnung nicht schwerer fallen. Die Forderungen der Freimaurer nach einer humanen Gesellschaftsstruktur sind noch keineswegs erfüllt.

Berlin, im Juli 2014
© Juliane Bobrowski

 

 

Ich meine mich zu erinnern, dass es Heidegger war, der die deutsche und die griechische Sprache allein für philosophische Zwecke tauglich befunden haben sollte. Die griechische Sprache, soll er gemeint haben, eigene sich durch ihren Reichtum an Wortfindungsmöglichkeiten, die deutsche durch ihren Reichtum an Nuancen. Ich kann nichts weiter tun, als ihm oder dem, der dieses Wort immer gesprochen hat, zuzustimmen, da ich beide Sprachen kenne. Aber ich will mich hier vornehmlich der eigenen widmen.
Es ist nicht nur der Nuancenreichtum, der die deutsche Sprache auszeichnet, sie besitzt auch eine Reihe verborgener Schönheiten, die sich nur dem entschlüsseln, der künstlerisch mit ihr umgeht. Da ist einmal ihre schlichte Grammatik, die keineswegs immer den Schema: Subjekt, Prädikat, Objekt folgen muss, sondern in der Abfolge ihrer Syntax in wunderbarer Weise frei ist und dadurch für einen, dessen Muttersprache nicht Deutsch war, nahezu unentwirrbar werden kann. Nahezu alles an dieser Syntax kann verändert werden, das Subjekt kann den Schlusspunkt der Aussage bilden, das Objekt seinen Anfang, diverse Nebensätze verschiedensten Charakters können die Aussage des Hauptsatzes unterbrechen, kurzum, die deutsche Sprache kann, literarisiert, genau dem individuellen Sprechrhythmus der verschiedensten Personen folgen: von unbeholfenem bis zu hinterlistig verschachteltem Ausdruck. Ein deutscher Satz kann hinten zurücknehmen was er vorn behauptet hat, ohne seinen Fluss zu unterbrechen und er kann Wesentliches mitten in einer Reihe von Sätzen und Nebensätzen unauffällig platzieren und damit einfache Gemüter zur Verzweiflung bringen. Sogar deutsche Muttersprachler kommen in Verlegenheit, wenn sie die deutsche Consecutio temporum durchhalten sollen oder wenn sie im Auge behalten sollen, welchem Subjekt oder Objekt ein bestimmter Plural oder Singular nun verbal folgen soll. Wie oft zucke ich selbst in renommierten Zeitungen und Zeitschriften zusammen, wenn wieder einmal eine singuläre Form da steht, wo eigentlich eine plurale hingehören würde oder umgekehrt.
Aber diese kurze Passage über die syntaktischen Möglichkeiten – es gibt noch viel mehr – ist es nicht allein. Die deutsche Sprache besitzt eine fantastische Alchemie der Klänge, sie besitzt sie mehr noch als die französische, aus der Rimbaud einst diesen Begriff der Alchemie des Wortes destillierte. Man kann die Stimmung eines Textes mit Hilfe der verwendeten Buchstaben geradezu lenken, kann die Quantitäten und Qualitäten keineswegs nur von Vokalen und Umlauten, ausnutzen, um mit ihrer Hilfe vertrackte Klangbilder zu schaffen – und muss dabei nicht einmal auf eine entsprechende Gesamtaussage verzichten. Ob man eine Passage mehr grundtönig, eintönig oder obertönig „registriert“, ob man mehr weiche oder mehr spitze Konsonanten verwendet, mit Zischlauten sparsam oder reichlich umgeht – all das kann in einem Text Bedeutung bekommen. Auch Verbformen haben Anteil an dieser Alchemie – man kann einen Text durch zu viele Partizipien geradezu zugrunde richten oder mit einem richtig platzierten Passivum regelrecht wie um eine Achse aufrichten. Und dann noch die Satzzeichen, diese Taktstriche der literarischen Partitur, die ihre Stimmführungen ordnen in fließenden Text, kurzes, halbwertiges und längeres Innehalten, die leichte Hebung angesichts eines Fragezeichens, die grundwertige Betonung angesichts eines ausgerufenen Satzes, das leise Verebben einer nicht zu Ende geführten Aussage, die entweder nicht zu Ende zu führen ist, oder von jemand Anderem zu dem Ende geführt werden soll, das er wünscht, dargestellt in den drei Punkten.
Die deutsche Sprache besitzt einen hohen Grad an Musikalität gerade dadurch, dass sie nicht so mit Vokallauten überfrachtet ist wie die romanischen Sprachen und auch nicht an Lautverzerrung leidet, wie die angelsächsischen, auch nicht zur Verwaschenheit neigt, wie die slawischen – sie ist hierin weitläufig dem Arabischen vergleichbar, aber nur sehr weitläufig, denn dieses ist ganz anders aufgebaut als das Deutsche, kennt Formen, die sich im Deutschen als entbehrlich erwiesen haben und fortgefallen sind. Seine Laute sind präzise wie Noten das, was sie zu sein vorgeben, es sind reine Klänge, „blue Notes“ finden in der deutschen Sprache nicht statt oder es sind Importe, respektive Dialektformen, denn auch die deutsche Sprache hat ja ihre Geschichte, ehe im sechzehnten Jahrhundert aus einer Spielart des Sächsischen gemischt mit niederdeutschen Wendungen das Hochdeutsche als Literatursprache erst entstand – es ist eine junge Sprache und entsprechend ist es eine biegsame Sprache. Aber die Musikalität des Deutschen offenbart sich nicht in Kreischen und Krächzen, sie offenbart sich auch nicht in möglichst planen Verschleifungen und Alliterationen. sie ergeht sich nicht in Aneinanderreihung vokaler Artikulationen, sondern ihre Musikalität gilt dem feingeschliffenen Detail im Dienst des Gesamteindrucks. Daher wirkt das Deutsch, das Fremde sprechen, immer, auch wenn es perfekt beherrscht wird, etwas unbeholfen und unbeseelt. Wer diese Sprache nicht in seiner frühesten Jugend lernte, wird sie zwar korrekt sprechen und schreiben können, aber er kann nicht mit ihr spielen. Daher ist es unglaublich schwer, gute Übersetzungen aus dem Deutschen zu finden, obgleich, muss ich zugeben, mir einige wenige begegnet sind; eher aber ist wohl der umgekehrte Weg möglich.
Eigentlich wortschöpferisch ist das Deutsche allerdings nicht. Hierin ist ihm das Angelsächsische bei weitem überlegen – aber dafür verfügt das Deutsche über einen Stammwortschatz, der sich an Reichtum vor keiner anderen Sprache dieser Welt verstecken muss – und wo ihm etwas fehlt, adaptiert es dies unbedenklich aus allen Sprachen, die ihm geeignet erscheinen und nicht selten entstehen neue deutsche Wörter hieraus, die die Sprache des Originals so gar nicht kennt. Ich denke hier an Formen wie dem doch so deutschen „Wind“ oder dem nicht minder deutschen „Fenster“, aber auch – die Aneignung geht weiter – an das eigentlich kerndeutsche „Handy“ und wer denkt schon noch daran, dass das Sofa eigentlich aus Arabien stammt, wie auch die Laute? Wer sagt als Deutscher schon „Warszawa“ – man sagt kurz und gut Warschau und wer sagt schon „Pari“ wenn er die Hauptstadt Frankreichs meint. Die deutsche Sprache nimmt sich was und wie sie es braucht und ist in gewisser Weise eben überhaupt nicht „politisch korrekt“ – wer das sein will, findet sich oft in Ungetümen wie den unsäglichen KollegInnen wieder, übrigens einer Kombinationsform aus dem Lateinischen in Unisex. Und welche Verrenkungen muss ein politisch korrektes Mundwerk machen, um einen Afrikaner zu bezeichnen, für den die deutsche Sprache das lateinische Lehnwort Neger (von niger, schwarz) bereit hält. Das englische Nigger ist eine herabwürdigende Form, sicher, das deutsche Neger ist nur sachlich sonst nichts. Aber wer weiß das schon. Wer hat schon einen solchen Überblick über die eigene Sprache? Der durchschnittliche Wortschatz beträgt etwa achthundert Wörter von vielen tausend möglichen. Der Wortreichtum mancher Prosa lässt mich erschauern und die Kunst der Lautalchemie in manchen Gedichten lässt mich beinahe erfrieren. von rhythmischen Strukturen schon gar nicht zu reden. Ja, das Deutsche ist aufgrund seines Mangels an Alliterationen nicht sehr geeignet für den poetischen Gleichklang von Zeilen, auch Reim genannt – dennoch gibt es auch im Deutschen gewaltige Reimdichtungen und in allen anderen rhythmischen Ordnungen ist das Deutsche seit Jahrhunderten zu Hause und kann sich zwischen ihnen mit einer Freiheit bewegen, die den Germanisten Angst und Bange machen kann. Nur ein deutsches Sonett ist eine immerwährende Kostbarkeit und für jeden deutschen Poeten eine immerwährende Herausforderung, nur ganz wenige sind jemals gelungen.
Womit aber soll man nun diesen kleinen Lobgesang auf die eigene, die deutsche Sprache beschließen? Vielleicht damit, dass ihre Entwicklung noch keineswegs an ihrem Ende angekommen ist? Vielleicht damit, dass sie ihrerseits nicht nur von anderen Sprachen nahm, sondern behutsam beginnt, anderen Sprachen auch zu geben? Vielleicht damit, dass nur sehr wenige Deutsche selbst ihre Sprache in voller Freiheit nicht nur beherrschen, sondern auch so anwenden? Oder vielleicht damit, dass eine vollendete Politikerrede in diesen Tagen die Quadratur des Kreises zu sein scheint? Und es sind doch meist ausgebildete Rhetoren, die diese Reden halten – es sind doch meist in ihrer Sprache geschulte Journalisten, die jene Artikel voller vorgestanzter Begriffe schreiben, in denen nicht ein Wort das andere gibt und der Leser ihnen atemlos folgt, sondern Kernsätze graphisch hervorgehoben werden müssen, damit überhaupt noch jemand den Artikel liest? Leute, Leute, was sind wir nicht auf den Hund gekommen, wenn wir nicht mehr unterscheiden können, wie ich neulich in der Berliner Zeitung las, zwischen dem Pfarrer auf der Kanzel und dem Professor auf seinem Katheder? In der Schweiz ist mir dieser Mangel schon begegnet, aber hier geht es doch nicht um einen mehr als halb atavistischen Dialekt, hier geht es um eine philosophiegerechte Sprache – wie Heidegger schon sagte. Und meine bange Befürchtung ist: es ist nicht mehr viel davon übrig. Oder irre ich mich da – ich irrte mich sehr, sehr gern.

Berlin, im Juli 2014
©Juliane Bobrowski

Des Menschen Art fiel nicht vom Himmel. Mehr als ein Versuch, etwas in der Art zu schaffen, sind in der langen und doch erst so kurzen Geschichte des Lebens misslungen, bis es zu dieser Lösung kam. Aber auch diese Lösung, so praktikabel sie ist, hat ihre Ecken und Kanten und ihre Unwägbarkeiten.
Da ist zum Einen die Evolution. Ihre Kraft, denn sie ist ein aus sich selbst wirkendes Prinzip, wurde genutzt, um einen Teil der menschlichen Möglichkeiten aus dem heraus zu schaffen, was sich da in der materiellen Ebene ereignete. Das begann mitnichten erst mit der Existenz der warmblütigen Säugetiere und ihrer energiefressenden Lebensweise. Die wechselwarmen Formen schienen im Gegenteil weitaus effizienter zu sein, da sie sich mit den äußeren Gegebenheiten der Sonnenferne und Sonnennähe sehr viel besser vertrugen, als stets warmblütige, die ihre Energien über ihr halbes Leben wieder mit Energie schützen müssen. Aber die Saurier starben in der durch die – wechselwarmen – Phaetonier ausgelösten Katastrophe vor 65 Millionen Jahren aus und das heutige Interesse an ihnen ist eine schwache Reminiszenz des heutigen Menschen an das, was er selbst hätte werden sollen und auf diese Art nicht mehr werden konnte. Die Evolution musste andere Wege gehen und ging sie. Bis heute haben Menschen übrigens darunter zu leiden, dass sie nur die „zweite Wahl“ in einer stets instabilen Welt sein können. Auf Phaeton gab es alle die Unwägbarkeiten nicht, die es auf der Erde von allem Anfang an gegeben hat. Aber der Planet ist Geschichte und alle Versuche, diese Geschichte zu korrigieren, sind bisher erfolglos geblieben.
Wer aber heute und auf Erden Versuche mit warmblütigen Tieren anstellt, wird bald er-fahren, dass sie nicht nur Instinkte, sondern auch etwas besitzen, das man ohne weiteres als Intelligenz ansehen kann. Sie benutzen und entwickeln Werkzeuge, sie optimieren ihre Nahrungsmittel, sie entwickeln kommunikative Systeme aus Lauten und verhaltenstechnischen Signalen, einige sind sogar in der Lage, Grundlagen des menschlichen Kommunikationssystems zu erfassen. Ich denke hier an die Bonobos, die zwar aufgrund ihrer Kehlkopfsituation nicht sprechen können, aber sehr wohl in der Lage sind, menschliche Kommunikation zu erfassen und über die Benutzung von Bildern selbst an ihr teil zu nehmen. Ich denke an Hunde, die die Kommandos der Menschen ebenso erfassen können wie deren emotionale Situation und die entsprechend zu reagieren vermögen. Sie können, und darüber hinaus auch viele andere Tierarten, Signale nicht nur der eigenen Art verstehen und sinnentsprechend verarbeiten, sind also elementar „sprachbegabt“. Und sie können denken, sie folgen nicht nur blind instinktiven Befehlen und antrainierten Verhaltensmustern. Sie können unmittelbare Zusammenhänge erkennen, wenn sie auch keine Möglichkeit zu abstraktem Denken besitzen und mittelbare Zusammenhänge nicht aufdecken können. Aber sie haben Zugang zu Emotionen, nicht nur den eigenen, sondern auch denen einer anderen Art, wie mir mein Katerchen beinahe täglich beweist. Der hat sogar noch etwas mehr: ein ausgeprägtes Bewusstsein für Recht oder Unrecht und geschieht ihm Unrecht, findet er auch den Weg, mir das zu zeigen indem er mich anspringt und kratzt, aber dabei schnurrt „ich mein es nicht böse, aber das muss ich dir jetzt mal erklären“ heißt das. Dabei kann das kleine Tier dann geradezu furchterregend werden. Aber wenn es vorbei ist, dann ist es vorbei, er ist nicht nachtragend. Immerhin weiß ich aber, dass sein Verhalten weitaus mehr beinhaltet als nur einen Ablauf verschiedener Reflexe.
Dieses System von willensgesteuerten Verhaltensweise nennt man Intelligenz. Sie wächst aus dem materiellen Vorrat heraus und gilt den materiellen Umständen (die Bedürfnisse meines Katers sind darin eingeschlossen) eines warmblütigen Lebewesens mit zureichender Gehirnkapazität. Daher kommt es, dass auch Ratten intelligent sind – sie sind Warmblüter und sie haben eine ihrem Organismus entsprechende Gehirnkapazität, mit der sie ihre konkreten Umstände erkennen und Unzumutbarkeiten begegnen können. Aber natürlich hat der Mensch ihnen allen Entscheidendes voraus – seine Intelligenz umfasst zwar auch nur sein Umfeld, aber er hat ein um Vieles größeres als eine Ratte oder auch mein Kater. Er hatte es nicht von Anfang an, aber ein Merkmal der Intelligenz ist die Lernfähigkeit und die besaß er und besitzt sie in hohem Maße. Er kann Inhalte erwerben, verarbeiten, erweitern und vor allem: er kann sie an seine eigene Art weitergeben, damit die nächste Generation auch noch beschäftigt sei und durch sie die übernächste und so fort. Mit Hilfe der Intelligenz erfährt der Mensch, worin er lebt, wovon er lebt, wer und was mit ihm lebt und wie er sich das Leben vor allem komfortabler gestalten kann indem er dies alles erkennt. Das ist dann aber erst einmal auch schon alles. Und wer die Komplexität der Materie kennt, wundert sich nur, dass es ihm bei aller Intelligenz noch nicht umfassend gelungen ist, sie sich vollkommen dienstbar zu machen. Aber er weiß auch, dass der Mensch nicht in seinem Eifer nachlassen wird, bis dies erreicht ist.
DER Mensch – habe ich da nicht etwas falsch gemacht? Die Möglichkeiten von Menschen sind doch durchaus unterschiedlich? Es gibt Schlaumeier und Quadratschädel, von Behinderungen gar nicht erst zu reden. Es gibt Leute, denen brennt auch das Wasser noch an und solche, die anscheinend gar nicht mehr mit Wasser kochen. Intelligenz ist durchaus unterschiedlich verteilt und wie es scheint sogar mit der Gießkanne innerhalb eines einzigen Gehirns, denn viele auf einem Gebiet sehr intelligente Menschen sind auf anderen Gebieten nur eben durchschnittlich ausgestattet oder gar darunter, wobei ich hirnorganische Defekte wie die von Savants noch gar nicht berücksichtige. Aber ein Wissenschaftler kann durchaus nicht in der Lage sein, die Folgen seiner Arbeit einzuschätzen und ein Lehrer kann ein noch so großes Wissen auf seinem Gebiet haben, dennoch gelingt es ihm nicht, es seinen Schülern weiter zu geben. Denn ihnen fehlt etwas an einem entscheidenden Bestandteil der menschlichen Leistung: ihnen fehlt es an Verstand. Verstand ist die Fähigkeit, vorhandene Intelligenz mit der sozialen Ebene menschlicher Existenz zu vernetzen und zwischen den einzelnen Möglichkeiten intelligenten Lebens Zusammenhänge zu sehen und Konsequenzen zu ziehen. Ein verständiger Mensch erkennt Chancen und Grenzen, erkennt Mehrbegabungen und Defizite und erkennt, wo ein Gebiet in ein anderes übergleitet und wo sich zwei Faktoren gegenseitig ausschließen. Dem Verstand ist es möglich, zu sagen, wo er sich vom bloßen Empfinden leiten lässt und wo er dies besser hintan stellt. Kurz und gut: der Verstand modi-fiziert die Intelligenz zu einer sozial verträglichen Institution, er macht sie erst eigentlich menschlich. Reine Intelligenz kann auch auf technischen Wegen kopiert werden – Verstand nicht. Ein Roboter kann überragend intelligent sein – verständig wird er niemals werden. Übrigens trifft das auch auf manchen Manager zu, der zwischen seiner Intelligenz und sei-nen Empfindungen keine Brücken bauen kann. Denn er kann nicht mit Unschärfen umge-hen, nicht mit Ahnungen, nicht mit seiner eigenen Psychologie, ihm fehlt die Fähigkeit des Abwägens, was er kann, das tut er ohne weitergehende Überlegungen. Der Mensch aber wägt ab, schaut um sich und in sich hinein, und handelt nach der Devise: was ich nicht will, dass man mir tu, das füg ich keinem andern zu. Das erscheint vernünftig, aber es ist noch weit von dem „Gottesgeschenk“ der Vernunft entfernt.
Was die Vernunft sei, sagt uns das Johannesevangelium im ersten Vers des ersten Kapi-tels wo es heißt: IM Anfang (nicht: am Anfang) war die Vernunft und die Vernunft war bei Gott und Gott war die Vernunft. Hole der Teufel den Hieronymus, der aus Vernunft „Wort“ gemacht hat, was auch möglich ist, aber so recht keinen Sinn ergeben will, weshalb es auch Dutzende von Kommentaren zur sogenannten Logos – Theologie gibt. Der Vers ist ein Zitat aus einer „gnostischen“ kosmologischen Schrift, die ihrerseits auf einer uralten Urkunde beruht, der heute so genannten „Theologie von Memphis“ in der zum ersten Mal die Rolle der Vernunft als das Vorgeordnete definiert wird. In der Vernunft erscheint der Geist im Menschen und führt ihn so seinem eigentlichen Sinn entgegen. In ihr verschmelzen Geist und Materie zu der unnachahmlichen Einheit Mensch. Aber dieser Prozess bedurfte einer Entwicklung von etlichen Jahrhunderttausenden und er ist noch bei weitem nicht abge-schlossen. Es gibt auf Erden immer noch weitaus mehr intelligente, allenfalls verständige und im Grunde wenige vernünftige Menschen. Denn die Vernunft beherrscht Intelligenz und Verstand, sie ist beiden übergeordnet und sie ist, wie wir erfahren haben, sogar dem Menschsein überlegen. Sie sprengt alle Grenzen, ist weder von Zeit, noch Raum zu fassen, sie setzt sich selbst das Maß und das Wort „unmöglich“ gibt es bei ihr nicht. „Und Gott war die Vernunft“ – oh ja, wenn es einen Gott gibt, dann ist er in dieser Vernunft gegenwärtig wo auch immer sie erscheint. Alle anderen Vorstellungen sind Chimäre. Da man sie im Ganzen nicht beschreiben kann, erlaube man mir, wenigstens mit einigen verbreiteten Vorurteilen aufzuräumen, es ist bald getan.
Vernunft ist nicht allmächtig. Das ist auch ein realer Gott nicht. Es liegt überhaupt nicht in ihrem Interesse, irgendeine Art von Macht auszuüben, geschweige denn Allmacht, denn Vernunft ist das Gegenteil jeder Art von Zwang und damit das Gegenteil jeder Art von Macht und sei sie zum Besten einer jeden Kreatur, denn sie ist von allen Kreaturen unabhängig. Vernunft ist auch nicht allwissend, denn der Prozess des Wissens vollzieht sich unabhängig von ihrer Existenz. Kein realer Gott wird auch jemals auch nur allwissend sein wollen. Es genügt, dass ihm jede Situation dann, wenn sie geschieht, zugänglich ist und dass er sie, wenn sie geschehen ist, gegebenenfalls auch wieder anders akzentuieren kann, was aber äußerst selten vorkommt, da nur äußerst selten reale Fehlentwicklungen vorkommen. Die meisten anscheinenden Fehlentwicklungen sind nur sozusagen krumme Schritte auf einem an und für sich geraden Weg. Da ein realer Gott das weiß und sieht, wird er sich hüten, da hinein zu greifen. Die Vernunft aber genügt sich selbst und greift gerade in der größten Unvernunft nicht ein, denn das Resultat der Unvernunft kann nur die Rückkehr zur Vernunft sein – auch dann, wenn sie um den Preis einer existenziellen Katastrophe ersten Ranges erkauft wird. Die Freiwilligkeit aber steht über allem und Freiwilligkeit bedeutet die absolute Freiheit alles Lebendigen, auch die Freiheit zur absoluten Unvernunft. Das ist für einen Menschen schwer zu begreifen, für einen guten Menschen überhaupt nicht, aber die Vernunft kann von der Notwendigkeit, verstanden zu werden, absehen, sie ist ein An Sich, ein a priori Gegebenes und so allgegenwärtig wie unzerstörbar. Sie koordiniert im kleinen Rahmen die Vorgänge der Intelligenz mit denen des Verstandes unter einer beide umfassenden Sicht, ist aber an diesen Rahmen nicht gebunden. Sie koordiniert im größeren Rahmen die Leistungen von Intelligenz und Verstand mit dem ganz anderen Bereich des Emotionalen, ist aber auch an diesen Rahmen nicht gebunden. Aber der Bereich des Emotionalen, das „Gefühl aus dem Bauch“ ist schon wieder eine ganz andere „Baustelle“, der wir uns hier weiter nicht widmen wollen.
Halten wir fest: die menschliche Natur setzt sich zusammen aus ihrem materiellen Erbe, der Intelligenz, die ihrerseits die Voraussetzung dafür ist, dass sich Vernunft im Menschen niederlassen konnte. Wie die Seele der Koordinator zwischen materieller und geistiger Existenz ist, so ist der Verstand zwischen Intelligenz und Vernunft die vermittelnde Institution. Ausführendes Organ für Intelligenz wie für Verstand ist das Gehirn mit seinen diversen Funktionen und Anlagen. Für die Vernunft ist die Existenz eines Gehirns nicht notwendig, weshalb auch ein beeinträchtigtes Gehirn imstande sein kann, grundlegende Werte zu er-kennen und zu verwirklichen, die ihren Ursprung in der Existenz der Vernunft haben. Es ist sogar an dem, dass solche Menschen die Werte der Vernunft mitunter (nicht generell, das hängt von der Schwere der Beeinträchtigung ab) reiner und existenzieller zur Geltung bringen. Die orthodoxen Christen haben hier einen reichen Erfahrungsschatz, der den Westlichen infolge ihrer Orientierung auf die Intelligenz als Maßstab größtenteils abhanden kam. Was nun freilich nicht heißen soll, dass wir uns an ihnen orientieren sollten, aber doch hei-ßen kann, dass wir unserer Intelligenz eine weniger zentrale Rolle zubilligen sollten als das bisher geschieht. Denn im Anfang war nicht die Intelligenz, sie ist ein Produkt der materiellen Evolution, sondern: im Anfang war die Vernunft und wenn wir selbst zu unseren eigenen Anfängen gelangen wollen und von dort aus darüber hinaus, wäre es ratsam, die eigene Vernunft wieder zu entdecken….

 

Es ist eine alte Kontroverse: soll man Gnosis und Mystik zusammen sehen oder soll man zwischen ihnen wohlweislich unterscheiden? Beide suchen nach einer inneren Wahrheit, durch welche sich die äußere erschließt. Dennoch, behaupte ich, gibt es signifikante Unterschiede zwischen ihnen auch dort, wo sie anscheinend ein gemeinsames Ziel haben.
Es ist ein gern gehegtes Vorurteil, anzunehmen, dass Mystiker Gott suchen. Bis zu einem gewissen Grad hat dieses Vorurteil allerdings seine Berechtigung. Die in Religionskonzepte eingebundenen Mystiker suchen in der Tat zumeist Wege zu ihrem jeweiligen Gott, die in den entsprechenden Traditionen ihrer Religionen nicht vorgesehen sind. Aber sie suchen eben Wege zu einem Gott. Eine Stufe weiter versuchen Mystiker, mit diesem „Göttlichen“ eins zu werden. Dabei betrachten sie dieses aber nach wie vor als etwas, das eigentlich unabhängig von ihrem eigenen Dasein existiert und ihr Dasein gewissermaßen im Nachgang in sich aufnimmt. Sie gehören zu ihrem jeweiligen Gott, der aber deshalb nichts an Eigenexistenz einbüßt.
Anders in der Gnosis. Sie sucht kompromisslos das wahre Selbst des Suchenden und sie lässt sich dabei von keiner wie auch immer gearteten „höheren“ Existenz beeinflussen. Sie bezweifelt gar die Höherwertigkeit solcher Existenzen, obgleich sie die pure Existenz derselben nicht in Zweifel zieht. Es gibt Wesenheiten, denen keine irdische oder sonst kosmische Erscheinung innerhalb des Universums entspricht, aber diese haben dem Suchenden nicht nur nichts voraus, sie haben sogar ihm gegenüber einen empfindlichen Nachteil: sie sind nicht in gleicher Weise wie er in sich geordnet, sehen über ihren gegebenen Horizont meist nicht hinaus und können ihre eigene Situation im Geflecht des Ganzen zumeist nicht erfassen, schon gar nicht ist es ihnen gegeben, das „Ganze“ als etwas Provisorisches, in Wahrheit stets Offenes und Unvollendetes zu begreifen. Sie kommen also als Objekte der Orientierung in Wegfall. Sie sind vorhanden, aber das ist auch schon alles, was sie, samt ihrer Lebensgeschichte, sind. So betrachtet kann es natürlich auch kein Wesen geben, das auch nur annähernd die Anforderungen erfüllt, die zum Beispiel der Monotheist an seinen Gott stellt. In dieser Beziehung ist der Gnostiker also schon einmal frei. Es gibt nichts, womit er sich „vereinigen“ müsste, sollte, wollte und auch noch könnte. Er ist unter allen Wesen nur ein weiteres Selbst, das seine wahre Natur sucht und auf dem Weg der Selbsterkenntnis findet. Alles weitere findet sich, sobald er diese gefunden hat. Der Gedanke einer „Vereinigung mit dem Göttlichen“ kommt ihm gar nicht erst, denn das „Göttliche“ stellt für ihn keine Kategorie des Seins dar. Er ist auch nicht der Ansicht, dass ihm etwas abgehe, vielmehr will er wissen, was das ist, was ihn erfüllt und ausfüllt. Das erfährt er im Verlauf seiner Existenz, sofern er sich darum bemüht. Von selbst und automatisch erfährt er es nicht, das ist einer der Grundirrtümer der Esoterik, die eben dies behauptet. Deshalb ist er Mensch geworden, damit er dies Entscheidende tun kann, denn als reine Wesenheit wäre es ihm unmöglich. Nur indem er sich in seiner Seinsweise von der geistigen Existenz unterscheidet, kann er dieselbe erfassen und mit ihr arbeiten. Wer ein Beispiel braucht: eine Zahl kann sich nicht selbst errechnen, sie braucht einen, der die dazu nötigen Manipulationen durchführt. Das wäre in diesem Falle der Mensch oder irgendeine biologische Konstruktion gleicher Qualität als Mindestvoraussetzung. Ein „Gott“ kann ihm dazu nicht helfen, ein „Göttliches“ auch nicht.
Der Mystiker, um noch einmal auf ihn zurück zu kommen, sieht auch eines seiner Ziele darin, in dem von ihm angenommenen Göttlichen als Mensch aufzugehen. Der Gnostiker legt allen Wert darauf, auch als „Gott“ er selbst zu bleiben. Er geht nicht in etwas auf, sondern dadurch, dass er seine wahre Natur findet, bringt er sozusagen eine neue Strophe zu einem alten Lied hinzu, die da vordem noch nie gesungen wurde. Er hat eine neue Stufe des Lebens erreicht, warum sollte er die wieder aufgeben? Irgendwann wird auch sie sich zu einer nächsten und übernächste formen, aber das wird sein, wenn es sein kann und bis dahin gilt, was ist. Daraus folgt nebenher, dass Gnosis gar nicht pessimistisch sein kann, wie es die Mystik mit ihrer Weltverachtung oft ist. Er ist Mensch und als Mensch schon zugleich das, was nach dem Menschen kommen wird, also warum sollte er die Haut verachten oder gar unter ihr leiden, die doch ein solches Dasein, wie er es nun führt, mitmacht und erträgt? Dem Gnostiker wird die Welt nicht zu eng, weil er von ihr nie mehr erwartet als dass sie ihn und alle seinesgleichen trage. Der subtile Selbsthass des Mystikers ist ihm fremd, er bezieht ja sein eigenes Leben niemals auf eine Instanz, die seine eigenen Möglichkeiten begrenzt und womöglich beschädigt, während der Selbsthass des Mystikers überhaupt das ist, was ihn erst in die Mystik treibt. Der Mystiker, um es auf den Punkt zu bringen, sucht, seine Existenz durch Aufgehen im Göttlichen zu erhöhen. Dem Gnostiker ist sie selbst wie auch immer auf jeden Fall „hoch“ genug, er will nur wissen, was sie, jenseits des Menschlichen, sei. Selbstzweifel und Nichtigkeitsgefühle, wie sie den Mystiker in die Mystik treiben, plagen ihn nicht, sein Interesse ist ganz und gar positiver Natur; wo es das nicht ist, ist auch die Gnosis keine Gnosis und wenn er sie dreimal so bezeichnen möchte. Daher hat man den Gnostikern aller Zeiten ihre innere Selbstsicherheit auch stets zum Vorwurf gemacht und als „Zeichen Satans“ gebrandmarkt, weil eben diese positive Einstellung zu sich selbst dem christlichen Menschenbild des armen Erbsünders zutiefst und mit aller Entschiedenheit widerspricht. Dazu jagt das völlige Fehlen jeglicher Demut vor dem Höheren auch noch heute jedem Esoteriker Schauer über den Rücken, er mag denken, dass es dem da wohl vor gar nichts graust und er hat Recht mit dieser Vermutung: den Gnostiker graust es in Wahrheit vor nichts, nicht einmal vor den Abgründen die seine anfängliche Unwissenheit in ihm selber angerichtet haben mag. Er braucht auch, anders als der Mystiker und erst recht anders als der Gläubige, niemanden, der ihm die vergibt, nicht einmal sich selbst, denn: geschehen ist geschehen und mehr als es künftig besser zu machen kann niemand.
Der Mystiker hingegen begreift sich als Sünder, bis das Aufgehen im Göttlichen ihm seine Sünden vergibt. Nun ist er gerechtfertigt und in Gnaden angenommen, aber er trägt diesen Schatz, wie Paulus sagt, in tönernen Gefäßen, er kann alles Erreichte wieder verlieren – der Gnostiker hingegen verliert nichts mehr, denn er hat nie nach etwas gesucht, das nicht in ihm selbst gelegen wäre. Es kann ihm auch niemand etwas wegnehmen von dem, was in selbst ausmacht… allerdings begreift er auch, dass er selbst niemandem etwas wegnehmen, niemandem aber auch etwas schenken, niemanden gegen seinen Willen selbst zum Glücklichsein bewegen kann. Diese Einsicht ist mitunter, wenn es um liebe Zeitgenossen geht, frustrierend und sie verlangt viel Standhaftigkeit von ihm, wie ich sie selbst, der ich vielen guten Menschen habe helfen wollen, lernen musste. Der Mystiker will, dass auch andere seinen Weg gehen – der Gnostiker kann nicht verlangen, dass auch nur einer seinen Weg geht und so sind Mission und Gnosis zwei Dinge, die sich a priori nicht vertragen. Es ist zwar möglich, dass jemand aus den Fehlern und den Erfolgen eines Anderen für sich selbst lernt – aber es ist nicht möglich, dass er den Weg des Anderen kopiert. So geschieht alles Lernen immer unter dem Vorbehalt der Brauchbarkeit, denn niemand kann ein Anderer werden als er ist, und wenn er den Lehrer noch so bewundert. Vielleicht bewundert im gleichen Moment der Lehrer auch ihn wegen seines Mutes zur Eigenständigkeit. Der Mystiker aber will, dass sich der Schüler seinem Willen ganz und gar ergibt und das eigene Selbst mehr und mehr hintan stellt. Wie wir sehen, sind die Unterschiede wirklich nicht zu übersehen. Während, um wieder ein Gleichnis zu nutzen, der Mystiker seinen Schüler lehrt, dass nur diese und keine anderen Schrauben zu benutzen sind, bringt der Gnostiker seinem Schüler bei, wie man ganz generell Schrauben in Bretter hinein und aus denselben hinaus befördert. Ich denke, auch dieser Unterschied sollte als ein solcher wahrzunehmen sein, obgleich Manche in diesem Erlernen einer allgemeinen Fertigkeit bereits eine tiefgreifende Bevormundung sehen wollten und wollen. Aber dazu sind Menschen das, was sie sind, damit sie in der Lage sind, Erfahrenes als Wert an diejenigen weiter zu geben, denen solche Erfahrungen als Vergleichswerte nützen können. Nur ist das Muster äffischen Nachahmens anscheinend noch zu tief in der Spezies verankert und eigenständige Verarbeitung fremder Information anscheinend noch zu unbekannt, sodass ein Mystiker die vorhandenen Verhaltensmuster bedienen kann, ein Gnostiker aber darauf angewiesen ist, offene Herzen für neue Verhaltensweisen zu finden. Hoffen wir, dass deren Zahl künftig zunimmt und hüten wir uns derweil davor, Mystikern in die Hände zu fallen….

Gnosis, also die Methode der Selbsterkenntnis, ist weder eine Religion, noch eine Philosophie, denn sie verehrt keinen Gott, sie erklärt auch nicht die Welt. Sie ist schlicht eine Methode, mit welcher der Mensch seine wahre Natur erkennen kann – auch diese aber erklärt sie ihm nicht. Im Vollzug der methodischen Schritte soll er sie vielmehr selbst erkennen und dabei so wenig wie möglich vorbeeinflusst werden. Nur die Wirkung, welche die Selbsterkenntnis auslöst, wird – übrigens in bis heute zutreffender Weise – beschrieben.
Nun wird unter dem Stichwort Gnosis heute aber eher eine mystische Religion geführt, die alle Elemente einer solchen in sich vereinigt: sie besitzt eine ausgearbeitete Mythologie, kann einen Gott benennen, dem sie dient und den sie verehrt, sie besitzt eine Kosmologie und eine Kosmogonie, also eine Lehre von der Weltentstehung und eine von der Beschaffenheit der Welt, eine Heiligen- und Engellehre mit entsprechender Dämonologie, sie besitzt einen Vorrat an Sakramenten und Sakramentalien, bildet Gemeinden, besitzt eine Eschatologie, also eine Lehre von der Erlösung durch die jeweiligen Sakramente, sie besitzt Gebete, heilige Schriften, sie veranstaltet Opferhandlungen, baut sogar Tempel und andere Gemeinderäume, kennt einen Klerus und klerikale Ränge und so fort, man wird alles finden, was man heutzutage gewohnt ist, bei einer Religion vorzufinden. Seit der Antike ist diese Religion nachweisbar und in kleinen Teilen gibt es sie noch heute.
Wie ist es dazu gekommen?
Unter den Schülern des jüdischen Lehrers Jesus ben Josef war wie wir wissen, auch ein Simon, der den Meister zwar in nichts begriff, aber glühend verehrte. Dieser Simon sammelte nach Jesu Weggang diejenigen seiner Schüler um sich, die ihn ebenfalls nie begriffen hatten – das waren nicht wenige – und begründete mit ihnen eine neue messianische Sekte innerhalb des Judentums. Zu dieser Sekte stießen mit der Zeit andere jüdische Sekten mit ihren jeweiligen Messiassen, die mit der Messiasgestalt des Simon verschmolzen. Die wachsende Sekte aber begriff sich selbst noch immer als dem Judentum zugehörig, ja als dessen legitime Fortsetzung unter den Bedingungen der immer mehr ausgreifenden Diaspora. Dabei sind einige unschöne Dinge passiert, zum Beispiel wurde der wahre Gehalt der Lehre Jesu mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt und durch Wundergeschichten und möglicherweise sogar stattgehabte messianisch bedingte Hinrichtungen zur Römerzeit ersetzt, jüdische Riten und Feste wurden adaptiert und mit einem neuen, christlichen Sinn versehen, das Ganze des mosaischen Gesetzes aber als mithin erledigt und nicht mehr verbindlich betrachtet. Was da entstand war, wir sehen es schon, das Christentum wie wir es mehr oder weniger noch heute kennen.
Nun war das Christentum dieser Tage (und es ist bis heute so geblieben) keine homogene Angelegenheit, sondern eine äußerst heterogene religiöse Strömung, die nur durch das Bekenntnis zu dem Messias Jesus Christus mehr oder weniger notdürftig zusammen gehalten wurde. Darunter gab es Gruppen, die sich mehr an die jüdischen, mehr an die hellenistisch religiösen und mehr an die philosophischen Aspekte hielten und sich entsprechend profilierten. Manche dieser Gruppen, die besonders ehrgeizig waren, versuchten, ihr Image mit Anleihen aus der modernsten philosophischen Schule aufzupolieren, wir kennen sie heute als Neuplatonismus, aber das ist ein moderner Begriff, unter dem sie sich selbst nicht eingeordnet hat. Dem geistigen Anspruch dieser ganz modernen und übrigens sehr anerkannten Bewegung wurden diese Gemeinden zwar nicht gerecht, aber wie das Johannesevangelium, das aus diesen Kreisen stammt, zeigt, gingen sie dabei durchaus mutig vor, indem sie versuchten, das Christentum mit dieser so ganz anderen Gedankenwelt zu verbinden und selbst dabei an Ansehen zu gewinnen. Was sie dabei gewannen war aber nur der Argwohn und bald der blanke Hass ihrer mehr dem Judentum verbundenen Glaubensgenossen, von denen sie intern angefeindet und späterhin direkt verfolgt wurden, sodass sie gezwungen waren, eine Art Untergrundkirche zu begründen. Mit der eigentlichen Gnosis hatten und haben sie nichts gemein, sie waren eine genuine Religion innerhalb des christlichen Spektrums und sind es wo sie noch bestehen, noch immer.
Als im Jahre 390 unserer Zeitrechnung das Christentum zur alleinigen Staatsreligion erklärt wurde, zogen sich diese Gemeinden in unzugängliche Gebiete des oströmischen Reiches zurück und lebten dort teils als Bogomilen, also Gottesfreunde, im slawischen Bereich vor allem auf dem Balkan, aber auch als Paulikianer im Inneren Kleinasiens ihrem aus Christentum und hellenistischer Sphärenspekulation sowie Relikten antiker Mysterien gemischten Glauben. Im zehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung brach eine große Verfolgung über sie, die mittlerweile (im Zusammenhang mit dem Bilderstreit) aggressiv und anmaßend geworden waren, herein, vor der einige bogomilische Gläubige nach dem Westen flohen, wo sie endlich auf die letzten wirklichen Gnostiker stießen, die ihre Arbeit auf dem Gebiet des ehemaligen Galliens bis dahin unangefochten getan hatten. Im folgenden Jahrhundert gelang es ihnen, die meisten Credentes und auch die Mehrheit der Bonshommes auf ihre Seite zu ziehen und die Bewegung zu spalten, was in der Folge ihren Untergang in der Provençe und im Westen Europas bedeutete – im Untergrund bestanden einzelne Gruppierungen allerdings fort und bereiteten den Boden für die Reformation.

Nun müssen wir einen großen Sprung ins neunzehnte Jahrhundert tun. Denn in diesem Jahrhundert wurden im Zusammenhang mit christlicher Quellenforschung auch einige ihrer Hinterlassenschaften wieder entdeckt und auch ganz richtig als Religion ausgemacht und so bewertet. Der einzige Fehler der Entdecker war, dass sie diese Hinterlassenschaften als Erbe der Gnosis definierten, was sie nicht waren. Aber genuin gnostische Schriften waren zu dieser Zeit noch nicht entdeckt worden, sie kamen erst mit der Entdeckung der Bibliothek von Nag Hamadi spärlich ans Licht. Zu dieser Zeit war der Begriff der Gnosis aber bereits in Richtung auf das gnostisierende Christentum festgeschrieben, sodass die wahre Bedeutung von Texten wie dem Thomasevangelium, in seiner Folge aber auch dem Kommentar des Philippos und wenigen anderen Texten, nicht erkannt werden konnte. Zwar fiel auch den neutestamentlichen Forschern der Unterschied zum Beispiel des Thomasevangeliums zu den gnostizistischen Schriften auf, aber sie wussten mit diesem Unterschied nichts anzufangen. Erst ein unbefangenes Herangehen, frei von theologischen Vorurteilen, ermöglichte es, den Text als das zu identifizieren, was er ist: die einzige Zusammenfassung der originalen Lehre Jesu, die auf uns gekommen ist. Dass es einst mehr von dieser Lehre gegeben hat, können wir getrost annehmen, schließlich wurde sie bis ins hohe, teilweise bis ins späte Mittelalter hinein aktiv gelehrt und betrieben, wofür es reichlich Indizien gibt. Indessen – das Vorurteil in der Definition blieb, einmal gefasst, bestehen und mehr noch, auch Gruppierungen, die zur offiziellen Kirche in Opposition standen, befassten sich mit diesen Texten und formten mehr oder weniger, meist mehr phantastische Gedankengebilde daraus, die sie ihrerseits als Gnosis bezeichneten, obgleich sie mit derselben noch weniger zu tun hatten, als die originalen Texte. Ein wahrer Hexensabbat von Sekten unterschiedlichster Akzentuierung, von mystischer Christlichkeit bis zu glühender Satansverehrung entstand aus diesem Streben nach Opposition zu einer Kirchlichkeit, die sich im neunzehnten Jahrhundert bereits inhaltlich überlebt hatte und nur noch von der Wiederholung des immer Gleichen lebte. Von Gnosis ist aber in allen diesen Sekten nichts zu sehen und nichts zu spüren, es sind bunte Pilze, die an einem faulenden Stamm, nämlich den Kirchen des neunzehnten Jahrhunderts, gedeihen und die auch an den jungen Trieben nicht gedeihen können, die seit den Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts aus der alten Wurzel des Christentums ausgetrieben sind. Es sind insgesamt verlorene Kinder einer verlorenen Epoche. Aber der eigentlichen Gnosis verderben sie leider den Ruf indem sie sich selbst unzulässiger Weise als solche bezeichnen. Daher kann hier nicht mit der sonst gebotenen Toleranz gearbeitet, sondern muss leider entschiedene Abgrenzung betrieben werden.

Ohne Glauben, sagen die Gläubigen, gehe die Welt zugrunde und sie meinen damit natürlich ihre Welt. Aber dennoch ist nicht ganz falsch, was sie sagen, auch wenn sie das nicht meinen: ohne Glauben, also ohne Vertrauen darauf, dass Dieses oder Jenes wahr, respektive unwahr sei, dass Dieses oder Jenes möglich oder unmöglich wäre, käme insbesondere der Mensch, der wie kein anderes Lebewesen auf Erden auf Glauben angewiesen ist, nicht vom Fleck.
Im Deutschen hat das eine Wort Glauben sehr nuancenreiche Bedeutungen. Es meint einmal das Vertrauen in eine bestimmte Aussage, dass sie wahr, respektive unwahr sei. Es meint aber auch die bloße Vermutung eines Tatbestandes oder eines Sachverhaltes, die jederzeit zurückgenommen oder auch bestätigt werden kann.
Was immer aber ein Mensch auch glaubt, sein Glaube strebt im Grunde nach Aufhebung des Glaubens durch Wissen. Der Mensch glaubt der Wahrheit einer Aussage, bis sich herausstellt, dass sie unwahr ist, dann glaubt er ihrer Unwahrheit bis sich herausstellt, dass sie sich nicht in allem Punkten geirrt hat, als sie sich im Fazit irrte. So relativiert er seine Fähigkeit zu glauben und lernt sie eben dadurch auch in ihren Facetten kennen. Der Mensch vertraut der Information durch einen Anderen bis sich herausstellt, dass diese Information richtig war oder dass sie, absichtsvoll oder nicht, auf falschen Annahmen beruhte – die ihrerseits geglaubt wurden. So kann Glauben eine Kette falscher Reaktionen auslösen, wenn einer dem anderen glaubt, was er erzählt, und das, was er erzählt, entspricht nicht oder nicht in Gänze der Wahrheit. Aber Glauben kann Lügen und Irrtümer auch zerstören, indem nämlich dem geglaubt wird, der die Wahrheit spricht und dies, die Wahrheit, lässt sich überprüfen, muss nicht geglaubt werden. Wie wir sehen, ist Glauben immer etwas Vorläufiges, auf die Konfrontation mit Wissen Angewiesenes. Er kann zudem immer und ständig in einer Katastrophe enden – wenn sich erweist, dass das fest Geglaubte ein vielleicht sogar absichtsvoll konstruiertes Lügengebäude ist.
Im täglichen Leben lässt sich die Probe aufs Exempel teilweise mit einiger Mühe, aber eigentlich immer durchführen. Wer die Wahrheit erfahren will, der erfährt sie auch und sei es aus den Bestandteilen der Lüge selbst, sobald er einmal weiß: hier wurde gelogen. Auch Irrtümer lassen sich, wiewohl geglaubt, nicht endlos aufrechterhalten, an irgendeinem Punkt steht die Sache selbst der Fortsetzung des Irrtums entgegen wie zum Beispiel die Paläontologie dem Glauben, die Welt sei in sechs Tagen so erschaffen worden wie sie noch heute beschaffen ist. Das erste Fossil war das Todesurteil für diesen Glauben und die Liste ließe sich fortsetzen, in der Erkenntnis zum Tod des Glaubens geführt hat. Die Religionen namentlich des Nahen Ostens sind ein gutes Beispiel dafür, wie Erklärungsversuche des Glaubens durch Erkenntnisse der Wissenschaft ins Reich der Fabel verwiesen wurden und auch immer noch werden, man denke an die im katholischen Christentum immer noch dogmatisch zu glauben vorgeschriebene Jungfraugeburt und die ebenfalls dogmatisch vorgeschriebene Auferstehung Jesu von den Toten. Die Wahrheit ist, es ersteht niemand von den Toten auf, wer von den Toten aufersteht, der war nicht tot und es gibt auch für Maria keine Ausnahme von der Tatsache, dass mit der Zeugung die Jungfräulichkeit endet. Indessen hat diese Sage ihre Parallele sogar ein halbes Jahrtausend früher in der Geburt des Buddha, der jungfräulich aus der Hüfte seiner Mutter hervorgegangen sein soll. Dennoch und obgleich beide Dinge und andere total unwahrscheinlich sind und bleiben, müssen sie von jedem, der sich guten Gewissens Christ nennt, geglaubt werden. Aber damit nicht genug: in allen Religionen gilt, dass sie ohne Glauben an eigentlich unwahrscheinliche Dinge nicht bestehen können. Und damit ist dem Glauben dann die Grenze gewiesen. Sofern es sich um Dinge handelt, die überprüft werden können, ist etwas zu glauben als Vermutung legitim. Wenn es aber darum geht, von vornherein Unwahrscheinliches dennoch für blanke Wahrheit anzunehmen und zu vertreten, ist die Grenze des Glaubens überschritten und wird zum reinen Phantasiegebilde. Wer glauben muss, dass eine bestimmte Lehre über aller Wahrscheinlichkeit steht, wird nicht ernst genommen werden können, denn ihm fehlt der Erweis des Wissens um die Dinge, von denen er überzeugt ist.
Nun, wird ein heller Verstand sagen, da habt ihr euch aber selbst ins Knie geschossen, liebe Gnostiker, denn eure Behauptung einer geistigen Realität kann man ja auch nicht nachprüfen. Könnte man es nicht, wir würden nicht darauf beharren. Aber wir können es, wir können in Ursache und Wirkung uns selbst und anderen beweisen, dass unsere Annahmen der Wahrheit entsprechen. Jeder hat es und nicht nur einmal erprobt, dass unsere Annahmen keine Luftnummern oder dogmatische Festlegungen sind, der selbst in der Lage war, die Grenzen von Raum und Zeit zu überwinden und zu erfahren, dass es wirklich und wahrhaftig nichts Verborgenes gibt, das sich nicht aufdecken lässt und zwar gilt das vom Menschenherzen ebenso wie von den Gegebenheiten des Weltganzen, denn eines ist der Spiegel des Anderen und eines ohne das Andere ohne Belang. Das Weltganze existiert weil das Leben existiert, das Leben aber kann in eines jeden Menschen Herzen ergründet werden und so auch das Weltganze. Man muss nichts glauben.
Mehr noch – man, jeder kann, vorausgesetzt er legt Wert darauf, den Sachverhalt an seinen Wirkungen und Auswirkungen verifizieren und, fängt er es absichtlich verkehrt an, auf falsifizieren. Wir sind in einer langen Geschichte der Wissenschaft von der Erkenntnis nur ein Posten mehr, der diesen Sachverhalt erweist. Aber wir müssen keineswegs darauf verzichten, weil andere ihn bereits erwiesen hätten, sondern wir können ihn uns gern und wann immer, selbst erneut erweisen. Nötig ist dazu nur, dass wir unsere wahre Natur erkennen und erfahren, dass wir uns selbst ernst nehmen und uns selbst vertrauen über allen Glauben, über alle Vermutungen von Möglich und Unmöglich hinaus. Allerdings ist der Glaube an einen über uns waltenden Gott einer solchen Haltung wenig hilfreich, da eine solche Annahme uns in unserer eigenen Zuständigkeit beschränken könnte. Daher war es auch die „satanische“ Botschaft der Gnosis, den traditionellen Begriff der monotheistischen Göttlichkeit zu suspendieren und den Menschen nicht als den einer solchen unterworfenen Kreatur, sondern als ein einer solchen gegenüber mündiges Subjekt zu begreifen, das einen solchen Gott weder verehrt noch sich ihm in irgendeiner Weise unterordnen muss. Natürlich ist die Folge dessen, dass es einen solchen Gott in der Gnosis nicht gibt, stattdessen nimmt jeweils an seinem Ort jeder Mensch den Platz Gottes vollumfänglich ein und ist für sich selbst alles das, was er an „Gott“ zu akzeptieren bereit ist. Er wird feststellen, dass es signifikante Unterschiede zwischen dem gibt, was man gemeinhin annimmt und was er selbst annehmen kann. Dazu bedarf es keiner besonderen Mühe, sondern all das ist er aus seiner Existenz heraus, die ja weit mehr ist, als nur biologisch definiert. Aber an diese Existenz muss er nicht glauben – er erfährt sie in tausend Einzelheiten und man kann nicht sagen, dass ihm das immer auch angenehm sein muss – es kann ihn verwirren, herausfordern, auch er muss lernen, diese Existenz zu erschließen, aber sie gibt ihm auch ein Grundgefühl der Geborgenheit im Nichts, der Sicherheit im Ungewissen, die er in sich selber findet. Sie nimmt ihm die Angst vor dem Tod, denn das Ende des biologischen Kreislaufes beendet sein Leben nicht. Das weiß er, denn er ist gestorben, ehe er begriff was das Leben ist und sein bewusstes Ja zu diesem sprach. Aber .- er wird die rote Linie des Glaubens nie mehr überschreiten. Glauben wird für ihn immer nur die Vorstufe dessen sein, von dem er sich Gewissheit erhofft, oder das er aufgrund erwiesener Wahrhaftigkeit als glaubwürdig akzeptieren kann. Einen Glauben an…. allerdings wird er in sich nicht mehr vorfinden und er wird ihn auch, und das halte ich für sehr wichtig, nicht im Geringsten vermissen.

1. Die Katharer sind eine religiöse Bewegung, die vom zehnten bis zum dreizehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in Südfrankreich, vornehmlich in der Provençe, entstanden ist und ab der Mitte des 13, Jahrhunderts als ausgerottet bezeichnet werden kann.
In dieser Aussage sind gleich mehrere Irrtümer enthalten. Zum Ersten waren die Katharer (die sich selbst nicht so nannten), keine religiöse Bewegung. Zum Zweiten waren sie keine Bewegung des Mittelalters. Zum Dritten kann ihr Wirkungsbereich bis in die Mitte Europas hinein und zum Vierten weitaus länger als bis zum Ende des dreizehnten Jahrhunderts verfolgt werden.

Katharer – oder Menschen, die späterhin so genannt wurden – gibt es im Süden Frankreichs seit dem ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Im zweiten Jahrhundert hat der Kirchenvater Irenäus in seiner Diözese Lyon (Lugdunum) nachweislich mit ihnen zu tun und verfasst ihretwegen seine große Apologie „Adversus Hareses“. Sie gehen wahrscheinlich auf eine Gruppe zurück, die den Auszug Jesu aus dem römischen Gebiet nicht mitmachte, sondern in Massilia und also in der Gallia Narbonensis zurück blieb. Haupt der Gruppe war wahrscheinlich die Miriam(Mariham) des Thomasevangeliums. Verstreute Legenden bewahren noch heute einen Schatten der Ereignisse, ohne sie freilich selbst genau benennen zu können und das entsprechende Schrifttum der Katharer selbst ist dank der unendlichen Mühen der katholischen Inquisition auf immer verloren. Die Katharer sind also eine antike Bewegung und existierten bereits tausend Jahre, ehe im zehnten Jahrhundert die Aufmerksamkeit der Kirche auf sie fiel. Das bedeutet, dass ihre Existenz bis dahin die Kreise der Kirche nicht gestört hat.

Dies wiederum ist auf ihre Organisationsform zurück zu führen, die auch in kirchlichen Kreisen hinlänglich bekannt ist. Den innersten Kreis bildeten die eigentlichen Katharer, die Bonshommes oder Guten Menschen. Um sie herum bildeten sich informelle Kreise sogenannter Credentes, die von den Bonshommes seelsorgerisch betreut wurden, im Übrigen aber Mitglieder der Kirche blieben und alle ihre Regeln befolgten. Es mag auch richtig sein, dass die Credentes den Bonshommes die Sorge darum anvertrauten, ihre Seelen ins Paradies zu befördern, wenn ihre Stunde kam. Die Bonshommes hingegen ließen den Erfolg dieser Aktion stets offen und bestanden nicht darauf, wollten den ihnen Anvertrauten – und Vertrauenden – die Hoffnung aber auch nicht nehmen. Ihr Hauptaugenmerk aber richteten die Bonshommes auf die sittlich – moralische Vervollkommnung und Belehrung der Credentes – soweit das unter den Bedingungen der römischen Antike und des frühen sowie des hohen Mittelalters möglich war. Irgendwelche Regeln oder Verhaltensvorschriften machten sie den Credentes nicht.

Etliche Indizien sprechen dafür, dass die Bonshommes in ganz Europa und keineswegs nur im Süden Frankreichs tätig waren. Belege für ihre Anwesenheit gibt es vor allem in Mitteldeutschland, aber auch, wie man hört, in den Niederlanden und sowieso auf den britischen Inseln, dem Missionsgebiet Jesu. In Naumburg, Halberstadt, Reinhausen, sowie im Raum Frankfurt/Main sind sie auf jeden Fall dingfest zu machen, inwieweit sie später auch Böhmen durchdrungen haben, ist zwar nicht mehr direkt nachzuweisen, aber anhand der allerdings nachträglich christianisierten Geschichte der Taboriten anzunehmen. Dabei sind die sogenannten Lombarden noch gar nicht in diese Verbreitungsgeschichte einbezogen, weil ihr Ursprung nicht in den provençalischen, sondern in kleinasiatisch – syrischen Gruppierungen zu suchen ist, die sich vielfach von der Charakteristik der gallischen Katharer unterscheiden. In diesen Verzweigungen sind sie bis ins fünfzehnte Jahrhundert nachweisbar und bilden eine der Hauptquellen für die Sympathisanten des frühen Protestantismus.

2. Die Katharer hielten Rituale ab, ihr größtes Ritual war das Consolamentum.

Noch ein Irrtum. Die Katharer hielten überhaupt keine Rituale ab. Ihr Ziel war die Gewinnung neuer Bonshommes, Männer wie Frauen, die ja bei ihnen die gleichen Recht – und Pflichten – hatten. Solche neuen Bonshommes wurden in einer Art Noviziat auf den Augenblick der Selbsterkenntnis vorbereitet. War dieser Augenblick geschehen – was dabei geschah, bleibe ungenannt – wurde der neue Bonshomme in einer feierlichen Veranstaltung sämtlichen Katharern und Credentes der Umgebung vorgestellt und öffentlich in ihren Kreis aufgenommen. Dabei ging es allerdings nicht um ein metaphysisches Ritual, sondern um eine Art Adoptionszeremonie, deren Vorbild die römische Adoptionszeremonie war. Der Neue wurde aus seinen bisherigen sozialen Bindungen entlassen und in die „Familie“ der Bonshommes adoptiert, denn ohne soziale Bindung war er nicht respektabel. Als äußeres Erkennungszeichen erhielt er Kutte und Strick, sowie in einigen Gemeinschaften späteren Zuschnitts, die Erlaubnis, das Vaterunser zu beten… allerdings kannten die eingesessenen Bonshommes diesen Brauch nicht, weil sie das Neue Testament nicht akzeptierten. Auch die vielzitierte Brotbrechung war kein Ritual, sondern eine einfache Gemeinschaftshandlung. Irgendwelche metaphysischen oder religiösen Absichten waren damit nicht verbunden. Nach dem Vortrag eines Bonshomme wurden damit die Gemeinschaft untereinander und mit ihm betont so wie man sich heute noch in manchen Gemeinden nach dem Gottesdienst (aber das war keiner) zum „Kirchenkaffee“ zusammensetzt. Das vielzitierte Melioramentum ist ebenfalls kein Ritual, sondern bezeichnet als Oberbegriff alle seelsorgerischen Aktivitäten zwischen einem Bonshomme und seinen Credentes. Es ist auch keine Beichte – denn die Bonshommes pflegten miteinander einen sehr vertrauten informellen Kontakt und vertrauten einander alles an. Der Begriff der Sünde war ihnen im Übrigen fremd.

3. Die Katharer lebten asketisch
Ja, das stimmt. Aber damit lebten sie nicht besser und nicht schlechter als ihre Umgebung, denn Fleisch kam auch dort kaum je auf den Tisch, die tägliche Nahrung bestand aus Getreide und Gemüsen, allenfalls gab es Käse und Fisch dazu und all das war den Katharern ebenfalls erlaubt. Das übliche Getränk war nicht Wasser, sondern ein dünnes Bier, aber auch verdünnter Wein (Schorle) war nicht verboten. Katharer unterwegs aßen, was man ihnen vorsetzte, also auch Wurst und Fleisch, wenn sie es denn bekamen. Wahr ist allerdings, dass sie ehelos lebten. Der Grund hierfür ist nicht, wie behauptet wird, Feindschaft gegen die Sexualität, sondern der Umstand, dass sie sich nicht mehr als Teil dieser Welt sahen. Der Entwicklung inniger freundschaftlicher Beziehungen stand nichts im Wege und eventuell darüber hinausgehende Wünsche wurden auf andere Weise abgegolten.
4. Die Katharer lebten nach dem Johannesevangelium
Falsch. Die Katharer anerkannten keine der biblischen Schriften. Sie anerkannten nur ihr eigenes Schrifttum, das sehr umfangreich war, und als Basis bezogen sie sich auf das heute so genannte Thomasevangelium, das bei ihnen beinahe kultischen Charakter besaß, da es die originalen Lehren Jesu enthielt – der für sie übrigens nicht der Sohn Gottes war und auch nicht der Messias, der nicht am Kreuz gestorben war und auch die Welt nicht erlöst hatte, sondern der viel mehr getan hatte: den Menschen den Weg geöffnet, auf dem sie zu ihrer wahren Natur gelangen konnten. Mit dem – zusammengerollten und in ein Futteral gesteckten –Thomasevangelium (es umfasst nur wenige Seiten) wurden die Neuen in die Gemeinschaft hinein adoptiert, indem man sie an der Stirn oder – bei Frauen – an der Schulter damit berührte. Es vertrat hierbei die Stelle des Stabes, mit dem bei den Römern der Richter die Adoption vollzogen hatte. Ansonsten wurde davon nicht ausdrücklich gesprochen und die Literatur der Katharer – immerhin ein Jahrtausend umfassend – ging an vielen Stellen über dasselbe hinaus in andere Bereiche des Wissens hinein. Als sie aber von den Inquisitoren gefragt wurden, woher sie denn einige auch aus dem Neuen Testament gut bekannte Sätze kannten, da antworteten sie wahrheitsgemäß: aus der Schrift des Jüngers, den Jesus liebte. Die Inquisitoren waren es, die daraus dann das Evangelium des Johannes machten, weil sie gewohnt waren, es so aufzufassen, dass „der Jünger den der Herr liebte“ eben Johannes der Evangelist zu sein hatte, wozu das Johannesevangelium mit seinen absichtsvollen Fälschungen ja auch verleitet. Aus diesem Missverständnis resultiert dann übrigens auch die Definition des Katharismus als einer christlichen Sekte – er war das niemals und wollte es auch nie sein.
Allerdings kannten die Katharer die Bibel sehr gut – sehr viel besser als ihre Widersacher ihre, der Katharer Literatur kannten. Und so mögen sie sich zuweilen in der Sprache der Bibel ausgedrückt haben, wenn es darum ging das eigene Leben zu retten. Anfangs waren sie ja noch davon überzeugt, dass es um Argumente ginge. Erst der Fortgang der Angelegenheit überzeugte sie davon, dass es um ihren Tod ging – woraufhin die Klügeren unter ihnen die Flucht vorzogen und sich auf abenteuerlichen Wegen über ganz Europa verteilten. Aber nicht alle flohen, denn..
5. Die Bewegung des Katharismus war einheitlich
Das war sie eben nicht. Erstens deshalb nicht, weil jeder Bonshomme Lehrfreiheit besaß. Zweitens aber, und das war schwerwiegender, weil im zehnten Jahrhundert eine tiefe Spaltung der Katharer begann. Grund war die Begegnung mit aus Byzanz geflohenen Bogomilen, Geistesverwandten also und doch keinen Geistesverwandten, denn der Katharismus hatte bis dahin alles, was wir unter dem Begriff der klassischen Gnosis kennen, gemieden. Was da einsickerte, WAR eine Religion, eine, die an Demiurgen, die an Archonten, an Wächterdämonen und Höllenfratzen glaubte, die ihre Verachtung der Welt aggressiv zur Schau trug und keinen Wert mehr auf die wahre Natur des Menschen legte, sondern nur noch darauf, dass er den rechten Glauben haben möge. Aber die Welt, die sich hier eröffnete, war dem Menschen des Mittelalters vertrauter als die lichte Welt der Antike und so fanden die aus Byzanz Flüchtigen nicht nur ein Obdach, sondern auch Interesse – die Bewegung spaltete sich in die aggressiven Jünger des Niketas und die maßvollen Schüler der Esclarmonde. Die Schüler des Niketas waren es auch, die gegen die katholische Kirche hetzten und zu Übergriffen herausforderten – die genau das waren, was man auf katholischer Seite brauchte um gegen die Katharer endlich loszuschlagen.

Auf dem Höhepunkt der Krise kam es zum Konzil von St Felix de Caraman, und, tragische Klimax, die Jünger der Esclarmonde wurden überstimmt, man erklärte sich mehrheitlich für Niketas. Damit war der Untergang der Katharer in der Region vorprogrammiert und er ließ nicht auf sich warten, schon ein halbes Jahrhundert später war der Katharismus aus der Provençe verschwunden. Anderswo hielt er sich länger, so bei den Brüdern und Schwestern vom Freien Geist, die mit der Beghinen- und Begharden – Bewegung verbunden sind, bei den Taboriten, wo auch dieser Katharismus zum ersten Mal aggressive Züge annimmt, ebenso an den schon längst traditionellen Orten in Mitteldeutschland, wo die Botschaft Jesu seit den Tagen Ottos des Großen bekannt war. Theophanu, die Gemahlin Ottos II, brachte das erste Thomasevangelium nach Deutschland, der Einband dessen existiert, wenn auch arg verschandelt, bis heute im Domschatz von Halberstadt am Harz. Immerhin, er ist aus Elfenbein und damit kostbarer als Gold und so war es wohl auch gemeint. Und er zeigt den „Apostel“ Thomas auf der Frontseite. Das letzte Exemplar besaß Thomas Müntzer im sechzehnten Jahrhundert. Es ist nicht erhalten, aber vielfach als sein Besitz bezeugt.

Lassen wir es bei diesen generellen Richtigstellungen erst einmal sein Bewenden haben. Und vergessen wir beim Studieren der Inquisitionsunterlagen niemals, dass es katholische Theologen waren, die diese Protokolle führten und das nur selten Bonshommes ihre Opfer waren, meist waren es weitaus weniger eingeweihte Credentes. Nur an ganz seltenen Stellen spricht uns katharisches Wissen ganz unvermittelt an wie in den Worten jenes Schäfers, der sich über die – bis heute gültige – Lehre von der Seele verbreitet; sicher zum Entsetzen der Inquisitoren:

Der Schafhirte Pierre Maury zu Jacques Fournier: »Es gibt im Menschen zwei verständige Substanzen, das heißt zwei Seelen, oder eine Seele und einen Geist. Die eine bleibt im Menschen solange er lebt, aber der andere, der Geist, kommt und geht und bleibt nicht ständig im Menschen. So geschehen die Vorstellungen (imaginatio), die Träume, die Gedanken und alles was das Denken berührt durch den Geist. Durch die Seele tut der Mensch nur leben.«

 

 

Inhalt

Orient und Okzident1

Gnosis im deutschen Mittelalter3

… weil ja nichts dabei ist4

Unterweltsfahrt auf Deutsch. 6

Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen. 6

Vom Fischer und syner Frau. 7

Einschlägige Weisheiten in den Randzonen. 8

Der Machandelboom.. 8

Die kluge Bauerntochter9

Dornröschen. 9

Schneewittchen. 11

Etwas Besseres als den Tod… die Bremer Stadtmusikanten. 11

Aschenputtel12

Froschkönig. 13

Persisches Rosenwasser und deutscher Apfelsaft14

 

Orient und Okzident

Dass das Märchen zum Grundbestand der Gnosis gehört, ist inzwischen wohl sattsam bekannt geworden. Dennoch ist die Betrachtung des deutschen Volksmärchens unter diesem Aspekt eher ungewöhnlich. Man kapriziert sich lieber auf die Denkweise ferner Kulturen und versucht, die lieben Deutschen daneben so täppisch wie nur möglich da stehen zu lassen. Dabei haben gerade diese Deutschen einen großen Vorrat nicht nur an „Kinder- und Hausmärchen“, sondern auch an Geschichten, die mit beinahe unübertroffener Prägnanz und einem Mindestmaß an „Vokabeln“ wichtige Aussagen über Kern wie Begleitumstände der Gnosis aussagen. Aber nein – wir flüchten uns in die uns nahezu unzugänglichen Labyrinthe persischer Gärten und irren verklärten Auges darin herum, statt unsere Zuflucht zur bewährten Hausmannskost zu nehmen, die wir zudem auf Anhieb verstehen.

Aber verstehen wir sie denn wirklich? Oder sehen wir in den deutschen Märchen in der Tat nur das, was ihre Kollektoren, die Brüder Grimm, wollten, dass wir in ihnen sehen: unser nationales sprachliches Erbe? Denn sie sammelten ja die Märchen nicht, um irgendetwas „dahinter“ zu finden, sie sammelten sie, um des deutschen Sprachschatzes willen, der ihnen durch vielfache Überfremdungen der deutschen Sprache gefährdet erschien – und es doch niemals war, denn die deutsche Art zu denken, wie sie sich in der deutschen Sprache des Volkes artikuliert, ist so unterschieden von der Denkungsweise anderer Völker, dass dies selbst, und oft recht amüsant, dort zutage tritt, wo ein Deutscher sich einer anderen Sprache befleißigen will; er kann seine Herkunft auch dort nicht verleugnen, „das Gelbe vom Ei“ ist eben im Englischen nicht „the yellow from the egg“.

Aber die Märchen aller Völker sind der Spiegel nicht nur ihrer Sprache, nicht nur ihres Denkens, sondern ebenso gut auch der Spiegel ihres geistigen Lebens. Die kalligraphische Kultur des Islam hat ein ornamenthaftes Denken geschaffen, das im kunstvollen Verbergen des Eigentlichen unter Überflüssigem seine Erfüllung sieht,  das ägyptische Denken ergeht sich gern im Auslösen von Assoziationsketten, die den wachsamen Geist anhand von bekannten Versatzstücken gern ins Unbekannte und Neue entführen, das Griechische vergröbert alles, schneidet es auf das Oberflächliche zurück und kennt keine unterschwelligen Feinheiten, das römische Denken sieht sich umstellt von den Mächten und Kräften des Schicksals, die es vielleicht beeinflussen, aber nicht wenden kann, das keltische Denken ist im Sicht- und Greifbaren verwurzelt und sieht darin das Ungreifbare verdinglicht und das germanische Denken macht sich einen Spaß daraus, mit allem zu spielen, was ihm über den Weg läuft. Dabei kommt ihm das Symbolhafte zu Hilfe, in dem ein Entwurf als Gleichnis für ein anderes Ereignis steht und in dem eine alltägliche Geschichte, indem sie dann und wann an bestimmten Stellen aus dem Alltag ausbricht und ein Eigenleben beginnt, das aber nachvollziehbar bleibt – im deutschen Märchen erscheint kein Deus ex machina, der die Handlung zerbricht, wenn der Held die Braut bekommt, so  hat er sich dieselbe auch verdient, kein Gott erscheint und schenkt sie ihm, während bei Griechen, Römern und Kelten die Götter ständig korrigierend in die Handlungen der Menschen eingreifen.

Die orientalischen Märchen sind uns nur in kunstvollen, quasi ornamentalen Rahmenerzählungen überliefert, die selbst Teil der erzählten Geschichte sind. Demgegenüber ist die deutsche Sammlung denkbar nüchtern im neunzehnten Jahrhundert  von zwei nationalstolzen Deutschen veranlasst, die kein Interesse daran hatten, selbst künstlerisch zu glänzen und auch die Märchen selbst sind in keinen Zusammenhang zueinander zu bringen außer in den, dass sie Stücke einer ausgedehnten Sammlung sind, die ältestes Gut mit beinahe schon neuzeitlichem verbindet – das Märchen tritt uns hier als Zeitdokument entgegen. Die Brüder Grimm haben dann auch zwei Sammlungen angelegt, die berühmten Kinder- und Hausmärchen, die inzwischen die Weltliteratur erobert haben, und eine zweite, ausführlichere Sammlung, die allein wissenschaftlichen Zwecken dienen sollte und so auch manch düsteres Stück enthält wie das Märchen vom Machandelboom. Ein dritter Band der Sammlung enthält eine Anzahl deutscher Sagen – er ist niemals recht populär geworden und heute nur noch unter Volkskundlern bekannt. Dort allerdings behauptet er seinen Platz neben dem berühmten Bechstein als dem Standardwerk der deutschen Sage, die etwas grundlegend anderes ist als der griechische Mythos, denn die deutsche Sage hat stets einen festen Ort, an dem sie wurzelt und ist nur von diesem konkreten Ort her von Bedeutung, während das Märchen lokal und zeitlich völlig ungebunden ist – es kann gestern entstanden sein, aber auch vor Jahrtausenden, es kann diesen Wald meinen, aber auch jeden andern. Gemeinsam ist ihnen beiden nur, dass der Autor in beiden Fällen nicht mehr zu ermitteln ist und das auch gar nicht sein soll.

Das Märchen des Orients ist in jedem Falle Kunstmärchen, das Märchen des Okzidents ist um einer Botschaft willen entstanden, es mahnt  Verhaltensweisen an, gibt Hinweise, was recht und was unrecht sei, will Orientierung geben und zu diesem Zweck erzählt es Geschichten, während das Märchen des Orients sich zumeist, es gibt aber auch Ausnahmen, selbst genügt. Es ist eine nette, manchmal auch  traurige Geschichte, die man sich, vorgetragen vom Märchenerzähler, sozusagen vorspielen lässt und die keineswegs immer ein gutes Ende haben muss, aber zumindest ein versöhnliches. Das Märchen des Orients ist verzweigt und verästelt, das des Okzidents verfolgt einen straffen Erzählfaden, der über verschiedene Episoden desselben stets zur Lösung der aufgeworfenen Frage führt und am Ende jedem das verdiente Los zuteilwerden lässt.

Im Märchen und in der lehrreichen Parabel haben Lehren aller Zeiten ihre Botschaften verborgen. Keineswegs stand dabei der Zwang, etwas zu verbergen im Mittelpunkt des Bemühens, eher der Zwang, etwas zu veranschaulichen, was, abstrakt formuliert, dem Verstand nicht nur dann schwer eingeht, wenn er ungeschult ist. Es ist mit der Geschichte auch gleich ein Umfeld geschaffen, in dem die vermittelten Botschaften angemessen wirken können und in diesem Bemühen sind sich Orient und Okzident einig.

Gnosis im deutschen Mittelalter

Gnosis in der französischen Provençe, na schon, die war nach 1244 so gut wie tot. Das wissen wir, wie gedenken mit Bitternis des Falles von Montségur. Danach traf man hier und da noch auf vereinzelte Gruppen und Personen, aber die Kraft der Bewegung war gebrochen. So lernen wir es aus allen einschlägigen Enzyklopädien: die Gnosis befand sich von da an in ununterbrochenem Niedergang.

Nun, das ist nur zu einem Teil wahr. In Südfrankreich war sie schon längst dem Untergang geweiht, schon seit der Strom aus Byzanz an ihre Ufer brandete und sich aggressive Häretiker mit der Kirche offensiv anlegten. Aber die Bewegung reichte weiter: es gab Gnostiker in ganz Deutschland, in Böhmen bauten sie gerade eine neue Gesellschaft auf, es gab sie im Königreich Sizilien, wo die Normannenkönige sich genau so wenig um sie scherten, wie es zuvor die Muslime getan hatten, es gab sie in Norditalien, wo sogar der Papst fallweise mit ihnen gegen unliebsame Könige paktierte, sie waren in den Niederlanden präsent und gnostische Lehrer sind wohl auch bis in den Osten Europas gekommen, kurzum, der Fall Provençe war nur ein wenn auch tragisches Fanal, die Bewegung als solche war und blieb ungebrochen. Sie bildete eine stabile Unterströmung von der wir nur hier und da schattenhafte Spuren sehen, wenn irgendwo Ketzer aufgebracht werden oder wenn ein Name eine verräterische Botschaft vermeldet. Es ist verständlich, dass wir nicht mehr haben, denn die Kirche und ihre Geschichtsschreiber waren an einer genauen Bestandsaufnahme nicht interessiert. Sie hielten mehr davon, solche Erscheinungen so diskret wie möglich „außerhalb des offiziellen Programms“ aus der Welt zu schaffen. Niemand sollte wissen oder ahnen, wie weit und tief dieses Pilzgeflecht in Stadt und Land verbreitet war, es wussten ohnehin schon zu viele davon, und einige dieser Zellen waren sogar recht angesehen, wenn man an das Halberstädter Domstift denkt oder das Kanonikerstift zu Reinhausen in Hessen, wo man der Ketzerei sogar ein plastisches Denkmal setzte, möglicherweise sogar schon auf Begehren des Stifters. Naumburg liegt in diesem Zwielicht, auch hier ist es ein Bischofssitz, man weiß aus der Provençe, dass sich viele Kleriker damals für die wahre Lehre Jesu interessierten, warum sollte es hier in Deutschland anders gewesen sein.

Aber wie in der Provençe, so hatte auch hier die Bewegung, die ihrer Natur nach eine philosophische war, ihre volkstümliche Seite. Bauern und Bürger mögen gleichermaßen den lehrenden Kanonikern zugehört haben, wenn sie ihnen die Bibel erklärten und zugleich mit der Erklärung auch Manches zu Protokoll gaben, das nicht oder nicht so in der Bibel stand. Das Alte Testament kannten sie, aber darüber sprachen sie nicht. Sie sprachen über das Neue Testament, die Heiligen, die Taufe, das Abendmahl, das Paradies und die Hölle, sie sprachen darüber, wie die Seele nach dem Tode weiter lebt oder ob sie vielleicht mit dem Körper stirbt, sie sprachen über fromme und unfromme Magie, die der christliche Pfarrer gegen Geld praktizierte und sie sprachen darüber, wie man Krankheiten verhindert oder auch heilt. Sie lehrten die Kinder oft um Gotteslohn und heilten die Kranken mit weitaus weniger Gebeten, dafür mit mehr Kräutermedizinen als die christlichen Mönche und Ärzte und sie kümmerten sich um die Sterbenden, die doch noch wenigstens auf die letzte Minute doch in den Himmel kommen wollten. Dass Sterbende, die doch noch genasen, dann dem Hungertod preisgegeben wurden, ist ein übles Gerücht, denn es war dann eben ein Ritus vertan und der Betreffende konnte sich entscheiden, wollte er den Weg des Geweihten weiter gehen oder zur Welt zurückkehren, Kinder kehrten sowieso zur Welt zurück. Das Sterbeconsolament sahen die Gnostiker sowieso nicht gleichwertig ihrer Ordination an, es beruhte auf der Annahme, lieber etwas für diese Menschen getan zu haben, als gar nichts. Allerdings mag es vorgekommen sein, dass ein Gläubiger sich aus eigenem Antrieb zu Tode hungerte, aber damit hatte die Bewegung nichts  mehr zu tun. Er war eben, trotz Consolament, nur ein Credens, ein Gläubiger, und handelte wie er es verstand. Der Abstand zwischen den – frommen – Gläubigen und den höchst unfrommen Katharern war inhaltlich wie äußerlich enorm. Berührungspunkte ergaben sich nur dadurch, dass die Katharer wie sie immer konnten, die Sorge für die Seelen der ihnen Anbefohlenen nach bestem Wissen und Gewissen trugen, sie wurden dadurch zu einem Pfarrer – Ersatz, denn der kümmerte sich, trotz Beichtzwang, nicht einen Pfifferling darum, er drohte nur mit dem Verlust des Seelenheils, wenn es um etwelche zu erbettelnde Geldleistungen ging. Die Lebensberatung war, wenn man sie in der Nähe hatte, auf jeden Fall Sache der Katharer und allenfalls noch der Franziskaner, die einander in dieser Sache aber nie ins Gehege kamen. Nach guter alter Manier tolerierten die Kirche und ihre Institutionen und die Katharer einander, wenn sie auch übereinander die Nase rümpften, sie fielen doch nicht übereinander her. Die Entwicklung in der Provençe ist mit ihrer beiderseitigen Aggressivität eine, wenn auch hervorstechende, Ausnahme. Überall sonst in Europa existierten die Katharer unter wechselnden Benennungen weiter oder fanden sich gar, wie in Böhmen, in ganz neuen sozialen Strukturen zusammen. Und nur selten erfuhren die frommen Credentes etwas von den inneren Lehren der Katharer – nach außen blieb die Bewegung stets eine „Kirche in der Kirche“ und so wurde sie dann auch von der christlichen Kirche letztendlich klassifiziert, so kann man es heute in jedem christlichen Geschichtsbuch lesen.

 

 

… weil ja nichts dabei ist

Das christliche Mittelalter schwirrt in ganz Europa von „heidnischen“ Ideen und diese Ideen füllen Bände von Geschichten, in denen die alten nordischen Götter in verschiedenen Verkleidungen auftreten. Die Hel wird zu Teufels Großmutter, die Freia zur guten Fee, Loki wird zum leibhaftigen Satan, Baldur zum tragischen Helden, Wotan zum weisen Vogel und so geht es weiter, die ganze Mythologie des Nordlands hindurch geben sich Zwerge, Riesen, Elfen und Kobolde, himmlische und irdische Götter ein Stelldichein, aber wie sagte ich: das deutsche Märchen kennt keinen deus ex machina, keinen Gott, der das aufgeworfene Problem im Handumdrehen und mit himmlischer Autorität löst, so etwas gibt es nur in christlichen Legenden, diesen phantastischen Travestien von allerhand Märchentypen, die aber in ihren Botschaften äußerst beschränkt sind und scheinbar außer dem Streben nach Gottgefälligkeit keine andere kennen, zudem ist diese Gottgefälligkeit stets mit viel Leid verbunden, dennoch: die Legende, sie ist das christliche Märchen und die Gegenstrophe zur auf weite Strecken „heidnischen“ Volkskultur. Im Märchen beraten und helfen die Götter, selbst vor den Menschen verborgen, ihnen zwar auf verschiedene Weise, aber nicht mit Wundern, sondern mit gutem  Rat. Handelnde sind und bleiben immer die Menschen, die in die Dornen fassen oder ganz ihr Leben lassen und sich entwürdigenden Verwandlungen aussetzen müssen um an ihr Ziel zu gelangen. Auf der anderen Seite helfen ihnen auch wunderbare Dinge, die sich aber stets im  Umfeld ihres Alltags bewegen: ein Spiegel, ein Tisch, ein Esel oder eine Nuss und ein Haar, das zufällig von des Teufels Scheitel stammt. Sieben auf einen Streich – das sind sieben Fliegen, die ein Schneiderlein mit seiner Klatsche erwischt hat, aber was macht das Schneiderlein mit seinem Mutterwitz nicht alles aus diesem Satz? Und wächst er nicht selbst an den Aufgaben, die ihm gestellt werden? Pechmarie und Goldmarie lehren uns, dass es nicht um die äußerliche Formel geht, sondern um Gesinnung und Tat und die Frau Holle ist natürlich die Göttin, die gerecht und in Ansehen der Person das Schicksal zuteilt. Auf den Zauberspruch zu vertrauen ist Torheit. Der wendet sein Schicksal zum Besten, der immer das tut, was ihm gerade vor die Füße fällt – eine  Ohrfeige für alle Okkultisten, ausgeteilt von der Göttin persönlich. Und in „Hänsel und Gretel“ kommt Hänsel sogar ohne jedes Wundergeschenk aus, allein die List reicht aus, ihn zu befreien und Vergeltung an der Hexe zu üben. Man muss nicht immer Zauber zur Verfügung haben, der Mensch ist auch aus sich selbst für seine Rettung gut. Ein Knöchelchen besiegt das Monster auch, denn Gier ist dumm, das ist die Lehre dieses Märchens, sowohl hinsichtlich der Hexe wie auch hinsichtlich der Stiefmutter, die ihr Ziel ja auch nicht erreicht, Not aber macht erfinderisch. Nebenlehre ist: bediene dich nur am Köder der Gier, das ist dein Recht, aber lege sie dann auch aufs Kreuz, auch wenn du zunächst wie ihr Opfer scheinst, du musst es nicht sein, benutze deinen Verstand. Nur aus dem Bauch des Wolfes können dich nur noch die Götter befreien, also schau, dass du nicht erst in denselben gelangst und sei nicht vorwitzig wie Rotkäppchen, dessen Vorwitz aus Dummheit kommt. Sondern sei klug wie das Geißlein, dass den Wolf auch mit der Kreidestimme erkannte und so seine Brüder retten konnte. Denn die Gefahr tarnt sich zuweilen, ein guter Rat auch an jene, die gerne über die Lehre plauderten, genau hinzuschauen, wer sich da für ihre Botschaften interessierte. Es könnte der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz sein. Auch in diesem Märchen, schau einer her, geschehen keine wunderbaren Dinge. Und sie geschehen im deutschen Märchen überhaupt viel seltener als man denkt, meist ist es eben der Mutterwitz, der die Lage klärt und alles so werden lässt, wie es sein soll. Und von Gottesfurcht und gottergebenem Leiden ist im Märchen nirgendwo die Rede, wer sich helfen  kann, heißt es, der tue es unverweilt, hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Das fromme Mittelalter ist, scheint’s, recht pragmatisch, wenn es um das tägliche Leben geht. Denn die meisten Märchen entstanden in diesem Mittelalter und so geben sie uns ein gutes Bild davon, wie der Mensch in diesem „christlichen“ Mittelalter doch so eminent unchristlich dachte, aber nicht unmenschlich. Im Gegenteil – menschlich anständig zu handeln und zu denken ist die Kernbotschaft aller Märchen, mögen sie nun Beispiele für die Lehre sein oder nicht und zugleich ist die Botschaft, dass Strafe, die den Unanständigen trifft, gerechte Strafe ist und ruhig auch grausam sein darf. Rumpelstilzchen reißt sich vor Wut selbst entzwei, das Pech geht nicht mehr ab, der Wolf wird vom Jäger erlegt, der König muss ewig den Fährmann spielen, denn es wird niemand mehr kommen, der den Bann löst und so geht es weiter. Aber manche Strafe ist auch, wie wir sehen werden, eigentlich keine. Denn  es ist  ja nichts dabei, wenn man ein Märchen erzählt… nun, im deutschen Sprachraum ist auf jeden Fall mehr dabei als im persischen, ist es nicht ein Versteckspiel mit Begriffen, so ist es eine Lebenslehre, die beherzigt werden will, Märchen sind nie „nur so“ erzählt. Und so ist am deutschen Märchen doch immer „etwas daran“ und manchmal auch, wie wir sehen werden, weit mehr als nur etwas.

Unterweltsfahrt auf Deutsch

Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

Nichts kann ihn umwerfen. Er erlebt haarsträubende Abenteuer, deren Erwähnung einem anderen bereits weiße Haare machen kann, aber ihn ficht das alles nichts an und weil er sich auch hin und wieder an einem solchen Abenteuer die Finger verbrennt, wünscht er sich nichts  so sehnlich, als dass es ihm einmal gelingen würde, sich zu fürchten. Er ist nicht, wie man meinen könnte, zu dumm, sich zu fürchten, er kann es einfach nicht. Es ist nicht so, dass er kein Gefühl für die Brisanz mancher Situation hat, aber er kann sich nicht fürchten, er ist eben der Lebendige, der weder Tod, noch Furcht kennt. Ist er nun ein Wunschkandidat für die Unterweltsfahrt oder eher das, was sich kein Lehrer zum Schüler wünscht? An Einsicht, erfahren wir, mangelt es ihm ja nicht… nur an praktischem Vermögen.

Wenn wir sein Verhalten auf die Unterweltsfahrt beziehen, was zweifellos hierbei eine gewaltige Rolle spielt, dann erscheint der, der sich nicht fürchten kann, als Verlierer. Denn Grundbedingung für jede gelingende Fahrt durch sich selbst ist der Umstand, dass der Betreffende sich vor bestimmten Situationen fürchten kann und – sie dennoch besteht. Er hat nichts davon, wenn die Ungeheuer links und rechts davonrennen, weil sie mit einem, der sich nicht fürchtet, nichts anzufangen wissen, er hat nichts davon, wenn keines der notwendigen Ereignisse der Traumfahrt zum andern passt und keines das andere hervorruft, weil sie allesamt von jemandem links liegengelassen werden, ihm also auch nicht weiterhelfen. Nichts kann ihn weiser, nichts ihn klüger machen, seine Wesensart erscheint als seit Urzeiten festgelegt und das ist nicht nur so dahin gedacht, dieses Wesen gibt es wirklich und es ist denen, die diese Geschichte ersannen, auch bekannt. Aber sie geben nicht auf, sie machen sich Gedanken darüber, wie man diese Klippe im Interesse dieses Wesens doch meistern kann. Die Lösung ist ebenso einfach wie wirksam: nicht aus der Vielfalt der schrecklichen Erlebnisse wird das Mittel gewonnen, sondern mitten aus der Vielfalt der alltäglichen Widrigkeiten, nicht Drachen und Geister bereiten ihm die Furcht, auf die es ankommt, sondern ein Eimer voller kleiner Fische, den man ihm ins Bett kippt. So weit so gut und ein gutes Lehrstück, dass es nicht die außerordentlichen Ereignisse sind, die uns Angst einjagen können, sondern dass es auf die kleinen Widrigkeiten ankommt, so kann man das auch lesen. Aber hier ist etwas Anderes gemeint, etwas das uns über die Grenzen des Mutes belehrt und darüber, wozu diese Grenzen dienen und warum es nicht gut ist, wenn Mut grenzenlos ist. Denn ein Wesen ohne Furcht geht über die Dinge, die es bilden und erziehen sollten, hinweg und seine Furchtlosigkeit wird ihm am Ende zur Falle – und aus diesem Grunde gibt es auch die kleinen, nichtigen Dinge, die wegen ihrer Winzigkeit unsere Großartigkeiten unterlaufen und uns den Grusel bescheren, den wir benötigen. Sie sind nicht mit Gefahr verbunden, die Stichlinge tun uns nichts, aber die nasse Berührung an unserer warmen Haut schafft, was die Feuergarben von Drachen und anderen Ungeheuern nicht vermögen – wir fürchten uns und lernen so, wie alle anderen zu sein, was der eigentliche Sinn des Gedankenspiels ist. Wie lernt ein solches Wesen, in dessen Natur die Furcht nicht existiert, sie dennoch zu empfinden? Es wird sie sicher nie in dem Maße empfinden, wie ein Wesen, das von seinen Ängsten getrieben wird und schon zusammenzuckt, wenn sich im Zwielicht nur ein Schatten bewegt – aber es wird sie kennen und ermessen können, dass sie für andere vielleicht ein anderes Maß hat. Es wird sie sicher leichthin überwinden, aber darauf kommt es nicht mehr an  – nur darauf, dass es dieses Gefühl kennen lernt. Wie sagte ein Freund einst zu mir: du hast es leichter als alle und du hast es schwerer als alle – der Satz war wohl gesprochen und auch wohl bedacht.

 

Vom Fischer und syner Frau

Dieses niederdeutsche Märchen ist vielleicht die Krone aller deutscher Märchen überhaupt. Die Handlung ist bekannt: Fischers Frau ist mit ihrem Leben nicht zufrieden und macht ihrem Mann Vorhaltungen. Der kann es nicht mehr hören und geht fischen, fängt auch einen großen Fisch – da horche man schon auf,  was ist denn mit dem großem Fisch gemeint – der ihn bittet, ihn zu verschonen, er wolle ihm auch seine Wünsche erfüllen. Nun, der Fischer selbst ist mit seinem Los zufrieden, aber kann der große Fisch, der Butt, ihm vielleicht auch die Wünsche seiner Frau erfüllen, auf dass er endlich Frieden zuhause habe? Nun wohl, ich kann, sagt der Butt und als der Fischer nach Hause kommt, ist die Frau und damit auch er selber reich. Aber zufrieden ist sie immer noch nicht, erst muss sie einmal Kaiser werden, dann Papst – bitte sehr, der Butt erfüllt Wünsche am laufenden Band. Aber dann will sie „der liebe Gott“ sein und der Fischer geniert sich fast, den Wunsch seiner Frau zu überbringen, aber der Butt meint nur, er solle nach Haus gehen, es sei alles so geschehen und der Fischer geht nach Hause, leicht fällt es ihm nie, so nach Hause zu gehen, weil er nie weiß, was ihn erwartet – aber als er nach Haus kommt steht da die vertraute Hütte und sein Weib ist darin bei der Hausarbeit und man hört auch nichts von einem Tadel – sie ist der liebe Gott geworden und sie weiß es. Der Butt hat Wort gehalten. Und das Knacken in unseren Schädeln beginnt. Wie, was, der Butt hat Wort gehalten? Ja, das hat er. Denn alle gesellschaftlichen Veränderungen zielen auf eine Wandlung der Situation, ein Kaiser lebt ein anderes Leben als ein Papst und beide ein anderes als ein Reicher. Aber „der liebe Gott“ sein, ist keine gesellschaftliche, sondern eine existenzielle Veränderung . An unserem gesellschaftlichen Status  ändert sich nichts – aber wir ändern uns in dem Moment, in dem wir unserer wahren Natur inne werden. Und so ist Fischers Frau das was sie immer war: Fischers Frau und als solche Gott. Oberflächlich scheint das Märchen den Menschen zu sagen: versteig dich nicht in deinen Wünschen und Generationen von Großmüttern und Enkeln haben es auch so begriffen, aber so ist es nicht zu begreifen, es ist ein volkstümlich gemeintes, aber nicht volkstümlich gedachtes Märchen über den eigentlichen Sinn von Gnosis. Es räumt auf mit allen Vorurteilen über „Gott“. Es rückt unser Verständnis davon so gründlich zurecht, dass wir die Frau des Fischers als Gott Netze flicken sehen wie sie es immer tat, aber nun weiß sie, warum sie es tut und sie tut es zufrieden. Nun ist sie mit sich versöhnt, das steht nicht da, aber kommt darin zum Ausdruck, dass nach der Verwandlung in Gott weitere Verwandlungen und auch weiterer Hader enden, auch der Butt verschwindet auf Nimmerwiedersehen im Meer. Er hat, der Lehrer der Erkenntnis, der „große Fisch“ des Thomasevangeliums, das ja in Deutschland ebenfalls bekannt war, sein Werk getan. Wie ein fernes Echo brandet auch noch der Spruch von den Frauen an unser Ohr, die auf dem Weg der Erkenntnis den Männern gleichgestellt sind und so will sie auch nicht Kaiserin oder Päpstin sein, sondern Kaiser und Papst und es wir ihr ohne Zögern gewährt.  Ich denke, mit dieser Geschichte hat man wohl mehr als einen Novizen zum Nachdenken über die Sache gebracht und irgendeiner hat die Geschichte dann seinen Verwandten erzählt – natürlich mit der allgemeinen Lehre, man solle seine Wünsche im Zaum halten, nicht in dem Sinne, in dem er die Geschichte selbst verstand. Aber so konnte er sie erzählen und das Ungeheure in sich selbst bewältigen, ohne sich Anfeindungen auszusetzen, denn das war und ist ja einer der Hauptvorwürfe gegen die Gnosis, das sie lehre, wie der Mensch sich „vergotten“ solle. Nun ja, einem Christen mag das auch harsch aufstoßen. Und weil die Geschichte gut komponiert und für ein Märchen auch inhaltlich schlüssig war, hat man sie, übrigens eines der ganz wenigen christlich angehauchten Märchen, weiter und weiter erzählt bis sie Jahrhunderte später den Brüdern Grimm zu Ohren  kam.

Einschlägige Weisheiten in den Randzonen

Der Machandelboom

Eines der „bitteren“, der unheimlichen Märchen, aber ein Hohes Lied der Treue, die belohnt wird. Meine Mutter, die mich schlacht‘/mein Vater, der mich aß/mein Schwester die Marlenichen/sucht alle meine Benichen/legt sie untern Machandelboom/ kiwitt, kiwitt, was für’n schöner Vogel bin ick.“

Eine Fee verwandelt die Knochen des toten Bruders in jenen Vogel, der nun selbst nicht nur an seiner Verwandlung, sondern auch an der Vergeltung der an ihm begangenen Wohl- und Missetaten arbeitet. Der Vogel singt sein Lied bei einem Schuster, einem Goldschmied und bei einer Mühle und für eine Wiederholung bittet er sich Gaben aus: ein Paar Schuhe, eine goldene Kette und einen Mühlstein.

Kaum ein anderes Märchen ist so „international“, die Anspielungen reichen vom Nordland bis nach Ägypten. Osiris, aber auch der Ba der ägyptischen Seelenlehre, aber auch der Phönix, lassen grüßen, in der Lichtgestalt im Wacholderbaum tritt die dreifaltige Göttin uralter, aber durch das ganze Mittelalter lebendiger Mythologie ältester Kulturschichten hervor,  der ahnungslos kannibalische Vater, die intrigante Stiefmutter, die den Totschlag, den sie selbst beging, ihrer Tochter unterschiebt und sie damit zum Schweigen bringt,  bis am Ende zur Vergeltung aller Taten, wobei die Stiefmutter vom Mühlstein erschlagen wird und der wiedervermenschlichte Sohn gemeinsam mit Vater und Schwester gut gelaunt ein Mahl halten, all das hat gesamteuropäische Parallelen und möglicherweise auch Wurzeln. Bezeichnenderweise spielt das ganze Märchen in einer Sphäre bürgerlicher Wohlanständigkeit. Übrigens ist zu bemerken, dass sowohl dieses Märchen wie auch das vorgenannte auf eine Mitteilung des Malers Philipp Otto Runge hin von den Grimms in ihre Sammlung aufgenommen wurden. Wer sich seiner Bilder erinnert, wird eine gewisse gesteigerte Geistigkeit in einigen nicht leugnen können und so steht dahin, ob die Überlieferung hier nicht absichtsvoll geschah.

Was nun will das Märchen uns sagen? Einmal ist es, wie schon gesagt, ein Hohes Lied der Geschwisterliebe, aber deren finden sich mehrere in der Sammlung. Dann aber ist es eines der ganz seltenen Märchen in denen Götter handelnd auftreten, die Göttin schenkt dem Jungen ein neues Leben, zunächst als Vogel, der er bleiben kann, aber nicht bleiben muss, der Rest kommt dann auf sein Geschick an ob er die Tat aufklären und die Beteiligten gerecht beurteilen kann. Erst als die Stiefmutter unter dem Mühlstein zerquetscht wird, erneuert sich seine menschliche Gestalt und zudem bleibt es offen, ob nicht aus dem Wacholderbaum die verstorbene Mutter als verklärte Seele hinaus tritt, die Interpretation, dass es die Göttin sei, ist nicht zwingend. Es ist eine Geschichte, die über den Tod hinaus geht und ihn am Ende bezwingt, so wie der Novize lernt, den Tod zu sterben und ihn doch zu bezwingen – und da ist noch ein uralter Zauber, nämlich das Erstehen eines Körpers aus seinen Knochen, den man bis in indianische Mythen hinein findet und bis nach Afrika. Eine derart bewusst kosmopolitische Haltung ist dem deutschen Märchen an und für sich fremd, aber der weite Horizont einer Bewegung, die sich durch ganz Europa zog, mag schon solche Assoziationen parat gehabt haben, die ägyptischen  inklusive, von denen sie ja letztenendes abstammt. Dem Novizen wird das Beziehungsgeflecht wohl erklärt worden sein, zusammen mit der Mahnung, auf sich selber acht zu haben und keiner bösen Stiefmutter in den Arm zu laufen, will sagen, der christlichen Maria, für die er immer nur ein gehasster Stiefsohn sein  kann. Seine echte Schwester aber, die Marlenichen, wird ihm durch das, was sie tut, zum Leben helfen und hinter ihr steht ihre große Namensschwester, die Miriam als seine wahre  Mutter – zumindest in einer möglichen Lesart. Die psychologistische Interpretation Salbers hingegen können wir wohl getrost dahinten lassen, sie findet außer in Salbers psychischer Verfassung selbst keine Anhaltspunkte. Hier geht es vor allem um die Position einer gesamteuropäischen Bewegung innerhalb derer der Novize sich zu bewegen lernen soll, einer Bewegung, die seit jeher mit den Mythen der Anderen spielte und sie bewusst zu einem Netz für die eigene Lehre zusammen fügte. Schau, soll das heißen, du bewegst dich in einer Ebene, die bis in die ältesten Zeiten der Menschheit zurück reicht und deren Geflecht Kontinente verbindet, von denen die Welt um dich herum noch nicht einmal weiß. Aber sei gewarnt, es gibt eine böse Stiefmutter und die nennt sich Christentum. Wirf ihr getrost einen Mühlstein an den Kopf und erstehe du aus deinen armen Knochen als der Phönix neu, der sie überwindet und wieder menschliches Wesen gewinnt.

Die kluge Bauerntochter

Das Märchen ist eine Lobrede auf die Vernunft, die frei schwebend alle Hindernisse überwindet und unbedingt ihrer Liebe folgt. Die Bauerntochter befreit mit ihrer Klugheit ihren Vater aus mancher Not, aber sie bringt ihn auch in Nöte, denn niemand glaubt ihm, dass er allein so klug sein  kann, ergangene Fehlurteile dadurch zu entlarven, dass er sie durchspielt, niemand glaubt ihm, dass er die Tochter so herbringen kann, wie der König es anordnet, dass sie hergebracht werden soll. Dieses Märchen ist nicht vordergründig eines, das sich mit den Lehren der Erkenntnis befasst, es hat nur insofern etwas mit ihr zu tun, als in ihr die Vernunft frei gegen alle Dogmen sich behauptet und doch die Liebe nie verliert, denn als es darum geht, dass die Bauerntochter das Liebste aus dem Schloss mitnehmen kann, da wählt sie den König, ihren Mann, den sie liebt, betäubt und entführt ihn. Und doch stehen weite Räume der Erkenntnis dahinter, denn der Vater, für den die Tochter handelt und dabei den König gewinnt, der ihre Klugheit teils liebt, teils ihr aber auch misstraut, bis er sieht, dass sie sich ganz für ihn entschieden hat, hat einen Hintergrund im Spiel kosmischer Kräfte, findet sich in der Gnosis des Thomasevangeliums nicht, wohl aber in der Schule der Miriam, die dabei verstohlen auf ihre eigene Aufgabe Bezug nimmt: zu allererst für den Vater da zu sein, so begriff sie es wenigstens zu ihren Lebzeiten. Hier geht es, wie man sieht, nicht um Einfalt, sondern um Stringenz des Denkens, um gangbare Pfade jenseits des Gewohnten, nichts wird geschenkt, nicht einmal alles gleich gegeben, dieses Denken und Handeln muss sich erst durchsetzen, wird auch von niemandem sonst durchgesetzt. Es polarisiert, findet ebenso Bewunderung wie argwöhnische Ablehnung, man vertraut sich ihm nur notgedrungen an und muss, bis es sich durchsetzt, auch noch weitere Gefahren bestehen, aber  – es setzt sich durch, allen Unkenrufen und allem Kopfschütteln zum Trotz. Übrigens ist das wieder solch ein Märchen in dem kein einziges Wunder geschieht –  ganz im Gegensatz zum vorigen. Aber ein Märchen, das gut in die Wertschätzung der Vernunft passt, die das Leben der Katharer beherrscht – übrigens ganz im Gegensatz zur ideologischen Wirrnis, die man ihren Lehren unterstellt. Dieser Vernunft, dieser Abwesenheit von allem „man sagt“ und „man tut“ war das ganze Leben eines Katharers gewidmet und er schreckte dabei auch vor den unkonventionellsten Lösungen nicht zurück, er nahm sozusagen den Stier beim Horn, auch wenn alle Welt schwor, dass man ihn am Schwanz zu packen hätte. Im Märchen hat die Bauerntochter Erfolg, wird ihre Klugheit gewürdigt und belohnt – und eben das ist, was diese Schelmengeschichte zu einem Märchen macht: im wirklichen Leben geschieht das nämlich nicht.

Dornröschen

Die dreizehnte Fee wird nicht eingeladen. Sie ist an und für sich nicht besser und nicht schlechter als alle anderen Feen und sie sieht nicht ein, warum sie ihre guten Wünsche für das neugeborene Kind nicht wie auch die anderen vorbringen soll – nur wegen eines menschlichen Aberglaubens? Als Fee, also als geistig wirksames Wesen über solchen menschlichen Schnickschnack erhaben, ist sie doch gekränkt und beschließt,  sich zu revanchieren. Sie lädt sich selbst ein und niemand kann ihr den Zutritt verwehren. Man muss ihrem Wunsch entsprechen, und sie gibt dem Kind ihr spezielles Geschenk mit: an ihrem dreizehnten Geburtstag – eine humorige Anspielung auf das menschliche Getue – soll sie sich an einer Nadel stechen und daraufhin mit dem ganzen Schloss in einen ewigen Schlaf fallen – nein, sterben soll sie nicht und auch eine Möglichkeit soll ihr gegeben sein, zu erwachen, nämlich wenn ein Sterblicher zu ihr vordringt, die Dornen überwindet, mit denen das ganze Haus überwuchert sein wird, und sie wachküsst.

Es geht also um den unseligen Aberglauben und es geht um den Umgang mit Verletzlichkeit und es geht um die Macht der Liebe, um die geht es beinahe immer im Märchen. Was aber kann die Dreizehn dafür, dass sie die Dreizehn ist? Gar nichts. Sie ist eine Primzahl – nun gut,  vor ihr und nach ihr gibt es Primzahlen in der Reihe, daran kann es also auch nicht liegen. Aber wir wissen nun, dass dieses Märchen auf jeden Fall nach 1374 entstanden ist, denn vorher war die Dreizehn nicht besser daran als die Dreiundzwanzig und nicht schlechter als die Elf. Erst ab diesem Datum beginnt die Karriere der Dreizehn als Unglückszahl. Es war ein Freitag der Dreizehnte, an dem auf Befehl von Papst und König alle Tempelritter in Frankreich verhaftet wurden. Der Coup war lange vorbereitet worden und hätte der Papst wie einst in Rom residiert, es wäre wohl nie dazu gekommen, aber der Papst residierte seit geraumer Zeit in Avignon unter der Herrschaft des französischen Königs. Seither hat der Freitag der Dreizehnte seinen Schlag weg und mit ihm auch die Dreizehn und mit ihm also auch die dreizehnte Fee, deren Zorn über diesen Unsinn man nun verstehen kann.

Hundert Jahre schläft die Prinzessin und mit ihr das ganze Haus und die Dornen wachsen über das Haus, ehe ein Prinz, unbekannt warum, beschließt, sich gerade diese Prinzessin als Braut zu holen. Braucht Ehrgeiz eine Logik? Nein, die braucht er nicht, obgleich er sich gerne mit einer solchen schmückt, nun, das Märchen, in seinen Anforderungen gründlich, verzichtet. Der Prinz schafft es auch, er überwindet die Dornen und küsst die Braut wach, das Leben geht weiter. Und wo bleibt die Gnosis? Auf der Strecke? Ja, irgendwo da draußen bleibt sie in der Dornenhecke, denn sie ist die Dornenhecke, die der Prinz überwinden muss, um den Lohn, die schlafende Erkenntnis, wach zu küssen, warum, weiß er selbst nicht, er hat da mal etwas gehört, von etwas Unerreichbarem. Aber gerade das Unerreichbare ist es, das ihn reizt, er wäre sonst kein Prinz. Er hat das Recht, ja sogar die Pflicht, unvernünftig zu sein wie der Novize der Erkenntnis, der sich nach etwas streckt, das man für unerreichbar hält und gerade darum wagt er es. Niemand zieht ihn empor, niemand hilft ihm, auch in diesem Märchen winkt Erfolg nur dem, der auch das anscheinend Aussichtlose wagt und den Bann bricht – ungeachtet dessen, dass der Bann ja brüchig sein soll, denn das Leben soll und muss ja weitergehen und sei es mit hundertjähriger Unterbrechung. Was sind hundert Jahre vor der Ewigkeit? Nichts. Und es geschieht also: kurz ehe Schloss und Prinzessin ewigem Vergessen anheimfallen, kehren Leben und Normalität zurück, eben wie es auch in der Erkenntnis ist: wenn just der Moment gekommen ist, an dem entweder alle Vernunft versagt oder alles Leben stillsteht, kommt jemand und wagt es und sei es dann mit Unvernunft, den Himmel zu stürmen und den Göttern das Feuer zu entreißen und die nie zuvor gesehene Liebe wachzuküssen – es ist allein seine Entscheidung, nichts drängt ihn, das Schloss fehlt im Grunde niemanden wirklich… aber es soll eben nichts geben, das unerreichbar wäre und dem Leben auf immer entzogen und die Liebe, die blinde Liebe, macht das Unmögliche zur Tat. Auch dieses Märchen, scheint es, hat man Novizen erzählt, möglicherweise um ihren Willen zum Noviziat zu prüfen, und sie haben es weiter erzählt, weil es so hübsch ist und ja nichts dabei ist… und so ist es dann auch einem Walt Disney in die Finger geraten…

Schneewittchen

Rot wie Blut, weiß wie Schnee, schwarz wie Ebenholz – wo haben wir das schon einmal gehabt? Richtig, im Märchen vom Machandelbaum. Dort muss der Junge als Opfer sterben und wird zum Phönix und dank eigener Intelligenz wieder zum Menschen, hier ist es das Mädchen, das die Farben der Göttin trägt und auch sonst sieht sich einiges ähnlich, die Stiefmutter spielt als die Bedrohliche wieder eine Hauptrolle und der Mann, der König, fällt auf sie herein und auf ihre Ränke. Spieglein, Spieglein an der Wand… und die wahre Göttin wird schon wieder verfolgt von der intriganten Jungfrau Maria. Und wieder hilft es ihr wenig, aber hier geschehen keine Wunder. Der Jäger verschont das Schneewittchen, weil das Töten zwar sein Beruf ist, nicht aber das Morden, die Zwerge arrangieren sich mit ihr, obschon sie ganz anderen Sphären der Existenz angehören und gewinnen sie sogar lieb – so lieb, dass sie sie vor den Ränken der bösen Frau warnen. Aber sie fällt dennoch auf sie herein, und nur der Zufall rettet sie und zuletzt  scheint auch er zu versagen. Der Prinz findet nur noch die Tote im Glassarg, schön und kalt. Die Stiefmutter erhält endlich die richtige Botschaft ohne Nachsatz… aber Schneewittchen… und atmet durch. Die alte Qual scheint besiegt… und da fällt Schneewittchen das Apfelstück aus dem Mund, das sie bannte, und sofort beginnt sie wieder zu atmen, der Sarg wird geöffnet, der Prinz, der Novize der Erkenntnis, heiratet seine Angebetete und der Spiegel hat wieder seinen Nachsatz: … aber Schneewittchen… das Ende der bösen Königin.

Die Botschaft ist: in der großen Lehrerin der Erkenntnis, die von Gallien aus bis nach Germanien hinein gewirkt hat, haben viele keltische und germanische Völker eine Verkörperung ihrer großen Göttin gesehen, die vor den antiken Gottheiten da war und die weithin verehrt wurde. Nun, Miriam hat sich selbst gewiss nie so gesehen, aber sie konnte es auch nicht verhindern, ebenso wenig wie sie es verhindern konnte, dass sie eponym wurde für die große Frau der Christen, die demütige Magd Maria, die zur Himmelskönigin – zur Stiefmutterkönigin – wurde. In der katholischen Kirche heute weiß man nicht mehr so recht, wohin mit ihr… aber das nur am Rande. Diese große Frau sollte besiegt und ausgerottet sein, aber sie ist es nicht, sondern durch den Eifer und die Beharrlichkeit ihrer Schüler ist sie und ist ihre Botschaft lebendig geblieben, weder Gewalt noch Betrug haben ihr etwas anhaben können, so gefährlich es auch ab und an aussah. Erkenntnis und Mythos finden hier, wie auch in anderen Märchen, zusammen, das haben sie auch in Kleinasien, das haben sie in Ägypten getan und in Israel und das haben sie auch in Griechenland getan. Es gehört zum Wesen der Gnosis, dass sie sich mit Vorgefundenem arrangiert, dass sie sozusagen die Sprache derer redet, zu denen sie redet. Es mag Manchem sicher etwas viel von dieser Miriam und ihren Apotheosen die Rede sein, aber man bedenke, wie intensiv und vor allem wie eingängig sie gelehrt haben muss um derart in der Erinnerung der Völker zu bleiben. Man versteht dann auch, warum der spätere Marienkult die Präsenz des Christus derart hat verdunkeln können – der von ihr verehrte Lehrer der Erkenntnis war fern, sie aber war denen nahe, die von ihr über die Lehre nicht nur erfuhren, sondern sie selbst konnte sie praktisch darin ausbilden und so entstand ihr Ruf als Wundertäterin, denn einige Stücke des Unterrichts sind in der Tat „wunderbar“ zu nennen obgleich sie nichts als menschenmöglich sind. Es ist also kein Wunder, wenn Miriam in verschiedenen „Verkleidungen“ im Märchen eine größere Rolle spielt als Jesus, dessen Lehren sie verbreitete.

Etwas Besseres als den Tod… die Bremer Stadtmusikanten

Kommen wir nun zu einer mehr humoristischen Geschichte, die von denen handelt, die nichts mehr zu verlieren haben und die zugleich ein hübscher Seitenhieb auf die Qualität der Bremer Ratsmusiker ist. Eine krähende, fauchende, bellende und schreiende Katzenmusik soll es sein… und dabei ist die Geschichte doch auch so viel mehr als nur eine  auf deren Kosten. Da ist nämlich ein Satz und den sollte man sich hinter die Ohren schreiben, wenn alle Welt einen als depressiv abtun will: etwas Besseres als den Tod finden wir überall. Denn die armen Tiere sind, so entwickelt der unbekannte Spötter seine Geschichte, von der Gesellschaft abgeschrieben, keiner will sie mehr haben, denn sie können ihre angemessene Aufgabe nicht mehr erfüllen und ein Altenteil für Tiere gibt es nicht, sie leisten oder sie sterben. Unsere Tiere aber wollen sich diesem Diktat nicht fügen und formieren aus ihrer Untauglichkeit heraus für sich eine neue Rolle: eben als Stadtmusikanten in Bremen, mag man darüber nun denken wie man will. Mag auch keiner an sie glauben, sie glauben an sich selber. Und – der Spott nimmt kein Ende – sie haben Erfolg mit ihrer Erfindung, gerade weil sie entsetzliche Marter für die Ohren ist, es gelingt ihnen, die Räuber, die die Stadt bedrohen, zu verscheuchen, denn die glauben, ein schreckliches Untier bewache die Stadt und nehmen Reißaus. Der Spott ist unüberhörbar  – die Bremer Ratsmusik sollte man dafür einsetzen, Räuber zu scheuchen anstatt zu spielen… das entgeht wohl keinem und die Stadt Bremen hat denn auch mit Augenzwinkern ihren Stadtmusikanten ein schönes Denkmal gesetzt, direkt vor dem Rathaus.

Die Weisheit der Geschichte aber liegt darunter: gib nie auf, sagt sie, auch wenn alle dich aufgeben. Mach dir nichts daraus, an den Rand der Gesellschaft gespült zu werden, es wird immer noch etwas geben, das du ihr geben kannst, du musst es nur finden und du wirst es in dir selber finden, so wie du gerade bist, ein abgewrackter Esel, ein Hund mit stumpfen Zähnen, eine Katze die die Mäuse nicht mehr sieht, ein Hahn, der seine Hennen verlor… darauf, auf diese Begleitumstände, kommt es nicht an, sondern es kommt allein auf dich selber an, ob du dich von ihnen abhängig machst oder nicht. Akzeptierst du das Urteil, das man über dich fällt, oder hältst du dagegen und erfindest dich neu, das ist der Punkt auf den es ankommt. Statt einsam vor dich hin zu brüten mach dich auf und erfahre, dass Gemeinschaft stärkt und auch deine Kraft vervielfältigt. Statt depressiv in der Ecke zu hocken, mach aus deinem Leben, auch wenn du gar nichts mehr kannst, wieder etwas, das du kannst und „etwas Besseres als den Tod findest du überall“.  Du kannst zwar nicht musizieren, aber das, was du kannst, bewahrt, klug gehandhabt,  die Bürger vor Raub und Mord und das ist doch auch etwas… und so und in diesem Sinne wird man die Geschichte denen erzählt haben, die sich am Rande der Gesellschaft und weggeworfen fühlten und die deshalb an die Tore der Konvente klopften. Man nahm sie nicht auf, sondern gab  ihnen diesen Rat auf den Weg: etwas Besseres als den Tod findet ihr überall… wohlan.

Aschenputtel

Ach ist das schön… Aschenputtel bekommt den Prinzen, denn nur ihr passt der Schuh, nach dessen Trägerin er überall suchen lässt. Ihre Stiefschwestern würden alles darum geben, den Prinzen zu bekommen und sie geben alles, verstümmeln sich selbst, leiden Schmerzen und erreichen nichts.

Aschenputtel ist wie die Lehre von der Erkenntnis ein Kind, das man gern und absichtsvoll übersieht. Aber unentwegt sorgt sie für Ordnung im Haus, während ihre faulen Stiefschwestern den lieben Gott einen guten Mann  sein lassen. Und weil sie unentwegt die Ordnung aufrecht erhält, hat sie auch Helfer, die machen die Schikanen zunichte, mit denen man sie von der Welt fernhalten möchte indem sie die Arbeit besser und schneller für sie verrichten als sie es könnte und dazu noch statten sie Aschenputtel standesgemäß aus, denn die Erkenntnis in ihrem wahren Gewand ist absolut gesellschaftsfähig, gebildet, schön und geschickt. Sie ist die legitime Tochter ihres Vaters und die Asche in die man sie stieß ist nur der Neid derer, die ihr doch nicht das Wasser reichen können. Das ist die Rolle der Erkenntnis in jener Zeit. Sie ist in die Asche gestoßen, sie wird von den Christen schikaniert und ausgeschlossen – aber sie meistert alle Hindernisse und sie schnappt sich am Ende den Prinzen und damit die Herrschaft über die Welt, denn sie gewinnt seine Liebe. Daheim, in der Asche, ist sie schweigsam und demütig erträgt sie den Spott von Stiefmutter Maria und den Stiefschwestern, den  Christen insgemein, besonders aber den Klerikern aller Sparten. Gott – der Vater – schweigt zu allem, er wird im ganzen Märchen nicht reden, er lässt Aschenputtel allein und auf sich gestellt. Er weiß nichts und es geht ihn auch nichts etwas an… er verrät seine Tochter nach Strich und Faden. Nur die Mutter gedenkt aus dem Grab heraus ihrer und tut, was nötig ist. aber alles kann sie auch nicht tun, also kommen die Helfer.

Und dann als das Schicksal kaum mehr abzuwenden ist und Aschenputtel wohl den Prinzen bekommen muss, denn ihr allein passt der Schuh, kommt die Zeit der Täuschungsmanöver. Christen behaupten, der Schuh Erkenntnis würde ihnen passen, gründen Bettelorden, haben Visionen, reisen als Volksprediger durch die Lande – und schaffen doch nichts, denn „Blut ist im Schuh“.. halt, das Blut ist an ihren Händen. Jeder versteht – die können es nicht sein. Denn sichtlich passt der Schuh nicht. Ich habe heute, am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, Pfarrer erlebt, die christlich Erkenntnis  predigen wollten, es hat sie zwar das Amt gekostet, aber Erkenntnis haben sie nicht gelehrt, nur eine Art mystisch verquastes Christentum wie Eugen Drewermann. Die Sache mit Aschenputtel ist also immer noch brandaktuell, der rechte Fuß ist immer noch nicht im rechten Schuh. Aber der Prinz wird den rechten Fuß finden, das ist sicher, denn er hört nicht auf, nach ihm zu suchen und das ist das Wichtigste: wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er gefunden hat…

 

Froschkönig

Puh, was muss man sich nicht alles antun! Frösche küssen… aber da ist noch einer, der in dem Märchen oft vergessen wird, der eiserne Heinrich nämlich, der treue Begleiter und Lehrer des verzauberten Königs, um dessen Herz drei eiserne Bande liegen, die es beengen, Fesseln der Sorge ob er  es schaffen wird, sich von dem Bann, der auf ihm liegt, zu befreien und der dessen keineswegs sicher ist. Als der König die Prinzessin am Brunnen trifft, springt das erste Band ab. Aber die andern drücken noch immer das Herz zusammen mit eiserner Sorge, so ist das gemeint. Denn der Fluch, der den Herrscher in ein unansehnliches und, mehr noch, ein geradezu ekliges Geschöpf verwandelt hat, ist schwer und nicht gelöst. Er hat viele Namen die alle in einem einzigen zusammenfließen: der König erscheint als das genaue Gegenteil von allem was er ist, er scheint ein Verlorener, ein Verachteter zu sein, einer, dem man sein gegebenes Wort nicht halten muss. Und ist man drauf und dran es einzulösen, quakt der Frosch und alle schönen Träume verfliegen vor einem kleinen, schleimigen Ungeheuer. Das Reich, das da wartet, ist, so scheint es, schier nicht auffindbar. Wer küsst schon einen Frosch! Aber graust sich nicht auch der Frosch vor der Berührung eines menschlichen Mundes? Wir erfahren es nicht, wir erfahren nur, dass das zweite Band bricht, als die Königstochter ihr Versprechen gibt. Da weiß sie noch nicht, was sie verspricht und es bedarf mehrere Anläufe, bis sie endlich beherzt genug ist, es zu tun und den Frosch zu küssen. So geht es den Menschen mit der Erkenntnis wohl auch – ihnen erscheint zunächst ein kleines, quakendes, schleimiges Tier. Aber das Märchen erzählt auch noch eine andere Geschichte, es ist die vom König der Welt, der zum Bettler, zum Abschaum wurde und den man am Ende zornig an die Wand donnert – woraufhin der Fluch bricht und der König erscheint. Der Frosch kann eine Krankheit sein, die entmenscht, die den Kranken seiner ganzen menschlichen Würde beraubt, die nichts mehr von ihm übrig lässt als eben diese Krankheit. Man muss ihn küssen, so krank wie er ist und so leer oder man muss ihn zornig gegen die Wand werfen, weil diese Krankheit so unbesiegbar erscheint. Dann erst wird der König offenbar und das anscheinend garstige Werk war die Wohltat die auch das letzte Band sprengt und Heinrich, den sorgenvollen Kammerdiener, mit dem König, dem er bis zur Selbstaufgabe diente, befreit. Viele Katharer werden den Frosch geküsst haben – aber keiner von ihnen warf ihn wohl gegen die Wand, vielen erschien er als König, aber er blieb nicht, was er war, er wurde wieder zum Frosch, man vergebe mir diese Freiheit. Oder doch – einer warf ihn gegen die Wand und fand im erscheinenden König sich selbst wieder. Auch das geht und schließt wieder an an unseren gnostischen Solitär, der selbst noch einen Grass bezaubern konnte. Denn so richtig aufgelöst ist die Geschichte noch nicht…

Persisches Rosenwasser und deutscher Apfelsaft

Nein, es bleibt dabei, ich kann ihn nicht leiden, den Meister Rumi, mein Meister kann er nicht sein, er sucht ja Gott und ich suche ihn nicht. Laut mit den Armen fuchtelnd schleudert er seine langen Gedichte hinaus und immer noch fallen Esoteriker aller Sparten beinahe in Ohnmacht vor seiner Wortgewalt, wissen Sie –  er kann mich  mal….

Aber das ist das Malheur des orientalischen Märchens, dass es Gott sucht. Dabei kommt es sogar so weit, dass es Gott in der Nähe vermutet, aber zum Entscheidenden kommt es nie. Es hebt immer Schranken auf zwischen dem und dem… aber da sind gar keine. Persisches Rosenwasser duftet, aber es macht nicht satt – deutscher Apfelsaft stillt den Durst und den Hunger zugleich. Außerdem duftete er wunderbar nach Honig. Aber nur, wenn er unverfälscht ist.

Man sagt den Mitteleuropäern nach, dass sie auf persisches Rosenwasser angewiesen wären  – das sind sie nicht, ihr Apfelsaft ist mindestens ebenso gut wenn nicht besser. Aber er wird in derart homöopathischen Dosierungen angeboten, dass vom guten Apfel beinahe nichts mehr darin ist. Stattdessen schmeckt die Chemie – wie bei der ganzen Esoterik üblich.

Nun kann es nicht sein, dass die guten, alten Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm in den Rang philosophischer Erörterungen erhoben werden – sie sollen Kinder- und Hausmärchen bleiben, Stoff für ungezählte Lese- und Vorlesestunden, für Theaterstücke, Filme, Musicals, Opern, Cartoons, was auch immer. Aber man sollte wissen, dass einige unter ihnen – meine Auswahl ist willkürlich und es ließen sich sicher noch mehr finden – einen Schatz bewahren, der in unseren Breiten als im Mittelalter verloren galt und nur erklärten Häretikern noch bekannt. Dass dem ganz und gar nicht so war, und dass dem ganz und gar nicht so ist, das zu begreifen soll diese kleine Arbeit anregen. Man muss sicher nicht überall Geheimnisse vermuten, aber mehr als nur nette Geschichten sind deutsche Märchen immer, das unterscheidet sie von vielen anderen europäischen Geschwistern. Vielleicht können ihnen die russischen Märchen darin Konkurrenz bieten, deren dunkle Phantastik aber in ganz andere Kulturen zurückreicht und in denen ganz andere Götter auferstehen.

Ich halte nichts, aber auch gar nichts davon, Märchen psychologistisch zu deuten. Sie sprechen nicht von Seelentiefen, sie sprechen von dem, wovon man sonst nicht sprechen darf. Sie spucken auch nicht Archetypen um sich herum, denn was ein Archetypus ist, bestimmt allein C. G. Jung. Sie erzählen Geschichten, Gleichnisse, sie machen mythische Anspielungen auf damals Bekanntes, das vergisst man oft, dass wir heute unwissender sind als unsere Vorfahren. Heute steht man vor mittelalterlichen Bildern und weiß nicht, was man sieht, dicke Bücher werden geschrieben… „und uns blieb nur das entseelte Wort“ fällt mir jetzt gerade ein, aber auch Umberto Eco*s „uns bleiben nur nackte Namen“, was ungefähr dasselbe meint: wir haben unsere Kontinuität verloren. In den Märchen blieb sie erhalten, daher sind sie so zu nehmen wie sie liegen „das Wort sie sollen lassen stahn“ und kein Drewermannsches Psychogramm dran heften. Sie sind mehr als sie zeigen, aber DAS sind sie nicht. Und sie zeigen auch nur uns weniger als sie sind, einst waren sie offen für jedermann, einst war auch ein Bild von Hieronymus Bosch kein Rätsel und jeder wusste, was die Dinge auf Neidharts Bildern bedeuteten.

Und was ist mit dem Orient? Einmal ist dort die Gottsuche, die im Westen nicht stattfindet, dort sind die Götter gleich im nächsten Wald zuhause und das Christentum hat im Märchen nur einen Anstandsplatz, wenn es nicht ganz und gar angefeindet wird. Aber an Kunstfertigkeit haben orientalische und deutsche Märchen einander wohl nichts voraus, beide sind Ausdruck eines genauen Willens diese Geschichte zu erzählen, diese Botschaft zu übermitteln und keine andere. Man hat früher diese Geschichten weniger Kindern vor dem Schlafengehen erzählt als Erwachsenen am abendlichen Feuer. So war es auch im Orient, wo der Märchenerzähler seinen festen Platz unter den Institutionen der Gesellschaft hatte. Mohammed hasst ihn, weil seine Märchen eine bunte Welt vor den Hörern ausbreiten, mit der der Koran nicht  mithalten kann, auch die erzählerischen Passagen sind dem zeitgenössischen persischen Märchen nicht ebenbürtig. Die Märchenerzähler stahlen ihm mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder die Schau. Und auch das orientalische Märchen ist keineswegs einfältig. Aber es bietet andere Lösungen an, ist verzweigter, mehrdeutiger als das deutsche. Auch im Orient haben die Sufis denen Märchen erzählt, die sich als ihre Schüler betrachteten. Nur – im orientalischen Märchen wird man in die Sphäre des Göttlichen emporgezogen, im deutschen Märchen liegt diese Ebene gleich nebenan am Brunnen. Im Orient taucht man ins Meer hinab und ist doch kein Fisch… im Westen steigt man in die Hölle, aber nur um den Teufel um drei goldene Haare und etliche Informationen zu erleichtern. Nirgendwo steht, dass man dazu Fisch oder Lurch werden müsste, man muss sich nur mit des Teufels Großmutter gut stellen – was auch gelingt, denn Glückshaut ist Glückshaut und wem sie bestimmt ist, der hat seine Wahl schon getroffen. Aber seltsamerweise – Gott fehlt in diesem Märchen und es kommt wunderbar ohne ihn aus und Teufels Gro0mutter erweist sich als Verbündete der Menschen und kluge Nothelferin… aber nun soll es genug sein und den Rumi – ach, den stecken wir am besten gleich dahin, wo ihn nur noch Mystiker finden und auf seinen gottbegeisterten Versen selig dahin schwimmen können – aber es gibt doch mehr als nur ihn, es gibt den Nizami, den Chajjam, den Hafis, es gibt die Liebesgeschichte von Medschnun und es gibt die persischen Sammlungen und darin auch manch lehrreiches Stück – aber wir können sie beruhigt im Orient lassen, wir haben selbst genug Stoff – lasst uns einander unsere Märchen neu erzählen wie es die Alten taten….

Wer sich mit den Gefahren des Alkohols auskennt, ist im Bilde. Denn der Alkohol ist nicht der Grund, warum Menschen von ihm krank werden. Der Mensch ist der Grund. Man kann sich mit einem edlen Wein Stunden der Freude bereiten, man kann bei einem guten Whisky die Welt herauf und herunter besprechen und man kann – wohlbemerkt – auch einmal einen „über den Durst“ trinken, wenn man sicher sein kann, man wacht, wenn auch  mit einem dicken Kopf im eigenen Bett wieder auf und nach einem schlechten freien Tag kann man sein Leben weiterführen wie bisher. Der Alkohol macht, anders als andere Drogen, nicht an und für sich süchtig. Dafür wurde er auch nicht erfunden, sondern einmal um den Menschen etwas Trinkfähiges auch dort zur Verfügung zu stellen, wo das Wasser nicht gerade trinkbar war, wie in den Städten des Mittelalters, in denen man stattdessen ein sehr dünnes Bier trank oder auch eine Art Malzbier, schmackhaft zwar, aber so gut wie ohne Alkohol, das bekamen schon Kinder.  Im Süden gab es stattdessen einen leichten Landwein, der auch noch verdünnt wurde, so dass diese Schorle auch Kindern zuträglich sein konnte. Die gefäßerweiternde Wirkung des Weines sorgte denn auch dafür, dass Verkalkungen wirklich nur eine Erscheinung des sehr hohen Alters waren – die Menschen des Mittelalters und der Antike starben an anderen Krankheiten und wurden meist nicht so alt, dass sie überhaupt solche degenerativen Erscheinungen erlebten, oder sie fraßen sie sich regelrecht an, wenn sie nämlich wohlhabend waren, lebten sie auch nicht mehr sehr gesund. Aber an Alkoholismus gingen sie nicht zugrunde, wenn man auch Säufer und Säuferinnen kannte.

Geld macht auch nicht süchtig. Dass es existiert hat seinen guten Grund, denn Geld ermöglicht die wechselseitige Evaluierung von Waren und Leistungen rund um den Erdball. Die Unken, die fanatisch nach der Abschaffung des Geldes schreien, sollten mal nachdenken wenn sie dazu noch fähig sind. Denn die Umrechnung einer Kuh in so und so viel Münzen sagt weit mehr aus als nur ein Tauschäquivalent. Sie sagt aus, wo die Kuh geboren wurde, wo sie verkauft wurde, wo sie ihre Milch gab und auch wo sie zuletzt geschlachtet wurde, denn all das ist zu verfolgen an den Münzen, die für sie bezahlt wurden. Und für das jeweilige Tauschäquivalent hat der Bauer dann, wie  Hans im Glück, anderes, das er ebenfalls brauchte oder auch nur gern gehabt hätte, eingetauscht und so anderen Produzenten einen Markt für ihre Güter geschaffen. So ging es weiter bis ins Industriezeitalter. Im Industriezeitalter kamen Leute auf die tolle Idee, den erzielten Mehrwert, also den Erlös eines Gutes, der über die Herstellungskosten hinausging, nicht mehr in die Innovation des Betriebes zu stecken oder ins Heiratsgut der Kinder oder ins Erbe, sondern er betrachtete diesen Mehrwert nun selbst als Ware mit der er andere Mehrwerte kaufte und über die Mehrwerte Beteiligungen an anderen Betrieben erwarb und sich an deren Mehrwerten beteiligte ohne dass er selbst hätte investieren müssen. Der Moment war gekommen, wo das Geld zu „arbeiten“ begann. Nämlich in anderen Betrieben., aber immer noch in einem realen Produktionsprozess.

Nun kam aber der Moment, in dem mehr Geld unterwegs war, als Produktionsprozesse liefen. Und so wurde nur noch Geld gegen Geld „gewettet“, ohne dass es dafür irgendeine reale Grundlage gegeben hätte, es wurden Zahlen geschrieben und hin und her geschoben, ohne dass dafür auch nur eine Schraube ein Lager verließ. Natürlich verwettete der und der sich auch einmal und verlor alles wieder. Das kam vor. Und natürlich braucht auch dieses Wettbüro, mit anderem Namen genannt Wallstreet, ab und an eine Spritze richtigen Geldes, dafür werden dann Anleger mit obskuren Produkten angeworben, die ihr Geld natürlich verlieren, denn dazu ist das Produkt ja da, damit Anleger ihr gutes Geld dem schlechten hinterher werfen. Das ist aber dann schon vergleichbar mit dem Gegenstand, den ein Junkie bei jemandem klaut, um ihn dann zu verkaufen und Stoff dafür zu kaufen. Hier ist also die Sucht schon in vollem Gange.

Ich habe das Problem hier nur skizziert, es sind Tausende kluger Bücher darüber geschrieben worden, wie Börse „geht“ und warum es ist wie es ist. Aber ich habe noch kein Buch gefunden, das sich  mit der Therapie gegen diese Sucht befasst. Es gibt noch keinen Drogenbeauftragten für Bankvorstände. Aber es sollte ihn geben, denn hier geht es nicht mehr um reale Geschäfte, hier geht es nur noch darum, von etwas, von dem man nie genug bekommt, immer mehr zu bekommen. Statt Geld könnte man hier auch „Heroin“ sagen oder Math, ja ich glaube, Math trifft es sogar besser, denn der Sinn der Sucht ist nicht Schläfrigkeit wie beim Heroin, der Sinn der Sucht ist Aufputschen, überwach und entsprechend hektisch zu sein. Und die endliche Wirkung ist auch hier ein entsprechender Kater, der im totalen Zusammenbruch enden kann, wir haben‘ s  alle gesehen und durften alle helfen, ob wir wollten oder nicht, denn die Sucht hatte auch Staaten mitgerissen, je ärmer umso tiefer hinein und wer viel geschluckt hatte, bekam auch den größten Ärger. Und wie der arme Junkie in höchster Not dann doch zur Mama rennt, rannten sie zu den Staaten, die sie sonst verfluchen wie der Junkie seine Eltern sonst verflucht und winselten um Hilfe. Der Staat musste helfen, denn er konnte sich den Zusammenbruch all der Banken in denen ja auch seine Gelder verwaltet wurden, auf die Schnelle nicht leisten. Mama räumte ihr Portemonnaie, was sollte sie sonst tun, man kann den armen Jungen ja nicht verkommen lassen – doch, man hätte ihn verkommen lassen sollen, die eigenen Gelder aus der betroffenen Bank heraus nehmen und selbst verwalten, notfalls eine Bank verstaatlichen, damit alles weitergeht wie gewohnt und ansonsten: seht doch zu, ihr Menschheitsbeglücker.

Es gibt eine probate Suchttherapie, die darauf ausgeht, den Leidensdruck des Betroffenen zu steigern, statt ihn zu mildern. Die Freunde werden angehalten, ihn zu verlassen, Kinder, Frau und Verwandte werden angehalten, sich von ihm zu trennen, dem Wohnungsvermieter wird nahegelegt, den  Mann gnadenlos räumen und dem Betrieb, ihn ebenso gnadenlos zu kündigen. Die Methode, wie man mit den Zockern hätte verfahren sollen, war also längst bekannt. Natürlich – dabei gehen sechzig Prozent der Betreffenden dann ganz kaputt und kommen nie mehr auf die Beine, aber so an die zehn Prozent kommen zur Besinnung und die restlichen dreißig sprangen unterwegs von der Brücke oder von einem Hochhaus oder setzten sich den goldenen Schuss. Aber so ist es mit einer Sucht – sie ist eben potenziell tödlich. Da darf man doch nicht zimperlich sein. Unter uns, ich bin kein Freund dieser Methode, aber sie wird allseits empfohlen. Nur auf dem Finanzsektor nicht. Man hat noch nicht erkannt, dass der Umgang mit Geld dort den Charakter eines Suchterkrankung hat. Man nimmt ihn noch ernst, denkt immer noch, das sei Wirtschaft – das ist es längst nicht mehr. Das ist auch kein Spiel mehr, in dem man einen unverhofften Gewinn erlangen könnte, das ist die pure und reine Sucht, denn das Geld kann die damit verbundenen Erwartungen nicht erfüllen, wie auch andere Suchtmittel sie nicht erfüllen können, aber es macht den, der es gebraucht, auch unfähig, die Vergeblichkeit seines Tuns zu sehen, und wenn er sie sieht, bestraft es ihm mit derben Entzugsbeschwerden, die bis zur existenziellen Vernichtung führen können – es geht also nicht nur um den Zusammenbruch eines Geschäfts, es geht dann schon um den realen Zusammenbruch eines ganzen Lebens und es ist durchaus fraglich, ob dann die Methode des unaufhörlich gesteigerten Leidensdruckes noch etwas Positives zu erreichen imstande sein wird.

Man kann in der Geldsucht aber, und das ist ein gravierender Unterschied zu anderen Süchten, keine Abstinenz erreichen. Auch der Süchtige wird Geld als Tauschäquivalent weiterhin benötigen. Was also sollte man tun können, wenn, nach Maßgabe geltender Normen der Kontakt mit dem Suchtmittel die Sucht wiederum aktiviert? Nun, die Geschichte von der Kognakbohne ist mittlerweile immerhin schon als Gräuelmärchen entlarvt worden, so rein verhängnisvoll scheint Sucht doch nicht zu sein, dass man ihr ganz gegen den eigenen Willen erliegen muss.

Ebenso wie von Alkohol, darum der Vergleich, ist der Mensch von Geld umgeben. Aber ebenso wie von Alkohol nur ein Bruchteil derer süchtig werden, die ihn zu sich nehmen, so wird nur ein Bruchteil derer, die mit Geld umgehen, süchtig nach Geld. Und seit wir wissen, dass Sucht die Folge einer falschen Lebensentscheidung ist, die auf einer Verkennung der Kausalitäten beruht, aber dann durch die richtige Auflösung der Kausalitäten nicht mehr geheilt werden kann, weil sie sich organisch in den Hirnstoffwechsel integriert hat, kommt alles darauf an, dass der Patient die Kausalität seiner Sucht erkennt, denn der Organismus wird von sich aus keine Maßnahmen gegen sie ergreifen, es gibt die Pille dagegen nicht, weil es eben auch eine Pille gegen Gesundheit nicht gibt. Nur der Verstand, recht gebraucht, kann die Sucht im Zaum halten, heilen kann aber auch er sie nicht.

Wenn wir es nun mit einem so ubiquitären Medium zu tun haben, wie das Geld es einmal ist, können wir den Betroffenen, immerhin einer Minderheit, das Geld nicht entziehen. Aber wir können sie veranlassen, darüber nachzudenken, in welcher konkreten Situation sie süchtig wurden. Und vom Ergebnis dieser Recherche wird es abhängen, welche Strategien wir zu ihrer Beherrschung entwickeln. Beinahe alle Geldsüchtigen sind es aus Angst geworden, Angst vor der Welt, Angst vor dem Leben als solchem. Das Geld erschien ihnen als die Barriere, die sie zuverlässig vor allem Grauen und Elend schützt, wenn sie nur immer genug davon haben, aber was ist: genug? Niemand wusste, was „genug“ ist. Und so haben sie immer mehr davon angehäuft und je mehr sie andere ihr Geld verlieren sahen, umso unsicherer wurde, ob das, was sie selbst haben „genug“ wäre. Auch heute noch leben sie in steter Angst, das, was sie haben, zu verlieren und dem Elend, das sie jeden Abend in den Medien sehen, schutzlos ausgeliefert zu sein. Denn sie haben ja oft selbst alles dafür getan, damit die Elenden schutzlos wären, sie haben die Staaten verarmt, damit sie ihnen nicht helfen können: nun aber selbst in diese Lage geraten, was könnte schlimmer sein. In der Tat, nichts könnte schlimmer sein, als dieses, woran sie selbst noch kräftig mitgearbeitet haben, damit es so schlimm würde. Ihr eigenes Ingenium würde sich gegen sie wenden… das trifft so ziemlich für jeden zu, der geldsüchtig ist, ob er sein Medium nun selbst erworben oder von den Vorfahren ererbt hat. Diese Angst gilt es ihnen also zunächst zu nehmen.

Aber wie soll man das anstellen? Wie soll man einen solchen Reichen davon überzeugen, dass er auch mit einem Einkommenssatz wie dem berüchtigten deutschen Hartz IV nicht unbedingt verhungern wird? Man muss ihn dem aussetzen. Wenn er zu dem Schluss kommt, das wäre entwürdigend, kann man ihm nur Recht geben, das ist es, aber dass es so ist, ist ja sein eigenes Werk und entspricht seinem eigenen Willen, also hat er dies auch für sich selbst zu akzeptieren. Die Methode entspricht in ihrer Dramatik sicher einem kalten Entzug und sie wird nur unter freiheitsberaubenden Maßnahmen möglich sein, aber die Kur betrifft ja auch, das muss man sich stets vor Augen führen, nur eine Minderheit. Für diese Minderheit können geschlossene Therapieplätze bereitgestellt werden. Man könnte an Kolonien denken, in denen alles Lebensnotwendige vorhanden ist, aber eben von solchen Sätzen bezahlt werden muss – nicht um die Betroffenen zu bestrafen, sondern um sie zu entwöhnen. Damit sie nicht in ihre alten Verhaltensweisen zurückfallen, ist die Kommunikation mit der Außenwelt möglichst zu beschränken, was auch persönliche Kontaktsperren betrifft, damit nicht etwa Strohmänner ihre Geschäfte weiter führen können. Da sie zuerst keine Maßstäbe dafür haben dürften, wie man mit dem, was sie nun zur Verfügung haben, umgeht, muss ihnen ein amtlicher „Vermögensbetreuer“ zur Seite gestellt werden, der sie beaufsichtigt. Aber das ist nur eine Möglichkeit von mehreren. Möglich wäre auch, sie mit einem wöchentlichen Taschengeld in einer quasi klösterlichen Kommunität zu halten bis sie gelernt haben, von diesem Taschengeld eine Rücklage zu ersparen, wie sie es ihren Opfern bisher angeraten haben. Kurzum, es muss in allem darum gehen, ihnen klar zu machen, dass eine Mehrheit der Menschen in genau der Situation, vor der sie Angst haben, nicht nur leben kann, sondern auch fähig ist, darin Freude zu erleben, sich kleine Wünsche zu erfüllen und soziale Bindungen einzugehen. Sie müssen lernen, dass auch eine unterbezahlte Arbeit ihnen Selbstwertgefühl vermitteln kann, wenn sie diese Arbeit mit demselben Elan verrichten, den sie auf die Kumulation ihrer Gewinne verwandt haben. Und bei alledem müssen sie stets im Auge behalten, dass sie die Urheber dieser prekären Situationen sind und nicht diejenigen, die nun darunter leiden müssen. Sie ernten nur, was sie gesät haben. Und irgendwann vielleicht stellen sie fest, dass sie weder verhungert, noch erfroren sind und dass auch die ärmliche Kleidung, die sie tragen, sie schützt und wärmt und dass auch eine kleine und kleinste Wohnung ihnen Geborgenheit geben kann – solange sie ihre Miete entrichten können. Man muss ihnen am eigenen Leibe demonstrieren, wie das Leben aussieht, das sie den Menschen bereitet haben, die nicht süchtig waren wie sie. Selbstverständlich wird es ihnen damit nicht gut gehen – aber sie werden erstaunt feststellen, dass sie überleben: ohne Kultur, ohne Freizügigkeit, ohne Mobilität, ohne Macht und ohne Einfluss, aber immer besser geübt darin, Anschlägen auf ihr Leben auszuweichen und auch das halbherzig Gegebene zu nutzen.

Nach einer gewissen Zeit, in der man sie immerhin davor bewahrt hat, ganz und gar auf der Straße zu landen, kann man sie dann als entwöhnt betrachten und nun kommt es darauf an, sie wiederum an einen besonnenen Umgang mit Geld zu gewöhnen. Sie bekommen unwesentlich mehr in die Tasche, als zu ihrem täglichen Leben nötig wäre und man schaut erst einmal, was sie damit machen. Ich wette, neunundneunzig von hundert gehen zuerst in ein Spielcasino. Da verlieren sie was sie haben und müssen nun mit dem auskommen, was bleibt. Wenn es nichts ist, dann mit nichts. Niemand wird ihnen etwas borgen oder vielleicht doch, aber zu demselben Zinssatz, denselben Sicherheiten,  die sie einst für ihre Geschäfte verlangt haben. Und so werden aus den Gläubigern Schuldner, die dann genau so verfolgt werden, wie sie einst ihre Schuldner verfolgten. Das Ergebnis dieser Lektion muss sein, dass sie nichts so sehr hassen, wie Geld zu nehmen, das sie nicht erarbeitet haben. Wie gesagt, es handelt sich nur immer um eine Minderheit und zudem um eine Minderheit von Kranken, die ihre Krankheit begreifen müssen, denn ohne die Erkenntnis dessen, was aus dem Ruder gelaufen ist und warum, können sie sie nicht beherrschen. Diese Erkenntnis muss Schritt für Schritt gewonnen werden. Und am Schwersten dürfte es wohl sein, ihnen das rechte Maß in allem begreiflich zu machen. Bis sie an den einfachen und doch schönen Dingen des Lebens einen gesicherten Gefallen gefunden haben, bei dem die Anwesenheit von Geld ihnen nichts bedeutet, dürfte es eine Reihe von Rückfällen und entsprechende Katastrophen geben, denn die Reichen, die sie gewesen sind, sind sie nicht mehr und die alten Verhaltensweisen passen nicht. Sie sollen aber nicht bestraft, sondern erzogen werden, erzogen zu einem Leben, wie es viele nicht ganz Reiche und auch nicht ganz Arme auf diesem Planeten führen… sie werden dabei auf Hindernisse treffen, die sie selbst geschaffen haben. Aber das Mittel, das ihnen bisher half, ist ihnen entzogen, also werden sie sich darum bemühen müssen, die Parameter, die ihnen nun selbst das Leben schwer machen, zu ändern. Das Ergebnis kann nur hoffnungsvoll stimmen, denn was könnte es anders sein, als eine erneute Anpassung des Menschen an die Welt in der er lebt – die Aufhebung seiner durch die Sucht hervorgerufenen Entfremdung von der Welt. Damit tun sie sich nicht nur selbst Gutes, sondern sie machen auch wieder gut, was sie angerichtet haben  – und zwar mit Hilfe der Staaten, die sie vordem so sehr bekämpft haben und mit Hilfe wirklicher Arbeit.

Und die Vermögen, die sie in der Sucht zusammengekratzt haben – die werden wir auch nicht verbrennen oder per Mausklick auslöschen, denn sie können uns eine unentbehrliche Hilfe dabei sein, diesen Planeten wieder in Ordnung zu bringen, sie garantieren uns auf Generationen hinaus ein auskömmliches Leben und das brauchen wir auch, denn die in Umbruch befindlichen Techniken und Verhaltensweisen werden es erst einmal nicht tun können. Bis wir zum  Beispiel die aktuellen Waffenarsenale so umgerüstet haben, dass sie für eine Verwendung zu friedlichen Zwecken taugen, bis die entsprechenden Industrien ihren neuen Platz gefunden haben, werden umfangreiche globale Alimentationen nötig sein und ehe das erste weltumspannende Transportsystem die Vielzahl die Ozeane verschmutzender schwimmender Müllfabriken abgelöst hat, wird Zeit vergehen in der die Milliarden und Abermilliarden virtueller Vermögen gute Dienste dabei leisten können, die Weltbevölkerung zu behausen, zu ernähren, sie gesund und ihr den Stand der zivilisatorischen Errungenschaften zu erhalten, den sie jetzt hat, denn niemand kann ernstlich wollen, dass nun alle Lichter ausgehen. Hier kann zum Beispiel, in einer von Gier gereinigten Atmosphäre, auch die gute Idee des bedingungslosen Grundeinkommens gute Dienste leisten, ja sie wäre als existenzsichernde Mindestfestlegung sogar unabdingbar. Arbeit gibt es genug in dieser Umbruchzeit – aber es wird nicht immer Geld genug geben und so wird man auf das kollektive Erbe zurückgreifen, dass uns die ehemals Süchtigen hinterlassen haben. Ich denke, man versteht mich. Und sie werden verstehen, dass sie zwar alles falsch gemacht, aber letztenendes doch auch etwas Gutes für die Zukunft der Menschheit beigetragen haben und so wären sie alle miteinander wieder versöhnt und im Reinen.

Was freilich geschehen wird, wenn wir es nicht schaffen, unsere Geldsüchtigen zu therapieren, auf dem vorgeschlagenen sozusagen konventionell in anderen Süchten bereits erprobten oder auf irgendeinem anderen rasch zu findenden Weg, können wir uns wohl an den Fingern einer Hand abzählen, denn wie sagte Papst Franziskus so richtig? Er sagte: früher fielen, wenn der Becher der Reichen überschäumte, auch immer genug Tropfen für die Armen ab. Heute aber gewinnt der Becher auf geheimnisvolle Weise immer mehr an Umfang und die Armen bekommen nichts. Wenn aber die Armen nichts bekommen, wird dieser Planet bald nicht mehr eine Heimat für Menschen sein können. Wenn wir es aber schaffen, unsere paar Geldsüchtigen beim Kragen zu packen und – notfalls auch gegen ihren Willen wegen Eigen- und Selbstgefährdung in Therapie zu bringen, wird uns das belohnen, was schon seit der Bergpredigt die Hoffnung und die Sehnsucht aller Menschen guten Willens ist: selig sind die Friedfertigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.

18.01.2014

Die Familie

In den Tagen des Neoliberalismus, der von einigen zu Recht als der Faschismus des einundzwanzigsten Jahrhunderts bezeichnet wurde, hat die Familie keinen hohen Stellenwert, weil sie nicht zu den profitablen Unternehmungen gehört. Damit geht eine weitgehende Liberalisierung dessen einher, was Familie sein kann. Vom Aspekt des entgrenzten Profitstrebens her ist sie nur sehr bedingt tauglich, es sei denn, man verteuere die Dinge, ohne die sie nicht existieren kann, entsprechend und lasse vermögende Familien dafür zahlen, der größere Rest muss ohnehin sehen, wie er mit der Reproduktion der Menschheit hinterher kommt. Denn dass diese Reproduktion irgendwie gebraucht würde, ist selbst den Neoliberalen schon dunkel aufgedämmert. Aber nur dunkel, denn der Neoliberalismus verfährt nach der Devise „nach uns die Sintflut“ und rechnet nicht damit, dass der Menschheit eine über den Tag hinaus gehende Zukunft gehören könnte, kann auch nicht sagen, wie eine solche unter seinen Vorbedingungen überhaupt zu gestalten sein könnte.

Nun sind aber neun Zehntel der Menschheit fest davon überzeugt, eine solche Zukunft, wie schwierig auch immer, vor sich zu haben und können es nicht lassen, die Prozesse der Fortpflanzung ihrer Art immer weiter in Bewegung zu halten. In den Regionen, die vom Neoliberalismus innerlich bisher nicht angefressen wurden, sind diese Prozesse verständlicherweise am vitalsten, in den Kerngebieten des Neoliberalismus, wo sie bereits in den Wurzeln angegriffen wurden, am kritischsten. Auf diese Art also schwindet Europa gerade in seinen wirtschaftlich entwickeltsten Regionen am schnellsten.  Das hat endlich ängstliche Vertreter der Religionen auf den Plan gerufen, aber natürlich erst, als sich der Schwund ebenso eindeutig bemerkbar machte, wie die – erhoffte? – Auslöschung der Menschheit ausgeblieben ist. Es ist zum Ärger der Neoliberalen eben nicht das elektronische Geld allein, das, völlig zweckfrei, übrig geblieben ist, sondern es sind immer noch Menschen auf der Welt, neulich erst wurde gar die Sieben – Milliarden – Grenze überschritten. Was tut man nur, was macht man nur… denn die Gefahr für den Neoliberalismus, dass seine Werte als reine Hülsen ohne Inhalte erkannt werden, steigt mit jedem Hunderttausend. Zudem hat auch der Bankenskandal sogar etlichen Europäern die Augen über die Natur des Neoliberalismus, dieser parasitären Veranstaltung, die auf unser aller Knochen und Kosten lebt, geöffnet und die Deutschen haben die Konsequenzen daraus gezogen, indem sie ihn zumindest aus den demokratischen Institutionen verbannten – es gab unter den Neoliberalen, wir erinnern uns, deswegen unsägliches Gezeter und sogar einige linke Herzchen sind auf dieselben herein gefallen, ich erinnere an den angeblichen Wahlbetrug, der dann doch nichts als ein heißer Wunsch unserer verprellten FDP gewesen ist. Jetzt müssen sich nur noch die Neoliberalen Amerikas, Englands und auch Russlands blamieren und das werden sie tun, versprochen, sie können gar nicht anders. Zumal dann nicht, wenn sich die Menschheit wiederum auf ihren eigenen Wert besinnt und der liegt an der Basis in der Familie. Wie es ihr geht, und zwar weltweit, ist der Gradmesser für die Zukunftsfähigkeit der momentanen gesellschaftlichen Verhältnisse.

Aber wie geht es ihr eigentlich? Die uralte Großfamilie, Ahne und Bürger aller Menschheitsentwicklung, existiert heute nur noch in Armutsgebieten, wo die Eltern und älteren Verwandten in Ermangelung sozialer Sicherungssysteme auf die direkte Fürsorge der nachfolgenden Generationen angewiesen sind. In Europa kennen heute die meisten Erwachsenen ihre Urgroßeltern nicht mehr. Die Autorin gibt zu, dass sie sogar ihre Ururgroßeltern noch kennt und zumindest weiß, wer sie waren und woher sie kamen. Der europäische Standard ist die Kleinfamilie mit zwei Generationen, deren Kinderzahl umso beschränkter ist, je teurer es ist, eine Familie zu gründen – erinnern wir uns an die neoliberalen Interessen in unserer Gesellschaft, sie verteuern von allem die Familiengründung, denn sie zwingen den Staat, zur Aufrechterhaltung seiner Funktionen auf das Geld derer zurück zu greifen, deren Lohne gerade mal für die eigene Reproduktion ausreicht, während die neoliberalen Unternehmungen natürlich möglichst keine Steuern zahlen. Das verteuert dann das Leben insgemein, aber besonders die Sorge für Kinder, die ja selbst eine Zeitlang nichts zum Einkommen beitragen können. Der Staat würde helfen, kann es aber nicht, weil er jeden Heller zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung braucht, das neoliberale Unternehmertum aber wird den Teufel tun, den Staat zu unterstützen, der gesellschaftliche Regeln installiert; sie brauchen nichts so wenig wie gesellschaftliche Regeln, also, wie die Amerikaner so schön offen sagen, eigentlich auch keinen Staat.

So finden sich denn neue Typen der Familienbildung wie die Patchworkfamilie, die in Wahrheit eine Zusammenfassung mehrere Familienfragmente ist. Diese Fragmente entstanden in einer Zeit der sogenannten sexuellen Befreiung. Mit dieser ging nämlich eine verbreitete Antihaltung gegen Institutionen wie die Ehe einher, entweder man ging gar keine rechtlich gesicherte Partnerschaft ein oder man brachte dieselbe mit schwächlichsten Gründen bald wieder zum Einsturz, wenn man denn überhaupt Gründe brauchte und nicht ein momentanes Missempfinden ausreichte. Für Kinder kann das Leben in einer Patchworkfamilie dennoch insofern als positiv erlebt werden, als die Erwachsenen in den meisten Fällen entweder Väter oder Mütter sind und dem Kind die Muster für Vater- oder Mutterliebe, wenn auch oft aus zweiter Hand, übermitteln können. Wir haben es auch mit einer großen Zahl an Familienfragmenten zu tun, die sich nicht in Patchworkfamilien zusammen gefunden haben. Je höher die Kinderzahl in solchen Fragmenten ist, umso größer ist auch die materielle Bedürftigkeit zu der nicht selten noch eine seelische Unfähigkeit hinzukommt, die entstandene irreguläre Situation zu kompensieren. Man kann den Müttern und Vätern daraus keinen Vorwurf machen, sie sind Opfer ihrer Zeit und Familie ist nun einmal wenigstens auf zwei Erwachsene abgestellt, anders funktioniert sie nicht richtig. Einer allein kann sie so wenig ersetzen wie ein amputiertes Bein durch ein Holzbein vollwertig ersetzt werden kann.  Man kann damit stehen, vielleicht auch gehen, aber laufen kann man damit nicht mehr – und in diesem Falle ersetzt auch eine Sportprothese mit der man laufen kann, den Partner nicht.

Bei weitem am problematischsten stellt sich aber die Situation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften dar. Ich teile gewisse Ressentiments nicht, die Homosexuellen die Fähigkeit zu einer lebenslangen Bindung absprechen wollen. Es gibt unter ihnen Veranlagungen, die eine solche ausschließen, aber es gibt ebenso Veranlagungen, die in ihrer emotionalen Ausrichtung der heterosexueller Paare entsprechen. Das ist ein wenig sicher auch davon abhängig, in welchem Milieu man seine eigene Sexualität entdeckt hat und welche Werte man selbst in eine solche Partnerschaft einbringt. Aber ein Manko kann auch in der festesten homosexuellen Partnerschaft nicht aufgewogen werden: ein Kind lernt in ihr nur ein Beziehungsmuster kennen, aber entweder Vater- oder Mutterliebe nicht. Sicher können auch zwei Väter ein Kind lieben, das steht außer Frage; aber ob ein Vater ein Kind wie eine Mutter lieben kann oder ob eine Mutter es fertigbringt, ein Kind wie ein Vater zu lieben bezweifle ich denn doch zumindest ein wenig. Als Versorgungseinrichtungen allerdings sind solche Partnerschaften gewiss ebenso zuverlässig wie es eine entsprechende pädagogische Wohngruppe wäre. Das Kind erhält alles, was es braucht, auch Zuwendung. Aber es braucht, um sich emotional voll zu entwickeln, beides die väterliche und die mütterliche Zuwendung, die in ihrer Art ja verschieden sind. Ein simples Beispiel: ein Vater wird mit dem aufgeschlagenen Knie seiner Tochter ganz anders umgehen als die Mutter, die sich in dem Augenblick selbst als Mädchen fühlen kann und ein guter Vater wird mit der Sechs in Betragen seines Sohnes ganz anders umgehen, als die Mutter, indem ihm nämlich alle seine eigenen Streiche einfallen und dass er es dennoch mit sich selbst zu einem geachteten Zeitgenossen gebracht hat. Ich werde mich nicht dagegen wenden, dass gleichgeschlechtliche Paare Kinder erziehen – aber ich merke an, dass immer einer der Partner das elterliche Verhaltensmuster nicht wird vorleben können, so viel Mühe er sich auch geben mag.

Die Familie befindet sich also nicht in Auflösung, wie einige ultrakonservative Unken behaupten wollen, sie experimentiert mit sich selber und hat es dabei mit einer Reihe von Fehlern der Vergangenheit, aber mit ebenso vielen noch unbetretenen Terrains zu tun. Das Schema der Großfamilie, in dem einer auf den Schultern des Anderen steht, mag das stabilste sein, das Schema der gleichgeschlechtlichen Familie das labilste, Familie sind sie alle und stehen damit in einer ungeheuren Verantwortung, denn wie sie ihre Kinder erziehen, so wird die Menschheit von morgen aussehen, allen Neoliberalen,  die sie nie verstehen werden, zum Trotz und Tort. Diese Kinder werden nicht mehr zum Gehorsam erzogen und daher in vielen Bereichen sehr viel schwerer zu bewegen sein, aber sie werden in der Achtung vor Erfahrungen erzogen sein, die sie selbst für ihr Leben beherzigen und sich ihrer erinnern können. Die Kindheit wird aufhören, der psychologisch interessanteste Teil eines Menschenlebens zu sein, an seine Stelle wird die Zeit treten, in der ein Mensch bewusst Freundschaften schließt und Vertrauen fasst – oder eben auch das Gegenteil davon. Die materielle Prägung, die Domäne des Neoliberalismus, wird sich verflüchtigen, je selbstverständlicher der zivilisatorische Standard weltweit wird. Ja, man hat das, aber es ist nicht wichtig. Es gehört zum Leben, ist keine besondere Wohltat und schon gar kein Statussymbol. Wichtig sind andere Werte: Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Bindungsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Streitkultur, Sorgfalt, Verantwortungsbewusstsein, aber sicher auch der Sinn für Schönheit und Wohlklang – die neoliberale Technowelle ist ja eigentlich schon längst gehörig abgeflaut, es ist nur noch eine, wenn auch beträchtliche, Minderheit, die sich von dieser Monotonie einfangen lässt.

Dabei ist es unerheblich, ob Jugendliche ihre Sexualität mit acht oder mit achtzehn entdecken, denn das Verlangen nach lebenslanger Bindung wird sich vom Diktat der Sexualität mehr und mehr entfernen und nach allgemeineren Werten verlangen. Die alten Zausels, die mit Vierzig ihre Familien im Stich lassen, und Techtelmechtel mit halb so alten Damen beginnen, wird sich bedeutend vermindern – aber die Zahl der Frauen, die in einer Liaison zur linken Hand eine Katastrophe für die eigene Beziehung sehen, auch. Es gibt nichts Besseres, eine solche Liaison zeitlich gehörig einzuschränken, als Toleranz. Denn was erlaubt ist macht dem großen Jungen keinen rechten Spaß mehr. Tödlich ist die freundliche Aufforderung, er solle seine Freundin doch demnächst zum Kaffee mitbringen…. soviel zu der von vielen Männern vor allem als Zwang empfundenen ehelichen Treue. Aber natürlich hat ihnen, den Frauen, Gleiches zu widerfahren. Und so werden sich Familien wie Schimmelfäden kreuz und quer durch alle Etagen der Gesellschaft ziehen und mit ihnen die von ihnen vermittelten Werte eines vollwertigen Menschentums. Und die Neoliberalen lassen wir mit ihrem Geld und mit ihren Gütern einfach da hinten. Sie haben, wie sie es auch selbst formulieren, zu liefern – sonst nichts. Da stehen sie nun mit ihrem „nach uns die Sintflut“ – die Sintflut ist nicht gekommen und nach ihnen kommt immer noch was, das sie nicht in Betracht gezogen haben. Und so werden sie leise weinend einsam untergehen und schon die nächste Generation wird ihrer nur noch achselzuckend gedenken – ja, so was gab’s. Aber Familien wird es weiterhin geben und sie werden im Grunde gar nicht so sehr viel anders aussehen, nur gerade infolge ihrer Verzweigung vielleicht stabiler sein als heute. Denn es wird weniger Gründe geben, eine Familie platzen zu lassen.

Und was ist mit der viel beschworenen Gewalt in der Familie? Es wird die Zeit kommen und sie naht bereits, in der man solche Menschen nicht etwa furchtbar, sondern lächerlich finden wird. In der man keine Verbrecher in ihnen sehen wird, sondern Menschen, die aus irgendwelchen Gründen nicht gelernt haben, mit ihrem Leben zurecht zu kommen. Man wird das Versäumte nicht immer aufholen können, aber man wird und muss Schutzräume für sie finden, in denen sie ihre Gewaltsamkeit ausleben können ohne ihre Mitmenschen dadurch zu gefährden. Das gilt auch für alle, deren Gewaltsamkeit sich mit Religionen schmückt. Man wird sie in Arenen stellen und sie werden Schauspiele aufführen wie einst die Gladiatoren, aber freiwillig, denn ihre eigene Gewaltsamkeit wird sie dazu antreiben. Wer es satt hat, braucht nur die Türe von außen zu schließen… aber wenn er es noch einmal versucht, ist er wieder drinnen und darf tapfer mit allem Hightech kämpfen, das die Neoliberalen ausgetüftelt haben um viel Gewinn zu machen. Den machen sie nun nicht mehr, aber ihr Zeug ist noch nützlich. Drohnen sind allerdings ebenso verschrottet worden wie Atomraketen oder Behälter mit chemischen oder biologischen Waffen, aber in großen Glasdomen dürfen die Jungs einander gern bombardieren – mit Material von angemessener Sprengkraft. Und wer meint das gehöre nicht hierher – das gehört hierher, denn es ist die Zukunft die unsere Familien für sie formen werden.

Also: die evangelische Kirche in Deutschland ist, wenn auch religiös verbrämt, inhaltlich schon auf dem richtigen Weg, wenn sie alte Zöpfe abschneidet und Neues ermuntert. Ich verstehe den Zimmes nicht, den einige Leute darum machen. Es ist sicher nicht alles perfekt – wer könnte das schon perfekt machen, was uns unter den Händen immer fortgleitet, wer zum Augenblicke sagen: verweile doch, du bist so schön… worauf hin ihn sicher sofort der Teufel holen wird und ihr wisst, was es die himmlischen Heerscharen dann für Mühe gekostet hat….

18.11.2013

Das Licht der Welt

Das Licht der Welt

Inhalt

Vorwort1

Die Herkunft2

Die Frau. 3

Perfecta. 4

Pamiers. 8

Die verwehten Spuren. 9

Vorwort

Es ist über jemanden zu schreiben, von dem die Geschichte kaum mehr weiß, als den Namen. Wir wissen nicht, wie sie ausgesehen hat, wir lesen nicht, was sie dachte, was wir von ihr wissen, ist, gemessen an ihrer Bedeutung, banal. Es wird also kaum mehr Licht in ein Dunkel zu bringen sein, in dem ihr Name verklärt aufstrahlt – nehmen wir sie als Stellvertreterin und Namensträgerin für ein vergangenes Geschlecht von Frauen, für Generationen von Lehrerinnen, Ärztinnen, Seelsorgerinnen, aber auch Diplomatinnen des Mittelalters, deren Namen bis auf ganz wenige sämtlich dahin gegangen sind. Man kennt einen einzigen Satz von ihr und dieser Satz ist nicht bedeutend, sondern ganz und gar situationsgebunden. Und man kennt die Antwort auf diesen Satz, eine Antwort voller Hochmut, eine Antwort, die ein Krisentreffen zum Platzen brachte. Wir werden diese Antwort an gegebener Stelle noch zitieren und auch kommentieren. Erst einmal aber müssen wir uns orientieren, denn wo die Einzelbelege fehlen, müssen Klarstellungen der Zusammenhänge herhalten um die Angelegenheit zu verstehen und auch, warum wir von dieser Person so wenig wissen. Erstens war sie eine Frau, zweitens war sie eine Katharerin oder sollen wir besser sagen, ein Katharer am Ende des zwölften Jahrhunderts und am Beginn des dreizehnten unserer Zeitrechnung.

Wir können uns viel Propädeutik ersparen, wenn wir mein Buch „Die geheime Geschichte der Katharer“ zu Rate ziehen, in dem ich aus Bergen von Inquisitionsmüll und aus versprengten glaubwürdigen Nachrichten, sowie aus der uns bekannten Praxis der Selbsterkenntnis rückschließend versucht habe, die Katharer der Provençe so zu zeigen, wie sie aller Wahrscheinlichkeit nach wirklich gewesen sind. Der innere Konflikt, von dem ich dort schreibe, bestand zu Esclarmondes Lebzeiten bereits und trug erste bedrohliche Früchte. Das Ende, den Untergang der Katharer in der Provençe, hat Esclarmonde nicht mehr erleben müssen – aber sie hat ihn sicherlich geahnt.

Was kann diese nahezu unbekannte Frau uns heute sagen? Sie kann uns sagen, dass es in einer Zeit, die wir gemeinhin als finster anzusehen belieben, Verstand und Vernunft gegeben hat und dass in einer Zeit, in der Frauen sonst nichts galten, eine Frau die Achtung und Liebe ihrer Zeitgenossen erringen konnte. Wir können sehen, dass Einiges denn doch wohl anders war, als es die Kirche mit ihrer Sicht auf diese Zeit darstellen möchte und christliche Demut nicht überall und nicht für alle Frauen galt. Wir können in Esclarmonde der Haltung der katholischen Kirche zur Frau den Spiegel vorhalten und sie auf ihre Redlichkeit befragen und wir können darüber nachdenken, ob eine pauschale Entschuldigung angesichts des Mordes an einer ganzen Kultur genug gewesen ist.

 

Die Herkunft

Esclarmonde de Foix entstammte dem provençalischen Hochadel. Ihre Mutter Cecile  de Beziers war ein Mitglied des Hauses Trencavel, ihr Vater Roger Bernard regierender Graf von Foix. Ihr Bruder, Ramon Roger, folgte ihrem Vater in der Herrschaft nach – beider Lehnsherr war nicht der französische König, sondern der spanische König von Aragon. Dennoch soll Ramon Roger mit dem französischen König auf den Kreuzzug gezogen sein, allerdings sind die Nachrichten darüber fabelhaft. Nicht fabelhaft ist, dass die Herren von Roquefixade und Montségur ihm untertan waren – beider Burgen sind als sogenannte Katharerburgen noch heute bekannt und er war wohl auch selbst, wie sein Vater, ein Credens, also ein Klient der katharischen Gemeinschaft. Bekannt ist allerdings auch, dass die Grafen von Foix Rivalen derer von Toulouse waren, die ihren Sitz in Carcassonne hatten.

In dieses Haus, das bereits seit Generationen eine katharische Tradition hatte, wurde Esclarmonde um das  Jahr 1151 herum geboren, wuchs also als Edelfräulein mit entsprechender Bildung auf. Im Unterschied zur mittelalterlichen Übung verstand es sich beinahe von selbst, dass die Tochter eines Credens Lesen und Schreiben und auch das Musizieren zusammen mit Handarbeit und Hauswirtschaft erlernte. Sie erlernte es von ihrer Mutter, aber auch von katharischen Damen, deren Aufgabe es war, Mädchen höhere Bildung zuteilwerden zu lassen. Später sollte Esclarmonde selbst eine solche Bildungsanstalt leiten. Erst einmal aber wurde sie verheiratet. Ihr Ehemann war ein Seigneur Jourdain aus dem ebenfalls hochadeligen Haus der de’l’Isle Jourdain, die es zu Ansehen und Besitz, allerdings nicht zu einer wichtigen Position in der provençalischen Herrscherriege brachten. Ihre Bedeutung lag wohl mehr in ihrer Wirtschaftskraft. Mit diesem Seigneur hatte Esclarmonde mehrere Kinder, war also alles andere als ein Mauerblümchen, als sie, nach dem Tode ihres Gatten, nicht etwa ins Kloster verschwand auch nicht ein ärmliche Witwengut unter der Vormundschaft ihrer Verwandten verzehrte, sondern zusammen mit ihrer Schwägerin Philippa de Montcada, der Witwe Ramons,  Katharerin wurde. Ihr Versprechen nahm der hochberühmte Guilhabert de Castres entgegen und man geht wohl nicht fehl, wenn man die Verbindung der beiden auch in der Ausbildung annimmt und sie sich über das Consolamentum hinweg aktiv denkt. Immerhin führte Guilhabert gerade in Fanjeaux ein offenes Haus – genauer gesagt, ein Konvent mit Ausbildungsbefugnis, sozusagen eine katharische Hochschule.

Ihre erste  und sehr ehrenvolle Aufgabe war  ab 1204, dem Jahr ihres Consolaments, die Leitung einer zu Guilhaberts Haus parallelen Mädchenschule, die dem Konvent von Fanjeaux angeschlossen war. Sie  arbeitete dabei mit ihrer Schwägerin Philippa zusammen und wir können annehmen, dass das Leben der beiden Frauen weder von Beschaulichkeit, noch von Langerweile gekennzeichnet war, denn erstens können wir uns lebhaft vorstellen, was einige Dutzend junger und sehr junger adeliger Damen auf die Beine stellen können, zweitens müssen wir uns vergegenwärtigen, dass ein Konvent der Katharer eben kein Kloster war. Das Tor stand den ganzen Tag über offen und die Damen ließen sich sehr wohl auch in den Straßen des Ortes sehen –  kniefällig von den Credentes, ehrerbietig von den Christen begrüßt. Denn der gute Ruf der Katharer stand überall außer Zweifel, zudem sagte man ihnen Kräfte nach, die sich der allgemeinen Beurteilung entzogen. Ob sie solche wirklich hatten, sei dahin gestellt, aber sie verstanden es, ihren Zeitgenossen das Leben auf viele Arten zu erleichtern und sie fragten dabei nicht nach dem Glaubensbekenntnis. Es ist auch anzunehmen, dass sie nicht danach fragten, aus welcher Schicht ein Hilfesuchender kam und mit den adeligen Mädchen werden auch genug Bürger- und Bauerntöchter in den Genuss von Bildung gekommen sein, denn wesentliche Teile des Wissens der Katharer kann man in den Protokollen der Inquisition noch bei Bauern und Schäfern finden – und dieses Wissen war nicht nur für ihre Zeit, es war überhaupt beträchtlich. Teilweise ist es bis heute nicht erreicht worden. Ansonsten fanden Reisende in den Konventen ein Obdach und Verfolgte eine Zuflucht, Kranke und Sterbende fanden Pflege und ein Bett, die Damen halfen, wo immer sie konnten – und sie luden bedeutende Katharer ein, bei ihnen Vorträge zu halten und die Brotbrechung zu feiern, den einzigen Gemeinschaftsritus, den sie kannten und akzeptierten – für ihre Credentes, selbst benötigten sie solche Stützen nicht. Sie lebten ehelos und vegetarisch, nur auf Reisen war ihnen jede Speise gestattet, aber die Damen reisten nicht und mussten sich daher mit Fisch begnügen, der nicht als Fleisch galt und mit anderen Wasserbewohnern, Krebsen oder Muscheln. Wein war ihnen gestattet, man kann aber annehmen, dass sie ihn nicht im Übermaß tranken[1], er war eher  – als leichter Landwein – das Tagesgetränk aller in der Provençe. Man trank ihn meist mit Wasser verdünnt als Schorle. Sie vermissten die Ehe nicht, den die meisten unter ihnen waren verheiratet gewesen, ehe sie Katharer wurden und ihre Ehemänner und –frauen waren ihnen durch den Tod ja nicht entzogen, sondern auf ihren verschwiegenen Wegen konnten sie weiterhin mit ihnen Umgang haben, wenn es sie danach verlangte – aber viele verlangte es nicht danach. Sie lebten in eigenen Gemächern, trafen sich nur zum Essen, zu den Vorträge und zum Unterricht in den größeren Räumen, die übrigens alle heizbar waren, denn die Katharer, die man der strengsten Askese bezichtigt, hielten nichts von Schnupfen oder gar Schlimmerem. Dabei gab es allerdings Unterschiede – die „byzantinischen“ Konvente orientierten sich mehr als die alteingesessenen an der monastischen Kultur und schlossen sich auch strenger von der Umwelt ab. Wir können aber mit einigem Recht annehmen, dass der Konvent der Esclarmonde zu denen mit traditionell provençalischem Lebensstil gehörte. Zur asketischen Meditation hatten die Damen nicht viel Zeit – ihre Zeit war geteilt zwischen Unterricht, Unterrichtsvorbereitung und gesellschaftlichen, sozialen und hauswirtschaftlichen Pflichten. Dazu kamen noch die eigentlichen katharischen Arbeiten, die auch in einem Damenkonvent nicht zu kurz kamen und bei denen sie nicht gestört werden durften, man sagte dann, sie würden beten, weil kein Credens verstanden hätte, was sie da taten. Und natürlich wurden sie im äußeren Kreis von Credentes bedient und von Novizen, die es sich zur Ehre anrechneten, den Damen behilflich zu sein, im engeren Kreis und die lernten Manches dabei.

 

Die Frau

Wie sah sie aus, die Esclarmonde, das Licht der Welt? Es gibt keine Bildnisse von ihr, es gibt von keinem Katharer irgendwelche Bildnisse, sie hielten das nicht für nötig. Sie wird nicht besonders füllig gewesen sein, die Nahrung der Katharer gab keine Fettsucht her. Sie wird auch nicht besonders bleich gewesen sein, denn zwar kosteten die Exerzitien manchmal Kraft, aber eine Schulleiterin kann nicht allezeit schlafen und den Tag versäumen, sie muss für diejenigen da sein, die sie betreut. Sie trug, das wissen wir sicher, ein schwarzes, faltenreiches Gewand, dem Gewand einer Nonne ähnlich, aber von mehr weltlichem Schnitt – eine Art Witwentracht mit entsprechendem Schleier, denn bis in unsere Tage galt es für eine vornehme Frau als unschicklich, ihr Haar offen zu zeigen, Jungfrau hin oder her, war die Jugendzeit vorbei, verhüllt die Dame ihr Haupt. Eine Witwe aber tat dies erst recht, sie verhüllte auch noch das halbe Gesicht dazu, was Esclarmonde wohl nicht getan hat, denn sie musste lehren und befehlen und das kann man nicht, wenn man hinter seinem Schleier hervor nuschelt. Ob sie groß gewachsen war? Wir wissen es nicht, immerhin war sie nicht zu übersehen, als sie in Pamiers aufstand, die Kleriker mit ihren Schandtaten zu konfrontieren und schwach wird ihre Stimme auch nicht gewesen sein. Sie war eine Frau, gewohnt, dass ihre Meinung, ihre Entscheidungen, beachtet werden. Also war sie wohl weder bleich, noch unscheinbar und sie schlug wohl auch nicht demütig die Augen nieder, denn sie war eher gewohnt, dass andere vor ihr die Augen niederschlugen. Immerhin war sie mit dem spanischen Königshaus verwandt und man muss nicht annehmen, dass sie das vergessen hatte – schon von daher empfahl sich also Respekt und um wie viel mehr dann wegen ihres Status als ordinierter Katharer. Diese bescheidenen Leute galten für Fürsten des Geistes und wurden geehrt wie nicht einmal Könige. Aber es ließ sie kalt, sie nahmen es hin, aber es gab ihnen nichts. Die Credentes wollten verehren, und so tat man ihnen den Gefallen und ließ sich verehren. Aber die so Verehrten waren nicht, wie die Kirchenfürsten, unnahbar. Wer sehen wollte, der sah ihre abgelaufenen Sandalen und den Straßenkot am Saum ihres Gewandes. Wer es wollte, sah das von Denken statt von Wohlleben gezeichnete Gesicht. Wer wollte, hörte statt einer abweisenden, eine einladende Stimme. Und sehr viel wollten das: die Seelsorge lag in dieser Zeit und nicht nur in dieser Region, in den Händen der „Guten Menschen“, wie sich die Katharer selbst nannten. Bis in die Mitte Deutschlands, vielleicht gar darüber hinaus, erstreckte sich ihr Verbreitungsgebiet und im Westen waren sie auch auf den britischen Inseln bekannt und, man höre und  staune, geduldet. Der Nordwesten Spaniens, das Geburtsland des Priscillian, der im vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung durch die Intrigen der Staatskirche den Märtyrertod starb, war eine Hochburg jener Lehre, der auch Esclarmonde nun verschworen war. Später errichtete man über dem Grab des Märtyrers die Kathedrale des Heiligen Jakob, des Maurentöters und seither pilgern in jedem Jahre Hunderttausende zum Grab des Priscillian, ihm unabsichtlich Ehre zu erweisen. Aber die Katharer waren keine Priscillianer, sie waren auch, entgegen moderner Annahmen, keine Bogomilen. Ihre Lehre war älter und hatte bessere Referenzen als diese. Esclarmonde, die vielleicht nur kleine Frau mit dem großen Durchsetzungsvermögen in der südfranzösischen Stadt Fanjeaux, Freundin und Kollegin Guilhabert de Castres‘ wusste dies und sie wusste noch viel mehr. Denn sie war eine von denen, die der Volksmund – und vor allem der der Credentes – Vollkommene nannte.

Perfecta

So wie in katholischen Adelsfamilien mindestens ein Mitglied für die kirchliche Laufbahn vorgesehen war, so war es in den Familien der Credentes gern gesehen, wenn sich ein Mitglied zu den Guten Leuten hingezogen fühlte. Vor allem für die weiblichen Mitglieder einer solchen Familie war die Existenz als „Vollkommene“ eine gute Alternative zum Kloster. Dies aus mehrerlei Erwägungen heraus: erstens wurde der in Aussicht genommenen Konvent sowieso meist schon von der Familie unterstützt, besondere Ausgaben, wie die Mitgift für ein Kloster, fielen nicht an. Zweitens war eine „Vollkommene“ trotz zölibatären und konventualen Lebens keine Nonne, war nicht zur Abgeschiedenheit verpflichtet, konnte nach ihrer Ausbildung auch weiterhin bei ihrer Familie leben. Drittens hielt das Leben der Gutleute ein sehr viel breiteres Betätigungsfeld für die Frauen bereit als  das Leben im Kloster. Die Frauen gingen in die Häuser und pflegten Kranke, erzogen die Jugend, arbeiteten natürlich auch in der konventualen Wirtschaft, allerdings waren mit Ausnahme der bogomilisch beeinflussten Konvente auch Geburtshelferinnen und ganz allgemein Frauenärzte, betreuten Sterbende, denen sie das für den Todesfall vereinbarte Consolamentum erteilten, waren auch zwischen den oft zerstrittenen Familien als Schlichter und Vermittler tätig. Sie predigten in ihren Konventen auch vor „weltlichem“ Publikum und förderten die umherziehenden Sänger und Komponisten nach Kräften, sei es mit Essen, sei es mit Obdach oder sogar einem Pferd und dem Geld für ein Instrument.

Da die Vollkommenen aber zölibatär zu leben hatten, war es üblich, sich erst in höherem Lebensalter einem Konvent anzuschließen, wenn man nämlich seine Pflicht bezüglich Nachkommenschaft erfüllt hatte. Die Familie verzichtete dann – zuweilen gern – auf ihre Pflichten gegenüber der Witwe und übergab sie in die Mundschaft des betreffenden Konvents. Denn eine Frau ohne Vormund war auch in der katharisch geprägten Gesellschaft unvorstellbar. Jeder Mensch musste einer bestimmten Gemeinschaft angehören, entweder der Familie oder einem Orden oder dem Verband eines Klosters oder er war Lehnsmann oder gehörte zum Jurisdiktionsbereich eines Bischofs oder gar des Papstes – irgendwo musste jeder sagen können, wo er gesellschaftlich daheim war. Im Falle des Vollkommenen war das also die Gemeinschaft der Katharer und insbesondere die Gemeinschaft des Konvents, in dem der Betreffende lebte. Bei „freien“ Katharern, die keinem Konvent angehörten, übernahm der sogenannte Bischof diese Vormundschaft stellvertretend für die Gesamtheit der Gemeinschaft. Sein Amt war also nicht sakramental, sondern rechtlich begründet, um den freien Katharern eine Anlaufstelle und Berufungsinstanz zu geben. Sie wurden auch benötigt, um Konflikte zwischen Kirchen und Katharern zu klären oder wenn es um weltliche Angelegenheiten der Gemeinschaft als Ganzes ging – in Dingen der Lehre aber waren sie den anderen Katharern gleichgestellt und galt ihr Wort nicht mehr als das von irgendjemandem. Weibliche Bischöfe gab es nicht, da Frauen vor weltlichen und kirchlichen Instanzen sowieso nicht ohne Vormund angehört wurden. Aber es gab Frauen, die predigten, es gab Frauen, die das Consolamentum erteilten, es gab Frauen, die andere Frauen zur Ordination führten und die Brotbrechung, die Veranstaltung für die Credentes, leiteten. Frauen hörten Beichte und vergaben Sünden, taten also Dinge, die in der Kirche dem Priester oder einem von ihm Beauftragten oblagen – denn auch Laien durften in der katholischen Kirche predigen, sie dürfen es noch heute, wenn der zuständige Bischof das gestattet. Ein Prediger muss kein Priester, er muss nicht einmal Theologe sein, was den meisten Katholiken aber unbekannt ist. Den katharischen Frauen war es nicht  unbekannt, wenn sie vor Laien sprachen. Nur – sie besaßen nicht die Erlaubnis ihres Bischofs, sie brauchten sie nicht.

Eine Vollkommene lebte einfach – aber nicht armselig. Was zum Leben benötigt wurde, besaß sie in ausreichendem Maße aus dem Gut der Gemeinschaft, in der sie lebte, oder sie verdiente es sich mit ihrer Hände Arbeit, denn es war den Gutleuten verboten, zu betteln. Jeder Gabe hatte ein Dienst zu entsprechen und wenn es das Totenconsolamentum war. Sie besaß in ihrem Konvent ein eigenes Zimmer und, anders als die Monasterialen, waren die Gutleute auch nicht wasserscheu und hielten auf Sauberkeit des Leibes wie sie auf die der Seelen hielten. Ein Konvent hatte den Anschein nicht eines feuchten Klosters, sondern eines gepflegten Hauses, hell und trocken und in den Wintermonaten auch warm – nun, der Winter ist in der Provençe nicht übermäßig hart, Minusgrade sind die Ausnahme, zudem war das Jahrhundert eine sogenannte Warmzeit. Sie hatten eine Menge zivilisatorischen Wissens aus der Römerzeit bewahrt, denn sie existierten seit den Tagen des Augustus in der Gegend, wenn sich auch einige ihrer Gewohnheiten erst unter dem Einfluss mittelalterlicher Institutionen herausgebildet hatten. Hätte eine Vollkommene in unserer Zeit gelebt, so hätte wohl niemand Anstoß daran genommen, wenn sie in ihrer Wohnung Heizung und Warmwasser besessen und auch Telefon und PC ihr eigen genannt hätte. Denn damals wie auch heute wäre ihr alles gestattet gewesen, was sie zu ihrer Arbeit oder zu ihrem Wohlbefinden benötigte… Designerklamotten gehörten und gehören allerdings nicht dazu.

Aber wie wurde man eine Vollkommene? Wie man Nonne wurde, ist klar: man absolvierte ein Noviziat, in dem man an das klösterliche Leben und seine Pflichten gewöhnt wurde, dann legte man die Gelübde ab, empfing die geweihte Kleidung und war Nonne auf Lebenszeit. Die „Gelübde auf Probe“, heute allgemein üblich, hielten erst mit den Jesuiten Einzug ins monastische Leben der römischen Kirche.  Zur Nonne wurden die meisten Mädchen bereits im Kindesalter ausersehen – wer Perfecta wurde, entschied dies selber. Eine Novizin lebte im Kloster – eine angehende Vollkommene konnte im Konvent leben, aber ebenso gut weiterhin in ihrer Familie. Im Anfang war das Leben in der Familie die Regel, dann, unter dem Einfluss der Byzantiner, kam eine mehr klösterliche Disziplin in Anwendung, zu der auch die vielbeschriebene  Übergabe des Vaterunsers gehörte – die Katharer alter Schule beteten nicht, weder ein Vaterunser, noch irgendein anderes Gebet. Die Byzantiner aber, die sich hauptsächlich als Gegenkirche verstanden, beteten heftig und eifrig, taten aber sonst genau da recht wenig, wo die „Alten“ gerade viel taten. Aber die Lehre der Erkenntnis war in ihrem Bereich, dem griechischen Osten, auch sehr schnell in die Tiefen einer spekulativen christlichen Sekte abgerutscht, dort hatte sie sich verfestigt und zu einer Religion mit Kult und Hierarchie umgebildet. Als solche bildete sie dann eine Gegenkirche – was die originale okzitanische Bewegung niemals getan, nicht einmal versucht hatte. Daher interessierten sich denn auch viele okzitanische Kleriker für die alte Philosophie, die sich für eine häretische Kirche sicher nicht interessiert hätten, aber man bedenke, es ist die Zeit der Scholastik und auch auf christlichem Gebiet ereignet sich Erstaunliches. Das Christentum beginnt, sich in der Philosophie auszuprobieren – die Probe muss zwar scheitern, weil das Christentum in seiner Glaubensseligkeit eine ganz und gar unphilosophische Basis hat, aber immerhin – man hat versucht, mit der alten Philosophie zu konkurrieren und es sind beachtliche Werke der christlichen Mystik daraus entstanden, die oft schon die Grenze zur Philosophie streifen, wie im Werk des Meister Eckart oder der Hildegard von Bingen. Für eine Gegenkirche aber interessierten diese Kleriker sich natürlich nicht und so auch nicht für die neueren Entwicklungen auf dem Gebiet der Bewegung, die gerade im Schwange waren, als Esclarmonde ihre Tätigkeit in Fanjeaux begann. Ob sie dieselben abgelehnt hat? Wahrscheinlich – denn sie engten den Raum, den sie als Frau im Mittelalter ausfüllen konnte, nochmals ein, sie gestatten den Frauen die freie Predigt nicht mehr, reglementierten auch ihre Befugnis, Novizen anzuleiten und bis zum Consolamentum zu führen, sie sollten es nur noch in männlicher Begleitung dürfen, was so viel bedeutete als wenn ein von ihnen erteiltes Consolamentum nicht oder nur bedingt gültig sein sollte. Wohlgemerkt, hier ging es nicht um den offiziellen Akt, sondern um das, was diesem Akt voranging. Dennoch traten auch die genuin okzitanischen Katharer für ihre bogomilischen Gefährten ein, sie wussten, die Kirche würde, hatte sie erst einmal eine Handhabe, keine feineren Unterschiede machen und so stand und fiel mit den Byzantinern auch ihr eigenes Schicksal.

Da man also darauf vorbereitet sein musste, dass diese hitzköpfigen Byzantiner mehr und mehr Streit vom Zaune brechen würden, bereiteten sich die Katharer insgesamt breit auf eine Verteidigung vor – sie ließen die Burgen, in denen sich Konvente befanden, stärker befestigen und sie sammelten Vermögen, das sie solange die Wege noch offen waren, durch das Veltlin nach Italien transferierten, wo lombardische Ketzer sich dessen annahmen – gegen einen Preis natürlich, denn die hoch gebildeten Gutmenschen von jenseits der Alpen waren den eher biederen und zumeist tief gläubigen Lombarden nicht geheuer. Mit der Zeit entstand so wenn auch keine „Gegenkirche“ so doch eine straffe Organisation, die auch die möglichen Fluchtwege für Byzantiner und Okzitanier offen hielt, Gastwirte und Bergführer besoldete, Pferd und Wagen bereit hielt, Nahrung, Kleidung und Reisegeld. Bei alledem tat Esclarmonde mit, so gut und soweit sie konnte, immerhin gehörte auch die uneinnehmbare Burg Montségur zum Herrschaftsbereich derer von Foix. Sicher, Esclarmonde hatte auf allen Besitz verzichtet, aber ihre Familie keineswegs und ihre Brüder, Cousins und Schwäger waren allesamt von alters her Klienten der Katharer. Dass ihnen das alles besonders gefallen hätte, nehmen wir aber besser nicht an. Tausend Jahre hatten sie Bestand gehabt, ohne dass es zu nennenswerten Konflikten gekommen wäre – und nun, da die Byzantiner im Land waren, löste ein Konflikt den andern ab, Katharer begannen zu pöbeln und Credentes begannen zu morden und die Opfer waren Priester, die gar nicht wussten, wie ihnen da auf einmal geschah. Hätten sie gewusst, was sich in Byzanz begeben, sie hätten sich weniger gewundert, denn genau wegen solcher Übergriffe und Hetzreden hatten die Griechen ihre angestammte Heimat verlassen müssen, nachdem man ihren militärischen Einsatz nicht mehr brauchte. Und nun waren sie hier, ausgemusterte Soldaten und ihre Prediger, und machten den Süden Frankreichs unsicher. Dabei waren sie selbst unsicher, denn die Atmosphäre Okzitaniens war ihnen völlig fremd. Sie verstanden auch die Rolle der Vollkommenen in diesem sozialen Gefüge nicht. Sie verstanden den Geist nicht, der das alles durchdrang. Sie kannten nur den Geist von Byzanz, in dem Kaisertum und Kirche alles beherrschten und erstickten. In Okzitanien waren die weltlichen Verhältnisse stets relativ zueinander, sie änderten sich, beständig waren nur die geistigen Perspektiven, die jedem Einwohner wenigstens nach dem Tod das Himmelreich eröffneten. Denn die Aussicht auf das – sichere – Totenconsolamentum ließ die Menschen sehr viel fröhlicher und selbstsicherer sein als das in Byzanz jemals möglich gewesen wäre, wo man peinlich darauf achten musste, ein guter Untertan und Christ zu sein. Die Kirchenkritik, in Byzanz das A und O häretischer Aktivitäten, war in Okzitanien zwar nicht verpönt, aber auch in keiner Weise wesentlich. Über die Kirche konnte man schimpfen, zur Messe ging man doch. Man konnte über Priester spotten, zur Beichte kam man dennoch und die Taufe war selbstverständlich – auch für Credentes. Das nun verstanden die Byzantiner nicht und die Okzitanier verstanden nicht, dass die Byzantiner es nicht verstanden. Die Kirche aber und der König von Frankreich rechneten sich aus, dass der Süden binnen kurzem „befriedet“ sein würde, denn militärisch waren sie die Stärkeren – eine schwierigere Position war dem harten Kern der katharischen Bewegung noch nicht begegnet und Esclarmonde zählte, wie die Ereignisse zeigen werden, durchaus dazu.

Wenn sie die Bewegung hätten retten wollen, hätten sie sich von den Byzantinern trennen müssen, das war ihnen klar. Aber genau das wollten sie nicht, denn wenn die Byzantiner auch entschieden zu laut agierten und zu schroff argumentierten – auch sie kannten das Ziel der Bewegung und die Gegner derselben würden, Spaltung oder nicht, nicht unterscheiden wollen zwischen Friedlichen und Hetzern, denn sie wollten etwas ganz Anderes: sie wollten die politische Macht in diesem Gebiet. Sie wollten die Macht der regionalen Feudalherren brechen, das selbstbewusst gewordene Bürgertum in Untertanen zurück verwandeln und aus freien Geistern wieder angstschlotternde Gläubige machen, die brav zahlten, was sie schuldig sein sollten. Zuletzt ging es auch noch darum, den aragonesischen König, der seine Hand bereits weit über die Pyrenäen weg in den Norden ausgestreckt hatte, zurück zu drängen. All das sahen die Katharer um Guilhabert und Esclarmonde ganz deutlich, denn sie waren nicht weltfremd. Und darum, nur darum, trennten sie sich nicht von den Byzantinern, sie wollten sich nicht  noch weiter schwächen. Sie konnten sich noch, wie schon unter den Merowingern und Karolingern, unsichtbar machen bis zur Unscheinbarkeit, aber auch das würde Zeit kosten, die sie nicht mehr hatten. Denn angestachelt durch die Byzantiner rüsteten nun Kirche und König, beide, sichtbar auf und würden zuschlagen, ob nun auf Byzantiner oder auf Okzitanier, auf Ketzer oder auf Grafen. Sie mochten sich dadurch die Hölle verdienen, die ja bei den Byzantinern möglich war, aber das war dann quasi erst übermorgen daran und für das irdische Geschick der Bewegung nicht mehr maßgeblich.

Wie vielen Frauen und Männern Esclarmonde das Consolamentum vermittelt hat, wissen wir nicht, aber sie wird es getan haben, sie wird auch manchen Vortrag gehalten, manche Brotbrechung geleitet haben, wie es ihr zukam. Jedenfalls machte sie ihrem Namen alle Ehre und erwies sich den Menschen, die sie kannten, wahrlich als ein „Licht der Welt“. Woher kann man das wissen? Man kann es an dem  erfahren, was sich auf dem Treffen in Pamiers ereignete.

 

Pamiers

Pamiers ist eine Gemeinde im  südfranzösischen Departement Ariége und zählt heute etwas mehr als fünfzehntausend Einwohner. Es liegt am Ariége – Fluss, der hier die Pyrenäen verlässt und durch eine Ebene der Garonne von Süden her zufließt. Zu Esclarmondes Zeiten war Pamiers eine junge Stadt. Erst 1111 war sie von Roger II de Foix gegründet worden, der auch den ersten Bischof einsetzte – Pamiers war also von Anfang an auch Bistum.

In dieser Stadt trafen sich im Jahre 1207 eine Reihe von Vollkommenen, darunter auch Esclarmonde de Foix, mit Kirchenvertretern, unter ihnen auch der nachmalige Heilige Dominicus, damals noch ein junger spanischer Zisterziensermönch namens Domingo Guzman. Dem Gebot des Papstes Lucius III folgend, wollte man die „Ketzer“ mit Argumenten außer Gefecht setzen, denn es mit Waffen zu tun schien damals noch wenig erfolgversprechend, der König von Frankreich befand sich noch mitten in den Vorbereitungen und da Kriege immer Geld kosten, wollte man sich, sofern möglich, einen solchen ersparen. Da kam die Anregung des jungen Zisterziensers gerade recht, der da meinte, mit Argumenten wäre vielleicht mehr zu erreichen als mit Waffen; billiger war ein Krieg der Argumente allemal.

Die Idee kam aber zu spät. Erste Übergriffe der Königlichen waren bereits erfolgt. Bereits 1181 hatte Heinrich von Albano versucht, sich der Festung von Lavaur zu bemächtigen, deren Bewohner allgemein als Credentes und Schützer von Katharern galten. Die Belagerung musste abgebrochen werden, aber jederzeit konnten neue Feindseligkeiten aufflammen und neue Brände entzünden, die Situation war denkbar labil. Feindseligkeiten lauerten im kirchlichen Lager nicht weniger als im Lager der byzantinisch orientierten Katharer mit ihrer aggressiven Kritik an Kirche und König. Zudem verkannte Domingo die Situation. Er meinte, es ginge darum, Menschen dem Christentum zurück zu  gewinnen, dabei war die Bewegung Lichtjahre vom christlichen Glauben entfernt, sie glich ihm nicht einmal in Ansätzen. Aber Domingo gab sich auch nicht die Mühe, die Gegenseite zu verstehen, ihm ging es einzig und allein um einseitiges Verhandlungsgeschick zu Ungunsten der versammelten Katharer, deren Argumente er durch die Bank nicht zu beachten beabsichtigte, denn in ihnen lauerte – für ihn – der Teufel in Person und die Katharer waren dessen Propagandisten, die Credentes seine Handlanger. Man verließ sich also allein auf die vorgeblich göttliche Macht des Wortes – und war verlassen. Denn es stellte sich heraus, dass die versammelten Katharer, wie immer, die Bibel besser kannten als die katholischen Theologen, obgleich die inzwischen auch nachgelernt hatten. Das Gespräch fuhr sich bald in Äußerlichkeiten fest und aus der Grundsatzdiskussion wurde ein gegenseitiges Aufrechnen reihum begangener wirklicher und angeblicher Gewalttaten. Bei diesem Aufrechnen nun versuchte ein Mönch – Domingo war es wohl nicht – den Katharern ein Massaker zu unterschieben und, als das nicht gelang, die Tat eines Credens, der wohl auf eigene Faust gehandelt hatte, denn die Katharer erteilten derartige Aufträge nicht. Aber ein einziger, nicht sehr kluger Satz eines Mönchs zerstörte die Klarstellung – Esclarmonde wies den Christen nach, dass ihre Gewaltmaßnahmen sehr wohl auf Anordnung geschahen, hingegen nicht die der Credentes. Dabei hätte sie es hingenommen, wenn ihr vorgeworfen worden wäre, die Katharer hätten ihre Credentes nicht im Griff, denn das hatten sie durch tausend Jahre nicht beabsichtigt, aber es kam anders. „Geht zu Eurem Spinnrocken, Dame, es kommt Euch nicht zu, in einer Versammlung von Männern zu sprechen!“ war die Antwort. Wahrlich, an Sachlichkeit war sie nicht mehr zu überbieten, an argumentativer Schärfe und Prägnanz auch nicht. Mit millimetergenauer Kenntnis der jeweiligen Sachlagen hatte der betreffende Mönch sich auf die Angelegenheit bezogen, wie man sieht. Die Antwort der Konferenzteilnehmer konnte nur eine einzige sein: sie nahmen ihre Sachen und verließen augenblicklich den Ort. Auf einem solchen Niveau konnte man nicht vernünftig miteinander reden, wenn man es denn überhaupt je gekonnt hätte. Denn mit der Antwort des Mönchs war auch die ganze Haltung der Kirche, ihre wahre Absicht, klargestellt worden. Es ging ihr nicht um Verständnis, es ging ihr um die Unterwerfung unter ihre Normen und Vorstellungen und dies betrachteten die anwesenden Katharer dann zu Recht als Zeitverschwendung. Wichtigeres war zu tun. Der erwartete Ansturm konnte nicht mehr aufgehalten werden, man musste sich auf ihn einrichten. Denn wer auf eine sachliche Feststellung eine derartige Antwort gibt, der ist entweder nicht ganz bei Trost oder schon eines anderen Sieges gewiss: des der Waffen.

Was kommen sollte, wissen wir. Denn dem geplatzten Gespräch folgte die Ermordung des Pierre de Castelnau und dieser wiederum folgte der große Kreuzzug. der schon in Pamiers seine Schatten voraus geworfen hatte. Der ach so gesprächsbereite Domingo wurde zum Vater der Inquisition und Tausende Opfer gehen auf sein Konto. Hunderttausende wohl nicht, denn die Zahl der Katharer war stets klein und unter den Credentes hauste die Inquisition zwar mit Folter und Zwang, aber nicht so sehr mit dem Scheiterhaufen. Am Ende fiel auch die stark befestigte Montségur, der „sichere Berg“ in die Hände der Christen und 200 Katharer warfen sich in die Flammen weil sie das Leben, das sie führen sollten, nicht führen konnten. Esclarmonde hat diese Götterdämmerung nicht mehr erlebt. Im Jahre 1215 ist sie wahrscheinlich verstorben und in jene Räume eingegangen, in denen sie sich bereits bestens zuhause fühlte. Im Volk blieb ihr Name lebendig als der einer großen Frau des Mittelalters, die auf ihrem Platz allen Männern ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen war. Noch die längst Verstorbene sieht man über dem zerstörten Montségur schweben, wo sie das Heiligtum der Katharer birgt – die wenigen Blätter, die das Geheimnis der Wiedergeburt und Göttlichkeit enthalten.

 

Die verwehten Spuren

Als Spätere in entfernten Zeiten versuchen, Katharer zu spielen, nehmen sie Esclarmonde in den Zirkel ihrer Heiligen auf, denn sie sind keine Katharer, sie spielen es nur. Es richtet ihr Selbstbewusstsein auf, das immer wieder zertreten wird, erst von der Kirche, dann vom vierzehnten Ludwig, aber auch immer wieder aufgerichtet, erst von den Reformatoren, dann von den protestantischen Widerständlern, zuletzt mit allerlei Märchen vermischt, von den modernen Esoterikern. Aber Esclarmonde war keine Heilige und wollte auch nie eine sein. Sie war Katharerin, Schulleiterin, Mutter und Großmutter, Philosophin, Seelsorgerin, aber keine Heilige irgendeines Kalenders. Ihre Spuren sind bis auf das Wissen von ihrer Existenz verweht, keine Zeile kündet, was sie dachte, es wird dem entsprochen haben, was die okzitanischen Katharer seit jener dachten, sie war kein Reformer, sondern nur eine selbstbewusste Frau in einer Zeit, in der Selbstbewusstsein nur sehr beschränkt als Tugend galt und von einer Frau Anderes erwartet wurde, wie die wahrlich gottbegnadete Antwort des Mönchs von Pamiers uns kündet. Der Platz einer Frau ist am Spinnrocken… nun, sicher konnte Esclarmonde auch spinnen, aber sie konnte eben mehr als nur das. Mehr noch – sie war damit, mit diesem Mehr in ihrer Gesellschaft keineswegs die Einzige, sie ist nur eine von wenigen, deren Namen wir kennen, denn sie war eben eine Foix. Durch sie ist auch der Name ihrer Schwägerin Philippa erhalten, auch einer Vollkommenen, auf die aber das Licht der Geschichte nicht weiter fällt, durch sie wissen wir etwas von ihrer Namensvetterin, der jüngeren Esclarmonde, deren Leben im Zusammenhang steht mit dem Fall von Montségur. In den Akten der Inquisition finden sich weitere Namen, meist sind es die Namen von Credentes und ihren Frauen, nur wenige katharische Frauen werden erwähnt und über die Namen selbst kommen die Akten oft nicht hinaus. Denn die Katharer waren, im Gegensatz zu den Credentes, schweigsam. Sie waren ohnehin des Todes, was also ging ihre Henker das Geheimnis ewigen Lebens an? Aber das Wort vom Spinnrocken beleuchtet die Situation ausführlich. Denn da ist eine, die nicht an ihren Spinnrocken geht, sondern in einer Konferenz mit den Gegnern ihrer Lebensphilosophie sitzt und von ihnen argumentativ nicht überwunden werden kann, weshalb sie wie eine Magd an den Spinnrocken geschickt wird, woraufhin, wir hörten es, alle Katharer die Konferenz abbrechen. Die meisten von ihnen sollten sich retten – auf verschwiegenen Pfaden und öffentlichen Straßen machten sie in den nächsten Jahren die Reise durch das Veltlin in die Lombardei und weiter hinein ins nördliche und östliche Alpenland, sowie endlich ins Alpenvorland, wo sie im Gebiet der Moldau für Jahrhunderte eine neue Heimat fanden. Sie gaben ihre Lebensweise weiter und errichteten feste und gut organisierte Siedlungsverbände und der kämpferische Geist der Byzantiner wanderte mit ihnen und wandelte sich  im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert in eine in ganz Mitteleuropa gefürchtete „Vorwärtsverteidigung“. Man nannte sie später Hussiten, womit ihre Herkunft aber eher verschleiert als erklärt wird, denn mit dem in Konstanz verbrannten christlichen Häretiker Jan Hus haben sie nur sehr mittelbar zu tun. Als „Hussiten“ waren sie aber in die böhmische Ständegesellschaft voll integriert, Kaiser, Könige und Bürger bedienten sich ihrer zur Wahrnehmung ihrer jeweiligen Interessen und ihre Lieder singen wir zum Teil heute noch aus den Gesangbüchern aller christlichen Konfessionen. Aus diesen Liedern geht ihr originaler Text übrigens nicht hervor, da sie sämtlich christlich überarbeitet worden sind. Teilweise wurden diesen Liedern auch ganz und gar neue Texte unterlegt und die Melodien dazu passend rhythmisch verändert. Nur die Herkunftsbezeichnungen verweisen noch auf ihre Entstehung. Eine Parallele zu der genannten Integration gibt es übrigens in der Integration der kleinasiatischen Paulikianer in die Herrschaftsstrukturen des byzantinischen Reiches.

Das alles hat Esclarmonde nicht mehr erlebt, aber all das hat sie am Horizont aufdämmern sehen, ehe sie starb. Dass sie im Gedächtnis der Welt aber, und sei es als bloßer Name, fortdauern sollte, hat sie sicher weder gesehen, noch hat sie es gewollt. Was sie wollte? Sie wollte ihre Aufgabe so gut erfüllen, wie es ihr möglich war und darin trifft sie sich mit allen Katharern ihrer und aller Zeiten. Das neunzehnte Jahrhundert hat dann aus ihr jene Heilige eines im Wesentlichen nationalistisch orientierten Neu – Katharismus gemacht, der mit der Bewegung des Mittelalters so gut wie nichts als den Namen und einige Begriffe als Ritualismen gemein hat. Die „modernen“ katharischen Kirchen, dem neunzehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung entstammend,  kennen keine wahrhaften Eingeweihten mehr, ihr Consolamentum ist bloßer Ritus. Wie dieser aber bloßer Ritus einer Nebenkirche ist, so ist auch Esclarmonde nicht als Person, sondern nur noch als „Eidolon“, als reines Bild,  eine Heilige dieser Kirche, es könnte auch jede andere weibliche Person statt ihrer sein. Etwas Anderes ergibt sich, wenn wir die Kirchengeschichte des französischen Südens ansehen. Anders als der weithin katholische Norden hat hier der von Deutschland kommende Protestantismus seine reichste Entfaltung gefunden, weil er in manchen Aspekten dem bogomilischen, also byzantinischen Katharertum ähnlich sah. Die alte, okzitanische Lehre aber ging auch im Süden Frankreichs ganz und gar verloren.


[1] hier wird sich Widerspruch erheben… aber sollten die Katharer ausgerechnet bei der Brotbrechung, die mit Brot und Wein begangen wurde, dasitzen und verzichten?

 

Echnaton oder vielmehr Amenhotep IV war ein Sohn Amenhoteps III und der Großen Königlichen Gemahlin ( so ihr amtlicher Titel) Teje. Mit Rufnamen hieß der vierte Amenhotep Wan – Re oder in der Aussprache der damaligen Zeit wohl Wanrija. Er war nicht von allem Anfang an zum Thronfolger bestimmt gewesen, aber die älteren Söhne des dritten Amenhotep starben und er allein blieb übrig.

Wanrija war bereits ehe er König wurde, verheiratet mit einer Tochter aus bestem Hause, deren bürgerlichen Namen wir nicht kennen, der Name, den ihr der König verlieh, war Nofertiti (die Schöne die gekommen ist) oder in unserer Gewohnheit Nofretete. Das bedeutet nicht, dass sie von weither gekommen sein muss, wie manche meinen, es bedeutet, dass sie in die Familie gekommen ist. Nofretete und Wanrija verstanden sich ganz gut und sie war ja auch wirklich eine schöne Frau – selbst nach modernen Maßstäben. Das eine Auge, das ihrer Büste fehlt, muss nicht bedeuten, dass sie einäugig gewesen wäre. Plausibler erscheint mir die Annahme, dass in diesem Auge ausprobiert wurde, welche Gestaltung ihrer Augen an der endgültigen Statue am besten gewesen wäre – die Büste ist ja nur ein sozusagen Studienobjekt des Hofbildhauers Thutmosis. Das Paar hatte sechs Töchter, von denen eine im Laufe ihrer Regentschaft verstarb, eine andere ihren Halbbruder Tut Anch Aton heiratete und mehrere Fehlgeburten hatte. Nachfolger des Wanrija wurde sein Mitregent Sem ench Ka Re, dann Echnatons vermutlicher Schwiegervater der schon bejahrte Eje, Nofretetes Vater, ihm folgte besagter Tut Anch Aton und diesem dann wiederum sein Schwager Har em Heb. Er ist der letzte König der achtzehnten Dynastie. Neben Nofretete hatte Wanrija noch andere Frauen, bekannt ist die Nebenfrau Kija, aber die Mutter des Tut ist nicht sie, sondern Wanrijas Schwester Baket Aton. Sowohl Kija als auch Nofretete verschwanden stillschweigend von der Bildfläche, Kija fiel wahrscheinlich einem Attentat zum Opfer. Sie wurde an der Seite der königlichen Familie in Achet Aton bestattet und später von Tut mit den Särgen der königlichen Familie ins Tal der Könige umgebettet. Das mag der Preis gewesen sein um den er die alte Religion wieder einführte. Der Name des Königs Echnaton aber wurde auf allen Königslisten getilgt – warum?

Weil er, wir wissen es, etwas Ungeheuerliches tat: er versuchte, Ägypten in einen monotheistischen Gottesstaat umzuwandeln, dessen einziger Priester der König war, der alle anderen Priester als seine Stellvertreter erst beauftragen musste, den Kult des Aton an anderen Stätten durchzuführen. Dieser Kult des Aton war in seinen Opfern unblutig, in  seinen Tempeln geschah er bei hellem Tageslicht, die Tempel selbst waren durchweg öffentlich und jeder Untertan war angewiesen, einen Altar für den Aton zu errichten und davor zu beten. Wie kam es dazu?

Wir müssen hier etwas ausholen. Am Ende der Herrschaft der Hyksos als sich der Widerstand gegen sie im ganzen Land formierte, da waren es bestimmte Nomaden, die herumzogen und indem sie ihre Herden herumführten, sie waren Schafzüchter, die Rolle von Mittelsmännern zwischen Süden und Norden spielten. Durch ihre geheimdienstliche Tätigkeit wurde die Koordination der Widerstandsnester erst möglich und diese zeitigte dann auch Erfolge: die Hyksos wurden ausgetrickst und nach zwei großen Schlachten, in denen sie unterlagen,  endgültig vertrieben. Zum Dank für ihre Tätigkeit wurde der Gott der Nomaden der neue Reichsgott – aber in die verborgenen Lehren ließen die Gelehrten der alten Kollegien die Neuen nicht eindringen- sie wurden mit dem äußeren Gepränge einer reichsweiten Volksreligion belohnt und wie sich zeigte, wussten sie diesen Vorteil auch wohl zu nutzen und drängten das Königtum immer mehr beiseite, sodass bereits Amenhotep III sich nach Alternativen umsah und den Königsgott vom Reichsgott trennte. Wanrija verfolgte in dieser Hinsicht also nur, was bereits sein Vater begonnen hatte – die Ablösung des Amun  – Kultes durch einen anderen. Neben dem Tempel des Amun in Theben wurde ein Tempel des Königsgottes Aton errichtet, der diesem in vielen Dingen diametral entgegen gesetzt gestaltet wurde. Es gab kein dunkles Adyton mehr (Amun, der Verborgene, musste überall verborgen werden), sondern wie die Sonnenscheibe überall zu sehen war, so auch das Allerheiligste des Aton. Es gab kein Götterbild mehr, sondern Aton wurde versinnbildlicht im Zeichen der strahlenden Sonnenscheibe, deren Spitzen in Lebenszeichen – für das ewige Leben – auslaufen. Die Figuren des Stifters Wanrija wurden nicht, wie üblich, idealisiert, sondern eher in ihrem Realismus noch karikiert, denn es sollte alles so dargestellt werden, wie die Sonne es zu sehen bekam.

Die Revolte des vierten Amenhotep wurde von den übrigen Priesterkollegien unterstützt und er hatte Erfolg, die Priester des Amun zogen aus ihren Tempeln aus und gingen fortan ihren zivilen Berufen nach, wenn sie denn solche hatten, denn in letzter Zeit waren da böse Unregelmäßigkeiten aufgetreten. Allzu sehr hatten sich die Priester darauf verlassen „ vom Altar ernährt“ zu werden und hatten weder privaten Besitz gesammelt noch private Berufe erlernt. So wurden viele von ihnen zu Bettlern, aber das Volk bemitleidete sie nicht im Geringsten. Sie hatten schließlich beim Eintreiben ihrer Abgaben auch kein Mitleid gehabt, sondern eher zu viel genommen als einmal zu wenig. Der Hof war hoch erfreut, denn die Anmaßung der Amunpriester war auch hier beinahe allen ein Dorn im Auge gewesen. Die Amunpriester beschwerten sich daraufhin bei den alten Kollegien, aber auch die zeigten ihnen die kalte Schulter und hielten zu ihrem Zögling Wanrija. Der Fehler der ersten Könige des Neuen Reiches schien behoben zu sein.

Aber dann geschah etwas Unvorhergesehenes: Wanrija kippte alles – nur noch Aton sollte anzubeten sein. Die alten Kollegien, seit langem erfahren in der Gewissheit, dass es nur ein Göttliches gäbe, das aber allen gehört, waren entsetzt und versuchten Wanrija aufzuhalten, der aber nannte sie Verräter an der eigenen Überzeugung und ließ nicht mit sich reden, vielmehr zog er aus Theben aus und bot der gesamten Priesterschaft Ägyptens die Stirn. Auf jungfräulichem Boden ließ er die Stadt Achetaton aus dem Boden stampfen und zog mit dem gesamten Hof dorthin um.

Das Weitere kennt man, dem neuen Glauben war kein Glück beschieden und das nicht nur, weil sich die alten Kollegien nun mit den Amunsleuten solidarisierten, das ging nun wirklich zu weit. Auch das Volk, das Amun nur selten verehrt hatte – seine Priester waren zu unbeliebt – wehrte sich nun erbittert dagegen, dass man ihm seine Götter rauben wollte. Und so versank Echnatons Reformation in reinster Nichtachtung. Es kam nicht einmal zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die Beschlüsse Echnatons wurden außerhalb Achetatons einfach nicht beachtet. Denn gegen den König zu revoltieren war Auflehnung gegen die Maat, was niemand wollte, denn gerade der König hatte die Maat ja verletzt, aber etwas nicht gehört, nicht gelesen, nicht zur Kenntnis genommen zu haben konnte ja schließlich jedem mal passieren, da drückte die Maat schon mal ein Auge zu. Achetaton verfiel, ebenso schnell wie es gebaut ward, ward es auch verloren, schon die Generation nach Wanrija fand die Stätte kaum mehr. Der Hof siedelte unter Tut nach Theben zurück und setzte Amun wieder in seine Rechte ein – sehr zum Missfallen der alten Kollegien, die aber nun den Preis für Echnatons vorschnelle Oberflächlichkeit zahlen mussten. Schon unter der nächsten Dynastie aber zeigte sich, dass sie richtig gehandelt hatten, denn unter den Ramessiden wurde Amun bedeutend zugunsten des alten Ptah und seiner Stadt Memphis zurückgestellt. Er erreichte niemals wieder seinen alten Glanz, auch wenn er respektvoll behandelt wurde und seinen Besitz behielt, ja sogar noch erweiterte. Aber er war im ägyptischen Pantheon nun ganz und gar zu einer Gottheit ehrenhalber geworden. Echnatons Monotheismus aber war gescheitert – nicht am Widerstand irgendwelcher Kollegien, sondern an dem des Volkes, das sein Herkommen verteidigt hatte – auch gegen den Sachwalter der Götter, an den sie nun nicht mehr glaubten, wenn er eben diese Götter verleugnete.

Dazu muss man freilich verstehen, was Götter in Ägypten bedeuteten. Sie waren nicht, wie in Griechenland, Gestalten die unter ihnen und auf der gleichen Erde lebten, nur eben für immer, sondern sie waren Gestaltungen ewiger Prinzipien, Garanten dafür, dass die Sonne auf- und unterging, dass der Nil Wasser führte, dass Menschen zur Welt geboren werden konnten, dass Heilung bei Krankheit geschah und Unheil vermieden wurde – sie garantierten die Wohlfahrt Ägyptens und aller seiner Menschen  – die griechischen Götter konnten derweil schlafen, sie waren zwar da, aber es kam im Grunde nicht auf sie an. Ein Mensch aber, der die Prinzipien leugnete, nach denen Leben sich vollzog, konnte nur Unglück über Ägypten bringen. Echnaton strampelte sich weidlich ab, diese Folgerung aus der Welt zu schaffen, indem er den Aton als allsehend und allgütig propagierte und alle Eigenschaften aller Götter quasi auf ihn übertrug, aber das glaubte ihm niemand – das Leben war zu groß, dass ein einziges Prinzip es ganz hätte erfassen können.

Wenn man nun Echnaton als den Vater des Monotheismus anzusehen beliebt, so muss man auch ansehen, dass dieser Monotheismus seinen Widerspruch bereits in sich trägt. Das ist schon daran zu sehen, dass kein Mensch den Anforderungen des Monotheismus zu entsprechen in der Lage ist. Alle monotheistischen Religionen haben Beimengungen polytheistischer Natur: Israel die Schechina und die Ruach, der Islam Ali und die Heiligen, die den Gläubigen oft näher stehen als Allah und Mohammed, der zuletzt auch gottähnlich geglaubt wird, die Christen endlich haben von vornherein ihre Gottheit in drei Gestalten und dazu noch eine vierte, die Muttergottes, die beinahe eine Göttin ist, jedenfalls gibt es nichts, was sie ernstlich von einer solchen unterscheidet als ihr Platz in der Hierarchie – sie gehört nicht direkt zur Triade. Einst gehörte sie dazu, die erste christliche Triade bestand aus Vater, Mutter und Sohn. Aber dann kamen die Priester und scheuchten sie fort und setzten den Heiligen Geist auf ihren Thron, der übrigens – auch weiblich ist, aber das wussten sie nicht, weil sie kein Hebräisch verstanden.

Jedenfalls rutschte der Monotheismus überall aus, wo er eingeführt worden war – aber das war nicht der Monotheismus Echnatons, sondern eine ganz andere Sache. In Israel war es der eine Gott Jahwe, der vor dem babylonischen Exil der Priesterschaft ein Nomadengott, ein Stammesfetisch gewesen war und sich erst im babylonischen Exil  zum allgewaltigen Jahwe mauserte. Vorher war er ein schlichter Wettergott gewesen, neben dem es andere Götter gab, die von Israeliten nur nicht angebetet werden sollten. Dieser  Wettergott hatte, wie das Wetter eben, seine Launen. Gutes tat er niemals, Böses oft. Denn seine Sonne schien auf Gerechte wie Ungerechte, aber an seinem Volk Israel rächte er sich dauernd wegen irgendwelcher Lappalien. Zuletzt ließ er ihnen den Staat untergehen und zerstreute sie in alle Welt – so war seine Unterstützung beschaffen als sein Volk sie dringend brauchte.

In der Begeisterung des Glaubens an Allah eroberten die Muslime eine halbe Welt zusammen. Teils wirkte sich diese Eroberung segensreich aus, zum Beispiel im westgotisch christlichen Spanien, teils aber auch katastrophal wie im uralten Kulturland Ägypten. Aber dann gab es auf einmal keine Hilfe von Allah, als es im neunzehnten Jahrhundert darum ging, das Eroberte zusammen zu halten. Die Europäer kamen und versetzten die Muslime in koloniale und halbkoloniale Unterdrückung und da war kein Allah weit und breit. Erst in der Folge des zweiten Weltkrieges, als Europa schwach geworden war, befreiten sich die muslimischen Völker – hat Allah den Weltkrieg gemacht, von dem sie profitierten? Hat er nicht. Sondern eine europäische großindustrielle Kamarilla bekam den Hals nicht voll und hatte aus ihrer ersten Niederlage nichts gelernt, daher kam dann gleich die zweite, schrecklichere, die alle Völker Europas in Mitleidenschaft zog, nur die Vereinigten Staaten nicht. aber die hatten keine Kolonien. Nachdem  hatten sie welche – nur hießen sie nicht so. eDamit war die Unfähigkeit monotheistischer Gottheiten erwiesen und dass die entsprechenden Religionen fortbestehen durften, verdankten sie nur dem Schatz an ethischen Regeln, die sie immerhin auch vermittelten. Sie verdankten es der Tatsache, dass sie den ethischen Regeln eine der jeweiligen Kultur angemessene Sprache verliehen. Aber niemand hat erst einmal die Waffen vergessen, die durch sie gesegnet worden waren und niemand vergisst wohl den ekstatischen Segen, den sich die Siegermächte durch sie erteilen ließen, uneingedenk der Annahme, dass ihr Gott ja auch der Gott der Besiegten war. Der Monotheismus war also geteilt: es gab nicht nur die drei monotheistischen Weltreligionen, es gab darunter noch einen Gott der Sieger, einen der Besiegten, eine der Katholiken, einen der Lutheraner, einen der Kalvinisten und nota bene auch einen der Zeugen Jehovas. Diese Götter konkurrierten alle miteinander unter dem Deckmantel des Monotheismus, also – er ließ sich  auch von diesem Aspekt her nicht durchhalten. Praktische spirituelle Relevanz besaß dieser Gott natürlich nicht. Praktische politische Relevanz besaß er umso mehr, aber das war wohl eher die Relevanz seiner Bekenner.

Und Echnaton hat das alles losgetreten? Glücklicherweise besaßen die siebzehn Jahre in denen er regiert hat diese Bedeutung nicht, Ägypten hat sie vergessen und mit Recht. Aber die Idee wurde auch anderswo gefunden, nämlich in den Steppengebieten Transjordaniens und des Sinai, wo einige Beduinenstämme unter der Überaufsicht Ägyptens lebten. Die schlossen sich mehr oder weniger friedlich zusammen und erklärten den Gott der stärksten Sippe als ihren eigenen. Diese stärkste Sippe nannte man nach ihrem Gott die Jahva – Beduinen. Dieser Zusammenschluss von Sippen brach eines Tages in die Territorien der ackerbauenden Bewohner Kanaans ein, erschlug die Einwohner (Gottesbann) mit Mann und Maus und bemächtigte sich ihrer Ländereien. Das Weitere ist bekannt. Eines schönen Tages legten sie so wenig Realitätssinn an den Tag, dass sie sich mit dem mächtigen Neubabylonischen Reich anlegten – und natürlich von diesem plattgewalzt wurden, wie nicht anders zu erwarten gewesen. Aber die Babylonier waren großmütiger als man meint: sie verzichteten darauf, die Israeliten insgesamt niederzustechen, sie deportierten nur die Adelsschicht mit der Absicht, sie zu zivilisieren. Das gelang ihnen auch zu einem großen Teil, denn als unter den Persern, die ihrerseits die Babylonier besiegten, eine lokale Verwaltung eingerichtet werden sollte, da kehrten nur relativ wenige Ehemalige nach Israel zurück, fortan bestanden zwei Zentren des Jahweglaubens, einer in Mesopotamien und einer in Israel. Das mesopotamische Zentrum sollte in der Zukunft sogar normierende Bedeutung für das Judentum erlangen (babylonischer Talmud).

Im römischen Reich entstand aus der Mitte des Judentums heraus das Christentum. Dummerweise berief es sich dabei auf einen gewissen Jesus, der gar kein Christ, sondern ein an Ägypten geschulter Philosoph gewesen war. Dadurch gerieten die Christen fast von Anfang an in Widerstreit mit dessen Philosophie, die übrigens im römischen Reich gut Karriere machte. Die Christen vertraten einen modifizierten Monotheismus indem sie ihren Gott unter mehreren Aspekten betrachteten: einem historischen, einem menschlichen und einem rein spirituellen: dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Das nun wieder ging einem Orientalen nicht so recht ein und daher wird im Koran auch immer ein Unterschied zwischen den Dreigötterverehren und den Philosophen gemacht, die nach dem Evangelium (Einzahl) leben. Allah war hingegen ein konsequenter Monotheos und vielleicht die geschickteste Konstruktion von allen, denn der Islam enthält sich konsequent jedweder Beschreibung und Zuweisung von Eigenschaften an Allah. Er hat alle und keine und thront in unnahbarer Herrlichkeit über den Sphären. Er weiß alles, sieht alles und handelt keineswegs, sondern vermerkt alles in seinem Buch, das am Letzten Tag geöffnet und nach dem gerichtet werden wird.  Das ist ein großer Fortschritt und eine große Einsicht gegenüber den vorigen Konzepten, denn es war inzwischen klar geworden, dass Gott keineswegs in die Geschicke der Menschen eingreift. Also gestand man dem Menschen Handlungsfreiheit zu und vertagte alle Gerechtigkeit auf den Letzten Tag des Gerichtes. Der Islam ist der Meinung, dass jeder Mensch selbst wissen muss und selbst wissen kann, was gut und böse ist und wenn er es nicht weiß, schaue er im Koran und in den anderen Büchern nach, da wird er es finden. Die Vernunft spielt im Islam eine ganz entscheidende Rolle und Allah ist der Wissen Verwaltende, also und daher ist der Islam auch nicht wissenschaftsfeindlich. An den Hochschulen des Morgenlandes wurde geforscht und experimentiert dass sich die Balken bogen, während sich in Europa die Christen als fromme Affen von den Bäumen herab ließen. Nur seinem Gesandten stand Allah in allen Dingen zur Verfügung wie ein gehorsamer Sklave. Nur ganz selten lesen wir im Koran, dass er sich dem Ansinnen seines Gesandten auch widersetzte.

 

Und all das geht nicht auf Echnaton zurück, das wollen wir mal klargestellt haben. Aber was bedeutete Echnaton für Ägypten? Er bedeutete für Ägypten Unmögliches. Den Amun konnte er noch mit dem Beifall Aller stürzen, darauf hatte man eigentlich nur noch gewartet – aber alle Götter aus Ägypten vertreiben, das war ein Ansinnen, das an den Nerv der Kultur ging. Denn ein grundlegendes Merkmal der ägyptischen Kultur ist die Kontinuität, die Ägypter sammeln alles und werfen nichts weg, ein Stein ihres Kulturgebäudes steht immer auf dem andern. Wenn nun einer kommt und alles weg hackt, was da liegt, entwurzelt er jeden einzelnen Ägypter, raubt ihm seine Identität. Man stelle sich das vor: jede Familie in Ägypten hatte seit alten Tagen ihren Familiengott, der für sie die Verbindung mit der Ewigkeit herstellte und mit den verstorbenen Ahnen und an den sie sich wenden konnten, falls die Ahnen versagten. Nun sollte es verboten sein, seine Dienste in Anspruch zu nehmen, nur noch über den König war eine Verbindung zum einzigen Gott möglich, ja, sollte man denn wegen jedem Scheiß zum König rennen? Man kann die Verzweiflung der Ägypter nur zu gut verstehen. Natürlich wurde das Verbot im Lande so gut wie nicht befolgt und damit war im Prinzip die Revolution des Echnaton bereits gescheitert. Zwar versuchten seine unmittelbaren Nachfolger Semenchkare und Eje noch verzweifelt, die Reform aufrecht zu erhalten, aber bereits Tut, der dritte in der Reihe, brachte die alten Götter wieder zu Ehren und das wohl nicht nur zwangsweise und falls doch gezwungen, so war es die Gemeinschaft aller Ägypter, die ihn dazu zwang. Unter Haremheb, der dem Tut folgte, war es schon, als habe es Echnaton niemals gegeben, das ägyptische Volk vergaß ihn wie einen bösen Traum. Erst unsere Zeit als eine Zeit des Monotheismus hat ihm eine Bedeutung zugemessen, die ihm in der ägyptischen Geschichte überhaupt nicht zukommt.

Es soll ja immer noch, auch unter den Menschen, die sich als gebildet bezeichnen, Menschen geben, die zwischen diesen verschiedenen Erscheinungen des Denkens nicht zu unterscheiden wissen. Bestenfalls kennen sie den Unterschied zwischen intelligenten und instinktiven Leistungen und wissen wo sie jeweils verortet sind, aber der Rest geht ihnen als ein Einziges hin und alles, was auf einen sorgfältigeren Umgang hinweist, nennen sie Dummheit und bestenfalls noch Esoterik – ich nenne es vielmehr Philosophie, denn nach der Natur des Denkens zu forschen ist wohl einer ihrer vornehmsten Ziele.

Unser Mitarbeiter Rolf T. ist ein solcher Mensch. Er hält sich für gebildet, aber er kann ganz einfachen phänomengeschichtlichen Ausführungen über die Naturen und Arten des Denkens nicht folgen. Also will ich ihm und allen, denen es genauso geht, eine kleine Lektion halten.

Es ist nicht zu bestreiten, dass auch Tiere ab einem gewissen relativen Hirnvolumen über die Fähigkeit verfügen, die wir Intelligenz nennen. Dazu gehören erwiesenermaßen die Primaten, aber auch Katzen und Hunde gehören dazu, Vögel und Meeressäuger – deren Gehirne wie wir wissen unterschiedlich groß sind, da sie ihrer schieren Größe angepasst sein sollten, aber in etwa über eine ähnliche Differenzierung verfügen. Soweit, denke ich, wird es keinen Widerspruch geben und wird auch niemand solche Beobachtungen unter dem Etikett der Esoterik ablegen. Diese  Intelligenz ist durchaus vom Instinkt zu unterscheiden  – auch dafür wird mich unser Rolf T. (wohl seinerseits zu unterscheiden von unserem Gespenster – Rolf) nicht zum Esoteriker machen, denn diese Unterscheidung ist wohl nicht nur mir bekannt. Diese Intelligenz, die teilweise erstaunliche Leistungen hervorbringt, ist bis heute noch nicht in allen Einzelheiten erforscht, aber wir wissen doch schon Manches darüber – zum Beispiel dies, dass sie nicht ex nihilo kreativ sein kann, sondern nur auf Gegebenes mit Gegebenem reagiert, wobei sie zunimmt und abnimmt – nicht ständig geübtes Erlerntes verkümmert wieder, aber immerhin ist sie lernfähig, das bedeutet, sie reagiert auf bestimmte Situationen mit erlernten Verhaltensmustern – wenn die versagen ist sie allerdings recht hilflos. Alternative Verhaltensmuster kann sie nicht entwickeln, es sei denn, sie habe solche vorher ebenfalls erlernt und geübt.

Über solch eine funktionale Intelligenz verfügt natürlich auch der Mensch in seiner Eigenschaft als Säugetier und entsprechend seinem Hirnvolumen und seiner Hirnorganisation ist diese funktionale Intelligenz um Vieles weiter entwickelt als zum Beispiel die eines Schimpansen, von dem uns sonst, wie wir wissen, nur ein einziges Gen unterscheidet. Sie ist fähig, auch Alternativen zu bedenken und anzuwenden und sie ist fähig, neue Verhaltensmuster zu entwickeln, nicht nur zu erlernen, die dann wiederum weiter gegeben werden können und zu diesem Zweck ist es ihr möglich, geordnet zu kommunizieren, also nicht nur in missdeutbaren Gesten und Lauten, sondern sie kann eindeutige Informationen in fixierten Sprachen von sich geben und ist auf der anderen Seite imstande, diese Sprache im Sinne der gegebenen Information zu verstehen. Vieles, was der oberflächliche Beobachter unter Verstand und Vernunft einzuordnen versucht ist, gehört eigentlich und in Wahrheit in den Bereich der funktionalen Intelligenz eines Menschen. Aber eines kann diese Intelligenz nicht: sie kann nicht von sich sagen, dass sie intelligent wäre.

Das wiederum kann der menschliche Verstand, der aus der Intelligenz erwächst. Er kann den Dingen auf den Grund gehen, er kann alles, was er vorfindet, analysieren, verstehen und – nachgestalten. Der Verstand ist es, der die Werkzeuge erfindet, die das Leben leichter machen, er ist es, der aus verschiedenen Heilkräutern die Mixtur gewinnt, die allein eine bestimmte Krankheit heilt, zu deren Heilung ein Kraut allein nicht imstande ist, er ist es, der die Natur der Natur entschlüsselt und die Rätsel des Universums eines um das andere löst  – und der sich dabei ein um’s andere Mal auch recht unvernünftig benimmt, denn – darüber nachzudenken, was seine Arbeit im vierten und fünften Schritt zur Folge haben kann, ist ihm nicht gegeben. Er ist der Tüftler und Bastler, der Forscher und Entdecker, der Wirtschaftskapitän, vielleicht auch meist der Politiker, denn es ist bekannt, dass viele von ihnen nur von Zwölf bis an die Nasenspitze denken, es gibt sogar eine Philosophie, die solche Kurzsichtigkeit rechtfertigt, ich glaube, der Philosoph heißt Popper. Also, ist zu bemerken, auch sogenannte Geisteswissenschaften (für Rolf Pf.: Gespensterwissenschaften) gehören zu den reinen Verstandesleistungen, nicht nur Philosophie, auch einige Strategeme der Seelenkunde gehören hierher, so der bekannte Behaviourismus. Selbst eine gewisse Form von Kunst kann man hier verorten, nämlich die, der wir in unserer Zeit überall begegnen. Man  macht einfach etwas, um etwas zu machen – die Werbekunst nehme ich da aber doch nicht aus, denn sie macht zwar nicht um nur etwas zu machen, sondern sie hat eine Botschaft, aber: diese Botschaft beschränkt sich in der Mehrzahl auf Objekte, die gekauft und verbraucht werden sollen und das möglichst schon vorgestern.

Wir sehen : Intelligenz und Verstand sind alleine wohl stark genug, einen Menschen durchs Leben zu bringen – und das auf ziemlich hohem technischen, kommerziellem und wissenschaftlichen Niveau. Aber ebenso wenig ist zu leugnen, dass viele dieser Impulse unvernünftig sind. Wir haben gerade zu dieser Zeit ungeheuer viel mit Phänomen zu tun und unter ihnen zu leiden, die intelligent sind, die verständig sind – aber die höchst unvernünftig sind, ich denke hier nur an Maximalprofit und Atomenergie. Es ist ferner zwar höchst profitabel und intelligent, das Holz der Regenwälder zu verkaufen, wie es den dortigen Staaten von der Weltbank und vom IWF angeraten wird um ihre Schulden zu tilgen, aber es ist höchst unvernünftig, denn indem man ein im Verhältnis kleines, weil nur monetäres Übel bekämpft, bekämpft man in Wahrheit sich selber, denn das Klima, das man verdirbt, schadet auch den Gläubigern dieser Länder. Der Erdboden, den man im Moment durch Fracking verdirbt, kann auch denen keine Nahrung mehr geben, die vom Erdgas ihren Profit gemacht haben.  Verständig sind diese Menschen schon, sie wissen, was ihnen und wie es ihnen kurzzeitig Vorteil bringen kann. Aber sie haben kein Bedürfnis, auch den dritten und vierten Schritt ihres Handelns und ihrer Verständigkeit voraus zu erforschen und dies deshalb nicht, weil sie der Vernunft in ihnen nicht bewusst sind. Sie tragen sie bei sich wie den berühmten Schatz im Acker. So entgeht ihnen Vieles nicht, aber Eines auf jeden Fall: die Beständigkeit ihrer eigenen Existenz. Sie wäre nämlich nur durch den bewussten Gebrauch der Vernunft zu erreichen, eben dessen, was ihnen unerreichbar scheint, da sie ja nicht um deren Existenz wissen.

In der Vernunft begegnet der Mensch seiner ureigenen Natur. Schläft sie in ihm, und das kommt öfter vor als wir denken, wendet er sich in seiner Verständigkeit hierhin und dorthin und versucht, sich an fremder Verständigkeit aufzurichten und er bringt Manches zustande, nur nichts Vernünftiges. Erwacht sie aber in ihm und erkennt er seine Art, erkennt er auch, was an den Leistungen seines Verstandes  perspektivisch nützlich ist und was einer genaueren Überlegung nicht standhält. Aus der Vernunft ergibt sich die Gesinnung – ist die Vernunft in ihm erwacht, wird sie notwendig eine andere sein als im schlafenden Zustand, indes: auch der Verstand ergibt, in Summe, eine Gesinnung, nur ist sie ganz anderer Art, sie ist nicht komplex, sondern linear von einer Erfahrung zur anderen gewonnen. Die Vernunft der geistigen (für  unsern Zürcherdytsch – Rolf: gespenstischen) Neugeburt des Menschen aber ist umfassend und hat Umstände im Blick, die sich einer linearen Sicht entziehen, da sie sich von ganz anderen Positionen her heranarbeiten als der linear Betrachtende im Blick hat, sie umfasst auch die sogenannten Externalitäten und ihren Einfluss auf den gewollten Prozess. Jeder kann indessen nur so weit in Vernunft blicken, wie er diese selbst in sich hervorgebracht hat. Sie ist die höchste und letzte Instanz aller Bewertung und Beurteilung und die moderne Esoterik, die sich dadurch auszeichnet, nicht zu bewerten und nicht zu beurteilen, erzeigt sich in solch einem Ansinnen als zutiefst vernunftlos.

Aber wie entsteht Vernunft? Sie entsteht, indem intelligente und verständige Prozesse durch die Erkenntnis der wahren Natur des Menschen sozusagen aus dem geistigen Bereich heraus veredelt und orientiert werden. Sie entsteht nicht im Gehirn wie die anderen Prozesse, sondern sie ist des Menschen Anteil an der Ewigkeit und so wie sein Anteil bemessen ist, gestaltet sich auch seine Vernunft. Irgendeinen Anteil aber hat er immer. Kein Mensch ist jemals ganz und gar vernunftlos, es sei denn, er besitze keine oder eine schadhafte Möglichkeit, diese Vernunft auch in seinem Menschsein widerzuspiegeln. Ist es zu wenig Vernunft, die er hervorbringt, wird er ein platter, inhaltsarmer Charakter sein, ist es zu viel Vernunft, die er hervorbringt, wird er das Interesse an den Wiederholungen des irdischen Lebens irgendwann verlieren. Denn im irdischen Leben wiederholt sich alles, es ist ein a priori festgelegtes Muster, das nur bestimmte Möglichkeiten zulässt – der Mensch kann nicht fliegen. Der Verstand ersann daher ein Flugzeug. Allenfalls potenzieren sich die Wiederholungen und aus dem Rauchzeichen – Alphabet wird die Kommunikation mit dem Iphone, aus dem Tontafelarchiv die Serverunit. Ein Leben im Geist aber ist ein ganz anderes Leben (für Rolf: im Gespenst), ein Leben in dem der Gedanke zur Tat wird und Kommunikation bedeutet, umeinander zu wissen. Das ist in der Welt unmöglich und das ist gut so, denn wenn alles selbstverständlich ist, wo gibt es dann einen Grund, nach etwas zu fragen? Vernunft ist und entsteht nicht im Gehirn, aber sie kann auf Prozesse, die im Gehirn entstehen, Einfluss nehmen.

Das materielle Leben hat nichts Größeres hervorgebracht als den Verstand. Es hat lange an ihm geformt und gearbeitet, es sind Jahrmilliarden dahin gegangen ohne dass es ihn gab – und nun gibt es ihn seit einem Wimpernschlag der Evolution und nicht viel kürzer ist das Ereignis her, dass zum Verstand die Vernunft kam. Wie gesagt – nie vergessen, dass auch mit dem Verstand allein große Dinge hervorgebracht werden können – nur unser Urteil über das, was der Verstand hervorbringt, kann ohne Vernunft nicht geschehen. Ohne Vernunft gilt uns alles gleich. Denn nur die Vernunft kann die vom Verstand hervorgebrachten Dinge wirklich und in Perspektive verstehen. Der Verstand freut sich über ein neues Gerät. Die Vernunft aber sieht, wie es entsteht und mahnt zur Achtsamkeit. Der Instinkt treibt das Leben dazu, sich fortzupflanzen, die Intelligenz schaut wie sie das bewerkstelligt, der Verstand schaut, ob die biologischen Parameter optimal „stimmen“… und die Vernunft erhebt die Liebe unsterblich zu den Sternen. Dabei ist es unerheblich, ob die biologischen Parameter stimmen, ja es ist unerheblich, ob überhaupt Vereinigung und Weitergabe der Gene stattfindet und dennoch ist die Liebe nicht unglücklich, sondern die Quelle großartiger Werke, die der ganzen Menschheit zustattenkommen. Denn Vernunft ist niemals kalt. Sie ist im Gegenteil das pochende Herz, das wärmende Feuer mitten im Eis und der Regen, der die sengende Hitze beendet. Sicher, Manchen macht der Regen auch nur nass und manch Anderer verbrennt sich am Feuer auch die Finger, manches Herz geht allzu schnell oder allzu langsam… aber in allem wacht oder träumt die Vernunft, deren Bestehen niemand so recht zu ergründen weiß, aber jeder weiß: es gibt sie. Mancher ersehnt sie, Mancher fürchtet sie, aber niemand vermag sie zu leugnen.

Dies, was ich hier Vernunft genannt habe, diese letzte und entscheidende Instanz, die den Menschen unwiderruflich zum Menschen macht, nennen manche Menschen auch Geist – und unser Rolf hier nennt es ein Gespenst, seins Sprache, das Zürcherdytsch, hat keinen anderen Begriff – sagt er uns jedenfalls. Möge sich jeder sein Urteil darüber selbst bilden.

 

 

So reich die europäische Erde an Hinterlassenschaften der Stämme ist, die wir mit dem Sammelbegriff Kelten bezeichnen, so arm sind die europäischen Bibliotheken an originalen Quellen, denn die keltische Kultur war schriftlos. Dass eine schriftlose Kultur aber auch eine niedere sein müsste, ist durch die Kultur der Quechua in Südamerika widerlegt. Der menschliche Verstand kann, wenn er die Entlastung durch die Schrift nicht kennt, ungeheure Mengen an Informationen nicht nur speichern, sondern auch gebrauchsfähig bereit halten. Aber was die keltische Kultur an Wissen bereit hielt, davon wissen wir kaum etwas. Es ist nicht so, dass wir gar nichts wüssten – wir kennen immerhin einen keltischen Kalender und wir kennen aus britannischen Quellen des Mittelalters noch manches keltische Epos. Wir kennen zudem eine Reihe von Informationen, die von Römern und Griechen stammen – inwiefern diese aber authentisch sind, wissen wir nicht, denn die Kelten galten eine Zeitlang als gefährliche Feinde des römischen Reiches und wurden von diesem Aspekt her beurteilt.

Wie die Kelten lebten, wissen wir aber dank all der Artefakte recht genau. Sie lebten in Holzhäusern, bauten den Acker, trieben Viehzucht, kannten Töpferei und Weberei, kannten auch den Bergbau und die Metallverarbeitung. Sie lebten in Dörfern aber auch schon in kleineren städtischen Niederlassungen und bildeten eine recht differenzierte Gesellschaft aus Gelehrten, Adeligen, Kaufleuten, Handwerkern, Bauern und – nicht zu vergessen – auch Leibeigenen. Adelige, Kaufleute, Handwerker und Bauern bildeten bei Bedarf die Kriegerschar. Ein stehendes Heer besaßen die Kelten nicht. Wir wissen, dass sie eine Reihe von Festen feierten die im Zusammenhang mit dem Wechsel der Jahreszeiten standen, und dass sie die Kalenderberechnung kannten. Wir wissen, dass sie Götter kannten und verehrten, wir kennen auch die Namen mancher Götter, es sollen aber viel mehr gewesen sein als wir heute kennen. Ihre Ressorts kennen wir allerdings nur sehr auszugsweise, und von ihren Ritualen kennen wir nur Umrisse – und die sind nicht sympathisch, denn sie brachten grausame Menschenopfer dar. Der Gundestrup  – Kessel, eine keltische Arbeit, die als Opfergabe in einem dänischen Moor gefunden wurde, schildert wahrscheinlich ein keltisches Opferfest zu Ehren des Hirschgottes Cernunnos. Aus den britannischen Manuskripten des Mittelalters wissen wir Bruchstücke ihrer Weltsicht – sie dachten sich die vorfindliche Welt der Menschen überzogen von der – unsichtbaren – Welt der Götter und Geister, die sie sich nicht als Paradies vorstellten, sondern als eine Welt wie ihre eigene, nur in einer anderen Form von Wirklichkeit. Der Gedanke erscheint uns vertraut, aber der Umgang der Kelten mit dieser „Anderswelt“ war wohl ein sehr anderer, denn sie war den Kelten, soviel verraten die Manuskripte, nicht etwa vertraut, sondern höchst unheimlich. Ihre verstreuten Erzählungen aus der Anderswelt sind mit Zeitverzerrungen gespickt – in ihnen gelten andere Bedingungen als in der irdischen Sphäre.

Verwalter ihres Wissens waren die Druiden. Wir erfahren, dass sie lange studieren mussten, aber wir erfahren auch, dass sie nicht direkte Priester waren, auch wenn sie priesterliche Dienste verrichten konnten. Sie hüteten das gesamte sakrale und profane Wissen der keltischen Stämme und Sippen, darunter auch das gesamte Zauberwesen – den unmittelbaren Opferdienst und das weitgefächerte Orakelwesen versahen die Vaten, Bewahrer der geschichtlichen Ereignisse waren die Sänger, die Barden, die ihre Epen und Lieder an den Herdfeuern und auf den Dorfangern vortrugen, dem Volk zur Erinnerung und zum Gedächtnis – neue wie alte Begebenheiten trugen sie von einer Siedlung zur andern. Unmittelbar unter ihnen standen die weltlichen Führer, die zwar nicht auf ihre Anweisung hin handelten, aber wohl ihren Rat einholten und ihre Fürbitte in Anspruch nahmen. Unter diesen standen die freien Bauern und Handwerker, die bei Bedarf einem gewählten Führer Heeresfolge leisteten. In allen Ständen waren, soviel wir wissen, Männer und Frauen gleicherweise berechtigt – wir hören von Kriegerinnen und auch von druidischen Frauen. Allerdings ist die Rolle der Frauen bei den Kelten nicht eindeutig – als Ehefrauen waren sie wohl ihren Männern untertan, als Ledige oder Verwitwete waren sie in manchen Stämmen, die Normen sind hier anscheinend sehr verschieden, frei von Vormundschaft – über ihr Vermögen aber verfügten sie in der Regel überall selbst, auch wurde die Ehe nicht als lebenslanges Bündnis verstanden, sondern war unter bestimmten Bedingungen von beiden Partnern aus auflösbar. Es bestanden ebenso arrangierte Ehen wie es auch Liebesheiraten gegeben haben mag, jedenfalls ist der Kasus in den inselkeltischen Epen nicht unbekannt. Interessant ist, dass die Vergewaltigung einer Frau wie eine vollzogene Ehe galt, der Vergewaltiger also zur Hochzeitsgabe verpflichtet wurde – und die bemaß sich nach dem sozialen Status der Vergewaltigten.

Wir stehen aber hier wie auch in anderer Beziehung vor einer Gesellschaft, einer Kultur, die mitten in gewaltigen Umwälzungen begriffen war, als ihr auf dem Kontinent durch die Römer das Leben ausgetreten wurde. Das betrifft auch ihre religiösen Vorstellungen. Sie gelangten nicht weiter als bis zur Formenwelt einer typischen Naturreligion, Menschenopfer eingeschlossen. Es ist, soweit wir heute erkennen können, ein Fragment, mit dem wir es zu tun haben. Und wie immer, wenn wir es mit solchen kulturellen Fragmenten zu tun bekommen, schießen die Spekulationen ins Kraut und mit den Spekulationen die jeweiligen konkreten Wünsche und Befindlichkeiten derer, die da spekulieren. Diese sind es, die uns ein Neukeltentum geschenkt haben indem sie eigene Sehnsüchte auf dieses Fragment projizierten.

Wie nun ist das Neukeltentum entstanden? Es entstand auf dem Boden angelsächsischen Nationalstolzes und in betonter Antithese zu einer unter dem Mehltau victorianischen Restauratismus erstarrten Christlichkeit hochkirchlicher Prägung. Von dorther wurde es zu einem Ausdruck religiöser Opposition – auch durchaus mit christlichem Einschlag. Nur mit der originalen keltischen Kultur hat es nichts mehr zu tun. Die heutigen neukeltischen Druiden begreifen sich durchaus als Antithese zu hochkirchlichen oder gar anglokatholischen Klerikern. Die Verehrung des Göttlichen in der Natur ist eine bewusste Opposition zur anglikanischen Kultpraxis nach hochkirchlichem Ritus, der den Kirchenbau zum Vollzug braucht. Die Transzendierung der Natur, die im Neukeltentum grundlegend ist, hat es in der keltischen Religion wahrscheinlich und nach allen Quellen niemals gegeben. Solche Oppositionsbewegungen wie das Neukeltentum hat es im vergangen und vorvergangenen Jahrhundert auch mit anderer Zielsetzung zum Beispiel mit betont okkult – magischer Orientierung gegeben, aber diese Richtung zielte von Anfang an auf eine alternative Massenbasis. der man auch eine schriftliche Grundlage geben wollte, daher wurden vor allem inselkeltische schriftliche Überbleibsel des Mittelalters gesucht und neu herausgegeben – teilweise sogar gefälscht, ich erinnere an Ossian. Man versuchte zu retten, was zu retten war und wo nichts mehr zu retten war, erfand man etwas, das die Lücke füllte – wie die Tracht eines modernen Druiden oder phantasievolle Gemeindegottesdienste in Stonehenge, das gar nicht keltisch ist, aber das wollte man gar nicht wirklich wissen – man will es bis heute nicht.

Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich auch in den katholischen Gebieten Süddeutschlands und Österreichs sowie im ebenfalls ultramontanen Frankreich. wo das Neukeltentum ebenfalls Boden gewann und bis heute behauptet – ohne aber eine wirkliche Massenbasis zu gewinnen, dazu ist der ideologische Fundus zu versponnen und ungesichert. Das Neukeltentum hat sich daher dem großen Spektrum der esoterischen Religionsausübungen angeschlossen und dieses selbst durch zum Beispiel seinen Festkalender bereichert. Kaum ein Esoteriker weiß heute mit den Begriffen Beltane und Samhain nichts anzufangen; die Nacht von Beltane (dreißigster April zum ersten Mai)  ist vielmehr ein Volksfest für Esoteriker geworden. Das ist alles sehr hübsch und auch stimmungsvoll – aber niemand soll denken, dass er um aller dieser Dinge willen, in die Fußstapfen der alten Kelten getreten wäre. Der Unterschied wird schon darin sichtbar, dass in den heutigen Walpurgisfeuern keine Menschen und Tiere mehr verbrannt werden, wie es die keltische Sitte forderte. Stattdessen handelt es sich nun, wie auch zu Imbolg (Johanni) um reine Freudenfeuer. Desgleichen hat es eine kultische Eheschließung wie sie manche keltokatholischen Kleriker anbieten, bei den Kelten nicht gegeben, die Ehe war ein reiner Rechtsakt ohne religiöse Grundlage und die kultische Großveranstaltung in Stonehenge, die jedes Jahr „abgefeiert“ wird, vergessen wir am besten gründlich. Kurzum, es ist keine wiederbelebte keltische Religion, die da gefeiert wird, sondern es ist ein neu erfundenes an Meinungen über Kelten angelehntes Treiben, das da stattfindet. Dass dieses Treiben manchen befriedigen mag, steht außer Frage, aber „keltisch“ ist es dennoch nicht. Es ist modern und hat auch schon eine leichte Patina angesetzt, da es sich um eine der ersten Erfindungen der esoterischen Religion handelt.

Ein Wort noch zum sogenannten keltischen Christentum. Ein solches hat es ebenfalls niemals gegeben. Wohl war der Name Jesus wie auch die christlichen Quellen bestätigen, auf der britischen Insel nicht unbekannt, als die römische Mission dort eintraf, aber die britannische Überlieferung unterschied sich gewaltig von der römischen. In der Folgezeit übernahmen die britannischen Jesusanhänger diese oder jene Übung aus dem römischen Bereich und begannen erst dann ein eigentlich „christliches“ Leben zu führen, das sie vordem nicht gekannt hatten. So kann also von einem alten christlichen Keltentum nicht die Rede sein. Wenn sich jemals etwas in der Kultur der (insularen) Kelten auf Jesus bezogen hat, so war dies mit Sicherheit niemals christlich.

Den Neukelten und anderen Neuheiden ins Stammbuch: bekennt euch als das, was ihr seid – Neureligionen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung , die ihre geistige (für unsern Rolf: gespenstische) Heimat im weiten Feld der modernen Esoterik gefunden haben. Verwirrt die Menschen nicht mit Anmaßung. Ihr seid nicht uralt, ihr seid noch nicht  einmal alt. Wenn ihr euch dazu bekennt, werdet ihr vielleicht ein bisschen weniger Aussicht auf großen Anhang haben – aber den habt ihr doch ohnehin nicht und eine durch Wahrhaftigkeit gewonnene Anhängerschaft ist doch sehr viel mehr wert als eine, die nur durch Vorspiegelungen gewonnen werden konnte. Euch ist ja an Anhängern gelegen – uns hingegen nicht, wir schenken frei und jedermann.

 

 

 

Es bleibt dabei: das Christentum, von Vorigem wohl zu unterscheiden, wurde vom römischen Staat aus dem Grunde verfolgt, dass es die Verehrung des kaiserlichen Genius und den Vollzug der Staatsreligion ablehnte. Diese Ablehnung bedeutete nach der Auffassung der damaligen Zeit Hochverrat, denn nicht der lebende Kaiser war Objekt des Kultes, vielmehr war es die Idee eines gefestigten Staates unter der von den Göttern gewollten Leitung des jeweiligen Kaisers  – verehrt wurde also sozusagen das Kaiser – tum.

Eine Verfolgung der Chrästen hingegen ist nur zu konstruieren, wenn man statt der Philosophie die synkretistische Religion Gnosis im Auge hat, die ihre Verquickung mit dem Christentum nicht abstreiten kann. Sie bildete Gemeinden und Hierarchien aus, feierte Gottesdienste und kannte sakramentale Handlungen. Die Beziehungen zwischen dem Gnostizismus und dem Christentum waren und sind sehr eng und beziehen sich nicht nur auf die Bindung an die Person Jesus, vielmehr gibt die Philosophie der Chrästen selbst eine religiöse Deutung her. Es ist, wie schon andernorts bemerkt, leicht, aus der Orientierung auf den „Vater“ in den Verborgenen Worten, der Basisschrift chrästischer Philosophie, eine Religion zu entwickeln, verheißt doch dieses selbst, man werde unter bestimmten Bedingungen „den Vater schauen“. Diese mythische Vaterfigur rückte im Gnostizismus in den Mittelpunkt kultischer Verehrung und wurde mit diversen eschatologischen Systemen umschrieben. Von dieser Religion zur Philosophie vorzustoßen ist nahezu unmöglich – der Unterschied beider wird nur dem offenbar, der das existenzielle Ziel der Philosophie für sich realisiert hat. Aus der Basisschrift selbst ist es nicht zu erschließen. Sie entrollt ein schwer erkennbares Panorama, das um das zentrale Erlebnis kreist, es aber eindeutig religiös definiert. Entsprechend gespalten war dann die Entwicklung eines Programms, das, verstanden, das Ende jedweder Religiosität bedeutet, so aber schlechtweg nicht verstanden werden kann. Es verschweigt die wirkliche Absicht nicht – aber es verhüllt sie, indem sie auf eine metaphysische Allvatergestalt hin orientiert und zudem den Stifter der Lehre, Jesus, selbst mit einem Gottesbegriff zusammenbringt, der dem des Alten Testaments entspricht.

Dennoch ist dies natürlich kein Grund gewesen, die Chrästen zu verfolgen, denn Religionen waren im römischen Reich mit Ausnahme des Staatskults die private Angelegenheit eines Jeden; es war dem Staat nicht erlaubt, hier einzugreifen, wenn nicht elementare Begriffe des Staatswohls verletzt wurden. Dies ist  in der chrästischen Philosophie ebenso wenig gegeben wie es in einer davon inspirierten Religion gegeben war. Während aber die reine Philosophie als legitime Nachfolgerin von Platonismus und Stoa in den gebildeten Kreisen hohe Achtung genoss, war dies bei der Religion ganz und gar nicht der Fall. Bedingt durch ihren Bezug auf Jesus wurde sie mit den Annahmen zusammen gesehen, die man im Hinblick auf die Christen hatte und so wurde mit der Ablehnung des Kaiserkultes und der Staatsreligion durch die Christen auch die chrästische Religion, die wir als Gnosis kennen gelernt haben, identifiziert  und folgerichtig mit den Christen zusammen verfolgt. Dazu kam noch eine quasi private Verfolgung der gnostischen Religion durch die Christen, von der das Neue Testament vielfach Zeugnis ablegt und von der auch die frühen Kirchenväter viel berichten und in ihren Apologien dazu anhalten, denn die gnostische Religion wurde dem Christentum gefährlich, weil sie antrat, einzulösen, was jene nur für eine Welt jenseits des Todes versprachen und so immer wieder Christen ihrer Religion entfremdete. Wohl gemerkt, es geht hier nur um den Austausch einer Religion gegen eine andere, es geht nicht um das Bekenntnis zu einer philosophischen Hairesis, die außerhalb jeder Kritik stand und jedem gebildeten Römer bekannt war, ob er sich ihr nun anschloss oder nicht. Denn es stand außer Frage, dass diese Philosophie ihre Nützlichkeit und Brauchbarkeit jederzeit nachweisen konnte und – ihre Anhänger passten sich ohne Skrupel den kulturellen Erfordernissen an wie sie von jedem römischen Einwohner – nicht nur Bürger – erwartet wurden.

Indessen erscheint es wahrscheinlich, dass aufgrund der humanistischen Grundausrichtung der chrästischen Philosophie es zu Sympathien für eine seit den Tagen der Gracchen bekannte suspekte Sozialphilosophie gekommen sein kann. Diese Philosophie war im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung aufgetaucht und wird allgemein mit dem Namen des Stoikers Blossius von Cumae in Verbindung gebracht. Sie spielte in den Sklavenaufständen des zweiten und beginnenden ersten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung eine bedeutende Rolle. Nach dem Scheitern der gracchischen Reformen ging Blossius nach Kleinasien und soll dort, wie Jambulos berichtet, versucht haben, seine Gesellschaftsutopie im Staat des Andronikos zu realisieren. Auch diese Unternehmung scheiterte, Rom übernahm das Fürstentum als Erbe von Attalos III und besiegte Aristonikos, den Gönner des Blossius nach schweren Kämpfen. Die „Sonnenstaatler“ machten es den Römern nicht leicht. Seither aber geisterte das Gespenst einer präkommunistischen Sozialethik durch die Ideenwelt des römischen Reiches und die römische Philosophie nennt Blossius umso weniger, je mehr Furcht sie vor seinen Ideen hat.

Es ist nun nicht zu leugnen, dass die chrästische Philosophie ebenfalls sozialethische Aspekte enthält. Das ergibt sich aus der schlichten Tatsache, dass für sie und vor ihr alle Menschen grundsätzlich gleich sind. Allerdings leitet sie selbst aus dieser Einsicht keinerlei politische Verpflichtungen ab – die chrästische Philosophie ist Existenzphilosophie, keine Ideologie einer bestimmten Gesellschaftsordnung, sie kann daher in jedem bestehenden oder künftigen Gesellschaftsmodell bestehen und betrieben werden. Andererseits unterstützt sie bestehende Ungleichgewichte in der gesellschaftlichen Architektur aber auch nicht, sie hat vielmehr kein Interesse an solcher Parteinahme und überlässt es dem Individuum, welche Folgerungen es aus der Erkenntnis des Selbst für sich zu ziehen gedenkt.  Vorsicht bei der vorgeblichen Bevorzugung der Armen – ökonomische Armut ist hier nicht gemeint, sondern Freiheit den materiellen Bedürfnissen gegenüber. Man soll sich nicht von ihnen versklaven lassen. Aber natürlich konnte dieses Anliegen auch in sozialer Stoßrichtung verstanden werden, dann bot es eine metaphysische Rechtfertigung für revolutionäre Aktionen. Gewiss wurde ihr Anliegen in einem solchen Fall gründlich missverstanden, aber wie im Falle des „Vaters“ ist sie eben vor derartigen Missverständnissen nicht geschützt.

So ist es erklärlich – und NUR so ist es erklärlich, dass die chrästische Philosophie hier und dort in den Focus römischer Behörden geriet. Anhänger mögen sich hier und da an regionalen oder lokalen Aufständen beteiligt haben, was dann wieder christliche Apologeten dazu ausgenutzt haben, die angebliche Staatsfeindlichkeit der Chrästen anzumerken – aber es hat niemals zu einer systematischen Verfolgung derselben gereicht, während die Verweigerung des Opfers an den kaiserlichen Genius in den Augen Aller Hochverrat war und den begingen die Christen nun einmal, das war nicht zu bestreiten. Ferner gab es christliche Gemeinden, insbesondere im zweiten und dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, die sich mit Elementen chrästischer Philosophie schmückten, meist um Gebildete in ihre Reihen zu ziehen. Die Nachrichten über die Verfolgung solcher Gruppen können dann durchaus Christen gemeint haben, die aber aus der Ferne nicht mehr als solche kenntlich waren. Chrästische Kreise indessen fand man eher in den höheren Etagen der Gesellschaft, in den Familien der beiden Adelsklassen so gut wie im gehobenen Bürgertum und in der Beamtenschaft.

Symbolisches Flaggschiff der chrästischen Philosophie war die ägyptische Hieroglyphe „Ankh“ in ihrer Bedeutung „ewiges Leben“. Der Mensch hatte per se an diesem Leben teil, er war dabei nicht etwa wie im Christentum ein Belohnter, sondern unabhängig von seinem Wissen respektive Nichtwissen war der Mensch im absoluten Dasein unendlich existent. An der Vielzahl der Anch – Zeichen mit denen gebildete Römer ihre Häuser und ihr Gerät verzierten, kann man in etwa die Verbreitung chrästischer Philosophie ablesen: sie hatte im gesamten Reich Anhänger. Selbst der Kaiser bekannte sich zu diesem Wahrzeichen und flocht es diskret in die Staatsymbolik ein, denn es galt als unfein und indiskret, die philosophische Privatmeinung zum Staatsakt zu erklären. Aber kein Stoiker und kein Platoniker hat jemals seine Behausung so intensiv mit Hinweisen auf seine philosophische Haltung verziert, wie das die Chrästen taten – bis zur wahrhaften Darstellung einer chrästischen Unterweisung in der Villa dei Misteri in Pompeji (zu einer Zeit, als es nach heutiger offizieller Lesart noch gar keine chrästische Philosophie hätte geben dürfen) und vielleicht auch im augusteischen Bildprogramm der Basilica Sotteranea (ehemals) bei Rom. Jedenfalls ähneln sich einige Bildtypen in beiden Programmen erheblich. Nun wird hier von angeblicher Tarnung gesprochen. Es war solche zu keiner Zeit notwendig, aber es war auch nicht notwendig, öffentliches Zeugnis für die eigene Überzeugung zu geben, indem man den Privatraum mit hinweisenden Zeichen versah. Also flocht man diese bekenntnishaften Kennzeichen unauffällig in die gängige Dekoration ein, das mochte dann als elegante Anspielung hingehen.

Soweit die Angehörigen der Oberschichten. Aber die chrästische Philosophie war nicht nur unter ihnen verbreitet, sondern hatte das, was man eine Massenbasis nennt, auch Angehöriger der Mittelschicht und sogar Sklaven waren ihre Anhänger, denn sie fragte nicht nach den sozialen Umständen eines Menschen. Diese Menschen bauten sich keine Villen, sie ritzten ihre Anliegen in Hauswände oder schrieben sie als Graffiti auf Wände und Türstürze und der größte Luxus war die Ausgestaltung eines eigenen Grabes für sich selbst und für Angehörige. Oft wurde ein Bestattungsverein damit beauftragt und der kümmerte sich dann, wie heute eine Sterbeversicherung, aber sicher redlicher als diese, um alles nur: viel Geld hatten die oft nicht und so bewegt sich das Niveau der Ausstattung meist am Rande des Schicklichen. Immerhin – wenn eine Grabschrift verfasst wurde, enthielt sie das, was zur Identifizierung des Toten für notwendig erachtet wurde – mindestens das – und noch einige Dinge mehr, falls denn das Geld ausreichte. So finden wir auf vielen Grabsteinen bekenntnishafte Formulierungen, wobei sich christliche und chrästische Begrifflichkeiten immer mehr vermischen ohne dass eine Tarnungsabsicht bestanden hätte – die Vermischung war ein Produkt der Annährung manch „gnostischer“ und christlicher Gemeinden der späteren Zeit.

Von 390 unserer Zeitrechnung an aber beginnt gemach eine andere Zeit, in der, was chrästische Philosophie war, nach und nach zu einem Christentum okkultistischer Prägung verkommt – der Keim zu einer Religion war der chrästischen Philosophie ja schon von ihrem Anfang an in die Wiege gelegt worden, die überragende Gestalt des Lehrers kam als „Messias“ oder latinisiert als „Christus“ hinzu. Dennoch führte dies, wie schon bemerkt, nicht zu einer radikalen Verfolgung  – die manichäische Kirche, die definitiv eine Kirche war, bestand noch eine gute Weile neben der christlichen fort und das nicht einmal besonders verborgen. In der manichäischen Kirche aber lebten Grundzüge der chrästischen Philosophie fort, im Westen allerdings klarer als im mehr mystisch – mythologisch orientierten Osten des Reiches. Der Umstand, dass die christliche Religion zur Staatsreligion erhoben wurde, verbot ja nicht die übrigen Religionen. Sie wurden nun reine Privatsache, die christliche Kirche hatte viel zu viel mit sich selber zu tun, ich erinnere an die vielfachen dogmatischen Streitigkeiten dieser Zeit und an die Spaltungen. die daraus hervorgingen. Aber nun hatte man wohl ein wachsameres Auge auf heterodoxe Bewegungen und war auch bereit, den Glauben mit den Waffen der Justiz zu verteidigen. Aber es ist bemerkenswert, dass sich die polemische Auseinandersetzung mit den Resten der chrästischen Philosophie nicht etwa abschwächt, sondern verschärft, sie wird immer unsachlicher, immer weniger argumentativ, immer autoritärer und auch schematischer, Verleumdungen, die einst den Christen galten, tauchen wieder auf und meinen nun die Chrästen, die Gnostiker genannt werden. Dennoch – in dieser Zeit ist die Anzahl der visuellen Demonstrationen überwältigend und erfasst auch den öffentlichen Raum, nämlich die Kirchen, die im Übrigen auch so etwas wie Kontaktbörsen waren – eine Sitte, die sich bis ins Mittelalter hinein hielt. In vielen Kirchen befinden sich die chrästischen Demonstrationen an prominenter Stelle, im Altarraum, an den Chorschranken, an Bischofsstühlen und in Baptisterien oder im Scheitel der Kuppelwölbungen. Sie waren überall und nicht einmal besonders tief abgetaucht – was sie aber lehrten, glich dem, was Jesus sie gelehrt hatte, bei weitem nicht  mehr – nur in Gallien respektive dann in Franken hielt sich die chrästische Philosophie noch relativ unverdorben, allerdings gab sie sich, als Philosophie, auch nicht in Kirchenräumen zu erkennen. Sie musste es nicht tun – wer mit Chrästen zu tun haben wollte, wusste allgemein wo man sie fand, nämlich in ihren Konventen. Erst im zwölften und dann im dreizehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung kam es zur definitiven Verfolgung, nachdem ein fremder, aggressiver Geist im Wesen der Philosophie eingezogen war, und damit ein Vorwand, endlich gegen die unbezwingbare Ketzerei einzuschreiten. Aber das geschah erst, nachdem die Philosophie dort tausend Jahre lang geherrscht – und die Christen geduldet – hatte.

 

 

27.02.2013

Abrahams Kinder

Abrahams Kinder1

Das Arabien des siebenten Jahrhundert unserer Zeitrechnung stand – nominell – unter der Herrschaft des neupersischen Reiches. Es war durch den Sieg der Perser über die Neubabylonier dahin gelangt, aber das Interesse der Perser an dem ausgedehnten Wüstengebiet reichte nicht weit. Die Perser bauten ihre Feuertempel in die Gegend und machten sich wieder davon. Das war im Großen und Ganzen ihre Eroberung. Arabien war im sechsten Jahrhundert unserer Zeitrechnung sich weitestgehend selbst überlassen. Auch die Priester der Feuertempel zogen, da sich niemand für sie interessierte, wieder nach Hause. Die meisten dieser Gebäude verfielen dann auch, nur in Mekka, einer Karawanenstadt im Westen Arabiens blieb das Gebäude erhalten und stand zunächst leer, ehe die Mekkaner Kaufleute auf eine gute Idee verfielen. Eigentlich lag sie auch nahe: in jedem Jahr nämlich wurde in Mekka großer Markt gehalten und Stämme und Clans aus allen Himmelsrichtungen kamen um ihre Waren feilzubieten und um alle möglichen Angelegenheiten zu besprechen und, wenn möglich, zu erledigen. Ihre Schwurgötter brachten sie immer wieder mit, denn jedes Übereinkommen musste vor ihnen beschworen werden. Nun boten die Mekkaner ihnen an, ihre Schwurgötter gegen Entgelt im alten Feuertempel aufzustellen und zu  bewahren. Selbstredend stellten sie ihre eigenen dazu – aber so wurde der alte Feuertempel nun zu einem arabischen Zentralheiligtum, das wieder Gewinn abwarf statt nutzlos in der Gegend herum zu stehen.

Die Araber verehrten zu dieser Zeit alles Mögliche: von seltsam geformten Steinen über alte Schwerter bis zu antiken Statuetten, die sie irgendwo im Sand gefunden hatten. Einen schwarzen Stein, der vom Himmel gefallen sein sollte, vielleicht einen Meteoriten, verehrten die Mekkaner aber besonders. Sie opferten ihnen, was sie gerade zur Hand hatten: Tiere, Teile von Tieren, Harze und andere Substanzen, darunter auch Hanfsamen, Getreide, Früchte und so weiter – und wohl auch überzählige weibliche Säuglinge, statt sie, wie üblich, lebendig zu vergraben. Jedenfalls war in der Kaaba allezeit dicke Luft und es gab viel Abfall, der jeden Tag beseitigt wurde – der Aufenthalt in der Götterpension wurde ja bezahlt. Hier schlossen dann auch die Mekkaner ihre Abkommen und mehr noch, sie trafen sich in der Kaaba, wie das Ding nun genannt wurde, um von den Opfern gratis zu schmausen und sich ein bisschen zu benebeln, denn der Rauch wirkte beruhigend und auch ein wenig psychodelisch.

Es gab aber eine Gruppe, die sich diesen Bräuchen nicht anschloss, man nannte sie Hanife. Sie waren nach dem Wenigen, das man von ihnen vernehmen kann, eher Philosophen als Verehrer von Göttern. Man duldete sie, weil sie niemandem zur Last waren und auch sonst nicht unangenehm auffielen. Es waren Kaufleute wie alle anderen auch, oder es waren eben Handwerker und was sonst in einer Stadt benötigt wurde, die mehr oder weniger ausschließlich vom Handel lebte, denn Ackerbau ließ sich hier kaum treiben, ein wenig Viehzucht war alles, was der schlecht bewässerte Boden hergab, man gerade dass die Stadt durch den Brunnen Zemzem einigermaßen mit Wasser versorgt werden konnte. Aber immerhin – das bisschen Viehzucht war ausreichend, um einigen Leuten einen bescheidenen Wohlstand zu verschaffen, auf dessen Grundlage sie auch ein bisschen mit Handel trieben. Die Haschemiten waren ein solcher Clan, der zum Stamme der Koraisch eben doch gehörte aber nicht zu den Banu Schams, den Sonnensöhnen, welche zu dieser Zeit das Stadtregiment führten. Unter den Haschemiten aber gab es auch Hanife. Abdallah, der Vater Mohammeds war ein solcher und auch sein Bruder Abu Talib war einer. Abdallah starb früh und hinterließ seine Witwe Amina (er hatte als Hanife nur eine Frau) und seinen neugeborenen Sohn Mohammed. Abu Talib sorgte für den Neffen und seine Mutter und als Amina starb, nahm er den jetzt sechsjährigen Sohn in seine Familie auf und erzog ihn  zusammen mit seinem eigenen Sohn Ali ibn Abu Talib. Das bedeutete, dass er erst einmal beide zu den Ziegen schickte – Ali nahm er wieder von dort weg , denn er erhoffte sich, wie alle Väter, ein besseres Leben für seinen Sohn, aber den Mohammed ließ er da, der sollte zufrieden damit sein, ein Dach überm Kopf und ein Auskommen zu haben, denn besonders helle schien er dem Abu Talib nicht zu sein. Aber er sollte sich geirrt haben, Mohammed war ein stilles, schüchternes Kind, aber dumm war er nicht und Talente hatte er auch. Mit seinem Los als Ziegenhirte war er, als er älter wurde, durchaus unzufrieden und bewarb sich um die Arbeit eines Begleiters von Karawanen – ein riskanter Job, denn Karawanen wurden oft und gerne überfallen und ob jemand für den Waisenjungen Mohammed viel Lösegeld geben würde, stand sehr dahin. Gar nicht zu reden von der unmittelbaren Lebensgefahr, denn die Begleiter waren auch verpflichtet zu kämpfen. Aber immerhin – den Ziegengestank war er los.

Mohammed überlebte und nicht nur das – er stieg auch in der Hierarchie der Karawane auf, es stellte sich heraus, dass er ein beträchtliches diplomatisches Geschick besaß und dass er zudem sehr gut kaufmännisch rechnen konnte. Diese Qualitäten empfahlen ihn schließlich seiner Arbeitgeberin Chadidscha – auch sie eine Hanife – als Geschäftsführer und der Geschäftsführer empfahl sich durch sein angenehmes Wesen als Ehemann für die fünfzehn Jahre ältere, aber wohl noch lange nicht verbrauchte Frau – allerdings blieben von ihren Kindern nur die Mädchen am Leben und das hatte ungeahnte Konsequenzen. Denn so sehr die Kollegen ihn als Kaufmann akzeptierten – als Mädchenvater musste er ihren Spott erdulden, denn man kann es drehen und wenden wie man will, Mädchen galten nichts in der arabischen Gesellschaft, gar nichts. Man hätte sie am liebsten abgeschafft, wenn die Männer hätten Kinder gebären können. Ein Mann, der nur Mädchen gezeugt hatte, war in den Augen seiner Zeitgenossen kein richtiger Mann und je besser Mohammed als Kaufmann war, umso weniger sparten seine Kollegen mit Spott, hinter dem sich der Neid wunderbar verbergen ließ. Und Chadidscha? Sie hatte ihr Geschäft – eine Spedition – von ihrem letzten Mann geerbt und da sie es einmal hatte, hatte sie auch allen Versuchen getrotzt, es ihr zu nehmen, an denen es sicher nicht gefehlt hatte, man kennt die Tricks, Vormünder und Ähnliches heißen sie. In Mohammed aber hatte sie Vertrauen – wenn auch nicht unbegrenzt, denn der Ehevertrag band ihm die Hände und gegen Vertragsverstöße hatte auch die Frau ein Klagerecht, wenn sie reich genug war, Männer für sich sprechen zu lassen und Chadidscha war reich und zudem eine Banu Schams, gehörte also der herrschenden Sippe Mekkas an. An die kam man nicht leicht heran, aber an Mohammed wohl und auch das ließ man ihn entgelten. Es ging ihm also gar nicht gut, als er von Chadidscha zu Waraka ibn Naufal geschickt wurde, einem hanifitischen Seelsorger und einem ihrer Verwandten. Der  verstand ihn nur zu gut, schließlich war er selbst Araber und zudem Mekkaner und einiges mochte er auch selbst schon mitgehört haben. Aber was soll man tun um einen Menschen vor seiner ganzen Gesellschaft zu retten? Waraka beschloss, ihm erst einmal einen Schutzraum zu  verschaffen und trug ihm auf, sich einmal im Monat für einige Tage von der Welt zurück zu ziehen und nur sich selbst und der Betrachtung zu leben – oder sich auch einfach nur auszuruhen. Mohammed befolgte den Rat und zog einmal im Monat zu einer Höhle, die er aus seinen Hirtenjahren kannte, sie befand sich am Berg Hira in der Nähe der Stadt. Dorthin schaffte er, was er brauchte, um jederzeit dorthin fliehen zu können, denn sowohl er als auch Waraka beurteilten die Lage nüchtern: es war eine Flucht.

„Du, der du da liegst“ – mit diesen Worten beginnt der  Islam und er beginnt im Traum des Mohammed, als er auf seiner Lagerstatt in der Höhle schläft,. „du, der du da liegst, steh auf und warne… und so geht es weiter. Auch schon zuvor hatte der Engel ihn im Traum besucht und gezwungen, ihm zuzuhören, wenn er schon nicht lesen wollte, was er ihm hinhielt. Aber aufzustehen hatte er ihm bisher nicht befohlen und auch nicht, andere zu warnen. „und gib nicht, um mehr zu erhalten“ – das ist offene Kritik, denn hat er nicht immer gegeben um mehr zu erhalten? „Sondern warte auf deinen Herrn in Geduld“ – ja wie viel Geduld denn noch, hat er nicht schon zu viel ertragen? „Es wird kommen der letzte Tag, für die, die nicht glauben, der furchtbarste Tag“… aber wer glaubt denn schon? Niemand glaubt. Alle die ihn verspotten, ihnen ist dieser furchtbarste der Tage schon vorbereitet. Mohammed beginnt zu ahnen, was von ihm verlangt wird – eine neue Aufgabe, die allen Spott beseitigt, denn was er zu sagen hat, ist über alles menschliche Maß hinaus erhoben, man wird ihn hören müssen, ihn, den Töchtervater, den Verachteten – aber wie soll das zugehen? Hatte der offenbarende Engel aber nicht schon früher von dem Herrn gesprochen, der den Menschen lehrt, was er nicht wusste? Mohammed hat Angst, aber mitten in der Angst keimt auch eine neue Hoffnung, das ganze Leben ist dabei, sich umzukehren, aus dem, der nicht ist, soll der werden, der den Willen des höchsten Gottes verkündet – und wieder hat er furchtbare Angst, denn wird dieser Gott sich nicht seiner, Mohammeds, Armseligkeit schämen? Was, wird man sagen, DER soll uns solche Dinge verkünden? Nein, es geht hinten und vorne nicht, am besten man wäre eine Maus oder eine Spinne und könnte sich in einer Ritze verkriechen, aber wo denn nur, wo sollte das sein, wie kann  man ihm entrinnen und seiner Rache für Widerstand?

Wie ein zu Tode erschrockenes Kind stürzt Mohammed zu Chadidscha „birg mich, birg mich“, aber die verliert nicht die Contenance. Als Mohammed wieder in der Lage ist, zusammenhängende Sätze zu sprechen, hört sie zu, dann geht sie zu Waraka und berichtet ihm. Der hört sich alles an und seine – überlieferte – Antwort lässt an Schönheit nichts vermissen: „Bei dem, in dessen Hand Warakas Seele ist“, hebt er an und dann bestätigt er der Chadidscha, dass ihr Mann der Erwählte Gottes ist, wenn das, was er eben gehört hat, stimmt. Töchtervater hin oder her, das hat sich jetzt erledigt, jetzt sind weitaus wichtigere Dinge an der Tagesordnung. Von dieser Stunde an ist Mohammed für seine Frau und für alle, die ihm folgen werden, der Gesandte Gottes bis zum heutigen Tag. Aber während Chadidscha die erste Gläubige wird, wartet Waraka noch ab. Er wird den Islam nie annehmen und er hat gute Gründe. Er ist Hanife und eine Religion zu begründen ist für einen Hanifen geistiger Hochverrat. Aber er spricht auch nicht gegen ihn, denn er weiß: die Araber brauchen diesen Mann. Er wird Ordnung in die Dinge bringen, die ungeordnet sind und deren gibt es viele.

Man möge mir verzeihen, dass ich diese oft erzählte Geschichte noch einmal erzählt und dabei ein wenig erweitert habe, aber jetzt betrachten wir uns einmal einen anderen Aspekt der Sache. Es ist durchaus möglich, dass Waraka dem Mohammed nicht nur gute Ratschläge gegeben hat, sondern auch ein kleines Buch und dieses Buch hat Mohammed dann bis in seine Träume hinein beschäftigt. Denn „Dschibril“  also Gabriel ist nur eine Verschleifung aus einem anderen Namen und das Gesicht, das er überall sah, wohin er auch blickte, war das des „großen Tauma“. Wir brauchen nicht lange zu rätseln, wer das sein sollte, Gabriel war es jedenfalls nicht. Es war die intensive Begegnung eines arabischen Kaufmannes mit der Basisschrift der Gnosis, die den Traum von der Berufung initiierte. Nur – eine Religion hätte nicht daraus werden sollen. Der Koran paraphrasiert in den mekkanischen Suren auch dann und wann einmal dieses Buch. Er zitiert es nirgendwo, aber dennoch ist diese Begegnung wohl kaum zu überschätzen. Die gesamte islamische Mystik der folgenden Jahrhunderte resultiert aus ihr, Mohammeds eigene inbegriffen. Auf der einen Seite hasste und verfolgte der Islam nach Mohammed diese Mystik, auf der anderen Seite kam er aber ohne sie auch nicht aus und endlich rang man sich dazu durch, die Mystik im Islam zu dulden. So entstanden die Sufi – Orden, die bekanntlich bis heute bestehen. Aus der Tradition der Mystik aber entstanden auch andere Bewegungen, ich nenne hier nur die der Bahai, in Teilen gehört aber auch die Ahmadiya und gehören die Aleviten dazu, die alle vom orthodoxen Islam nicht als islamisch anerkannt werden. Sie alle repräsentieren mystische Wege, die vom Islam aus beschritten werden können, wobei die alevitische Religion noch viele Elemente einer weitaus älteren vorderasiatischen Religion in sich aufgenommen und mit einem – schiitischen – Islam verbunden hat. Denn nur im schiitischen Islam sind solche Amalgamierungen möglich. Im sunnitischen Islam hingegen verbieten sie sich von selbst. Man muss gar nicht erst den wahabitischen Islam zu Rate ziehen, um zu begreifen, dass Heilige, Kleriker und dergleichen sich im sunnitischen Islam von selbst erledigt haben.

Die islamische Mystik ist eng mit dem Anliegen der Gnosis (nennen wir sie einmal so) verwandt – mit einer Ausnahme: sie sucht die Gottesnähe, während die Lehre der Chrästen darauf verzichtet, sich irgendeinem Gott zu nähern, vielmehr die eigene Position im Weltganzen sucht und findet. Dies unterscheidet den Islam von allem Anfang an von der Lehre der Hanifen, die eher mit der der Chrästen zu vergleichen wäre, also im Tiefsten nicht antireligiös. sondern areligiös ist, was ihr im Urteil aller Religionen den Vorwurf der Gottlosigkeit eingetragen hat. Dies ist auch der Grund, warum Waraka als Hanife niemals dem Islam beigetreten ist. Die islamische Mystik aber ist nicht gottlos, sondern zutiefst religiös, gerade da, wo sie anscheinend über die Zwanghaftigkeit der Religionen spottet, wie das Omar Chajjam tut . Der Sufi ist über die Äußerlichkeiten der Religion erhaben – dennoch betet auch er zu Allah, was der Chräste niemals tut. Er unterhält sich mit „Gott“ vielmehr als mit seinesgleichen und es gibt für ihn kein Oberes, dessen Unteres er sein könnte. Für den Sufi (abgeleitet von griechisch Sophia = Weisheit) hingegen gibt es ein Oberes.

Sunniten, Schiiten, Wahabiten – was ist aber da los? Warum gibt es so viele Namen im Islam? Es gibt nämlich noch viel mehr, nur den Islam des Propheten, den gibt es nicht mehr, denn er wurde durch die Koranredaktion aus dem Islam vertrieben. Wie das? Gibt der Koran denn nicht das unverfälschte Wort Allahs an die Menschen weiter, so wie Mohammed es getan hat? Nun, Mohammed hat es auch nicht getan und wie ein Hadith meldet, ist ihm zumindest Aïscha drauf gekommen, als sie bemerkt haben soll: „Dein Herr beeilt sich, deinen Wünschen nachzukommen.“ So sieht es denn der gläubige Muslim bis zum heutigen Tage, dass Allah sich beeilt habe, den Wünschen Mohammeds nachzukommen, weil der ja so treu und standhaft war. Der weltliche Blick sieht es freilich anders. Er sieht einen Mann, der bestrebt ist, eine neue Gesellschaft auf der Kultur der vorigen zu errichten und der seine Neuerungen in Gottes Willenserklärungen verpackt und ab und an sind darunter auch ein paar persönliche Desiderate und Anordnungen für den eigenen Haushalt, denn der war mit der Zeit recht umfänglich geworden. Aber wir tun Mohammed Unrecht, wenn wir Allah nur als Etikett für die eigenen Bestrebungen sehen, denn er verleugnet auch nicht die ihm gesetzten Grenzen, wenn er zum Beispiel, erklärt, dass ihm nun keine weiteren Frauen erlaubt wären, nachdem er sich zuerst die Freiheit vom Gebot ausbedungen hat, nur vier Frauen heiraten zu dürfen. Manche wollen darin einen Ausdruck unstillbarer Gier sehen – die Wahrheit ist aber vermutlich eine andere, denn Heiraten waren  politischer Bestandteil aller Bündisverhandlungen und Mohammed stand im Begriff, Arabien zu einigen und schloss Bündnisse mit vielen Stammeshäuptern, heiratete viele Töchter.  Er verleugnet nicht, dass er kein Wundertäter ist – kühner Bruch mit dem Aberglauben des Volkes, dass ein Gottgesandter immer auch Wunder tun müsse. Er steht dazu, dass er ein Mensch wie alle anderen sei und in allem was nicht die Offenbarungen Allahs betrifft, wohl auch fehlbar sein könnte und auf den Schutz Allahs angewiesen – der ihm dann auch zuteil wurde, am sichtbarsten bei der Belagerung Medinas durch seinen mekkanischen Gegenspieler Abu Sofjan und die Seinen, wenn wir annehmen, dass der sogenannte Grabenkrieg im Sommer stattfand oder zumindest in einer klimatisch stabilen Jahreszeit. Im Winter nämlich sind solche Kälteeinbrüche, wie sie hier beschrieben werden, durchaus möglich, wenn auch nicht die Regel. Das Heer Abu Sofjans, das darauf nicht eingerichtet war, musste umkehren, das Futter verfaulte und die Menschen wurden reihenweise krank und starben, während die Medinenser sich in ihre warmen und trockenen Behausungen zurückziehen und sich angemessen kleiden konnten.

Wer mit Mohammed Frieden haben wollte, musste den Islam annehmen – und das brachte Abu Sofjan erst als Geschlagener wenigstens formal über sich. Der alte Feuertempel in Mekka aber wurde zum zentralen Heiligtum aller Muslime, zu dem sie wenigstens einmal im Leben zu pilgern hatten – so war die wichtigste Einnahmequelle Mekkas gesichert, nur dass die Verehrung jetzt nicht mehr 365 Göttern, sondern allein Allah zukommen sollte. Aber alles um die Hadsch herum verdiente an den Pilgern wie eh und je, auch wenn die Kaaba jetzt keine Pensionatsgebühren mehr bekam.

Den Islam annehmen – das ist eigentlich keine besonders schwierige Sache und so war es auch beabsichtigt, man wollte es Konvertiten nicht schwer machen. Man verlangte aus diesem Grunde auch nicht, wie die Juden, die männliche Beschneidung, sondern allein die Erfüllung der fünf grundlegenden Pflichten: öffentliches Zeugnis, die fünfmalige Andacht am Tage, eine Art Kirchensteuer, die Zakat, aber nur für die Vermögenden, die Wallfahrt nach Mekka mit der Einschränkung: falls man sie sich leisten könne und das Fasten im Ramadan – allerdings nur tagsüber, Kranke, Schwache und Reisende waren vom Fastengebot sowieso ausgenommen. Auch vom Gebet gibt es diverse Ausnahmen und Sonderregeln, denn „Allah will es euch nicht schwer machen“, so der Koran. Ansonsten soll man sich außerhalb des Hauses und im Angesicht von Fremden anständig anziehen, soll kein Schweinefleisch essen, was sowieso der ganze Orient nicht tut und – möglichst – keinen Wein trinken, weil der Wein bei Hitze nicht guttut. Und – man soll sich waschen, ehe man die Andacht abhält, eine Anordnung, die der Gesundheit der Gläubigen sicher zustatten gekommen ist, denn sich fünfmal am Tage zu reinigen war mit Sicherheit von Vorteil für dieselbe. Aber hinter allem steht: wenn es nicht geht, dann geht es nicht. Letztenendes bleibt der Islam in allem eine Religion der Vernunft – im Gegensatz zum Christentum glaubt er nicht, weil es absurd ist, sondern er glaubt das Absurde nicht. Immer wieder betont der Koran – und auch der Hadith – die Rationalität des Vertrauens in Allah, der seinerseits aber aller Gesetzlichkeit enthoben und, anders als den christliche oder jüdische Gott, vom Menschen nicht erfassbar ist und sich auch gegenüber seinen Vorschriften die Souveränität vorbehält, was der Koran immer wieder beteuert, wenn er sagt: und Allah ist verzeihend und barmherzig. So verzeihend und barmherzig führt ihn auch das Leben Mohammeds vor, das eben nicht tadellos ist, auch gar nicht sein will. Der Hadith macht ihn dann zu jemandem, der er nie gewesen ist: einem Menschen, der immer alles richtig macht. Aber er hat, das sei unbestritten, sein Leben ernster genommen als die meisten seiner Zeitgenossen. Würde heute jemand sein Leben so ernst nehmen wie er, er stünde schnell im Ruf diverser seelischer Störungen. Man würde ihm Depression, Manie, Narzissmus. Sexsucht und was weiß ich noch alles unterstellen. Man würde ihn, der ja kein akademisches Diplom vorzuweisen hatte, schnell von aller Kompetenz in religiösen und auch in sozialen oder rechtlichen Fragen ausschließen, kurzum er hätte in dieser Welt nur noch die Perspektive eines Spinners und bestenfalls einer anmaßenden, weil viel zu selbstsicheren Person. So etwas wie Mohammed mag man heute nicht – man mag demütige Sklavenseelen. Wehe, heute hat einer mit der Sicherheit eine Meinung, die Mohammed eigen war, man würde ihn schlankweg steinigen und vertreiben – was ja bis der Islam sich durchgesetzt hatte, in Mekka auch geschah, also so weit entfernt sind die heutigen Maßstäbe nicht von denen in Mekka zur Zeit der Unwissenheit. Diese Gesellschaft – vielleicht ist sie genau so unwissend, wie die von Mekka im sechsten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, nur garniert sie diese Unwissenheit und Unsensibilität mit mehr technischer Raffinesse und Umtriebigkeit. Vielleicht muss man doch, wie Mohammed damals seine Religion heute das Ende der Oberflächlichkeit mit Gewalt durchsetzen? Nun – dazu fehlt uns im Moment noch ein Mohammed – aber vielleicht hockt er schon irgendwo und wartet auf seine Stunde….

 

Ägypten liegt in der Sahara, sie reicht vom Roten Meer bis an die Küste des atlantischen Ozeans und vom Niger bist an die Küste des Mittelmeeres. Einzig der Nil durchquert im Osten auf einem Stück seines Laufs diese Wüste und seine Überschwemmungen halten in regelmäßigen Abständen die Ufer fruchtbar. Kurz hinter Kairo teilt er sich in ein ausgedehntes Delta. Hier ist die Wüste nicht sichtbar, aber an beiden Ufern des Nil steigen die Dünen in Sichtweite über dem Fruchtland empor. Der Nil besitzt auf seinem Lauf durch die Sahara keine Nebenflüsse, sein Wasser entstammt den Ausflüssen von Seen. Es gibt keine eigentliche Nilquelle – im Süden, in den regenreichen Gebirgen Äthiopiens sowie aus dem Victoriasee in Tansania und Kenia nimmt er seine Fluten. Aus dem Inneren Afrikas fließen dem Victoriasee mehrere Flüsse zu, die den See als Nil verlassen.

Der Nil war auch zu der Zeit bereits vorhanden, als die nordafrikanische Ebene aride wurde, das war begann vor annähernd siebentausend Jahren und fand vor etwa sechstausend Jahren sein vorläufiges Ende – seither aber ist die Wüste ständig weiter nach allen Richtungen vorgerückt, in denen nicht das Meer ihr eine Grenze setzt. Zu der Zeit, da Ägypten geboren wurde, war auch das Land, das wir heute als Wüste sehen und erleben, grün, eine Savannenlandschaft in der sich zwar kein Ackerbau, aber wohl Viehzucht betreiben ließ. Am Nil aber wohnten seit alters bereits Menschen, die vielleicht schon von Ackerbau,  aber  mehr noch von Jagd und Fischfang lebten, denn die Savanne war wildreich und der Fluss voller Fische. Über diese brach also die Einwanderung aus dem immer arideren Westen herein, welche die Geburt Ägyptens einleitete.

Ägypten ist, das muss immer wieder betont werden, ein afrikanisches Land und die Ägypter sind ein afrikanisches Volk. Angesichts der Hochkultur, die sie schufen und des Einflusses, den diese auf Europa hatte, wird das immer wieder gern vergessen. Es flohen auch nicht alle Bewohner der nordafrikanischen Landschaft vor der Wüste nach dem Niltal. Einige flohen zum Niger nach Süden, andere in die Berge des Atlas im Nordwesten und zu den Küsten des Mittelmeers, wieder andere blieben im Westen an der Küste des Atlantischen Ozeans und versuchten dort den Unbilden des Klimas zu trotzen. Die Hauptmasse aber kam anscheinend zu den Stammesverwandten ins Niltal und – bildete mitnichten bereits Ägypten. Über ein Jahrtausend lebten sie als stammverwandte Sippen mehr oder weniger willkommen in dörflichen Siedlungen und erst allmählich bildeten sich zusammenhängende größere Territorien um einige Häuptlingssitze aus. Es ist nachgewiesen, dass diese Kulturen bereits Ackerfrüchte kannten und Keramik herstellten – im Niltal ein gewagtes Unterfangen, da es dort kaum brauchbare Tonvorkommen gibt. Dafür gibt es Steine in Menge und so begannen sie, diese Steine zu Gefäßen zu bearbeiten und entwickelten eine hohe Fertigkeit darin. Da es nicht mehr genug Jagdwild gab um sich in Leder und Felle zu kleiden, begannen sie damit, Faserpflanzen zu nutzen… tausend Jahre sind eine lange Zeit um den Umgang mit ihnen zu lernen. Ihre Wohnstätten waren einfach, es waren Erdhütten wie sie es aus ihrer alten Heimat gewohnt waren, mit zugehörigen Vorratsspeichern. Man hat ihre Überreste ausgegraben und dabei gefunden, dass die Siedlungen regelmäßig angelegt waren, auch dies, wie Felszeichnungen belegen, ein Erbe aus ihrer verlorenen Heimat.

Denn ehe sie fortzogen bildeten sie ihr Leben auf Felswänden ab, damit sie in dem Land, das sie verließen, nicht vergessen wären und ihre Toten zogen seither in den „Schönen Westen“ der nur noch im Reich der Toten existierte. Das war dann schon ein Stück Ägypten, das sie da schufen. Ihr Jenseits war und das bis in die Tage der Römer, kein Paradies, sondern das Land, das vorher gewesen war, in dem gearbeitet wurde und gefeiert wie sie es einst dort getan hatten, wo nun nur noch die Wüstengeister umgingen. Aber auf den Felszeichnungen kann man noch heute Figuren finden, in denen man den Kanon der ägyptischen Darstellungsweise wiederfindet: den Körper in Vorderansicht, das Gesicht aber im Profil.

Aber nicht nur ihre Kunst brachten sie ins Niltal, sondern auch ihre Gesellschaftsordnung. Man muss nur genau hinschauen, dann erkennt man sie im Leben des alten Ägypten wieder. Sie waren Afrikaner, also spielten die Frauen eine große Rolle im der Organisation des Lebens, da sie es waren, die das Leben gaben und dies ist beinahe allgemein afrikanisch. Dem Mann obliegen die Pflichten des Jägers und Kriegers – die Frauen halten die zivile Ordnung aufrecht und regeln alles, was außer Jagd und Krieg noch zu regeln ist – auch den Verkehr mit den „höheren Mächten“, was sich auf die jeweiligen Sippen- und Clangötter bezieht. Mit der Zeit verflachte diese Bindung, aber bis in die Spätzeit steht die Priesterin neben dem Priester, die Heilerin neben dem Heiler – nur mit der Königin neben dem König hatte es eine besondere Bewandtnis, denn wenn der König alt wurde, hatte er zu sterben, damit er nicht durch Fehler die Wohlfahrt des Stammes gefährde. Irgendeiner Königin gefiel das nicht mehr und so wurde das Ritual des Heb Sed erfunden in dem der König  nur noch rituell starb und auferstand um mit erneuerter Jugend weiter zu regieren. Damit war dem Herkommen Genüge getan und zugleich etwas Neues auf den Weg gebracht – auf dieselbe Weise sollte sich die ägyptische Gesellschaft immer wieder reformieren und neu positionieren. Ägyptische Revolutionen waren leise und behutsam, quasi evolutionär, denn laute und opferreiche Aktionen konnte man sich nicht leisten – man hatte niemals Überschuss an Menschenleben.

Aber auch dies war noch nicht die Geburt Ägyptens – es waren nur die Vorbedingungen, unter denen so etwas wie Ägypten entstehen konnte. Das bedeutet, dass die grundlegenden ägyptischen Gepflogenheiten bereits bestanden, als Ägypten noch gar nicht Ägypten war. Die Fetische wurden in der dritten Dynastie zu Provinzgöttern, die Häuptlinge zu Königen und die Königinnen zu Großen königlichen Gemahlinnen, die nicht nur im Hintergrund herrschten, sondern zumindest im Alten Reich auch die Herrschaftsrechte weitergaben – an den Schwiegersohn eines ihrer Töchter und die auch wieder und so fort… erst die Hungerperiode, der Zusammenbruch des Alten Reiches,  machte diesem Verfahren ein Ende und den Sohn zum Erben. Aber immer wieder wurde versucht, das alte Prinzip in irgendeiner Weise weiter zu führen, von Chentkaus I bis zu Kleopatra VII. Zwar trat es in den Hintergrund aber, gut ägyptisch, blieb es stets auch präsent und sei es als pure Option. Sie blieben  meist unsichtbar, wobei Ausnahmen die Regel bestätigen,  aber sie hatten in allem ein Wörtchen und oft mehr als ein solches, mitzureden. Erinnert sei an die Furcht, die ein König namens Chufu  ( besser bekannt als Cheops) vor dem Zorn seiner Mutter Hetep Heres hatte, als er erfuhr, dass deren Grabausstattung „irgendwie“ abhanden gekommen wäre.  Für das Alte Reich galt dies unumschränkt, erst im Mittleren und dann im Neuen Reich wurde es immer tiefer verborgen und – gestehen wir es ruhig zu – auch verleugnet, aber immer wieder treffen wir auf die großen Frauen, die die Fäden ziehen, mögen sie nun Ahmose Tascheret oder Teje oder Nefertari heißen, ich rede hier mit Absicht nicht von Hatschepsut oder Nofretete oder gar Kleopatra VII mit der das alte Ägypten als Staat erlischt.

Ägypten wurde, das wissen wir, geboren, als  aus vielen die beiden letztverbliebenen Reiche in einem Krieg der Oberägypter gegen den Norden vereinigt wurden und es währte noch weitere Jahrhunderte bis die  Einheit auch im Geiste (für unsern Zürcher Rolf, da er das Wort Geist nicht versteht, hier verdolmetscht: Gespenst) vollzogen war – aber was da geboren wurde, war durch ein Jahrtausend vorbereitet worden und begründet so dass es alles, was danach kam. integrieren konnte  – Atlantider waren nicht nötig, um Ägypten zu erschaffen, das konnten die Ägypter alleine und man kann noch in seinen letzten Tagen die Spuren des Beginns erkennen – zum Beispiel in der Ehe zwischen Bruder und Schwester. Im Alten Reich wurde der künftige König als Bruder der leiblichen Königskinder am Hof erzogen – er war hingegen nicht leiblich, aber er galt dafür und so heiratete der Bruder die Schwester um Nachfolger seines Schwiegervaters zu werden. Die Griechen verstanden das wie alles Ägyptische nicht, aber wie war das, entledigte sich Kleopatra nicht ihre männlichen Geschwister, die sie hatte heiraten müssen? Wir wissen, dass sie in ägyptischer Kultur durchaus bewandert war. Sie wollte herrschen wie die alten Königinnen, ihre Brüder und deren griechischer Klüngel hinderten sie daran. Manche Forscher vermuten, sie wäre durch ihre Mutter eine Nachfahrin des letzten ägyptischen Königs, des Nektanebos II gewesen – das ist, wenn auch nicht mehr zu beweisen, doch auch nicht von der Hand zu weisen. Es belegt in den letzten Tagen des Staates noch, dass Ägypten auch von dreihundert Jahren griechischer Besatzung nicht totzukriegen gewesen ist. Hatte Kleopatra nicht vorgehabt, ihr altes Reich mit der neuen Weltmacht Rom zu vereinen, statt sich der neuen Macht zu unterwerfen? Gewann sie nicht den großen Caesar für diese Idee? Man soll ja nicht fragen, was wäre wenn – aber hätte die Geschichte Europas nicht einen anderen Weg genommen, wäre ihr das geglückt? Wäre nicht ein ganz anderer Geist aus dieser Vereinigung erwachsen? Einer, der in den Stürmen der Völkerwanderung nicht untergehen würde? Man soll nicht fragen, aber manchmal erliegt man der Versuchung doch.

 

Ich bin selbst nicht gläubig, aber weder Atheist, noch Renegat. Daher erscheint es mir manchmal geradezu skurril, welche Bilder sowohl geborene Atheisten als auch gewordene Renegaten insbesondere vom Christentum haben. Insbesondere stechen hier jene hervor, die sich selbst Brights = Strahlende nennen. Die finstersten Vorstellungen von dem, was Christentum sei, finden sich an dieser Stelle. Nun gut, je finsterer sie das Christentum malen, umso heller kann ihr Stern erstrahlen, das ist mir schon klar. Aber kommt es ihnen, den Brights meine ich, nicht gerade auf Gerechtigkeit und Angemessenheit und Urteilsfähigkeit an?

Offensichtlich nicht, denn wenn man ihre Vorstellungen vom christlichen Leben hört, dann besteht Christsein nur aus Beten, Kasteien und allenfalls noch Missbrauchen. Dass der Ursprung des Christentums bereits ein Irrtum war, steht zwar fest, wird aber von ihnen selten als Argument gegen dasselbe gebraucht. Sie übernehmen kritiklos die traditionelle christliche Lesart und statt da zu forschen, wo diese Forschung wirklich etwas ergeben könnte, wenden sie sich gegen tausend teilweise recht exotische Randerscheinungen.

Ein echter Atheist – und ich kenne deren etliche – hängt sich an dergleichen aber nicht auf, sondern für ihn ist Religion in jeder Weise zunächst einmal Exotik. Dann aber unterscheidet er scharf zwischen dem historischen Bild und der aktuellen Situation und hält den konkreten Gläubigen getrennt vom geschichtlichen Erscheinungsbild der religiösen Gruppierung, der er angehört. Daran, ob ein Atheist diese Freiheit besitzt oder nicht, kann man leicht zwischen ihm und einem Renegaten unterscheiden.

Denn ein Renegat hat eine persönlichen Grimm auf die Institution der er abgesagt hat. Daher ist ihm alles recht und kommt ihm alles gelegen, was er an Negativem ergattern kann. Er hat Vollkommenheit in dieser Religion gesucht und er hat sie – wie auch anders – nicht gefunden, denn unter Menschen kann es nichts Vollkommenes geben. Diese überzogenen und daher nicht zu befriedigenden Bedürfnisse meint er nun einklagen zu sollen, indem er die konkrete Religion nach allen Regeln der Kunst schlecht zu machen sucht und er wird  – natürlich – auch immer fündig. So kommt es zustande, dass er die Fehler der konkreten Religion mit Eifer offenlegt und lägen sie auch Jahrhunderte zurück. Umso lieber noch legt er gegenwärtige Verfehlungen offen, die er stets finden wird, denn je nach Konzept der entsprechenden Religion gibt es keine einzige, die gegen solche Verfehlungen gefeit wäre: bei den Katholiken ist es der Zölibat, der zu ethischen Verwerfungen führen kann, im Islam ist es der „Heilige Krieg“ und ist es die zeitbedingte Haltung zur Frauenfrage, die natürlich heute längst anachronistisch geworden ist. Aber auch an allen anderen Religionen der Gegenwart wird er mit staunenswerter Präzision die Haare in der Suppe finden, denn er braucht sie zur Rechtfertigung seines Renegatendaseins.

Der echte Atheist übersieht die Fehler einer konkreten Religion niemals – aber er wird ihretwegen auch nicht in Hass und Zorn geraten, denn er weiß um die Fehlbarkeit aller menschlichen Unternehmungen und so ist er im besten Sinne areligiös indem er sich gegen nichts wendet, gegen nichts kämpft, sondern nur eine Trennung zwischen der eigenen Sicht der Dinge und der fremden bestehen lässt – sine ira et studio. Für ihn ist alle Religion seltsam und unverständlich und geht von Voraussetzungen aus, die er nicht nachvollziehen kann. Für ihn bedeutet diese Welt alles, was existiert und darüber hinaus gibt es für ihn nichts, was es wert wäre, darüber nachzusinnen – also sind Religionen per se im Irrtum über die Existenz des Menschen – wenigstens für ihn. Das Leben beginnt mit der Zeugung und endet für ihn mit dem Tod und es gibt weder ein Davor noch ein Danach für ihn. Gläubige mögen aus ihrer Überzeugung inneren Frieden für sich gewinnen, er findet ihn in seiner eigenen Ausweglosigkeit ebenfalls, weil er gar keinen Ausweg sucht. Er ist es zufrieden, an dieser Welt und in dieser Welt beheimatet zu sein und er wird einem Andern dessen andere Überzeugung weder vorwerfen noch schlecht zu machen suchen.

Der Renegat aber „hängt“ sich an allem auf, was er irgend finden kann, um eben dies zu tun. Dabei wird natürlich das Bild einer beliebigen Religion meist verzerrt wahrgenommen und von Toleranz seinerseits kann keine Rede sein. Denn die erlittene Enttäuschung schmerzt und die Einsicht, dass die eigenen Vorstellungen ihm einen Streich gespielt haben, kann nicht gewonnen werden. Wehe, eine Religion entpuppt sich dann als sich wandelndes ideologisches Konzept, was ein normaler Prozess in jeder beliebigen Ideologie ist. Jede Wandlung wird ihr als Versagen vorgeworfen. Und wehe, ihre Gläubigen entfernen sich auch nur um Millimeter von ihrem Ideal – das gilt als Unglaubwürdigkeit, obgleich es in Wahrheit der natürliche und normale Stand aller Dinge ist, denn das Leben solcher Konzepte liegt in ihrer Veränderlichkeit. Ein Beispiel: weil der Islam sich konzeptionell nicht verändern kann, verfällt er in Islamismus. Das Judentum ist dieser Gefahr mit knapper Not entgangen, weil es zumindest in Teilen neue Wege gefunden hat. Das Christentum aber verändert sich fortwährend, kann dies tun, weil ihm keinerlei Gesetzlichkeit innewohnt, sondern es in allen diesen Dingen mit der „Welt“ gehen kann. Das bringt Risiken und Fehlentwicklungen mit sich, aber auch Chancen und Hoffnungen. Aber dem Renegaten gefällt natürlich gerade dies nicht. Für ihn muss eine Religion vollkommen sein und das von Anfang an – was unmöglich ist, Wille Gottes hin oder her, denn der Wille Gottes ist stets der Wille von Menschen in einer bestimmten konkreten Situation. Wie diese sich verändert, so auch die Religion, die aus dieser Situation erwachsen ist. Der Renegat aber kann dies nicht sehen, weil ihm die persönliche Distanz zum Objekt fehlt. So wird er zum Wüterich. So wird er zum Bright und kommt sich dabei noch wer weiß wie progressiv vor – in Wahrheit aber ist er nur laut und letztenendes auch langweilig, denn alles wiederholt sich in Abständen immer wieder, man weiß, was man von seinem persönlichen Hass zu erwarten hat: die Revolte gegen das Normale. Der Renegat will alles so heiß essen wie es gekocht wurde und er ist dem Glauben gram, weil er seine Angebote auf konsumierbare Temperatur herabkühlt, ehe er sie serviert. Der Renegat besteht auf dem einzig wahren Glauben. weil er den genau gesucht und nicht gefunden hat. Er wird ihn nie finden, darin besteht sein Dilemma. Jeder „Stoff“ den ein solch Süchtiger findet, wird der falsche sein, zuletzt gar das Renegatentum selbst. Es hält ihn eine Weile bei Laune und in Trab, aber zuletzt erschöpft es sich an den eigenen Wiederholungen des immer Gleichen und der ständige Schaum, den ein Renegat vor dem Mund hat, erweist sich zuletzt als ätzend und vernichtet die eigenen Sprechwerkzeuge. Die großen Kampagnen schlagen fehl, weil sich kein  Gläubiger für sie interessiert. Ein paar unsichere Kantonisten treten aus ihren Kirchen aus, aber das war es dann auch schon. Hingegen werden die Religionen durch ihre Renegaten gestärkt, denn die machen ihnen klar, wo ihre Schwachstellen liegen und das ist meist sehr nützlich für sie.

So betrachtet sind echte Atheisten ein Unglück für Religionen, Renegaten hingegen ein Segen. Und da die christliche Religion Renegaten en masse besitzt kann man ihr angesichts dessen nur ein langes und glückliches und vor allem ein gesundes Leben wünschen… auch wenn man selbst wünscht, dass es anders wäre, aber die Menschheit ist wohl insgesamt noch nicht so weit, auf Religion im Ganzen freudig und friedlich zu verzichten.

Inhalt

Ein rätselhaftes Bild. 1

Die Ketzer nach den Ketzern. 1

Wie Mani nach Oebisfelde kam.. 2

 

 

Ein rätselhaftes Bild

An nicht wenigen Kirchen quer durch den europäischen Kontinent, darunter an so berühmten wie dem Dom von Mainz,  ist, entweder als Relief oder auch als Wandmalerei folgendes Sujet zu betrachten: ein Mensch mit bärtigem Gesicht und in einem langen Gewand hängt an einem Kreuz. Manchmal ist dem Gekreuzigten  noch eine weitere Person oder ein Tier beigegeben, manchmal aber auch nicht.  Jedenfalls ist klar, dass es sich bei diesem Gekreuzigten nicht um ein Bild des biblischen Jesus Christus handelt und dies war der europäischen Bevölkerung auch von allem Anfang an klar, denn die Sagen, die sich um diese Darstellungen ranken, haben mit der christlichen Kreuzigung nichts gemein. Dennoch wird von der  modernen Forschung angenommen, dass diese Bilder etwas mit den alten romanischen Darstellungen des bekleideten Christ – Königs am Kreuz zu tun hätten, wie wir ihnen vor allem auf alten Triumphkreuzen begegnen. Man erlaube mir indessen, diese Meinung nicht zu teilen, denn gerade Christus und seine Kreuzigung spielen  hier nur sehr indirekt eine Rolle. Das ist schon daran zu erkennen, dass diese Darstellung generell als weiblich bezeichnet, aber durchweg vollbärtig dargestellt wird.

Ich meine nun, man könnte dem Rätselraten der Mythenforscher recht schnell ein Ende bereiten, wenn man zwecks Deutung des Geschehens jene Legende aufnimmt, die vom Tod des persischen Mani berichtet. Aber das eine Loch, das wir damit schließen, reißt viele neue Fragen auf und am wichtigsten ist diese: wie kommt ein persischer Religionsstifter Jahrhunderte nach seinem übrigens wohl nicht gewaltsamen Tod an die Wand einer mitteleuropäischen Kirche, denn die meisten Darstellungen finden sich in Mitteleuropa.

Die Ketzer nach den Ketzern

Graben wir einmal etwas tiefer nach, wir müssen gar nicht in unauslotbare Tiefen gehen. Wir müssen lediglich einen Blick auf die geistige Landschaft des hohen und vor allem des ausgehenden Mittelalters werfen. Gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts verschwand die Bewegung der Katharer aus dem Blick der Geschichte. Zugleich nahmen die „Sektengründungen“ erheblich zu und diese Bewegung hielt, immer wieder durch die offizielle Kirche nur ungenügend aufgehalten, durch das ganze ausgehende Mittelalter an. Auch bereits bestehende Gruppen wurden plötzlich „infiziert“, so die europäischen Beginen und Begarden, aber es bildeten sich auch ganz neue Zirkel von „Geistgläubigen“ als deren letzte Ausläufer wir wohl die Schwärmer von Zwickau zu betrachten haben, mit denen ein Thomas Müntzer zusammentraf und von denen er eine ganze Reihe von Impulsen empfing, vor allem was die praktische Gemeindebildung anbelangt.

Offiziell gaben sich die meisten dieser „Geheimsekten“ als gut christliche Bruder- und Schwesternschaften, die Gebet und Fasten und Wohltätigkeit übten, gute Schulen unterhielten und sich um die Kranken- und Altenpflege verdient machten. Besonders gut ist diese Entwicklung an einem ehemaligen Hof in Frankfurt am Main zu studieren, der Gutleuthof hieß – nur ein ganz und gar unwissender Mensch wird bei einem solchen Namen nicht stutzen – und der sich just in dieser Zeit zu einem vielbesuchten Hospital entwickelte, so gut christlich, dass man es nicht einmal für nötig hielt, den verräterischen Namen zu verändern. Dann haben wir da auch noch die Brüder vom gemeinsamen Leben, auf deren Schule noch der junge Luther ein wichtiges Jahr seines Lebens verlebte und deren „Christlichkeit“ genau so wenig zur Diskussion stand, wir ihre pädagogisch geradezu modern ausgerichtete Unterrichtsweise. Natürlich gab es daneben auch die ausgewiesenen Häretiker wie die durch Hieronymus Bosch und sein Werk bekannt gewordenen Adamiten oder die Brüder und Schwestern vom Freien Geist[1], die kein Hehl aus ihre Oppositionshaltung gegen Kirche und Christentum machten. Wir  müssen dabei freilich bedenken, dass nur die Spitzen des Eisberges im Gedächtnis geblieben sind – unzählige dieser neuen Sekten und Zirkel sind in der Anonymität entstanden und wieder vergangen und nicht immer musste die Kirche einschreiten – viele erledigten sich auch durch einen rigorosen Asketismus von selbst: sie erloschen.

Wie Mani nach Oebisfelde kam

Dieser Asketismus aber führt uns auf eine andere, nicht weniger interessante Spur: nämlich zurück auf die Tatsache, dass die katharische Bewegung am Ende des zwölften und bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, also bis zu dem Tag, als sie offiziell zu existieren aufhörten, gespalten war. Der alte, genuin europäische Zweig, der seit den Tagen des Irenäus von Lyon greifbar ist, war so wenig fanatisch und laut, dass er tausend Jahre neben der offiziellen Kirche bestehen und von dieser geduldet werden konnte. Im zwölften Jahrhundert kommen aber mit flüchtigen byzantinischen Ketzern neue Impulse in die Bewegung und leider finden diese Impulse weithin Zuspruch, eben weil sie laut und vernehmlich und provokant sind. In Byzanz hatten sie ihre Bewegung durch ihr Geschrei und durch Gewalt zugrunde gerichtet: unbelehrt und unbelehrbar fuhren sie nun mit ihrem fanatischen Vernichtungswerk fort und provozierten in ihrem Asyl die Kirche wo immer sie konnten. Schlimmer noch – den besonneneren Katharern fehlte die Kraft, sich gegen diese wildgewordenen Hassprediger durchzusetzen. Früher hatten sie einen Peter von Bruis[2] oder einen Prediger Heinrich noch von sich abhalten können, aber damit war es nun, da sie von dergleichen quasi überflutet wurden, vorbei. Sie konnten nicht mehr verhindern, dass die Kirche einschritt und die nun wieder verstand nicht, dass die Katharer selbst in Teilen diese Entwicklung nicht billigten – ihr galt alles gleich und im Grunde war sie froh, endlich eine Handhabe gegen diese Bewegung zu besitzen, die ihr immer schon ein Dorn im Fleisch gewesen war. So kam es dann zu dem  bekannten bewaffneten Eingreifen, aber dieses soll hier nicht zum beherrschenden Thema werden, wenn es auch nicht ganz ausgeblendet werden kann.

Auch im Untergrund aber setzte, wie man sehen kann, wenn man sehen will, die Spaltung sich fort: es gab den mehr philosophisch orientierten Untergrund in dem die alte Bewegung des Westens sich fortsetzte und es gab wie schon erwähnt, eine Menge an rigoros asketischen, dabei fanatisch antikirchlichen, die Ordnungen der mittelalterlichen Welt verachtenden und bekämpfenden – und auch miteinander konkurrierenden – Gruppen und Grüppchen die wie ein in Gärung befindlicher Teig als Blasen aufstiegen und wieder zerplatzten. Und in dieser rigorosen Bewegung wird die Erinnerung an den Religionsstifter Mani und sein Schicksal lebendig gewesen sein, während er auf die „westlich gemäßigten“ Ketzer keinerlei Einfluss ausübte. So wurde aus Schapur, dem königlichen Gegenspieler des historischen Mani bald der tyrannische König, der sein Kind ans Kreuz nageln lässt und aus dem Mann Mani wird die Königstochter, der ein Bart wächst. So gewann man einen Mythos, der sich öffentlich darstellen ließ und wieder wurde eine alte Tradition bedient: denn in den Kirchen und an den Kirchen hatten auch die „Gnostiker“ der alten Zeit ihre Anwesenheitssignale hinterlassen. Was damals nun das „Anch“ bedeutete, das bedeutete nun für diese Fraktion die Darstellung der „Kümmernis“ meist an den Außenwänden der Gotteshäuser. Eine Kümmernis befindet sich auch, allerdings stark verwittert und zudem verfremdet[3],  an der Katharinenkirche zu Oebisfelde in Mecklenburg und signalisiert damit, dass sich im vierzehnten oder fünfzehnten Jahrhundert bogomilische Gruppen an diesem Ort aufgehalten haben, was nicht unbedingt mit „katharischen“ gleich zu setzen ist. Diese lassen sich sogar in Skandinavien und  möglicherweise auch in Chorin im nördlichen Brandenburg und mitten unter den Zisterziensern mit Hilfe des Anch nachweisen, die Verbreitung nach Norden hin ist also nicht ungewöhnlich und dass wo die einen sind[4], die andern nicht weit sein werden, ist ohne weiteres eingängig, denn nach der Katastrophe war man nicht gerade friedlich aufeinander zu sprechen wie das Verhältnis der „Lombarden“ zu den flüchtigen französischen Katharern zeigt[5].

Und so kam also Mani in den Norden Deutschlands. Ich denke, man braucht sich aufgrund dessen, was man an Hintergründen wissen kann, nicht mehr darüber zu wundern. Nicht  einmal die bärtige Jungfrau ist übrigens eine Erfindung der Bogomilen – der Typus greift zurück auf eine damals im Schwange gehende andalusische Sage aus der Zeit der Reconquista und zwar handelt sie von einer maurischen Königstochter, die Christin wird. Auf ihre Bitte verunstaltet Gott sie entsprechend, was ihren Vater veranlasst, sie zu töten. In der Sage werden die Umstände ihres Todes dann allerdings zum Anlass dafür, dass der Sultan selber Christ wird. Die Sage ist in verschiedenen Versionen überliefert. Das Mädchen hätten wir – was aber ist mit dem Mann, der das Mädchen oft – nicht immer – begleitet? Wo er dargestellt wird, ist es meist ein Musikant, der spielend zu Füßen der Gekreuzigten kniet – ein Hinweis auf die hohe Geltung, welche die Musik bei den Manichäern besaß, die sie als quasi göttliche Kunst verehrten und pflegten, sie als dem Wort überlegen betrachteten? Was ist mit dem Tier, meist einem Hirschen, der sich ebenfalls auf manchen Darstellungen finden lässt? Nun, gewiss ist es keine Anspielung auf den heiligen Hubertus… aber sehr wohl eine auf den bekannten Vegetarismus der Manichäer der ihnen entsprechend die Tiere zu Freunden macht und diese Tiere sind es, die um Mani trauern. Auf einer Darstellung ist sogar ein Hinweis auf die Auferstehung Manis gegeben, indem ein leeres Ostergrab zu Füßen der Kümmernis erscheint – auch Mani betrachtete man als Auferstandenen – hier sind die Parallelen zu Christus offensichtlich und sollten es auch sein, denn Mani erscheint in der Mythologie seiner östlichen Anhänger als der neue Christus. Dass bei den Bogomilen manichäisches Gedankengut sehr viel weiter verbreitet war als im Westen, ist an vielen Details festzumachen: sie betrieben Ackerbau, aber kaum Viehzucht, sie vermittelten zwischen Produzenten und Konsumenten als Großhändler, betätigten sich aber nicht als weltliche Lehrer oder Ärzte wie ihre westlichen „Kollegen“[6]; sie verdammten die Ehe noch entschiedener als ihre westlichen Genossen, die eheliches Leben lediglich als Hindernis für die Mobilität der Bonshommes und als Ablenkung für die Frauen betrachteten, aber ansonsten nicht verdammten, während für Manichäer der Fortpflanzungsakt als solcher ein Werk der Dämonen war. Diese Haltung resultiert aus einer zu Manis Zeit im Osten weit verbreiteten spätgnostischen Schule[7], die in der Tradition eines „teuflischen“ Weltschöpfers stand, der nur mit scharfer Askese überwunden werden konnte. Im Westen war ein derartiger Weltpessimismus unbekannt, hier galt die Welt vielmehr als beachtenswertes Abbild, das nur keinen eigenen Wert darstellte, sondern seinen Wert von der geistigen Welt her erhielt und von dem man sich innerlich nicht abhängig machen sollte, auch wenn man in der Zeit des Menschenlebens auf sie angewiesen blieb.

In den ländlichen Gebieten Mitteldeutschlands allerdings mögen solch asketische Lehren auf fruchtbaren  Boden gefallen sein, werteten sie doch die allgegenwärtige Dürftigkeit zu einem Beweis „gottgewollten“ Lebens auf, indem sie die scheinbare Fülle des Reichtums für einen Makel erklärten. Das wiederum hob das Selbstbewusstsein der ländlichen Bevölkerung bedeutend ohne dass es in die Sozialstrukturen hätte eingreifen müssen. Der Reiche war eben verworfen, sein Reichtum selbst zeugte von seiner Verworfenheit, ein weiteres Handeln war nicht erforderlich, da das Leben der Niedrigen und Armen den für die Erlösung notwendigen Vorgaben bereits entsprach. So findet man erwähnte Kümmernis[8] auch nicht an der Kirche der reichen Bürger, sondern an der der ärmeren Stadtbevölkerung. Aber dies war keineswegs die Regel, denn in Saalfeld ziert die Kümmernis die Stadtkirche St. Johannis und was ist mit dem Mainzer Dom, das war doch beileibe keine Armenkirche? Aber in Saalfeld gab es keine andere Möglichkeit, und der Mainzer Dom  garantierte überregionale Beachtung. Leider sind die Nachrichten über Bildnisse der „Kümmernis“ in Deutschland und Europa äußerst selten, ich selbst gelangte nur durch Zufall an die Darstellungen in Saalfeld es existiert kein Hinweis auf dieselbe[9], außer im Sagenrepertoire von Bechstein, der die Heilige Kümmernis allerdings in einer Saalfelder Brückenkapelle verortet haben will wo sie sich niemals befunden hat.

Also: am Ende des Mittelalters war die geistige Lage keineswegs so einheitlich christlich, wie es manche Kirchenhistoriker gern gehabt hätten. Es gab vielmehr überall in Städten und Dörfern, Heterodoxie in allen nur möglichen Schattierungen – das späte Mittelalter ist die hohe Zeit der Mystik und diese hat bekanntlich den Kampf mit bestehenden Dogmen schon in der Tasche, sie ist ja auch nur entstanden, weil die Dogmen einem lebendigen Glauben nicht genügten. Sie entstand, weil der Glaube am Glauben selbst keinen Halt finden konnte und daher das religiöse Erlebnis suchte  – und auch fand. In dieser reichlich undurchsichtigen geistigen Landschaft haben unter anderem auch sowohl die  spätgnostischen Manichäer als auch die sich direkt auf die Lehre Jesu beziehenden echten Gnostiker ihre jeweilige Arbeit fortgesetzt und ihre Gegenwart wird beurkundet durch jeweils genau fassbare Darstellungen, entweder der Kreuzigung Manis oder des Anch respektive des einen Fisches. Für das orthodoxe Kirchenvolk wurden Mythen und Märchen erfunden, die es den Häretikern erlaubten, ihre Malzeichen zumindest an der Außenseite der Kirchen anzubringen, wenn nicht gar in deren Innerem. Dabei ging das Verwirrspiel so weit, dass zuletzt die „heilige Kümmernis“ sogar einen Platz im römischen Martyrologium und damit auf den Altären fand. Man stelle sich das vor: das Bild eines gekreuzigten Mani, vor dem ein christlicher Priester die Messe liest. Nun, inzwischen hat man diesen Irrtum wohl eingesehen, aber das bedeutet noch lange nicht, dass man der Sache auch auf den Grund gekommen wäre – und im Bereich der Volksreligion mag die „Heilige Hilfe“ immer noch eine gewisse Bedeutung haben. Immerhin wurden zwar die Altäre abgeschafft, aber die Bildnisse der „Heiligen Kümmernis“ wurden sonst nirgendwo auch nur übermalt.

Und so kam Mani nicht nur nach Oebisfelde  – Weferlingen, sondern er kam nach Bayern, nach Thüringen und an viele andere Orte, auch im Norden Italiens existieren eine Reihe solcher Bilder. Kunststück, wenn man bedenkt, dass dort der Anteil der bogomilischen Häresie wahrscheinlich am stärksten[10] war. Dass solche Bildnisse auch in Spanien existiert haben, davon gibt die Sage von der um ihres Glaubens willen gemarterten Königstochter Zeugnis[11]. In Südfrankreich allerdings ist das Sujet unbekannt. Dort dominieren vielmehr Hinweise auf die „ruach“ den – weiblich gedachten – Geist, in dem einige den Geist Gottes sehen wollten, indes ist damit sehr viel mehr gemeint, nämlich die initiale Energie schlechthin. Damit dominierte hier eine ältere Tradition der Gnosis, die vom Manichäismus unberührt geblieben war und sich unmittelbar auf die erste und zweite Generation der Schüler Jesu zurückführen lässt[12]. Dieser Umstand belegt nun wiederum die Vermutung, dass es sich bei den im zwölften Jahrhundert aufflammenden Streitigkeiten zwischen römischer Kirche und „Katharern“ um eine Folge der bogomilischen Infiltration[13] gehandelt hat, die um diese Zeit ihren Höhepunkt erreichte. Indem unter diesen Vorzeichen die manichäisch geprägte letzte Epoche des französischen Katharertums in der Katastrophe endete, verbreiteten sich seine Reste über ganz Mitteleuropa und dokumentierten mit ihrer Verbreitung, dass der Manichäismus in Südfrankreich angekommen und damit auch gleich zum Totengräber der katharischen Bewegung geworden war, wie zuvor bereits in Byzanz geschehen, von wo sie ihrer Aggressivität wegen vertrieben worden waren.

Inwieweit der Manichäismus in Mitteleuropa dann den Charakter einer eigenständigen Religion annahm, muss ungeklärt bleiben – wahrscheinlich gelangte er niemals über eine bescheidene Rolle als „Religion der Armen“ hinaus und war entsprechend wenig literarisiert – ganz im Gegensatz zum originalen Manichäismus, für den die Literarisierung genuiner Bestandteil gewesen war und der auf einen reichen Schatz an Büchern zurückgreifen konnte. Hier reichte es allenfalls noch für einige „Devotionalien“ mit Signalcharakter, die man an Kirchenwänden unterbringen konnte, sowie für die „Heiligsprechung“ des bedürfnislosen Lebens, das die Armen ohnehin zu führen gezwungen waren, das aber nun nichts Bedrückendes mehr, sondern im Gegenteil, ein Heilsversprechen für sie beinhaltete. Ein Moment dessen mag auch die Hochachtung des Leidens gewesen sein, das als Ausweis dafür galt, dass ein Mensch die Welt der Dämonen verlassen wollte und zur Strafe von ihnen attackiert wurde. Für einen solchen Heilsweg waren dann vor allem die Armen prädestiniert und da sie stets die Mehrheit stellten, war der Einfluss, den die neumanichäischen Kreise auf sie hatten, sicher nicht klein, allerdings – dieser Einfluss erzeugte keine revolutionären Stimmungen, denn ein Interesse, das drückende Los der Bauern, Tagelöhner und unzünftigen Bürger zu bessern gab es von Seiten des Manichäismus ja nicht. Damit ist aber auch die Option, dass häretische Kreise an den zunehmenden Bauernunruhen beteiligt gewesen wären, zumindest für die manichäisch beeinflussten unter ihnen abzulehnen. Aber eines bleibt: das späte Mittelalter, die Zeit von der zweiten Hälfte des dreizehnten bis zum Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ist eine Zeit, in der Orthodoxie und Heterodoxie sich zuweilen Schulter an Schulter um die Gläubigen bemühten und die Heterodoxie sich kaum irgendwo ernsthaftem Widerstand gegenüber sah. Die Zeit der wüsten Verfolgungen war vorüber – im späten Mittelalter wurden Hexen verfolgt, aber keine Ketzerprediger. Denn es gab so viele und verschiedene, dass niemand ihrer mehr Herr werden konnte. So wird man durch die Finger gesehen und die krausen Heiligenlegenden  großmütig bestätigt haben, zumal die Neumanichäer nirgendwo mehr unangenehm auffielen – auch dies im Gegensatz zu ihrer einstmaligen bogomilischen Prägung, aber die hatte sich wohl im Lauf der Jahrhunderte endgültig abgeschliffen. Mit der Katastrophe der heterodoxen Strömungen in Reformation und Gegenreformation verschwanden die Bekenner der Untergrundreligion und wurden Teil der reformierten respektive volkskatholischen Gemeinden. Am Ende des sechzehnten Jahrhunderts, vielleicht sogar früher, verstand niemand mehr den wahren Sinn der Bilder  und so ist es geblieben, so kann man es noch heutigentags auch in renommierten Nachschlagewerken lesen. Man verzeihe der Unwissenheit der Autoren – denn man muss schon zweitausend Jahre Kirchengeschichte in Frage stellen können, um der Sache auf den Grund zu kommen und wenigstens eine Ahnung von dem zu  bekommen, wie die hohe Zeit der Christlichkeit in Wahrheit beschaffen war – alles wird man wohl nie mehr erfahren.

Berlin im November 2012

Juliane Bobrowski (alle Rechte beim Autor)


[1] „Luziferer“ allerdings hat es nie gegeben, die hat Konrad von Marburg erfunden…

[2] man duldete sie zwar zunächst, nötigte sie aber bald, weiter zu ziehen; eine Bleibe fanden sie dann im Süden Böhmens wo sie sich allmählich zu „Hussiten“ mauserten. Als solche greifen sie dann wiederum in die Geschichte des Mittelalters ein.

[3] Man muss schon sehr genau hinsehen um zu bemerken, dass der angebliche Jesus bekleidet ist…. die Figuren, die den Gekreuzigten umstehen, könnten ebenso gut auch in jede orthodoxe Darstellung passen.

[4] allerdings könnte es sich in Chorin auch um Sinnbilder der Dreieinigkeit handeln, wie sie im Zisterzienserkloster von Altenberg im Rheinland den Chor beherrschen…. gemeint ist hier das dreifache Blatt auf nacktem Stiel.

[5] man duldete sie in der Lombardei, wo die bogomilische Infiltration bereits älteren Datums war,  zwar erst, nötigte sie aber bald, weiter zu ziehen. Sie fanden dann eine Bleibe im Süden Böhmens, wo sie sich zu Hussiten mauserten um als solche wiederum in die Geschichte des Mittelalters einzugreifen.

[6] Grund hierfür kann sein, dass sie sich mit den „Dingen der Welt“ möglichst wenig gemein machen wollten. Für den Vertrieb „rite“ angebauter Ackerfrucht zu sorgen, mag ihnen aber als möglich erschienen sein.

[7] Man nennt diese mythenbildenden Traditionen auch „gesunkene Gnosis“. Teile dieser späten Mythologie waren sowohl manichäische als auch bogomilische Lehre. Im Westen hat diese Lehre indessen nie Boden gewinnen können.

[8] die sich in diesem speziellen Fall sehr bewusst als Kreuzigungsbild gibt, nur wäre zu bedenken, was ein solches an der Turmwand einer Kirche zu suchen hätte.

[9] Hier nicht zu verwechseln mit dem berühmten Heringsmännchen, das im Übrigen ein weiterer Zeuge für eine urjesuanische Häresie ist – der eine Fisch ist wo immer er auftaucht, als Anspielung auf die Aussage des Thomasevangeliums zu verstehen. Hier haben also beide Fraktionen der ehemaligen Katharer ihre Marken hinterlassen.

[10] nachdem er im byzantinischen Machtbereich nahezu ausgerottet worden war. Allerdings bestanden in Kleinasien Rückzugsgebiete der Bogomilen fort, die sich im Übrigen ebenfalls, wie die Hussiten, mit der Zeit militarisierten.

[11] Der Zusammenhang mit dem Islam ist wohl nur eine zeitbedingte Kostümierung eines viel älteren Stoffes. Dass es im römischen Spanien Manichäer gab, ist nachgewiesen und unbestritten. Wie viele davon allerdings die Westgotenzeit überlebten, ist nicht bekannt. Erinnert sei in diesem Zusammenhang aber an das Grab des Priscillian, das sich in der Kathedrale von Santiago de Compostela befindet. Er war einer der Protagonisten des – westlichen – Manichäismus.

[12] Die Idee der Trinität ist der Lehre Jesu von Anbeginn an eigentümlich, allerdings war sie als Trias analog zu anderen antiken Vorstellungen gedacht.

[13] Vordem hatten sich Kirche und Katharer zwar permanent in Diskussion miteinander befunden, aber dieselbe hat niemals auch nur annähernd den aggressiven Charakter angenommen, den sie im zwölften Jahrhundert bekommt und der die Kirche zum gewaltsamen Eingreifen mehr nötigt als verlockt. Im gleichen Maße wie die Gewalt dominierte, hörte natürlich die Diskussion auf, ein Umstand, der besonders Domenico Guzman Unbehagen bereitete, denn vordem als man noch aufeinander hörte, hatte man sich doch immer irgendwie einigen können – und nun nicht mehr? Nun – auch der Heilige Dominikus wusste nichts von den inzwischen stattgehabten Veränderungen im katharischen Profil.

9.11.2012

Das All

Gemeinhin meint man damit das Universum. Wir aber meinen, wenn wir das All sagen, buchstäblich alles Seiende, es sei uns bekannt oder unbekannt. Unser Begriff des Alls geht also über den des Universums weit hinaus. Dieses gilt uns vielmehr als ein Teil des Alls und gemessen an dessen Ausmaß sogar als ein ziemlich kleiner.

Wenn also anderswo von einem universalen Bewusstsein gesprochen wird, kann unsereins nur lachen. Denn was kann damit gemeint sein als ein Bewusstsein, das sich der menschlichen Existenz im Universum bewusst ist – danke, das hatten wir schon. Nebenbei: ein universales Bewusstsein ist immer und in jedem Falle das Bewusstsein eines einzelnen Individuums, es umfasse nun das physische Universum oder das gemeinte All.

Zu diesem All gehört praktisch alles. dem Wirklichkeit zukommt, wir mögen es kennen, für möglich halten oder keines vom beiden. Daher gehe man mit dem Begriff eines umfassenden Bewusstseins füglich vorsichtig und achtsam um – ein universales Bewusstsein zu bekommen ist nicht schwer, da die Vorgänge im physischen Universum uns gewissermaßen durch die eigene Haut vertraut sind. In unserer Wahrnehmung verwandeln wir diese Verbundenheit in menschliche Vorstellung. Vor dem All aber versagt unsere menschliche Vorstellung und der ist gut beraten, der es auch nicht unternimmt, etwas davon zu erklären, der vielmehr die Dinge so sein lassen kann wie sie liegen.

Ob es ein All gibt? Aber sicher, wir treffen uns in demselben, wir leben den größeren Teil unserer Existenz damit und darin und nur kurze Perioden menschlicher Anverwandlung verändern unseren Status vorübergehend, ohne indes unser Leben im All zu unterbrechen. Jede dieser Perioden aber ändert etwas an unserer Beschaffenheit, nie kehren wir so zurück, wie wir in sie eingetaucht sind, selbst dann nicht, wenn wir bewusst nicht das Geringste für unser – geistiges – Fortkommen getan haben. Das All macht sich aber auch in tausend Kleinigkeiten in der Materie bemerkbar und zwar immer dann, wenn Dinge geschehen, die nach den Gesetzen derselben niemals hätten geschehen dürfen. Denn im Bereich des Alls gibt es, anders als in dem des Universums, nichts, was nicht geschehen kann außer einem: dass das All aufhört, das All zu sein, wohingegen die Existenz des Universums allgemein als begrenzt angesehen wird, wenn auch in unvorstellbaren Zeiträumen.

Das All kann nicht vorgestellt werden. Es ist nicht etwa nur eine unendliche räumliche Ausdehnung, es ist ebenso sehr eine unvorstellbar kleine Existenz, es gibt keine Physik des Alls und scheinbar überhaupt keine Ordnung, es gibt nur den Unterschied zwischen dem irgendwie Gestalteten und dem Ungestalteten, das aber beileibe nicht Nichts ist. Das All ist dynamisch – jede Gestaltung ist vorläufig – und es ist im besten Sinne gesetzlos, weil alles geschehen und auch unterbleiben kann. Und weil das All keinen Gesetzen folgt, weil es nicht umschrieben werden kann, kann es Platz haben im Sinn eines einzigen Menschen und der Mensch, in dessen Sinn es Platz findet, erkennt sich als ein Gott. Es ist aber auch für ihn nicht zu beschreiben, es sei denn, er versuche zu erklären, was es alles nicht ist. Dabei ist das All dem Menschen schon deshalb stets nahe, weil er zu seinem eigentlichen Teil Geist ist und also dem, was das All ist, sehr verwandt – indes ist das All immer auch noch das alles, was er nicht ist. Schlechterdings ist das All nämlich etwas sehr Einfaches….

7.11.2012

Wirklichkeit

 

Wirklichkeit ist alles – es gibt nichts Unwirkliches. Wirklichkeit ist umfassend und dabei jederzeit veränderlich und selbst der absichtliche Betrug ist eine Wirklichkeit, selbst die halluzinogene Täuschung ist auf sich allein gestellt eine Wirklichkeit. Denn Wirklichkeit hat unzählige Gesichter, die sich aneinander reiben, einander ergänzen und unterscheiden, einander bestätigen und widerlegen, Neues schaffen und Altes wiederbringen, Lebendiges tot erscheinen lassen und Totes lebendig – und von keinem Ding, von keinem Phänomen können wir sagen, dass es nicht wirklich wäre. Man kann Wirklichkeit nicht kartographieren, obgleich es Dutzende von solchen „Landkarten“ gibt – sie alle geben Ausschnitte derselben wieder, denen man so gut zustimmen wie widersprechen kann und für alles gibt es gute Gründe.

Wie aber kommt das zustande, dass wir Wirkliches und Unwirkliches unterscheiden? Es kommt durch unsere eigenen inneren und äußeren  Koordinaten zustande, zu denen Manches passt, anderes hingegen nicht. Was nicht passt, pflegen wir als unwirklich zu bezeichnen, aber diese Bezeichnung passt nur für uns selbst und für diejenigen, die sich auf derselben Wahrnehmungsebene wie wir befinden. Alles, was nicht auf dieser Ebene der Wahrnehmung liegt, bezeichnen wir gemeinhin als nicht wirklich – ungeachtet der Tatsache, dass es auf einer anderen durchaus wirklich und  wenigstens teilweise auch wirksam ist. Alle scheinbaren „Wundertaten“ basieren auf der Möglichkeit, zwischen den Wirklichkeiten zu „kreuzen“ und diese Möglichkeit hat jeder Mensch in dem Maße, wie sie ihm bewusst ist. Bewusst ist sie ihm auch dann, wenn er der Überzeugung ist, dass dies eine „göttliche Gabe“ wäre, denn der Gott, der sie gibt, ist er selbst und der ist existent, der Mensch glaube an ihn oder nicht. Lediglich in krisenhaften Momenten kann es geschehen, dass der Gott autonom handelt und der Mensch dabei nur Zuschauer ist… der Moment geht vorüber, aber er macht den Menschen nicht wissend. Er wundert sich nur darüber, was er gekonnt hat. Aber solche Momente sind vergleichsweise sehr selten. Will man sie wiederholen, stößt man recht schnell auf elementare Hindernisse – manche werden um solcher Hindernisse willen dann zu Betrügern. Sie behaupten dann, mit „höheren Welten“ umzugehen… ach wie gut, dass niemand weiß… nun, manchmal weiß eben doch einer was es damit auf sich hat, etwas Großes erlebt und nicht begriffen zu haben. Man lasse diese sich ungerufen in unser Leben einmischenden Wirklichkeiten ihr Werk tun, freue sich dessen und lebe desungeachtet seinen Tag weiter, denn was einem da zu Kopfe steigen will, ist meist von Übel. Nicht „ich kann“, sondern in höchster Not hat das eingegriffen, was ich zwar begreifen könnte, aber nicht begreifen will. So gilt das für die meisten Menschen.

Nur für einige, wenige gilt es nicht. Nämlich für jene nicht, die sich bewusst auf den Weg machen, Wirklichkeit zu ergründen – ein aussichtsloses Unterfangen? Mitnichten. Denn in uns selbst ist alle Wirklichkeit zugegen und wird begriffen in dem Moment, da wir uns selbst erkennen, da wir wissen, nicht wer, sondern was wir sind. Wer wir sind ist ganz und gar unwichtig. In unserer eigenen Wirklichkeit aber erkennen wir wie in einem Spiegel die ganze Wirklichkeit, die uns erfüllt, umgibt, hegt und pflegt und das ohne jede Zeitbegrenzung. Es gibt nichts, was wir fürchten müssten, am wenigsten den Tod, denn er bringt uns nur zurück dorthin, wo wir waren, ehe wir Menschen wurden. Auch der Tod ist wirklich – als Begrenzung unserer materiellen Möglichkeiten. Aber wer sich selbst erkannt hat, wer weiß, was er ist, geht durch den Tod hindurch, er „schmeckt ihn nicht“. Das bedeutet nicht, dass das Sterben als solches leichter wird, es kann desungeachtet schwer und schmerzlich werden – aber an seinem Ende steht eben nicht das Nichts, nicht das Verlöschen. Gewiss – der Leib hängt am irdischen Leben und er kämpft darum, wir wollen es oder wollen es nicht, das gilt es, auszuhalten und zuzusehen, wohin die Waage sich neigt, welches Maß des Wirklichen uns bevorsteht. Aber auch im Tod sind wir von der Wirklichkeit nicht verlassen, es gibt nichts Unmögliches, sagt man, aber das, von der Wirklichkeit verlassen zu sein, ist unmöglich – allenfalls kann es geschehen, dass wir uns in unsrer eigenen Wirklichkeit festhängen und verhaken wie das in der Geisteskrankheit geschieht.

Denn auch diese ist eine Ebene des Wirklichen. Sie stellt das Leben des Kranken dar, verwirklicht es, macht es lebbar. Sein Inneres kehrt sich nach Außen und geht mit dem gegebenen Außen eine mehr oder minder skurrile Verbindung ein. Alle Gedanken, alle Gefühle und alle Gesichte des Kranken sind wirklich – und wenn sie es auch nur für ihn sind. Wenn man ergründet, wie es und warum es dazu kommt, ist man der Möglichkeit, die Stränge wieder zu entflechten, einen großen Schritt näher gekommen, aber man lasse sich nicht täuschen: die hirnphysiologischen Veränderungen bei Geisteskranken sind ebenso gut Folgeerscheinungen der Aberration, wie sie ursächlich sein können, es weiß heute niemand mit Bestimmtheit zu sagen, ob es eines oder das Andere sei. Denn wir wissen, dass unser Gehirn für existenziell wichtige „Erfolgsmodelle“ Routinen anlegt und diese Routinen sind diagnostisch erkennbar, das Erfolgsmodell auf das sie zielen, hingegen nicht oder zumindest nicht im ersten Moment. Fassbar ist das Erfolgsmodell ganz gut bei der Suchtkrankheit: hier wird ganz klar eine Routine angelegt, die dem Menschen erlauben soll, bestimmte Defizite auszugleichen – leider aber ist es die falsche Methode, auch wenn sie kurzzeitig zum gewünschten Ergebnis führen mag. Im Falle einer signifikanten Geisteskrankheit ist es schwieriger, das gemeinte Erfolgsmodell zu erkennen und oft wird es nicht einmal versucht, weil es so schwierig ist. Man beschränkt sich darauf, die Krankheit hirnphysiologisch einzudämmen, denn dem Erkrankten sofern er darunter leidet, hilft auch dies. Sofern er darunter leidet… und das kommt oft genug vor, dass das vormalige Erfolgsmodell zum Quell dauernder Unannehmlichkeiten wird. Aber es lässt sich, wie man sieht, nicht einfach ändern, denn Wirklichkeit ist stabil – als solche und in uns als den Herren unserer  Wirklichkeit, die wir potentiell alle sind, erst recht. Wir haben diese Erfolgsmodelle irgendwann angelegt, und es läge theoretisch an uns, sie zurück zu nehmen – aber dann müssten wir ein anderer sein als der, welcher sie anlegte. Wir müssten uns selbst „in der Hand haben“, wie die Erkenntnis diesen Zustand nennt, aber just die Erkrankung die wir haben, die ja eigentlich gar keine ist und deshalb ist sie auch unheilbar, hindert uns daran. So entsteht ein Teufelskreis in dem unsere Dämonen ihr Spiel mit uns treiben können, denn wie alles so hat auch die Wirklichkeit des Kranken zwei Seiten – eine die lächelt und eine die droht.

Diese drohende Wirklichkeit kommt uns am nächsten, wenn wir Gespenstergeschichten hören oder, wie eben jetzt, verfilmt sehen. Warum eigentlich? Es gibt doch in Wahrheit nichts Friedlicheres als ein Gespenst? Es ist ein Fremdling in unserer Wirklichkeit und entsprechend unbeholfen und falls es uns wahrnehmen kann, was nicht sicher ist, hat es wohl ebenso viel Angst vor uns wie wir vor ihm. Aufgrund der verschiedenen Wirklichkeiten, in denen das eine wie das Andere leben, die einzige Verbindung zwischen beiden ist der jeweilige Anteil an der geistigen Wirklichkeit, kann eines das Andere nicht berühren noch ihm anderen Schaden tun, man kann einander bestenfalls sehen oder auch nur hören und wer nicht an Gespenster glaubt, dem ist nur noch keines begegnet, behaupte ich. Solche Irrläufer zwischen den Dimensionen gibt es zuhauf. Aber nicht alle Menschen können ihre Existenz wahrnehmen – man braucht hierfür schon eine gewisse Dünnhäutigkeit. Ich muss immer herzlich lachen, wenn man Gespenstern mit elektronischen Fallen zu Leibe rücken will – was hat denn ein Gespenst als Teil der umfassenden Wirklichkeit, mit Elektronik zu tun, die ein Sonderfall der universalen Wirklichkeit ist? Gar nichts. Man könnte ihm einen Detektor geradewegs in den Bauch rammen, es würde sich nicht das Geringste ereignen. Nur wir, da wir der gleichen Wirklichkeit angehören wie das Gespenst, könnten, falls wir dünnhäutig genug sind, etwas merken. Darum, so behaupte ich, sind die sogenannten Skeptiker den Gespenstern derart hinterdrein – weil sie es nicht ertragen können, ein solches Defizit zu haben und sie helfen sich mit dem, was sie gewohnt sind – und heimsen einen Misserfolg nach dem andern ein, denn auf diese Art sind diese Vögel eben nicht zu fangen.

Was aber ist dafür verantwortlich, wenn Menschen sozusagen den Ausgang nicht mehr finden? Wenn sie, wiewohl materiell und biologisch so tot wie sie nur sein können, das, was sie sonst im unendlich Wirklichen wären, innerhalb der Materie sind? Es gibt dafür keine alles und alle zufrieden stellende Antwort. Es gibt, da man sie nicht befragen kann oder im andern Falle will, nur Vermutungen. War ihr Abschied zu schwer oder ihre Anhaftung an diese Sphäre zu groß? Hält ein Bewusstsein des Unrechts, erfahren oder angetan, ihren Fuß zurück? Oder treffen ihre Vorstellungen von einem Abschied nicht mit dem zusammen, was sich in Wahrheit nach dem Tode begibt? Man weiß es nicht. Man weiß nur, dass es geschehen ist und immer wieder geschieht und geschehen wird. Denn die Wesen, die uns als Gespenster beehren, sind unsterblich – ganz so wie wir auch, aber auf eine andere Weise. Sie haben es schon hinter sich, wir noch vor uns.

Die Wirklichkeit hält eine Menge an Lebensformen bereit, mehr als wir uns vorstellen können und nicht jede dieser Lebensformen ist gespenstisch zu nennen. Sofern sie sich in ihrer eigenen Ebene bewegen sind es mitunter recht umgängliche Wesen die indes, gereizt, schon zu regelrechten Teufeln und Dämonen werden können; manchmal ist es reine Unwissenheit und Taperigkeit Fremder, die sie zum Ausrasten bringt. Manche aber können mit ihren schrecklichen Gesicht auch zur Klarheit helfen, wie ich es in einer Spielszene vor Jahren erlebte. Denn außer ihrer ungewöhnlichen Gestalt ist nichts Schrecken Erregendes an ihnen. Und sie sind absolut wirklich, mit Verstand und Gefühl begabt sowie mit Erinnerung. Von etlichen weiß ich  mich der alten Zeiten wegen geliebt, von anderen zumindest respektiert, nur von wenigen gefürchtet und verachtet von niemandem – außer von dem unwissenden Pack auf Erden, das lieber selbst das sein will, was ich nun einmal bin. Zudem störe ich sie beim Mistmachen. Aber wie gesagt, das sind nur wenige. In den meisten Fällen sind meine Begegnungen mit der Wirklichkeit befriedigend. Aber das mag Anderen durchaus anders gehen.

Wirklichkeit ist umfassend, Unwirkliches gibt es nicht, was uns so erscheint, passt nur nicht zu der Qualität von Wirklichkeit in der wir uns bewegen. Wirklichkeit wird geschaffen durch die Wirklichen, die unendlich ohne Zeit und Raum das Wirkliche immer weiter ins Seiende hinein treiben, in das große A Priori, das entstand, als alles seinen Anfang nahm, als sich das Innerste des Seins nach außen kehrte und Gestalt anzunehmen begann, klein und leise zuerst, dann immer lauter und immer mehr und größer. Nein, es war nicht immer so wie es jetzt ist und es wird auch wieder anders sein, nur den Weg zurück, den gibt es nicht, denn hinter uns sind nur Erinnerungen an etwas das da war und das alles schon enthielt und bei diesen Erinnerungen können wir uns erholen, aber dort können wir nichts tun. Alle Wirklichkeit war in einem einzigen Sein, das sich in zweien offenbarte weil es lebendig war und den Kinderkleidern entwuchs. Aber die Wirklichkeit ist nicht symmetrisch, sie ist ein Schaukelspiel zwischen allen möglichen Verhältnissen, das sich selbst in Balance hält durch seine Allgegenwart. Wirklichkeit kann nicht fallen, kann nicht untergehen, denn jedes lebende Wesen setzt sie fort und treibt sie weiter in etwas hinein und zu etwas hin, das noch niemand kennt, das aber mit jener Tat entstand und seither ist. Niemand hat es je ausgemessen und es ist auch fraglich ob jemand das je können wird. Wir können es nur annehmen wie es ist und uns darin so wohl fühlen, wie wir vermögen – Leute mit Agoraphobie haben da allerdings schlechte Karten. denn es ist nicht zu fassen, es ist nicht zu halten und wer nicht aus sich allein steht, der fällt wieder und wieder, bis er endlich steht. Alles kann sein in der Wirklichkeit und was noch sein wird, niemand weiß es zu sagen. Nur dieses weiß man und das sollte uns allen Trost geben: die Wirklichkeit ist kein Moloch, sondern uns so verwandt wie sonst nichts uns verwandt sein kann, oder alles zusammen…

 

„Wer seinen Vater und seine Mutter nicht hasst, wie ich….“ sagt Jesus und meint damit nicht irgendeine, sondern eine grundlegende Bedingung, seiner Philosophie folgen zu können.

Generationen und Geschlechter haben sich seither mit mehr oder weniger Aplomb an diesem Wort gestoßen. Generationen von Katharern haben sich dieses Wortes wegen von ihren Familien gelöst. Gnostische Lehrer wurden deshalb beschuldigt, soziale Zersetzung zu predigen, Sekten übernahmen dies Modell und schufen daraus den Wahnsinn des total instrumentalisierten Gläubigen, mit dem wir uns bis heute plagen. Gnostische Apologeten haben weitschweifige Erklärungen gegeben und warum das alles: weil Jesus selbst ein problematisches Verhältnis nicht nur zu seinem Elternhaus, sondern zu seiner ganzen Klasse hatte. Er wollte der Prinz nicht sein, der er war, das wird auch an anderen Stellen seiner  Lehre deutlich, wenn er sich etwa selbst ironisiert… „warum seid ihr hinausgekommen? Wolltet ihr ein Schilfrohr sehen, das sich im Winde wiegt? Oder wolltet ihr einen Reichen in weichen Kleidern sehen….“ womit er ohne allen Zweifel sich selber meint, denn er ist der Reiche, der nicht reich sein will. Wir kennen solche Protest- und Trotzallüren auch von jungen Intellektuellen besonders des vorigen Jahrhunderts, von Brecht und Becher und Wedekind und wohl auch dem jungen Heinrich Mann – durchweg sind es kreative Menschen, nun, auch Jesus war einer von ihnen.

Aber allein auf diesem Hintergrund ist der obige Satz zu verstehen. Anders verstanden würde er nämlich bedeuten, dass Jesus seine eigene Lehre nicht verstanden hat. Er hätte dann nicht verstanden, dass ihm in jedem Menschen, auch in den Eltern, das Ebenbild des Vaters begegnet und dass es nicht um Biologie dabei geht, sondern um das Miteinander der Geisteswesen, von dem Jesus doch sagt: „wenn ihr euresgleichen seht, freut ihr euch…“nun, auch hier ist „seinesgleichen“ – und nun? Jetzt ist dies auf einmal nicht mehr opportun?

Andererseits spricht gerade diese sichtliche Unüberlegtheit für die Authentizität des Lehrers Jesus, wie er im Thomasevangelium begegnet und für die unbedingte Hochachtung, die spätere Generationen ihm auch dann zollten, wenn seine Lehren durchaus anfragbar erscheinen mochten. Niemand hat es gewagt, hier zu glätten oder gar zu streichen. Die Lehre Jesu steht so da, wie sie einst aus seinem Munde gekommen ist – gute Gewähr für die Echtheit der anderen Jesusworte, wenn selbst die vergleichsweise schwachen und ganz und gar situationsbedingten mit solche Treue überliefert werden.

Wieder andererseits ist ein solcher Jesus dann als gottähnliches Geistwesen wohl nicht mehr zu etablieren…wiederum  andererseits passte gerade dieses Wort ins Konzept eines radikalen Thoraopponenten, nämlich als Gegenstrophe zum vierten Gebot, dass man seine Eltern ehren solle… damit es einem wohl gehe  auf Erden. Nun, gerade mit dem, was dieses Wohlgehen hier meint, hat Jesus, hat die Erkenntnis Schwierigkeiten, es sind dieselben, die der Buddha hat, wenn er von Anhaftungen spricht. Aber soll man nun das Kind gleich mit dem Bade ausschütten, nur weil irgendwer eine Anhaftung damit verbinden will? Soll man die Materie im Verhältnis zum Geist so hoch bewerten, dass man ihr eine Vertrautheit der Geister wie sie zwischen Eltern und Kindern besteht, zum Opfer bringen sollte?

Dies war wohl kaum die Absicht Jesu, aber wie auch immer, die Erkenntnis krankt seither daran, dass man sie als Feind sozialer Bindungen ausmacht; sie bekommt auf diese Art und Weise auch Beifall von der falschen Seite; alle Hagestolzen und Bindungsunfähigen meinen, hier gut aufgehoben zu sein. Aber die Liebe zum Nächsten wird in der Erkenntnis nicht beschworen, sie ist die Grundlage der Angelegenheit schlechthin, die keiner Erwähnung bedarf. Wer nicht lieben kann, dem ist auch nicht klar, was Erkenntnis will. Vielleicht hätte auch dies erwähnt werden sollen, aber wer konnte wissen, dass eines Tages ein Saulus kommt und die universale Liebe für sein Christentum reklamiert und dass sich dieser Saulus dann auch noch als Mainstream durchsetzt? Ein Gott hätt‘s wissen können; der Mensch Jesus wusste es nicht.  Und dies bewahrt uns für immer vor dem Verdacht, Anhänger einer Religion zu sein, denn: der unser Meister ist, er hat sich für alle  Zeit als Mensch unter Menschen offenbart. Nur….

da Einiges an seiner Lehre nun einmal der Konkretisierung bedürftig ist, ist es an uns, nachdem wir dieselbe verinnerlicht haben – und nur dann – zu  suchen und zu sehen, was wir noch für ihn tun können, damit man ihn besser verstehe. Seine Lehre umzuschreiben kommt nicht in Frage… aber vielleicht ist es auch möglich, mit ein paar kleinen Anmerkungen die Spalten, die sich da auftun wollen oder auch schon aufgetan haben, zu schließen… verdient hätte er es ohne Frage.

 

 

 

Inhalt

Die eine Nacht 1

Fanjeaux. 2

Geht zu Eurem Spinnrocken… 5

Der zerbrochene Krug. 6

 

 

Die eine Nacht

Eigentlich starb sie ja nur vor Langerweile, die Hohe Frau von Foix, auf ihrer Burg in Dun Ariége im Einzugsbereich der provençalischen Pyrenäen. Seit ihr Ehemann Jourdain gestorben war, war nichts mehr los hier oben, keine Turniere, keine Sängerwettstreite, keine ausgedehnten Feste, selten mal dass sich ein Reisender in dieses abgelegene Tal verirrte. Die Kinder waren aus dem Haus, die Verwandten weit verstreut verheiratet,, kurzum es fehlte auch das Kinderlachen und von den wenigen Gesprächen mit durchziehenden Bonshommes konnte man nicht leben. In der Tat, Esclarmonde langweilte sich halb zu Tode und fühlte sich mit ihren neunundvierzig Jahren doch noch nicht alt. Die Bücher waren längst mehrfach durchgelesen, jedes Band bestickt und jedes Wäschestück geflickt, aber es gab  niemanden mehr, der ein neues Hemd brauchte oder ein neues Wams oder gar einen neuen Mantel und wann brauchte sie schon ein neues Kleid, wenn die Gelegenheit fehlte, die alten aufzutragen. Auch der Webstuhl hatte also Pause, denn Bettwäsche und Tischtücher gab es reichlich in ihren Truhen, die Fenster waren durch Wollvorhänge gut vor der Winterkälte geschützt und auf dem Boden lagen dicke Matten aus Ried, die nicht nur jeden Schritt dämpften, sondern die Kemenate auch einigermaßen fußwarm hielten. Da Esclarmonde es nicht anders kannte, fühlte sie sich wohl und manchmal machte sie Musik, einfach so, sie spielte was ihr gerade einfiel.

Materiell hatte sie sich nicht zu beklagen, Jourdain hatte ihr, zu ihrem Erbteil als Gräfin von Foix, auch noch ein stattliches Witwengut hinterlassen, wozu er nicht verpflichtet gewesen war, er hatte es aus Liebe und Achtung getan. Mehrere Dörfer rundum leisteten ihre Überschüsse an ihren Witwensitz und von denen ging nur ein Bruchteil nach Carcassonne, wo die Trencavel saßen, ihre Verwandten mütterlicherseits, und das Languedoc so gut es ging regierten. Sie regierten strenggenommen nur auf dem Lande, die Städte, reich und schön, verwalteten sich selber. Der liebe Bruder ließ auch nichts von sich hören, der trieb sich lieber am Hof der Trencavel und überall da herum, wo die Becher fröhlicher klangen als hier bei der Schwester. Sie aß gut, sie trank gut, sie kleidete sich gut und sie schlief gut und das sollte nun das ganze Leben gewesen sein? Wozu, fragte sie sich, hatten ihre Eltern ihr den Namen Esclarmonde, Licht der Welt, gegeben, wenn dieses Licht hier trübe vor sich hin blakte?

So also oder so ungefähr mag es in Esclarmonde ausgesehen haben, als sie um das Jahr 1200 auf ihrer Burg alleine wirtschaftete. Aber sie war eine Foix und eine halbe Trencavel und die Haltung der Hocharistokratin lag ihr im Blut und noch etwas Anderes lag dort: die Foix sowohl wie auch die Trencavel waren Credentes, assoziierte Mitglieder der katharischen Kirche, zwar ohne Rechte, aber durch einen Vertrag an dieselbe gebunden, der ihnen auf dem Sterbebett das consolamentum versprach und damit das ewige Leben. Wenn es zum Sterben ging, würden sich zwei Bonshommes aufmachen und, einer als Zeuge am Fuß des Bettes, einer als Vollziehender, den Stab mit dem eingerollten Evangelium des Jüngers, den Jesus liebte auf die Schulter legen und war sie nicht mehr in der Lage zu sprechen, würde der Zeuge für sie das feierliche Versprechen abgeben, das sie für immer an die katharische Gemeinschaft band. Bis dahin bestand ihre Pflicht in nichts anderem als durchreisende Bonshommes mit Nachtlager und Essen und wenn nötig mit Kleidung zu versorgen und ihre geistlichen Dienste in Anspruch zu nehmen, also sich segnen zu lassen, eine Brotbrechung zu veranstalten und wenn nötig sich  geistlichen Rat zu holen. Ansonsten hielt sie es, wie es sich schicken wollte und für ihre christlichen Bediensteten hielt sie auch einen Kaplan und eine Kapelle, hielt sie auch an, den Pflichten ihrer Religion zu entsprechen. Selbstverständlich auch war ihre Ehe durch einen katholischen Priester eingesegnet worden und waren ihre Kinder getauft, das verlangten die Regeln der Gesellschaft, die eben trotz allem keine katharische war. Die Bonshommes hinderten niemanden daran, zur Kirche zu gehen, denn es war eines ihrer Hauptprinzipien, dass sie niemandem Anstoß geben und niemanden gefährden wollten. Sie selbst aber, sie taten es nicht. Konsequent und aufrecht in Leben und Tod, in Wohlergehen und in Schmerzen standen sie zu ihrem Versprechen, das ihnen mehr galt, als manchem Christen ein Eid aufs Sakrament. Diesen Menschen zu gleichen mag Esclarmonde damals vorgekommen sein als verlangte es sie, zu Gott dem Allmächtigen zu werden – aber diese Haltung sollte sich schon vier Jahre später sehr verändert haben, denn:

 

Fanjeaux

Er hatte sie nicht gesucht, die Burg lag nur an seinem Weg und so wollte er die Nacht dort verbringen, falls man ihn denn aufnahm und siehe da, man ließ ihn ein und da der Schlossherrn gemeldet worden war, wer da um Herberge ersuchte, kam sie selbst, den berühmten Gast zu begrüßen; Guilhabert de Castres war auch unter den Bonshommes eine Ausnahmeerscheinung. Eine Nacht sprachen sie zu dritt – auch Castres wurde von einem Bruder begleitet  – miteinander, dann, am nächsten Morgen, gab Esclarmonde die Burg in die Hände ihres Verwalters – aber nur auf Zeit, schärfte sie ihm ein – und zog mit Guilhabert. In einem kleinen Konvent von Katharerinnen, in Fanjeaux, fand sie Aufnahme und konnte sich auf das Leben einer Bonsfemme vorbereiten, einer „Guten Frau“, wie nicht nur die Bäuerinnen, sondern auch die geweihten Katharerinnen hießen. Ab jetzt trug sie das lange, dunkle, weichfallende Kleid und den dunklen Schleier, schlief auf Stroh und auf einfachen Leintüchern in einer knapp, aber ausreichend möblierten Zelle. Nur den Gürtel mit den Knoten, den trug sie noch nicht, der würde ihr erst überreicht werden, wenn sie das war, was sie werden sollte. Ihr Aufenthalt war freiwillig, sie konnte ihn jederzeit beenden und nach Dun zurückkehren. Aber während sie in Dun einsam war, lebte sie hier inmitten vieler Frauen und Mädchen, die dasselbe wollten oder schon hatten, wie sie. Fanjeaux war keine strenge Klausur, die Frauen und Mädchen waren keine Nonnen, sie gingen in die Stadt zu ihren Schutzbefohlenen und die Bürger kamen zu ihnen ins Haus um durchreisende Brüder zu hören und mit ihnen das Brot zu brechen, aber auch um sich, waren sie krank, pflegen und helfen zu lassen oder um Lebensmittel zu bringen und Handwerksarbeiten zu verrichten – nicht alle und immer um Gotteslohn, denn die Frauen besaßen von seiten der Kirche etwas Geld zur freien Verwendung. Die katharische Gemeinschaft war nicht arm und seit der Krieg schwelte, spendeten viele reiche Credentes was sie konnten, denn sie wünschten nicht, dass die Katharer unterlägen, die ihnen stets gute Dienste geleistet hatten ohne viele Fragen zu stellen. Sie bildeten ihre Jugend aus, sie pflegten und heilten ihre Kranken, sie gaben aber auch politischen Rat und dank ihres Netzwerkes erwiesen sie sich sehr brauchbar als Überbringer von Informationen. Sie sahen die Zukunft und sie gingen auf dunklen Wegen in die Herzen der Menschen und lasen ihre geheimsten Gedanken und nichts gab es, das ihnen dabei widerstand. Man sagte, dass sie lange und viel beten würden – Esclarmonde wusste es bald besser: sie betteten den Leib zur Ruhe wie es irgend angehen wollte und ließen ihren Geist frei schweifen, um mit reichen Gaben zu den Menschen zurück zu kehren und sie vor denen auszubreiten, die Augen und Ohren dafür hatten. Sie fand sich bald eingebunden in ein Netz das die Sinne unbarmherzig schärfte, die Aufmerksamkeit für alles und jedes erhöhte und keinen Platz für inneren Müßiggang ließ, so duldsam es auch in Bezug auf äußere Ruhe sein mochte. Sie fand in Fanjeaux eine gute Bibliothek, in der weniger Wert auf fromme Schriften gelegt wurde, dafür sehr viel Wert auf Bücher über Heilkunde, Geschichte, fremde Kulturen und auch auf jene Reiseberichte, die Menschen schon vor langer Zeit abgefasst hatten und die ständig ergänzt und auf dem neuesten Stand gehalten wurden und sie fand, sie musste gar nicht lange danach suchen, jenes überaus heilige Buch, das außer den Novizen und den Vollkommenen niemand schauen durfte: den Worten Jesu selbst, die jeder Konvent in  mehreren Exemplaren besaß, denn die Männer nahmen sie auf ihren Reisen mit und die Frauen arbeiteten ihre eigenen Vorträge danach aus. Ein besonders prachtvolles Exemplar in ebenso prachtvoller Hülle, diente als Instrument mit dem der vorsitzende Katharer und nach ihm alle anderen eine Frau oder einen Mann in die Gemeinschaft – und Vormundschaft – der Katharer aufnahmen. Wie bei der altrömischen Adoptionszeremonie wurden Männer an der Stirn, Frauen an der Schulter damit berührt und ab diesem Moment galten sie als Söhne respektive Töchter Jesu und damit Angehörige der katharischen Gemeinschaft, in der alle mit allen durch diese Adoption verwandt waren. Diese Prachtrolle wurde aufwändig überall hin geschafft, wo die Aufnahme eines Novizen in die Gemeinschaft anstand. Es wurde behauptet, dass Miriam, die erste Lehrerin Galliens, es bei sich gehabt haben sollte – was natürlich eine fromme Legende war, denn als sie Gallien bereiste, gab es diese Sammlung noch gar nicht.

Esclarmonde hielt sich aber nicht lange mit der äußeren Form auf, sondern stürzte sich auf den Inhalt des Buches und ihr erster Eindruck war: wenn das hier wahr ist, wenn Jesus das gesagt hat, dann kann die christliche Kirche auch nicht mehr auf einen Atemzug überleben. Dann ist alles, was sie glaubt, alles, was sie tut, verkehrt. Dergestalt vorbereitet nahm sie nun die wahre Geschichte des Christentums zur Kenntnis  als eine Geschichte der Verdrehungen, Verleumdungen, Verheimlichungen und Verfolgungen – die um die Provençe aber seltsamerweise immer einen Bogen gemacht hatten. Im Gegenteil, gerade um diese Zeit erwies die Provençe sich als Zufluchtsort für anderweitig Verfolgte, nicht nur dass Juden hier unbehelligt und respektiert lebten, auch die Verbindungen zum muslimischen Spanien hinüber waren gut, so gespannt die Beziehungen zwischen der christlichen Kirche und dem Islam auch sein mochten. In den letzten Jahrzehnten aber waren immer mehr Flüchtlinge aus dem Osten gekommen, die behaupteten, Gesinnungsgenossen zu sein. Aber sie gefielen Esclarmonde nicht und sie merkte, dass sie auch anderen nicht gefielen. Suew gebärdeten sich provokant, ließen sich auf Dispute mit Klerikern ein, statt für die Seelen zu sorgen, hörten sich gern reden und liebten große Versammlungen, schrieben dicke Bücher zusammen und versuchten, die von Konvent zu Konvent etwas andere Gemeinschaft zu einer Kirche zu vereinheitlichen, legten Wert auf besondere Äußerlichkeiten wie eine Art Ordenstracht, die bisher nur für die Frauen entwickelt worden war, ums sie vor Anzüglichkeiten zu bewahren, denn sie waren oft allein unterwegs. Die Männer trugen, was eben zur Hand war und kämmten sich wie sie konnten – die „Bulgaren“ aber trugen ihre legere Tracht auch außer Haus und legten Wert auf lange Haare und Bärte, sowie auf eine stets trübsinnig zu Boden gesenkte Miene. „Einen Bulgaren kann man riechen ehe man ihn sieht“ witzelten die Provençalen und wollten damit sagen, dass diese es mit der Körperhygiene nicht allzu genau nahmen.   Soweit  so gut, aber die Sache hatte noch eine unangenehmere Seite: die Kleriker nämlich machten sich nicht die Mühe, zwischen Provençalen und Bulgaren zu unterscheiden, für sie waren sie allesamt „Albigenser“ und damit gefährliche Ketzer. Endlich, endlich hatten die Kleriker einen Vorwand gefunden, um mit ihnen abzurechnen, die ihnen so manche Seele für immer abspenstig gemacht hatten, ohne dass sie auch nur einen von ihnen zu packen bekamen, obgleich – sie kannten einander gut, ihre Priester disputierten hin und wieder ganz gerne mit den Bonshommes und betonten immer wieder, dass diese in der Bibel gelehrter wären als sie selber.

St. Felix de Caraman, 1197, war ein Schock gewesen, dessen Nachbeben immer noch zu spüren waren. Auf diesem Konzil war festgelegt worden, dass die Prinzpien Gut und Böse ewig unversöhnlich nebeneinander stehen würden, während sie bisher davon ausgegangen waren, dass sich und das wussten sie wohl, Parallelen im Unendlichen schneiden würden und irgendwo ein Reich bestünde, in dem die Gegensätze nicht mehr galten. Natürlich waren es die Bulgaren, die für die ewige Trennung votierten und sie setzten sich durch, auch wenn ihr Mehrheitsbeschluss lange nicht bedeutete, dass jeder das, was sie sagten, für bare Münze nahm, denn ein Mehrheitsbeschluss, das wussten die Bulgaren wohl nicht, schloss die Anerkennung von Minderheitenvoten nicht aus, es herrschte Lehrfreiheit. Gefährlicher war ihre Attacke auf das Consolamentum, denn damit machten sie sich zum neuen Angelpunkt der ganzen Maschine… sie wussten aber anscheinend auch nicht, was die wirkliche Bedeutung dieses Aktes war und dass dabei geistig überhaupt nichts mehr geschah – das Consolamentum war vielmehr ein rechtlicher Akt und nur ein rechtlicher. Nur weil das Leben der Gemeinschaft so arm an außenwirksamen Riten war, hatte man es überhaupt, unbekannt wann, der römischen Adelsadoption nachempfunden, wie sie zu Zeiten der Flavier abgelaufen war, nur dass man statt des Stabes des Adoptionsrichters das zu einem Stab gerollte Evangelium benutzte, in dem man Jesus selbst herbei zitierte – ob er wirklich dabei war, blieb uninteressant. Noch viele andere Dinge verschlimmbesserten sie, mit denen Esclarmonde erst nach und nach zusammen kam, aber sie wusste, dass die Katharer jetzt gezwungen waren, einen Krieg an zwei Fronten zu führen: einer inneren, gegen die Bulgaren und einer äußeren wegen der Bulgaren, die ihre Provokationen auch im Westen nicht lassen  konnten… und natürlich war das das gefundene Fressen für die heißblütigen Trencavel, die Foix, die Toulouse und die Perelha und, und auf der anderen Seite die Montfort und die Levy und wie sie alle noch heißen mochten, heißblütige Kinder des Languedoc waren sie alle und der Frieden im Lande hing diesen Rittern, die vor allem tatendurstig waren,  schon längst zum Halse heraus. Die Provençalen hatten bisher durch ein Jahrtausend den möglichen Konflikt zu vermeiden gewusst, bei dem sie nur verlieren konnten – die Bulgaren, kaum dass sie im Lande waren, suchten ihn geradezu. Man muss sich nicht wundern, wenn man durch tausend Jahre sehr wenig von den provençalischen Katharern hörte – sie legten es nicht darauf an. Und man muss sich ebenso wenig wundern, wenn man im zwölften Jahrhundert auf einmal viel von Katharern in der Provençe hört und zugleich zur Kenntnis nehmen muss, dass am Beginn des zwölften Jahrhunderts gnostische Häretiker aus Byzanz ausgewiesen worden waren – hier tauchen sie wieder auf, aber die weitaus meisten sind wohl in der Lombardei hängen geblieben, wo sie das Profil der gnostischen Gemeinschaften radikal veränderten. Dennoch blieb St. Felix de Caraman ein Unglück und die provençalischen Gnostiker sahen schweren Zeiten entgegen, in die auch Esclarmonde hinein gezogen werden sollte – auch wenn sie den Zusammenbruch der Philosophie nicht mehr erlebt hat. Der französische König, dem die provençalischen Herren schon lange viel zu selbständig agierten, sah seine Chance und schloss sich dem Bemühen des Papstes an, der römischen Kirche endlich auch hier die Oberhand zu geben und so trafen sich König und Papst hier im besten Einvernehmen. Die ersten Übergriffe waren bereits erfolgt, aber noch stand es unentschieden, was vor allem an den Herren von Toulouse lag, die wiewohl im christlichen Heer, doch insgeheim Credentes waren und dasselbe sabotierten wo sie konnten. Es stand aber auch unentschieden, weil absolut noch nicht klar war, wohin sich der spanische König endgültig wenden würde, den Lehensverhältnisse an die Fürstentümer in den nördlichen Pyrenäen banden. Immer noch auch setzte eine starke Partei innerhalb der Kirche auf die intellektuelle Auseinandersetzung anstelle des bewaffneten Konflikts. Aber alle diese Konstellationen wurden gemach brüchig und waren oft von vornherein labil – und in dieser Zeit, da alles in Fluss geraten war und nichts wirklich hoffnungsvoll aussah, nahm Esclarmonde im Jahre 1204 ihr Consolament und wurde von ihrem Lehrer Guilhabert in der Gemeinschaft der Katharer willkommen geheißen.

Geht zu Eurem Spinnrocken…

 

Es gab, geraden weil die Zeiten so unsicher waren, für eine Esclarmonde viel zu tun. Von dem Witwengut, das sie der Gemeinschaft der Katharer zubrachte, ließ sie zunächst einmal Fanjeaux, das zu ihrem Besitz gehörte, ausbauen und befestigen. Dann machte sie sich daran, das ebenfalls zur Grafschaft Foix gehörige Montségur[1] zu renovieren und zu erweitern, eine entlegene Bergfestung und durch seine Lage auf schmalem. steilem Gipfel eines Pog, eines ringsum freistehenden Felsens, nahezu uneinnehmbar. Ein kleiner Frauenkonvent lebte bereits dort, sie sorgte dafür, dass er Zuzug bekam und ließ nach und nach Vorräte dorthin schaffen, sodass es nicht nur den Frauen dort an nichts mangelte, sondern auch genug blieb, um eine größere Schar von Zuflucht Suchenden zu versorgen und vor allem auf dem engen Terrain zu behausen, was viele Umbauten notwendig machte. Ihren ehemaligen Witwensitz Dun aber baute sie zu einer Bildungsanstalt für junge Mädchen aus und setzte ihre Schwägerin Philippa de Montcada, ebenfalls eine Perfecta, als Rektorin ein. Daneben vernachlässigte sie aber auch die geistige Arbeit nicht und brachte es darin zu solcher Fertigkeit und Sicherheit, dass sie bald zur Vorsteherin gewählt wurde und als solche im geschützten Bereich des Konvents weithin berühmte Vorträge hielt. Auch Guilhabert, ihr ehemaliger Lehrer, gehört nun zu ihren Studenten und er war es vor allem, der zwischen ihr und dem Leitungskreis der Katharer die Verbindung hielt. So kam es, dass er ihr eines Tages den Vorschlag unterbreitete, ob sie nicht in dem nach Pamiers einberufenen Gespräch zwischen Vertretern der Kirche und der Christen eine Rolle übernehmen wollte. Esclarmonde war skeptisch, da ihr das Verhältnis der Christen zu Frauen bekannt war. Man wird nicht auf mich hören, wandte sie ein, aber Guilhabert überzeugte sie, dass es weniger darauf ankomme, ob man auf sie hören werde, sondern darauf, dass sie für die Gefährten da sei, die eine feste Institution an ihrer Seite brauchen würden. Und die solle sie sein… doch, die wäre sie, denn ihre Sicherheit in der Lehre werde auch die andern sicherer machen. Na gut, aber sie werde sich zurückhalten… was sie dann, wie wir erfahren, doch nicht tat. Denn allzu sehr kehrten die Vertreter ihre angeblich weißen Westen hervor, allzu sehr bestanden sie darauf, dass ja nicht sie mit den Provokationen begonnen hätten – was im Grunde ja auch wahr war, aber sollte man ihnen das Vergnügen bereiten, den inneren Spalt aufzuzeigen, der zwischen den Provençalen und den Bulgaren bestand? Würden sie eine solche innere Spaltung nicht umgehend für  ihre Zwecke ausnutzen?

Esclarmonde wird mit sich gerungen haben, ehe sie sich offen in den Streit zwischen Mönchen und Bonshommes einmischte, der 1207 in Pamiers ausgetragen wurde – aber es war nicht ihre Schuld, dass er im Eklat endete, sondern es war die Schuld eines vorher und nachher bedeutungslosen Mönchs, der es nicht ertragen konnte, dass eine Frau ihm den Nachweis erbrachte, dass seine Kirche eben doch keine weiße Weste habe und ihrerseits jeden Vorwand ausnutzte, weidlich Gewalt zu üben. Dieser Mönch glaubte, sie leichthin zurückweisen zu dürfen und so fielen die nachmals berühmten Worte „Dame, geht zu Eurem Spinnrocken, es kommt Euch nicht zu, in der Gemeinschaft von Männern zu sprechen!“ Esclarmonde hatte Analyse betreiben wollen, der Mönch sah nur seinen Vorteil, dieses durch seine freche Zurückweisung effizient zu verhindern. Esclarmondes Bestreben war, zu zeigen: wir sind beide keine Lämmer, ihr nicht und wir nicht und wir sollten den Unsinn beenden solange es noch Zeit ist und die Unruhestifter je nachdem zur Rechenschaft ziehen. Aber der Punkt war überschritten, an dem das möglich gewesen wäre, die Atmosphäre in Pamiers war beiderseits geladen, die Rechnung bereits beiderseitig lang. Die Gemäßigten setzten sich mit ihrem Wunsch nach einer weiteren Diskussion nicht durch, die Bulgaren hingegen argumentierten mit der Ehre der Dame Esclarmonde, die man unmöglich so verletzt lassen konnte, auch wenn sie selber nicht wünschte, dass man sie wieder herstellte und Esclarmonde wünschte das weiß Gott nicht, sie kannte doch das Schema, in dem katholische Mönche dachten. Aber sie, Guilhabert und Benoit de Termes, der das Gespräch zustande gebracht hatte und dem nichts an einem Scheitern lag, setzten sich gegen die Bulgaren und ihre Sympathisanten aus ritterlicher Hitzköpfigkeit wieder einmal nicht durch und die katharische Delegation brach im Ganzen das Gespräch ab und verließ Burg und Stadt – der letzte Versuch, den weitausgreifenden kriegerischen Konflikt zu verhindern, war gescheitert.

Der zerbrochene Krug

Esclarmonde und Guilhabert zogen sich daraufhin in den Konvent respektive in das Haus zurück, das der Bonshomme dort besaß, ob beide Male dasselbe Haus gemeint ist, die Nachrichten sind zu ungenau. Im Jahre 1209 jedenfalls wurde der päpstliche Legat Peire de Castelnau von wahrscheinlich bulgarisch gesinnten Credentes ermordet. Raimund von Toulouse endgültig exkommuniziert und der große Krieg brach aus, der bis 1229 währte und nach über tausend Jahren der Ruhe diesen letzten Ort, an dem die Lehre Jesu noch etwas galt, von der Erde tilgte. Nur Reste blieben übrig, die sich soweit sie auf der Lehre von Niketas  fußten,  auf der Festung Montségur sammelten und dort von den Kreuzfahrern 1244 vernichtet wurden. Nur wenigen gelang die Flucht.  Aber in den vergangen Jahrzehnten hatte, gemessen an der doch relativ geringen Zahl der initiierten Katharer,  geradezu ein Massenansturm auf die Routen nach Norditalien und weiter nach den Osten eingesetzt – und so sind bei weitem nicht alle Katharer der Inquisition zum Opfer gefallen, weitaus mehr hatten sich durch das Veltlin und dann weiter bis nach Böhmen und Ungarn hin abgesetzt. Ob Esclarmonde mit diesen gezogen ist, oder ob sie inmitten der ersten Wirren im Haus in Fanjeaux eines natürlichen Todes starb, ist nicht gewiss, nur eines ist gewiss: eine Märtyrerin des – bogomilischen – Katharismus eines Niketas ist sie nicht geworden, denn darüber, dass ihnen Esclarmonde de Foix ins Netz gegangen,  hätten die christlichen Quellen wohl kaum geschwiegen. Vielleicht bringen jene Akten Licht in die Angelegenheit, welche die katholische Kirche nach wie vor verborgen hält, vielleicht wurde auch unter den freigegebenen etwas bisher übersehen, jedenfalls ist ihr Schicksal nach dem Eklat von Pamiers unbekannt.

Die Annahme, dass sie um 1215 gestorben sein soll, ist jedenfalls pure Spekulation, die auf dem durchschnittlichen Lebensalter von Frauen der Zeit beruht. Was von ihr bleibt, ist der Mythos einer außergewöhnlichen Frau, die in einem Lebensalter, in dem andere Frauen zu Greisinnen werden, ein zweites Leben begann. In diesem zweiten Leben hinterließ sie Spuren, die uns ahnen lassen, wie viel sie den Ihrigen wert gewesen sein mochte und wie sehr ihr Gegner sie gefürchtet haben mögen und sich ihrer zu entledigen suchten, indem sie danach strebten, sie mundtot zu machen, was ihnen dank der Hilfe der aggressiven Bulgaren denn auch gelang. Ob sie aber ganz und gar mundtot gemacht werden konnte, wissen wir nicht. Der Mythos sagt Nein, er erkennt ihr sogar eine überhöhte Rolle zu, wenn er sie in der Sage vom Fall Montségurs geradezu vergöttlicht. Dahinter steht die allen Katharern bekannte Aussage, dass Vertrauen in der Lage ist, Berge zu versetzen – also lässt man Esclarmonde in Gestalt einer Taube den Pog de Montségur spalten und mit dem „Schatz der Katharer“, nämlich den Verborgenen Worten entschwinden. Eine solche Einkehr in den Mythos ist sogar für eine katharische Frau außerordentlich, die es doch gewöhnt war, von ihresgleichen und den Credentes ernst genommen zu werden. Die Aussage ist: diese Frau hat aus den Tiefen der katharischen Lebenshaltung das Wichtigste genommen und gerettet, was diese hatte: die Lehre Jesu, wie sie wirklich war. Sicher – sie war zu diesem Zeitpunkt, 1244,  schon tot, aber was besagt das in der symbolischen Aussage, die hier über sie gemacht wird? Ihre Lebenszeit ist das Eine – die Geschichte ihres Wirkens ist das Andere und hier kommt ihr, bei aller „Diskretion“ der Papiere wohl eine überragende Bedeutung zu. Es ist gut möglich, dass der Einfluss, den sie auf die Gemeinschaft hatte, den Einfluss der Bulgaren zuletzt zurückdrängte und dass die –verbürgte –  Massenflucht der Katharer auf ihre Anregung zurückgeht, indem sie selbst davongingen, das Wichtigste zu retten, das da zu retten war: nämlich das eigene Leben und damit die alte und zentrale Botschaft der Gnosis: wer sein Leben auf sich nimmt… wird werden wie ich.

Möglich, dass sich auf der Burg ein Prachtexemplar der Lehre befand, das zur Erteilung des Consolamentum diente (400 Credentes empfingen es am Abend vor der Kapitulation der Festung) als Sakrament aus der Hand der „bulgarischen“ Perfecti. Zweien von ihnen gelang  in derselbe Nacht die Flucht aus der Festung und sie nahmen es wohl mit sich, auf dass es nicht in unbefugte Hände falle. Die zwei wurden kurze Zeit später ebenfalls gefasst, der „Schatz der Katharer“ aber blieb verschwunden. Dieser  Vorfall mag der wahre Kern der Sage sein, in der Esclarmonde zum guten Schluss im Zeichen der Taube, also des „Geistes“ erscheint, den man bei Strafe ewiger Verdammnis nicht lästern darf. Mit diesem also wurde sie bei denen, die sich ihrer erinnerten, auf das engste zusammen gebracht. Welche höhere Ehre konnte ihrem Andenken zuteilwerden – eigentlich keine. Indem der Krug des südfranzösischen Katharismus zerbrach, verströmte er seinen Inhalt, die Gnosis, über ganz Europa und noch Jahrhunderte später kann ein Mann in irgendeinem mitteldeutschen Nonnenkloster ein Buch finden, das sein Leben verändert..der Mann kommt gerade aus Böhmen, das im Rufe steht, die Heimat der Ketzerei zu sein und heißt Thomas Müntzer..

 

 

 

 


[1] Perelha, zu dessen Bereich der Montségur unmittelbar gehörte, war ein Lehensmann der Foix.

 

  1. Zypern

 

Zypern ist eine der großen Inseln in der Ägäis, also im östlichen Mittelmeer. Sie liegt im Schnittpunkt großer Kulturen: der griechischen, der phönizischen, ägyptischen, einst auch der hethitischen und minoischen. Ihr gegenüber liegt Kleinasien, aber auch die Levanteküste mit Israel. Sie wurde schon früh besiedelt und da sie sehr fruchtbar ist und alles Lebensnotwendige sich auf der Insel selbst finden lässt, führten ihre Einwohner keine Kriege, sondern versuchten, durch Handel die Begehrlichkeiten ihrer überseeischen Nachbarn zu stillen und so den Frieden zu bewahren – was den Zyprioten denn auch weitestgehend gelang. Erst unter Alexander, der den gesamten Osten unterwarf, kommt auch Zypern, schon lange im Einflussgebiet der Hellenen, aber auch, als Handelsnation, vielen anderen Einflüssen ausgesetzt, zu Großgriechenland um wenig später aber bereits wieder eine eigene Politik zu machen und mal den Seleukiden, mal den Ptolemäern schön zu tun und im Grunde mit keinem von ihnen wirklich zu tun zu haben… bis die Römer kommen und auf Zypern Fuß fassen, das ist als sie im Zuge des Ägyptenfeldzuges des Octavian auch Zypern besetzten und nun gaben sie es nicht mehr frei. Bis 22 unserer Zeitrechnung war es proprätorische, dann prokonsularische Provinz, stieg also in seiner Wichtigkeit auf, was seinem wirtschaftlichen Leistungsvermögen entsprach. Zypern gehörte zu den Provinzen, die an Bedeutung wettmachten, was ihnen an Ausdehnung fehlte und der Job eines Gouverneurs von Zypern bedeutete, gute Tage zu haben und sich mit einer weltoffenen und ökonomisch geschulten Bevölkerung nicht allzu viel Arbeit machen zu müssen.

 

  1. Paulus

 

Paulus, der Prokonsul von Zypern in den Tagen, aus denen wir berichten wollen, gehört der Gens Sergius an und führt so in jene Tage zurück, in denen Rom unter dem Einfluss der Etrusker stand. Der Prokonsul führt das Cognomen Paulus, der Kleine im Sinne von der Jüngere, was zu Verwechslungen mit einer Herkunft aus der Familie der Paulier aus der Gens Aemilia führen könnte, aber da brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, der Name und das Amt des Sergius Paulus auf Zypern sind amtlich bestätigt. Möglicherweise hatte er noch ältere Brüder, möglicherweise auch geht dies Cognomen auf Familientraditionen zurück, wie bei uns die Benennung nach den Großvätern bzw. Großmüttern. Sergius Paulus residiert in Paphos, dem Hauptort der Insel, in einem behaglichen griechischen Ambiente mit viel Luft, Licht und Eleganz. Wenn es ihm auf seiner Insel langweilig wird, lässt er Segel setzen und fährt hinüber ins strahlende Alexandria mit seiner gehobenen Gastlichkeit, seinem akademischen Glanz und, nicht zu vergessen, den Freuden eines ausgedehnten Nachtlebens in Kanopus.

 

Irgendwo da in Alexandria lernt er ihn dann kennen, den alten Mann, der ihm von einem Kollegen empfohlen wird und erst ist er unwirsch, was soll’s, ein Jude. Na na, meint der Kollege, erst mal anschauen… und zwar soll er schnell machen, der Mann ist schon sehr alt und niemand weiß und es wäre ein echtes Versäumnis und so weiter… aber Paulus riskiert ein Auge und ein Ohr. Es stellt sich heraus, dass der Alte sogar leidliches Griechisch spricht,  mit Alexandriner Akzent wie er es erlernt hat. Nur ab und an wenn er in Rage gerät, rutscht ihm ein aramäischer Brocken dazwischen… aber als Paulus ihn kennen lernt, gerät er noch selten in Rage. Erst als er, schon auf der Schwelle des hohen Greisenalters aber wachen Sinnes wie nur je ein Junger, von dieser Sekte erfährt, kommt es öfter zu solch engagierten Ausfällen. Er kennt den, der diese Sekte gegründet hat und nennt ihn unverhohlen einen Dummkopf und Spinner, aber so wäre er schon immer gewesen und er hätte Jesus nie verstanden, dass der ihn ums sich duldete.

 

Didymos

 

Judas, so heißt er mit seinem richtigen Namen, ist kein armer Mann. Ein Gut in Israel hat ihm den Grundstock zu einem stattlichen Vermögen gegeben und die Honorare seiner Studenten taten ein Übriges, denn seine Privatschule ist berühmt, kaum ein junger vornehmer Römer oder Grieche, der nicht wenigstens einen Kurs bei ihm belegt. Er hat Häuser in Damaskus, in Alexandria (er wohnt nicht in der Schule) und gerade trägt er sich mit dem Gedanken, einen Alterssitz in Mazedonien zu kaufen… man muss doch mal ganz aus dem Trott raus. Paulus versteht ihn gut, schließlich weiß auch er, was es bedeutet, eine Person von öffentlichem Interesse zu sein und das ist Judas ganz ohne  Zweifel, auch wenn er sich inzwischen einen Kreis von Lehrern herangezogen hat, deren einem er die Schule sogar vererben will – nein, nicht seinen leiblichen Kindern, sagt er, die taugen nicht als Gelehrte, die bearbeiten sein Gut und damit kommen sie wunderbar aus und hin. Eine Schwester hat er wohl auch  noch, aber entweder weiß er wirklich nicht, wo die steckt oder er verrät es nicht jedem, immerhin scheint auch sie eine gute Lehrerin zu sein – vielleicht fürchtet er ihre Konkurrenz, mag sein. Er ist hochgewachsen, trägt langes weißes Haar und einen Bart, das ganze Gegenteil zu seinem Lehrer, sagt man, der klein war und kraushaarig und ziemlich zappelig, während er die Ruhe weg hat, es sei denn, eine Schnurre von den Simoniten bringt ihn auf oder Alexandrias Juden wetzen wieder mal die Zungen an dem, was sie nichts angeht. Didymos nennt er sich hier,  aber seine vertrauten Freunde kennen seinen wirklichen Namen ebenso wie ihn seine Intimfeinde, die Juden, kennen.

 

Aus der Neugierde wird Interesse und aus dem Interesse wird Freundschaft, zumal Didymos den Paulus kein einziges Mal um Geld oder Pöstchen anschnorrt, weder für sich selbst, noch für einen seiner zahlreichen Freunde. Es ergibt sich, nachdem der Prokonsul einige Male bei Didymos zu Gast war, dass derselbe sich auf einige Zeit nach Paphos begibt und bei einem dieser Aufenthalte passiert es… oder ist es nie passiert, haben wir es nur mit einem Trick eines talentierten Literaten zu tun?

 

Lukas

 

Lukas lebt zur Zeit des Kaisers Hadrian und er ist Christ. Damit muss man ein wenig vorsichtig sein, weil man leicht in die falsche Schublade geschoben wird, aber Lukas ist nicht so einer, er hat einen anständigen Beruf und er ist auch kein Sklave mehr, sondern der Sohn eines Freigelassenen, wenn er wollte, könnte er römischer Bürger werden, aber er will nicht. Er ist Christ, weil ihm diese Gesellschaft aus übrigens hoch anständigen Menschen gefällt, auch wenn er ihre Einfalt manchmal nur schwer ertragen kann, der Hochmut der Philosophen ist noch schwerer zu ertragen. Woher er kommt – schwer zu sagen, denn von Hause aus spricht und schreibt er Griechisch, das Griechisch der Koine, er spricht und schreibt es gewandt, die Herkunft der Eltern ist vergessen, war es Kleinasien, war es der Donaustrand, Lukas ist ein Name, fremd und vertraut zugleich, er klingt griechisch, aber er ist es nicht, er klingt jüdisch, aber er ist es nicht, er klingt sogar ein bisschen lateinisch aber auch das ist er nicht.

Lukas gewinnt gern neue Freunde für den Kreis der gebildeten Christen, zu dem er gehört. Aber neulich ist er an seine Grenzen gestoßen ausgerechnet bei Theophilos, von dem er im Allgemeinen sehr viel hält. Der wollte wissen, was es denn alles über diesen Jesus gäbe und Lukas hat ihm einen Arm voll Schriften besorgt  – und dabei fast seinen Ruf zuschanden gemacht, denn Theophilos hat ihm das Zeug um die Ohren gehauen und gemeint, Ammenmärchen brauche er nicht, wenn er ihm, Lukas, glauben wolle, brauche er Tatsachen. Da hat sich Lukas hingesetzt und durch den ganzen Kram gewühlt und herausgefischt, was ihm brauchbar und wahr erschien – das war vor allem das, was er auch aus anderen Gemeinden kannte. Da sollte es noch zwei Bücher geben, die man nur unter der Hand von den Christen bekam und noch schwieriger von den Philosophen, denn die rückten an Fremde gar nichts raus, die hat er also beide nicht dabei, aber vielleicht reicht es auch so. Er hat alle die Kindergeschichten aussortiert, nur einen Stammbaum hat er übernommen, aber er hat ihn mit einem anderen, jüdischen, ergänzt, von den Kindergeschichten hat er nur die Geburt und was kurz vorher und nachher geschah genommen, ansonsten macht er kurzen Prozess und mit den Reden und Wundern weiter, denn wie er den Theophilos kennt geht es dem nicht um Sentimentalitäten, sondern um Aussagen und belegbare Taten. Allerdings – die Auferstehung und das Entschwinden Jesu in den Himmel, das wird er schlucken müssen. Seinem eigenen Glauben macht er Luft, indem er die großen Lobgesänge schreibt, denn so fühlt er sich wirklich: ausgezeichnet vor allen andere Menschen und so will er seinen Gott auch sehen: ein Licht zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel. Der erleuchtete Heide aber – das ist er.

 

Lukas würde aber  keine saubere Arbeit machen, wenn er nicht auch erzählen würde, wie es dann weiterging, wie die Jünger auszogen in alle Welt um die Erlösung überall bekannt zu machen. Er weiß das meiste selbst nur vom Hörensagen und so entschließt er sich, die einzelnen Traditionen der Schüler abzuarbeiten – aber sehr viel Stoff, stellt er gleich fest, gibt es da nicht und die Arbeit frisst sich fest. Da waren so viele … aber wenn man sie greifen will, sind sie auf einmal weg. Philippus verschwindet, auch Jakobus, er wird umgebracht, desgleichen Stephanos, wo kam der bloß her, keiner weiß es. am meisten weiß man noch von Simon, aber sind das nicht auch nur Legenden? Na, arbeiten wir erst mal den Simon ab , denkt Lukas, aber er weiß, er muss sich nun Zeit nehmen, so leicht wie vorhin wird es nicht. Hier eine Spur, da ein Schatten – mehr ist nicht da… die Beschäftigung droht in Arbeit auszuarten zudem noch in frustrierende, denn es gibt mehr Pausen als Fortschritte.

 

Und dann  findet er das: Bericht über meine Reisen durch das Reich von einem gewissen Sergius Paulus, seines Zeichens Prokonsul von Zypern, ein hochadeliger Mann der zur Zeit des Coponius lebte… aber Jesus wurde doch unter Kaiser Tiberius gekreuzigt und Coponius, das war Augustus. Aber es ist, das hat er gleich gesehen, definitiv von Jesus die Rede, dessen Lehre er nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst überall propagiert hat. Der Mann ist mit den Größen seiner Zeit zusammen gekommen, hat alle Zentren der zivilisierten Welt besucht, nur Alexandria nicht, denn dort war Jesu Lehre bereits fest verankert, wie das, denkt Lukas und dann denkt er: das muss ich nutzen und wenn ich es links und rechts verbiege, und mein Apostel heißt Paulus – halt, da war doch im Zusammenhang mit Stephanos ein junger Jude unterwegs, der hieß Saulus und der wurde dann Christ… ein Buchstabe, ein dramaturgischer Trick, bringe die beiden zusammen und du hast deine Geschichte. Und so entsteht der Apostel Paulus. Und wie der Apostel Paulus entsteht, muss der Prokonsul verschwinden, außerdem kann man sich endlich von dem Vorwurf emanzipieren, man würde die Jesus – Geschichte fälschen, denn hier tritt ja Judas selber auf… hinweg mit ihm, denkt Lukas und das zelebriert er genüsslich. Er bringt die beiden, die sich im Leben nie sahen, zusammen, mehr noch, er macht den einen zum andern: Saulus aber, der auch Paulus heißt… und schon haben wir ihn. Der Rest ist zwar Sergius Paulus, aber das merkt keiner mehr und wo es brenzlig wird, da wird „Paulus“ große Reden halten, die so christlich und gebildet sind, dass Theophilos die Ohren klingen sollen. Ein römischer Bürger wirbt für die Christen. Einer, der mit Gouverneuren als mit seinesgleichen umgeht, der gewandt Griechisch spricht engagiert sich für Christus. Nur aufpassen muss er, denn der Paulus des Reiseberichts spricht natürlich ganz anders als sein Saulus. Aber ab und an kann er es sich doch nicht verkneifen, einen guten Satz zu übernehmen. Und so entsteht unter des Lukas Händen eine ganz neue Person, die aus Saulus von Tarsus, dem bekehrten Juden, der nie weit  aus seiner Heimatstadt hinaus gekommen ist und Sergius Paulus, dem der Erkenntnis gewonnenen ehemaligen Prokonsul von Zypern, der das ganze Reich bereist hat, montiert ist. Die Reisen sind von Paulus genommen, die Reden von Saulus und der Rest ist Legende, die sich mal an diese, mal an jene Spuren geheftet hat.

 

Die Briefe

 

Nun gibt es aber außer diesem Reisebericht noch eine Sammlung von Briefen von „Paulus, dem Apostel Jesu Christi“ an verschiedene Gemeinden in Kleinasien, Griechenland und einen sogar an eine Gemeinde in Rom. Es ist wahrscheinlich, dass Lukas von der Existenz dieser Briefe absolut nichts gewusst hat, denn er tut ihrer mit keinem Wort Erwähnung. Allein der Umstand, dass Paulus sich „Apostel Jesu Christi“ nennt, ist verräterisch und deutet auf einen Umstand, der eher zu Saulus von Tarsus als auf Sergius Paulus, den Reisenden in Sachen Erkenntnis, passt. Der Titel „Jesus Christus“ (so!)taucht nämlich erst im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung überhaupt auf, als aus dem mythisch verdunkelten Kyrios der strahlende Christus wird, der das göttliche Zentrum einer seine Person verehrenden Gemeinde geworden ist.  Wir tun gut daran, uns von der Annahme zu verabschieden, dass wir in den paulinischen Briefen das älteste Zeugnis der Christenheit vor uns hätten. Es ist bestenfalls, wie die Apostelgeschichte des Lukas, auf alt „gemacht“. Die paulinischen Briefe sind in einer Zeit entstanden, in der das Christentum nach Formen sucht und es hat Tausende Publikationen dieser Art in allen christlichen Gemeinden gegeben, denn jede einzelne suchte sich, als das Weltende nicht gekommen war, irgendwie ideologisch über Wasser zu halten. Warum ausgerechnet die Briefe des Paulus auf uns kamen? Weil ein Mensch namens Markion das Augenmerk der römischen Gemeinde gerade auf sie lenkte und dann sein eigenes Reformwerk quer durch das Reich verschickte. Viele andere Briefe, die man ebenfalls kannte, und von denen auch wir noch einige kennen, wurden damals hinter diesen Paulus, den vorher kaum jemand kannte, zurückgesetzt. Denn was Markion da ausgegraben hatte, war in der Tat beachtlich und offenbarte ein theologisches Naturtalent bester rabbinischer Schulung. Man konnte es gut annehmen – und so wurde das Christentum paulinisch – eigentlich saulinisch. Zwar gab es auch weiterhin noch theologische Grundschriften im Namen der Apostel, darunter so beachtliche Werke wie den Hebräer- oder den Epheserbrief, aber insgesamt erreichten sie doch nicht die Qualität der paulinischen. Mit Erkenntnis aber, also der Lehre Jesu, hat das alles überhaupt nichts mehr zu tun, auch wenn hier und da noch verstohlen versucht wird, Brücken dorthin zu bauen. Die Philosophie des Jesus lässt sich nicht nachträglich in ein noch so intellektuelles Christentum einbauen. Der Glaube an…. trennt beide für immer.

 

Das weitere Schicksal des Paulus

 

Paulus, und zwar der echte, kommt endlich nach Rom, wo er zuhause ist und die vom Jerusalemer Sanhedrin eingereichte Klage wegen Tempelschändung in aller Ruhe erwarten kann; er weiß, ihre Niederschlagung ist schon gewiss. Wo ein römischer Bürger auch immer seinen Fuß hinsetzt, es sei denn ins geheime Revier seiner eigenen Götter, da setzt er ihn rechtens hin, schon weil er römischer Bürger ist und zudem ist Paulus auch noch Angehöriger der Nobilität. Nachdem er sich also ausgeruht und wieder etwas Weltstadtluft geschnuppert hat – es herrscht Nero und in der Stadt ist was los, der verheerende Brand ist noch weit – und vielleicht hat er sich auch im Familienhaus am Golf von Neapel erholt, macht er sich nach Spanien auf, das als nächstes auf seiner Wegekarte steht, dann vielleicht noch nach Gallien hinein, aber nein, in Gallien, hört er, herrscht die Schwester des Didymos samt ihren Nachfolgern, eventuell wäre da noch Africa, aber das wird von Alexandria aus eigentlich mit versorgt. Ob er aber jemals dorthin gelangt ist, wissen wir nicht, weil Lukas seinen Helden nicht über Rom hinaus gelangen lässt. Er lässt das Ende offen, was es im Original sicher nicht gewesen sein wird. Wäre es irgendwie dramatisch gewesen, hätte er es sicher aufgenommen – aber das war es nicht, Sergius Paulus ist, nach Rom zurückgekehrt, wohl in Ehren alt geworden und gestorben. In der Politik hört man weiter nichts von ihm, was auch sehr klug gewesen ist, denn die Zeiten waren unruhig, der Kaiser Nero, beim Senat und bei der Nobilität alles andere als beliebt, beging, vertrieben, Selbstmord, seine unmittelbaren Nachfolger wurden ermordet und unter Vespasian wurde Jerusalem mit seinem Tempel erobert und zerstört, womit auch alles Prozessieren obsolet wurde. Und was, wenn es nicht die Zeit des Nero gewesen ist, sondern eine sehr viel frühere? Dann ist er vielleicht in die Zeit des Tiberius hinein gekommen, in der es politisch so drunter und drüber ging, dass ein kluger Mann sich besser aus der Politik heraus hielt, wenn ihm sein Leben lieb war. War er ein jüngerer Freund des Didymos, kommt diese Zeit sogar eher in Frage als die des Nero. Da, wo die Geschichte des Saulus ansetzt, nämlich in den letzten Tagen des Tiberius, endet die Geschichte des Sergius Paulus. Wo Saulus jung ist und die Kleider des Stephanus bewacht, ist Paulus alt geworden und lebt als Privatmann in Rom oder irgendwo anders in Italien. Aber unser Lukas ist nicht auf den Kopf gefallen – überall wo Paulus auftaucht, nimmt er Kontakt mit seinen Amtskollegen auf. Das waren zu seiner Zeit allerdings andere als zur Zeit des Claudius, in der die Mär vom Völkerapostel spielt und Lukas geht nicht in die Falle – es ist leicht, zu ermitteln, wer um diese Zeit welche Provinz verwaltete. Man unterschätze ihn nicht, er macht seine Arbeit sehr ordentlich, schließlich muss sie der Kritik des Theophilos standhalten. Er liest die einschlägigen Werke zur jüngeren Zeitgescnichte, allerdings versteht er sie nicht richtig. Und so wird aus der Aktion des Claudius, die im Endeffekt das jüdische Viertel in Rom begründet, eine Flucht der Juden in alle Teile des Reiches, allerdings sagt er nicht, weshalb sie aus der Stadt vertrieben werden, und das ist bedenklich, denn sie werden eines Chrestos wegen vertrieben und – was sucht ein Chrestos zu der Zeit in Rom? Der wurde doch schon unter Tiberius gekreuzigt? Dass die Juden einfach nur Schwierigkeiten mit der Gemeinschaft der Chresten bekommen haben, weiß er nicht, denn er liest hier nicht Chrestos wie es recht wäre, sondern, im Zeitalter des beginnenden Itazismus liest er „Christos“ und beschließt, die verwirrende Nachricht Suetons einfach an seine Bedürfnisse anzupassen. Er liest auch Josephus, denn er muss unbedingt etwas über ältere jüdische Geschichte der Gegenwart lesen und so kommt er auf den „Betrüger aus Ägypten“. der vom Ölberg aus Jerusalem erobern wollte und den man dann wohl gekreuzigt hat… Unbehagen mag ihn beschlichen haben, allzu genau entspricht das gewissen Zügen der Passion Jesu Christi, aber er weiß wie man verfängliche Nachrichten unschädlich macht – man nimmt ihnen den Zusammenhang. So gelingt es ihm, seinen Paulus ein halbes Jahrhundert später heimisch zu machen. Theophilos wird die Anspielungen sehen und zufrieden sein. Und Sergius Paulus? Auch er taucht in der Apostelgeschichte des Lukas auf – zwar ist es dramaturgisch nicht unbedingt nötig, dass er auftaucht, aber es könnte ja immerhin sein, dass er nicht der einzige Mensch ist, der den Reisebericht des Paulus kennt, ich meine das Original, und so ist es vielleicht besser, ihn auftauchen zu lassen, damit nicht jemand noch auf die Idee käme, Lukas habe hier lange Finger gemacht und so schürzt er einen gewaltigen Knoten: wer Paulus kennt, weiß, dass er ein Schüler des Didymos war, also taucht Didymos hier auch auf und zwar als Elymas na ja, verhört, wer kann dafür und aus dem Großen wird der Zauberer, das ist nur ein einziger Buchstabe und Lukas kennt den Dreh, mit der „gnostischen“ Vergangenheit des Simon haben sie es ebenso gemacht, die Personen werden eben gespalten. Also: ja, Saulus und Didymos haben sich in Paphos bei Sergius Paulus, der hier mit vollem Namen genannt wird, getroffen und  – schwupps – ist der Name Paulus neben noch einigen anderen Akzidenzien wie dem römischen Bürgerrecht auf Saulus übergesprungen und Didymos der Große, pardon Elymas der Magier, wurde abgeschossen, Paulus aber von Saulus bekehrt und nun versucht mal, liebe Philosophen, das zu bestreiten, schließlich sind sowohl die einen wie die anderen inzwischen tot.

 

Also – kein Wort wahr an der Geschicht‘? Irrtum – es ist alles wahr, sowohl die Reisen des Paulus sind wahr wie die Theologie des Saulus, denn Lukas erfindet nichts, er kompiliert lediglich die Stoffe. Überall, wo Saulus eine Predigt hält, ist Paulus auch gewesen, nur nicht zu der Zeit, in der Saulus dort gewesen sein soll und er hat nicht das gesagt, was Saulus sagte. Paulus hat, in der Heilkunde der Philosophen erfahren, hier und da eine Krankheit beseitigt, natürlich keine Toten auferweckt, was nun auf Saulus und sein Christentum übergeht. Paulus ist sicherlich in Jerusalem gewesen und ist dort in den Tempel gegangen – als Nichtjude – aber die Sache lief anders herum, nicht Saulus, der Vollundganzjude, schleppte den Heiden Timotheos dorthin, sondern der Jude Timotheos (Fürchtegott) hat den Paulus bezirzt und Lukas hat die Situation dann passend verändert, denn wie sollte ein Jude sonst Schwierigkeiten haben, den Tempel zu betreten? Natürlich, er bringt einen Heiden mit, und, obschon beschnitten, darf der das natürlich nicht. Auch die Begegnung mit Simon mag wahr sein, aber sie betrifft nicht Saulus, sondern Paulus war der „Glückliche“ zu dem passt die Bemerkung „da widerstand ich dem Petrus ins Angesicht“ auch besser, denn es gibt Einiges, worin ein guter Schüler Jesu diesem schlechtesten aller Schüler widerstehen kann, soll und muss. Die Frage einer Beschneidung oder nicht stand wohl zu der Zeit, da Simon und Paulus einander wirklich begegneten noch auf keiner Seite, denn es gab noch kein Juden-. oder ein Heidenchristentum. Die Tendenz, Jesus zu einem göttlichen Wundermann und Messias zu stilisieren aber bestand in der Person des Simon sehr wohl. Natürlich war Paulus in Korinth, natürlich in Athen, in Ephesus und auch in einigen kleineren Städten, natürlich war er in Antiochia am Orontes, natürlich nicht in Alexandria, jedenfalls nicht in offizieller Mission, denn da gab es nichts, das er hätte missionieren müssen, da hielten Didymos und nach ihm Apollos und vielleicht auch Stephanos, der dann nach Jerusalem ging, die Stellung. Die Akademie von Alexandria bestand von den Tagen des Augustus bis zu den Tagen der Hypatia und die (sehr späte) Nachricht, sie sei neupythagoreisch gewesen passt wie die Faust aufs Auge und will besagen, es wurden alle Künste und Wissenschaften dort gelehrt[1], über welche die Lehre von der Erkenntnis gebot. Denn – es gab für die Philosophie schlechtweg keinen Namen – Gnosis nannten sie nur, die ihr nicht gut wollten. Die Reisen des Paulus zeigen uns, wie weit die Lehre Jesu bereits wenige Jahrzehnte nach seinem Verschwinden im Römischen Reich verbreitet war und wie viele Menschen aller Schichten, Kulturen und Religionen an ihr Interesse zeigten, wenn sie darauf angesprochen wurden. Die Reden des Saulus zeigen uns, wie schwer es das Christentum von Anfang an hatte, gegen sie anzukommen und wie schwer es ihm fiel, sich aus seinem jüdischen Umfeld zu lösen. Und das Doppelwerk des Lukas zeigt uns, wie bemüht Christen waren, sich wenigstens von außen mit dem Anschein zu schmücken, ebenfalls von diesem Philosophen Jesus abzustammen – so bemüht, dass sie diesem eine neue Biographie verpassten und ihn in eine andere Zeit hinüber schrieben, um die allzu bekannten Spuren durch vielfache Wiederholung endlich doch zu verwischen. Aber wie sie seine Lehre nicht zum Erlöschen bringen konnten, so war es ihnen auch nicht möglich, alle Spuren der Wahrheit zu tilgen. Es sind, darüber muss Klarheit herrschen, einfach zu viele… und nur der unaufmerksam auf seinen Glauben fixierte Mensch kann sie übersehen.


[1] Als da waren – neben der Lehre selber: Mathematik, Astronomie, Medizin, Biologie, Geographie, Musik, Poetik, Rhetorik, Pharmazie, aber auch die tieferen Gründe der Mantik, die Kunde der alten ägyptischen Schriften, die Malerei und Bildnerei, Architektur, nicht zuletzt die Staatskunst und die Kunst des Wirtschaftens, sowie alte Geschichte und die Grundlagen der ägyptischen Kultur und Religion. Die Schule, einst als Privatakademie des Didymos begründet, verschmolz zum Ende hin immer mehr mit den Bildungseinrichtungen des Serapeions zu einem einzigen Institut. Erst als dieses gestürmt und zerstört worden war, lehrte man wieder in bescheidenerem Rahmen. Das Serapeion aber war sozusagen das ägyptische Gegenstück zum griechisch geprägten Museion mit der berühmten Bibliothek, die natürlich auch den Studenten am Serapeion zur Verfügung stand und umgekehrt auch die des Serapeions den Studenten des Museions.

Manche sagen, die Gnosis hätte von Anfang an zu den verfolgten Bewegungen gehört. Welch ein Unfug. Wir wissen vom Krieg der Christen gegen die Gnosis.Die beiden,  Christen und Gnostiker, vertrugen nicht allzu gut und es wäre auch ein Wunder, wenn sie sich jemals vertragen könnten, und sicher brach, nachdem „Heidentum“ und Philosophie durch Theodosius aus Rom vertrieben worden waren, allmählich Verfolgung über sie herein – aber dass Gnosis von vornherein immer und jederzeit von den Christen und gleichermaßen vom römischen Staat verfolgt worden wäre, ist ein Mythos, der angesichts der römisch – hellenistischen Kulturgeschichte unhaltbar geworden ist. Man bedenke: wer war Rom und welcher Machtfaktor waren demgegenüber  – bis zu Konstantin – die Christen?

Im Gegenteil – es steht zu vermuten, dass die Umstände eher umgekehrt gewesen sind, Gnostiker nämlich erheblichen Anteil an der Verfolgung gehabt hat, die bis zu Konstantin I immer wieder über die wachsenden Christengemeinden hereinbrach. Denn immerhin hatten sie und sie allein jene Kompetenz, die aus der Kenntnis einer gefährlichen Lehre erwächst und konnten sich entsprechend Gehör verschaffen, reichte ihr Einfluss doch seit langem in die hohe Politik des römischen Reiches hinein. Unter diesen Umständen ist auch die helle Wut verständlich, mit dem die neue Amtskirche dann vereint mit der weltlichen Macht über die Gnosis herfiel. Aber der Traum von den armen Schafen, die da mitleidslos von den bösen Wölfen zerfleischt wurden, dürfte nun ausgeträumt sein. Vielmehr war das Verhältnis dann wohl ausgeglichen und waren die Einen mit den Anderen quitt.

Den Beginn dieses Einflusses finden wir bei Kaiser Claudius. Aber Claudius hat nicht gezielt Kontakt mit den Schülern des „Chrestos“, des Menschen mit der nützlichen Lehre, aufgenommen, vielmehr kam er wohl durch einen Zufall auf dieselbe. Es gab eine „chrestische“ Schule in Rom, wie es dort viele philosophische Schulen gab, die miteinander um Schüler – und Geldgeber – konkurrierten. Wie es genau sich abgespielt hat, wissen wir nicht mehr, aber Juden und „Chresten“ gerieten aneinander und irgendwie kam die Sache vor den Kaiser. Anzunehmen ist, dass die Juden, als „erlaubte Religion“ sich provoziert fühlten und beim Kaiser auf ihr Recht pochten – jedenfalls wäre das plausibel. Impulsore Chresto[1] müsste man dann nicht „auf Antreiben des Chrestos“ lesen, sondern „auf Veranlassung eines Chresten“. Auf Veranlassung eines Chresten vertrieb Kaiser Claudius die Juden aus Rom – nämlich auf die andere Seite des Tiber, wo sich dann auch lange Jahrhunderte hindurch das römische Judenviertel befunden hat. Dort entstanden dann auch die ersten christlichen Gemeinden als Derivate der jüdischen und wenn Simon jemals nach Rom gekommen sein sollte, dann hat er dort seine Missionsarbeit betrieben – Die Stadt interessierte sich noch lange nicht für seinen Messias. Wenn die Juden sich provoziert gefühlt hatten, ging ihr Appell an den Kaiser also wie man so sagt, nach hinten los. Eine ohnehin nicht eben wohlgelittene Sekte hatte nach einer Vereinigung anständiger Philosophen geschnappt und Claudius, der alle Philosophie hoch achtete, aber wie (beinahe) jeder Römer in Sachen Judentum mehr als skeptisch war, nahm da von vornherein Partei. Aber seither war die nützliche, brauchbare Philosophie ins Rampenlicht des Kaiserhofs getreten und da sie den griechischen Philosophien ähnelte, besonders der des Lieblingsphilosophen der Kaiserin Agrippina, Lucius Annaeus Seneca, sollte sie von da an nie mehr aus dem Dunstkreis des kaiserlichen Hofes verschwinden.

Nun war beileibe nicht jeder Kaiser ein bekennender Philosoph[2], die meisten waren es gerade nicht, aber alle Kaiser hatten Mitarbeiter und unter diesen galt die neue Philosophie, eben weil sie so brauchbar war, bald als „die Philosophie“ überhaupt, neben der man sich aber natürlich auch mit allen anderen philosophischen Richtungen befassen konnte an denen die römisch – hellenistische Kultur reich war. Demgegenüber stand das neue Christentum, nachdem die Juden sich von ihm distanziert hatten[3], ziemlich auf verlorenem Posten. Das Beste, was es von der römischen Administration zu gewärtigen hatte, war, dass man es vergaß. Wenn  es sich nicht bemerkbar machte, war man auch willens, es zu vergessen. Aber leider brachten sie sich selbst wieder in Erinnerung und das kam so: seit geraumer Zeit kam das Reich mit den aus Osten und Norden andrängenden Völkerschaften nicht mehr zurande, eine verfehlte Politik und zugleich eine Periode innenpolitischer  Labilität[4] taten das Übrige, kurzum das Reich stand kurz vor einer schweren Staatskrise oder schwamm schon mittendrin, gleichviel, in diesem Augenblick  verordnete Kaiser Decius der gut konservativ das Heil in einer Rückwendung aller Römer zu den alten Göttern sah[5], dem ganzen Reich, dessen Bewohner seit Caracalla alle römische Bürger waren, ein Opfer an den kaiserlichen Genius, um dessen magische Macht wieder zu stärken. Er hatte es mitnichten auf die Christen abgesehen, sondern wollte auf diese Weise die Hilfe der Götter erzwingen. Aber die Christen verweigerten in stattlicher Zahl das Opfer und schummelten in noch stattlicherer Zahl und als Decius sah, wie sie dem Wohl des Staates Schaden zufügten schlug er zu wo immer es sich ergab. Wer nicht opfern wollte, war gnadenlos des Todes, denn er war ein Staatsfeind und Staatsfeinde konnte sich Rom jetzt weniger leisten als je. Vorbei die Zeit der Duldung, jetzt ging es ums Ganze und wer sich drückte, war ein Verräter, der Roms Großzügigkeit im Umgang mit fremden Gottheiten missbrauchte.

Kaiser Decius‘ Gegner im eigenen Staat sahen aber gerade dadurch, wie groß das Potential der Staatsfeinde war und versuchten, die Christen in ihren persönlichen Ehrgeiz, auch einmal selbst Kaiser zu werden, einzubinden und so kam es zu einer Schaukelpolitik mal für, mal gegen diese Religion. Waren die sogenannten Verfolgungen des Nero, des Domitian, des Trajan und auch die des Diokletian[6] mehr oder weniger wenn überhaupt, lokale Pogrome gewesen oder allenfalls politisch motivierte Aktionen, die sich gegen eine bestimmte Partei richteten, so war die Strafaktion des Decius die erste, die diesen Namen wirklich  verdiente, andere schlossen sich nun in schneller Folge an, bis der uneheliche Sohn des Constantius, Konstantin, beschloss, eine grundlegend andere Politik zu machen, in der das trotz allem  erstarkte Christentum und sein Gott sich nun im Dienste Roms bewähren sollten. Die Religion kannte er ein wenig von seiner Mutter her, die er aber früh hatte verlassen müssen, um bei seinem Vater in Trier im Umkreis der höfischen Welt zu leben und wie man sagte, einen anständigen Beruf zu ergreifen, denn es gehörte sich  selbst für den  unehelichen Sohn eines Augustus[7] nicht, in der Gosse zu enden.

Konstantin für seine Person hielt es zwar mit der Philosophie, aber wie die meisten Kaiser und Thronprätendenten hielt er es mit ihr nicht genau, er verließ sich lieber auf seine Freunde und Ratgeber[8]. In dieser Philosophie ist er auch gestorben und was Laktanz schreibt, ist erbauliches  Gewäsch. Konstantin war kein Pionier des Christentums, ja nicht einmal fromm, er war durch und durch Realpolitiker und seine spätere Politik, auch den Christen gegenüber, beweist das[9]. Er bevorzugte sie nämlich keineswegs, sondern achtete nur darauf, dass sie nicht benachteiligt würden, erlaubte ihnen, ihre Kirchen zu bauen und ihre Feste zu feiern, aber behielt sich auch vor, ihre Synoden zu beaufsichtigen, denn der Verdacht, dass sie Staatsfeinde sein könnten, war auch für ihn keineswegs ausgeräumt. Er zog ihre prominentesten Vertreter an den Hof um sie wie es sich für mögliche Feinde gehört, immer unter Aufsicht zu haben, aber er ging auch streng mit ihnen ins Gericht, wenn sie ihre Kompetenzen überschritten und sich in die kaiserliche Innenpolitik einmischten, wie sein Vorgehen gegen Ambrosius zeigt, der ihn dann auch prompt in die Acht erklärte, was Konstantin allerdings persönlich wenig anfocht. Allerdings mochte es sich als wenig klug erweisen, die gerade erst gewonnenen Staatsfeinde wiederum vor den Kopf zu stoßen, also gab Konstantin dem Ambrosius recht und sich selbst die Ruhe – wie der Bischof dies dann seinen Christen verkaufte, fällt vielleicht vor der Kirchen- aber nicht vor der Weltgeschichte ins Gewicht. Auch Ambrosius war an Frieden im Reich gelegen. Er war Staatsbeamter gewesen, ehe er Bischof von Mailand und damit der nächste Christ am Thron wurde.

Unter Konstantin war es den Christen noch nicht möglich, gegen ihre alten Erbfeinde, die Gnostiker, vorzugehen – aber schon zwei Generationen später sollten sie bekommen, was sie wollten, denn nun drehte sich das Blatt und die zuvor Verfolgten wurden zu Verfolgern. Die gesamte pagane und philosophische Führungselite Roms war durch die Massaker, die Konstantins Regierungszeit folgten, ausgerottet worden und damit waren Philosophen wie Heiden schutzlos. Das traurigste Kapitel der Kirchengeschichte begann – aber nicht vergessen, der Eifer, mit dem dieses Kapitel geschrieben wurde, war vielleicht unverhältnismäßig – ganz ungerechtfertigt war es nicht, die Gnostiker hatten der Kirche in dieser Beziehung schon einigen Anlass gegeben, auf sie wütend zu sein.

Etwas ganz Anderes aber ist es, wenn Gnostiker Teile ihrer Lehren verbargen. Sie taten dies nämlich nicht aus Angst vor Verfolgung. Sie taten es, um Missverständnisse zu vermeiden und manchmal auch, um von Missverständnissen zu profitieren. Auf der anderen Seite ließen sie ihre Überzeugung überall durchblicken wo es anging: zum Beispiel verzierte ein wohlhabender Römer sein Tafelgeschirr mit lauter kleinen Anch im Rankenwerk und Konstantin demonstrierte seine Überzeugung selbstbewusst mit dem  Labarum, in dem die Christen ein Kreuz sehen konnten und sollten und die Anhänger der Philosophie ihr eigenes Zeichen, das des ewigen Lebens. Das Chi Rho verkündete der ganzen gebildeten Welt „Chrestos sum“, ich bin ein Chrest, ein Anhänger dieser jederzeit und überall nützlichen Lebenslehre. Was die Christen daraus lasen, war nicht wichtig und zudem sorgte ihre Verlesung[10] dafür, dass sie dem Nutzer solcher Symbole Sympathie entgegen brachten. War er, von dem manche Weitblickenderen sagten, er sei keiner, nicht doch insgeheim ein Christ? Nein, er war es nicht und er würde es auch niemals werden. Er war ein Offizier mit beachtlichem Talent zum Staatsmann und er wusste seine familiäre Nähe zum Christentum politisch zu verwerten. Aber schauen wir noch ein wenig weiter in der Reihe der sogenannten Tarnungen In den antiken Nekropolen[11] finden wir vielfach Anspielungen auf gnostische Parabeln, wie den Fischer, der den einen großen Fisch[12] fängt. Hingegen sind die Darstellungen des Sonnenwagens, die hier auch hinzugerechnet wurden,  wohl heidnischen oder aber wirklich schon christlichen Ursprungs und haben mit dem berühmten Spruch vom verbergenden Licht nichts zu tun. Man verbarg sich nicht aus Angst vor Verfolgung, sondern man entzog den Bekenntnisfaktor den Blicken derjenigen, die ihn nicht verstehen und daher verfälschen konnten.

 

Dass die Anhänger der nützlichen Lehre sich vor der ungebildeten Masse bedeckt hielten, hatte also einen ganz andern Grund als den der Angst vor Verfolgung: diese Lehre wurde nämlich in ihrem Kern nur von denen verstanden, welche die „Fahrt durch sich selbst“ absolviert hatten. Sie war und ist in sich so fein und zugleich komplex, dass bereits die kleinste Abweichung im Verstehen zum Anfang immer heilloserer Spekulationen werden konnte und kann – was gut zu beweisen ist mit dem,  was die Gnostizisten späterer  Jahrhunderte angestellt haben. Also war es am besten, das Maul möglichst nicht  weit aufzutun um die damals wie heute überall lauernde Dummheit und Sensationsgier nicht noch zu bestärken. Man konnte andererseits  (und kann) von dieser Lehre aus zu allen Wissensgebieten Stellung nehmen, das taten die Gnostiker auch mit einer reichen Forschungs-, Beratungs-  und Lehrtätigkeit auf allen Ebenen und zu allen Aspekten des Lebens – aber die Lehre selbst entzog sich dem oberflächlichen Blick. Natürlich mochten die Christen insbesondere diese Lehre nicht, aber die Christen waren in der Zeit, von der hier die Rede ist, nämlich in den ersten Jahrhunderten  bis zum Edikt des Theodosius ganz oder relativ machtlos. Erst ab dann standen ihnen wenigstens theoretisch die diversen Zwangsmaßnahmen zur Verfügung, von denen der Mythos von der Verfolgung bereits seit den ersten Tagen des Christentums ausgeht[13].

Man darf sich diese Verfolgungen nun nicht etwa flächendeckend vorstellen. Denn im fünften Jahrhundert unserer Zeitrechnung florierte in Rom der Manichäismus – in einer Zeit, in der er nach dem Mythos längst hätte verboten und seine Anhänger hätten ermordet sein sollen, waren sämtliche höheren Beamten durch manichäische Ausbildungen gegangen, was im Westen des Reiches so viel bedeutete als: sie waren Gnostiker im wahren und echten Sinne dieses Begriffes. Der Kronzeuge, der uns davon berichtet, heißt Augustinus von Hippo, denn er selbst, berichtet er, gehörte dazu. Es scheint, dass das Edikt des Theodosius außerhalb Konstantinopels herzlich wenig Beachtung fand, denn wie sonst sollte sich eine allbekannt „häretische“ Bewegung sonst derart weit und offen über das Reichsgebiet ausbreiten können. Gut – der Bischof Faustus (Bischof?) wurde auf Betreiben des Augustinus[14] hingerichtet – aber eine ausufernde Hetzjagd entstand daraus nicht, jedenfalls ist davon nichts zu vernehmen und die siegreiche Kirche hätte sich solche  Erfolge doch  nicht entgehen lassen. Selbst im sechsten Jahrhundert also treffen wir noch auf keine allgemeine Verfolgung von Gnostikern. Bildeten sie wirklich, wie behauptet wurde, eine „Kirche in der Kirche“? Der Umstand, dass Augustinus den Faustus als Bischof bezeichnet, lässt es vermuten, dass zumindest die afrikanischen Manichäer kirchenähnliche Strukturen entwickelt hatten – aber ist die Nachricht des Augustinus glaubwürdig?

Die östlichen und die „lateinischen“ Manichäer unterschieden sich, ich sagte es bereits, erheblich voneinander. Während die östlichen Manichäer sich unter dem Einfluss des griechischen Ostens in Richtung auf die dort üblichen Kulte entwickelten und entschieden in die mystisch – spekulative Richtung drängten, dominierte im lateinischen Wesen die strenge Schule philosophischen Vorgehens. Beiden Spektren aber war dies gemeinsam: sie stuften ihre Lehre in bestimmten Dosierungen ab, von denen die „Hörer“ nichts, die „Erwählten“ alles zu sich nehmen durften. Dazwischen standen die nicht näher bezeichneten Auszubildenden. Augustinus war in seiner Manichäerzeit ein Hörer, das bedeutet, dass er vom inneren Wissen der Gnosis keine Ahnung hatte. Daher mag er dann Parallelen zu der Religion gezogen haben, zu der er konvertiert war und Faustus einen Bischof genannt haben, dieweil er in Wahrheit nur einer von vielen manichäischen „Eingeweihten“ und Lehrern war. Aber  – zu verbergen hatten wohl auch diese Manichäer im fünften  Jahrhundert unserer Zeitrechnung und in einem offiziell christlichen Reich lebend, nichts, es sei denn aus den oben genannten Gründen der Miss- und Unverständlichkeit. Dies Verbergen übrigens empfiehlt sich auch heute noch dringend. Was geschieht, wenn auch nur Derivate dessen an eine breite Öffentlichkeit gelangen, kann man am Phänomen der Esoterik anschaulich studieren. Es ist, mit aller Nachsicht, aber aus Erfahrung zu sagen, fürchterlich, was dabei herauskommt. Aber das nur nebenbei zu bemerken.

Dass die Gnosis hingegen im elften, zwölften und dreizehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung  verfolgt worden ist, darüber kann kein Zweifel bestehen – aber wie man sieht, dauerte es sehr, sehr lange, bis man sich zu derart drastischen Maßnahmen entschloss – was mit Sicherheit auch daran lag, dass die nunmehr in den Untergrund abgedrängte Philosophie sich zu schützen wusste: hier und da gelang es ihr sogar, zur beherrschenden Ideologie einer Kultur zu werden, wie bei den sogenannten Paulikianern im byzantinischen Reich, bei den Bogomilen in Bulgarien und Bosnien, und last but not least bei den provençalischen Kathareren. Später dann finden wir ihre Reste bei den Taboriten wieder und bei den Brüdern und Schwestern vom freien Geist und ist das Gezeter seitens der Christen auch groß, nur selten ergibt es sich, dass massenhafte Verfolgungen wie der Kreuzzug des Innozenz III überhaupt anberaumt werden können; meist steht die Kirche vor Einzelaktionen, die sie nicht oder nur sehr schlecht einordnen kann. Dass diese Einzelaktionen die Spitze eines Eisberges sind, vermutet sie zwar richtig, aber sie bekommt – mit wenigen Ausnahmen – diesen Eisberg nie im Ganzen zu fassen. Mitten vor der Nase frommer Mönche entfalten ketzerische Steinbildhauer ihr Talent und meißeln lauter Anch – Zeichen in die Chorkapitelle das Münsters von Altenberg bei Köln. Gleiches geschieht in Chorin in der nördlichen Mark Brandenburg und die Steinmetzen sind fein raus – lassen sich ihre Werke doch ebenso gut als Symbole der Dreieinigkeit erklären. Die bösen Zungen schweigen und die Wissenden grinsen sich eins, sind doch diese harmlosen Blättchen zwar nicht in Chorin (eben) aber sehr wohl in Altenberg im Chorhaupt der Kirche präsent. Sie stellen das Lebenszeichen auf den Kopf und haben das Kreuz als weltbeherrschendes Zeichen geschaffen, das ohne Arg an jedem heiligen Ort gezeigt werden kann, so in Venedigs Hauptkirche San Marco. Sie sind überall – und sie verleiten mit ihren originellen Ideen auch fromme Leute, es ihnen nachzutun und so überrascht uns ein Anch in aller Deutlichkeit auf dem Altarfenster einer evangelischen Kirche in Berlin – Adlershof. Sie stammt aus dem neunzehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Diese und ähnliche Funde können als Dokumente der Verfolgung respektive als Reminiszenzen an die Gepflogenheiten jener Tage gewertet werden – nicht aber jene, die zu einer Zeit entstanden, da die Gnosis allerwegen unangefochten ihre Botschaft verbreiten konnte. Vom Mythos der „ewigen Verfolgung von Anbeginn“ müssen wir uns daher trennen.

Und was war mit den übrigen „abrahamitischen“ Religionen? Das Judentum hat die Gnosis nicht verfolgt, es kannte dieselbe gar nicht und hat niemals einen Zugang zu ihr gefunden, obgleich sie aus seiner Mitte heraus entstand (schließlich war der große  Lehrer und Überträger der Gnosis ins nicht ägyptische Denken, Jesus,  ein geborener Jude) und es auch eine kurze Blüte derselben in Israel gegeben hat. Der Islam hingegen hat ein intimes Verhältnis zur Gnosis – der Prophet Mohammed ist mitten in der arabischen Form der Gnosis aufgewachsen und wurde von ihr gebildet, bis man sich von ihm als einem neuen Religionsstifter distanzierte. Sein Vater, seine Mutter, seine Onkel und auch seine erste Frau gehörten zur Gemeinschaft der Hanifen, die in der arabischen Kultur sozusagen „außerhalb des offiziellen Programms“ nebenher liefen, aber von allen Kultgemeinschaften respektiert wurden. Mohammed tat das, was man mit Gnosis nicht tun soll: er machte eine Offenbarungsreligion aus ihr, die allerdings und das entschuldigt ihn in gewisser Weise, auf einer sehr persönlichen Erfahrung beruht, auf die ihn niemand vorbereitet hatte. Die Hanife, die sich selbst als einen exklusiven Kreis von Philosophen sahen, wussten selbst nicht, welche Kräfte Gnosis zu entfesseln vermag, wenn sie existenziell betrieben wird. Für sie war ihre  Philosophie ein zwar charakterstärkendes und erhebendes, aber doch ganz und gar nur intellektuelles Phänomen. Da der Islam echte Gnosis nicht enthält[15], konnte er sich auch nur bis zur Stufe der frommen Mystik entwickeln, wo er in den „Weisen“ des Islam dann allerdings eine leuchtende Ahnenreihe vorzuweisen hat – die übrigens keineswegs abgeschlossen ist, denn „Sufis“ (von griechisch:  Sophos, der Weise[16]) gibt es in der islamischen Welt überall. Sie bilden keine geschlossene Kaste oder Schicht, sondern können in allen Kreisen der Gesellschaft auftauchen und auch wieder verschwinden, sie können  „Orden“ begründen oder auch ganz einzeln bleiben, Sufis, Weise, sind sie allemal. Der Islam betrachtet diese Weisen zwar mit Misstrauen, aber es besteht kein Grund zur Beunruhigung: den Schritt zur Gnosis kann gerade von der Religion aus niemand tun und so war es auch im Islam niemals nötig, entgegen mancher Annahme, Gnosis zu verbergen – die zugegebenermaßen unbarmherzig verfolgt worden wäre, denn sie beinhaltet per se den Abschied vom Islam. Auch hier also hat es, schon von der Sache her, keine Verfolgung von Gnosis geben können, einfach deshalb, weil gar keine Gnosis da war, die irgendjemand hätte verfolgen können. Der schriftgemäße Islam lag und liegt zwar auf der Lauer, um Verstöße gegen den Tauhid, die Einheit und Einzigkeit Allahs zu ahnden und hat deshalb seine Mystiker stets argwöhnisch beäugt – aber deren Streben ging nur dahin, mit diesem einzigen und einzigartigen Gott eins zu werden… selbst Gott zu werden war niemals ihr Bestreben, lag und liegt außerhalb dessen was sie denken und empfinden konnten und können.

Es bleibt dabei: der Mythos, dass die Gnosis von Anbeginn ihres Auftretens in der griechisch – römischen Welt eine „verbotene Religion“ gewesen wäre, lässt sich nicht aufrecht erhalten. Erstens darum, weil es sich niemals um Religion gehandelt hat, auch nicht um eine an irgendeine Religion angelehnte Mystik und zweitens weil diese Lehre bis zum Verbot aller Lehren außerhalb des Christentums und darüber hinaus niemals genötigt war, und schon gar nicht vor (verbotenen oder allenfalls geduldeten) Christen, Verstecken zu spielen. Im Gegenteil – beinahe von Anfang ihrer Existenz an gehörte diese Lehre zu den im römischen Reich maßgeblichen Konzepten der Gebildeten im griechischen wie im lateinischen Sprachraum. Benennungen als Neuplatonismus und ähnliches sollen diesen Umstand verschleiern oder wurden aus reiner Unkenntnis  der Sachlage geprägt. Denn die platonische Philosophie ist ihrerseits ja von der gleichen ägyptischen Lebenslehre und Weltanschauung geprägt, wie die Gnosis Jesu, so sind Anklänge ganz natürlich. Auch die Etikettierung der Gnosis als Stoizismus gehört in diesen Rahmen, auch die griechischen Stoiker haben ihre Lehrzeit in Ägypten absolviert, desgleichen die Pythagoreer, bei denen ägyptische Gnosis zur obskurantistischen Religionsphilosophie verdunkelt wird – aber auch solche Bestrebungen hat es zumindest in der Spätzeit in Ägypten gegeben[17]. Als nun eine Lehre, die von alledem etwas zu enthalten schien, auftauchte, die sich selbst nur als „die Nützliche, die Brauchbare, die Sanfte“ bezeichnete, glaubte man im Nachhinein, also in unseren Tagen, in dieser nun verständlicherweise auch Bestandteile all der Philosophien zu entdecken, die in Griechenland aus ihr entstanden sind und bezeichnete sie mit den üblichen Etiketten für epigonale Strömungen je nach Fokus des Betrachters  als  – ismen. Diesen  diversen –ismen bescheinigt heute jeder Altertumsforscher ihre große Bedeutung, ohne zu wissen, ja auch nur zu ahnen, dass er damit die Gnosis[18] als beherrschende Philosophie der römischen Kaiserzeit benennt. Wie aber sollte die verfolgt worden sein und von wem? Von Christen, die sich hüten mussten, der Obrigkeit unangenehm aufzufallen? Vielleicht wird sich jemand finden, der mich über die näheren Umstände einer solchen Annahme aufklärt – obgleich ich nicht wüsste wie das geschehen sollte.

 

 

 

 

 

 

 

 


[1] In Suetons Kaiserbiographien zum  Kapitel Claudius.

[2] Wie Marc Aurel, der nachweislich mehr als nur ein Sympathisant der Gnosis gewesen ist. Man erinnere sich zum Erweis gar nicht so sehr seiner philosophischen Selbstzeugnisse, die auch ein engagierter Stoiker hätte hinterlassen können, sondern ich denke hier an das „Wunder der Markomannenschlacht“, das einen eingeweihten Gnostiker in Aktion zeigt.

[3] Sie taten dies aus dem Zwang zur Selbsterhaltung heraus. Nach dem Verlust des Tempels nämlich warb das Christentum mit einigem Erfolg um die entwurzelten Juden, dieweil das Synhedrium von Jamnia damit befasst war, dem Judentum eine neue Mitte zu geben, es um die Synagoge und die Thora neu zu gruppieren. Diese Notwendigkeit bestand außerdem dadurch, dass das frühe Christentum sich über die Tradition seines Gründers eng an die zelotische Partei angeschlossen hatte, die ja dann im Krieg eindeutig unterlegen war, aber für einige unnötige Härten verantwortlich zeichnete, zum Beispiel für die Belagerung Jerusalems und letztlich für den Verlust des Tempels.

[4] Gemeint ist die Periode der Soldatenkaiser, eine Epoche politischer Verkommenheit, die endgültig nach dem Ende der Severer, aber eigentlich bereits mit der Herrschaft des letzten Antoninen  Commodus ausbrach.

[5] Die Aktion des Decius richtete sich keineswegs a priori gegen die Christen. Aber in den letzten Jahrhunderten  waren die Garanten der römischen Macht, die kapitolinischen Götter, aus dem Fokus des römischen Volkes entschwunden, obgleich der Staatskult natürlich noch funktionierte, aber das Interesse der Bürger galt schon seit langem mehr den sogenannten Mysterienreligionen, die mit den römischen Göttern nicht unbedingt zu tun hatten, sondern Gestalten der griechischen, asiatischen und ägyptischen Mythologie verehrten. Sie alle wollte Decius in einer Art Gebetssturm wieder auf die altrömischen Gottheiten fokussieren und so eine erneute magische Stärkung des Reichsgedankens bewirken.

[6] mit dem die Zeit der Soldatenkaiser endete

[7] in der Folge der Reichsreform des Diokletian war die Verwaltung unter zwei Augusti aufgeteilt worden, unter denen vier Caesaren für jeweils vier Provinzen verantwortlich waren. Der Imperator hingegen war nur noch für letztgültige (auch richterliche) Entscheidungen und für das gesamte Reich betreffende Angelegenheiten wie die Außenpolitik und die Repräsentanz, sowie die Festlegung der politischen Generalrichtlinien zuständig. Konstantins Vater war also unter Diokletian Augustus des Westens gewesen, als solcher residierte er in Trier und er wechselte diese Residenz auch nicht, als er,  mitten in einem Feldzug,  per Akklamation Imperator wurde.

[8] In diesem Zusammenhang klärt sich auch das berühmte „in hoc signo vinces“ als eine ganz weltliche Kriegslist – auch in den Reihen des Maxentius nämlich dienten „chrestische“ Offiziere. Die aber kämpften nicht gegen ihresgleichen. So war Maxentius auf die Wenigen angewiesen, die nicht Anhänger der Philosophie waren und unterlag.

[9] Auch indem er vor politischen Morden ebenso wenig zurückschreckte, wie vor politisch motivierten Entscheidungen in Fragen des christlichen Glaubens.

[10] Nämlich die zu Christus Rex = Christus ist König.

[11] Diese zu unterscheiden von den Katakomben. Nekropolen waren oberirdisch angelegte Begräbnisstätten die erst nach und nach und teilweise nie in den Untergrund gerieten, Katakomben aber waren von vornherein unterirdisch angelegte Komplexe, die vor allem von den  Juden, später aber auch, als ihr platzsparender Charakter ihnen den Vorzug vor anderen Bestattungsweisen gab, von Heiden und Christen genutzt wurden. Während Juden und Christen sich meist in einfachen Nischen nach ihrer Sitte zur Erde bestatten ließen, die mit einer Gedächtnistafel verschlossen wurden, legten Heiden sich auch unterirdisch Grabbauten, die Columbarien,  an, in denen sie ihre Urnen aufbewahrten, denn sie pflegten die Feuerbestattung und erst sehr spät die in Sarkophagen.

[12] Die Deutung des großen Fisches als „Christusbekenntnis“ ist dagegen Mumpitz.

[13] Von Verfolgung in der Zeit von Augustus bis zu Theodosius  zu sprechen, kann nur bedeuten, von einer Reihe von Lynchmorden zu sprechen, die dann ihrerseits mit Sicherheit die römische Justiz auf den Plan gerufen haben und möglicherweise für lokale Christenverfolgungen sorgten in deren Verlauf es aus der Optik der Christen wieder ein paar Märtyrer gegeben haben mag. Aus der Optik der römischen Justiz hingegen handelte es sich um verurteilte Mörder.

[14] Augustinus wurde daraufhin zum Erzvater der Inquisition – seine Protokolle über den Prozess, einst in dreiundreißig Büchern penibel angelegt,  sind aber bis auf den heutigen Tag, im Gegensatz zu seinen sonstigen Werken, nicht übersetzt worden. Das hat einen guten Grund, denn würden sie jemals übersetzt werden, so würden die Gebildeten unserer Tage wohl dem Faustus und nicht dem Augustinus beipflichten müssen, der damit als einer der Ahnherren des modernen Christentums entthront wäre.

[15] obgleich sich der Koran an manchen Stellen an das Thomasevangelium anlehnt, mit dem Mohammed wohl durch gnostizistische Christen bekannt gemacht worden war. Das orthodoxe Christentum hingegen entzieht sich völlig seiner Kenntnis, deshalb spricht er auch stets nur von DEM Evangelium. Er kennt nur dieses, aber er kennt es als christliche Schrift, nicht als gnostischer Leitfaden. Insofern ist sein Umgang damit ein interessanter Beleg dafür, dass das Thomasevangelium im Orient bekannt war und wie es dort rezipiert worden ist.

[16] alles andere ist Unfug und Unwissenheit und überdies auch noch bewusster Dummenfang… ebensolcher Dummenfang wie die Beziehung der Bogomilen, der Gottliebenden, auf einen obskuren Priester Bogomil…

 

[17] Es kam immer ganz darauf an, welche Art von „Gewährsmann“ die „wallfahrenden“ Griechen in Ägypten fanden. Pythagoras scheint in dieser Beziehung das größte Pech gehabt zu haben.

[18] wie schon gesagt, wohl zu unterscheiden vom gleichzeitigen gnostizistischen Christentum. Die meisten Dokumente die wir aus dieser Epoche haben, sind gnostizistisch. Auch das Thomasevangelium, also das Basisdokument der Gnosis, blieb nur erhalten, weil es in einer Bibliothek zusammen mit diversen gnostizistischen Texten aufbewahrt worden war.

 

Wie ich die Welt möchte, ist sie nicht. Sie wird auch nie so werden, wie ich sie möchte. Dennoch möchte ich einmal ganz ungeschminkt und ungeschönt darüber sprechen, wie ich sie haben möchte.

Erstens: ich möchte sie sehr bunt haben. Aber diese Buntheit soll nicht von Werbeplakaten und Bildschirmen oder Kinoleinwänden kommen, sondern von Blumen, Gesichtern und Ideen. Und von Schmetterlingen, es gibt in diesem Jahr viel zu wenige in dieser Stadt.

Zweitens: ich möchte sie vielgestaltig. Das geleckte Einerlei der glasummantelten Kuben langweilt mich entsetzlich. Diese Einfamilienhäuser, die immer aus den gleichen Elementen bestehen, langweilen mich auch.

Drittens: ich möchte ihre Stimmen hören und nicht nur basswummerdne Rhythmusmaschinen statt Musik, nicht Motorengedröhn statt Vogelstimmen. Ich möchte dass es wieder Volkslieder gibt statt Volksmusik.

Viertens: ich möchte die Bettler nicht mehr übersehen, ich möchte, dass meine Augen sie suchen und keine mehr finden. Warum sind sie gegangen? Weil sie nicht mehr betteln müssen, sondern alleweil genug zum Leben haben. Ah – da ist noch einer… aber der bettelt nur, weil das was er zum Leben hat, zwar für Essen und Miete bequem, aber nicht mehr für die Gallonen Schnaps reicht, die er Tag für Tag in sich hinein schüttet. Von mir kriegt der nix. Soll er sich seinen Mist doch selber brennen. Aber wo sind die Jungs und Mädchen, die gestern noch auf dem Gehsteig flanierten und den Freiern an den Arm griffen oder noch ganz woanders hin? Ein paar sind noch da, aber die tuns wohl aus Freude am Spaß, denn Drogen gibt’s in der Apotheke, muss keiner mehr die Beine dafür breit machen und auch keiner mehr den Hintern hinhalten, das ist vorbei. Ich brauch keine Drogen, aber wer welche mag – bitte sehr.

Auf den Feldern steht das Getreide hoch und die Kartoffeln stehen dicht an dicht, desgleichen der Kohl und die Rüben. Rapsfelder hingegen sehe ich nur noch wenige. Im letzten Sommer war das Land gelb.. vorbei. Sie haben jetzt limitierte Reservate für den Biodiesel eingerichtet, die meisten Autos aber haben Strom und der kommt aus Kollektoren – vorbei die Zeit, in der jeder Krauter ein Windrad im Garten hatte. Der Horizont ist wieder sauber, die Zeit der Gier ist vorüber. Hier und auch anderswo.

Die Börsen hat man doch nicht geschlossen, aber sie sind nur noch für den Handel mit festen Objekten zuständig, Industrieanlagen zum Beispiel oder Supermarktketten oder auch Banken. Nahrungsmittel und Rohstoffe dürfen nicht mehr verspekuliert werden und auch kein Grund und Boden. Spekulation an und für sich ist nicht verboten, aber nur noch mit ganz unwichtigen Dingen, wie Brillanten.  Wer verliert, muss den ganzen Schaden begleichen und wer gewinnt, muss den halben Gewinn als Steuer abgeben. Aber die Rating – Agenturen, die sind sämtlich geschlossen, denn mit Staaten spekuliert man nicht und auch nicht mit Währungen. Und wer beim Hedgen erwischt wird, wandert stracks in den Knast und kommt so bald nicht mehr raus  – es sei denn, er gibt den Leuten, die er abgezockt hat, all ihr Geld sofort zurück, dann darf er in Freiheit bleiben, aber keiner wird so schnell mehr ein Stück Brot von ihm nehmen… und Waffenhandel ist weltweit verboten, sogar  die Amis haben es nun begriffen, nachdem ein Amokläufer das Weiße Haus gestürmt hat. Ja, der amtierende Präsident und noch ein paar andere Personen wurden erschossen, aber er hieß nicht Obama und er war auch kein Afro, er war ein halber Chinese. Ach, die Chinesen – die sind wieder brav und bestellen ihren Reis, aber es gibt keine Wanderarbeiter mehr und jetzt leidet niemand mehr Hunger da oben – nachdem die Schätze der Partei sich beim letzten Crash in nichts aufgelöst haben. Damals gingen auch ein paar Inder mit den Bach runter, aber nicht so viele wie Chinesen… seither sind sie zwar ein wenig kleinlaut geworden, aber sie sind tüchtig geblieben. Nach Menschenrechten fragen sie nicht mehr, denn sie haben gar keine Zeit mehr dazu. Sie arbeiten, lernen und den Rest ihrer Zeit verbringen sie mit Erholung und dem Zeugen von Kindern die wieder gern gesehen sind, seit so viele am Pseudo – Krupp aus den Schloten der alten Industrieanlagen und anderen Umweltsünden  zugrunde gingen. Die geklauten Patente haben sie übrigens zurückgeben müssen, seither ist ihre Industrie um Einiges eingebrochen, aber dafür ist „made in China“ jetzt auch kein Synonym für billigen Ramsch mehr.

Ja, AIDS gibt es noch in Afrika, aber da flächendeckend Medikamente gratis verteilt werden  stirbt niemand mehr dran, eher stirbt hier und da einer an Malaria oder auch an einem Schlaganfall, oder er kommt unter ein Auto, aber die Meisten sterben am Alter und die Europäer haben ihre Lust an Pandemien auch verloren, nachdem ihnen keine mehr gelang… die letzte Grippe  war ein Witz, und das trotz manipulierter Kolibakterien – na ja, ein paar Ratten haben nachts geleuchtet, aber das war‘s. Eigentlich sollten sie ja Angst und Schrecken verbreiten.. seitdem hört keiner mehr auf die fuchtelnden Reporter mit ihren Sensationsmeldungen. Wir haben die Medien nicht abgeschafft, wir haben sie abgehängt. Interessante Reportagen nehmen wir gerne zur Kenntnis, aber: Was interessieren uns Stars – was das angeht, interessieren uns unsere Kinder, Enkel, Freunde, Eltern, Tanten und so weiter, Kollegen auch, sicher. Klar gibt es eine Regierung… aber die merkt man für gewöhnlich nicht, weil alles glatt läuft und ohne Mauschelei. Skandale waren vorgestern. Vor einer Woche hat Hollywood seine Bestände versteigert… ratet mal, was Independence Day gebracht hat: ein Museum hat den Directors Cut für ganze drei Dollar erworben. Wir machen jetzt andere Filme, die Polen sind jetzt besonders gut im Geschäft, aber dann kommen auch gleich die Kenianer… und Bollywood ist zwar tot, aber dafür haben wir die Bengalen. Die machen Filme, ich sag euch, da legt ihr die Ohren an…  und, ach so, das Kommerzfernsehen ist auch tot, seit Werbung nur noch kostengünstige Produktinfo sein darf. Schließlich muss jeder, der eine neue Idee hat, auch auf sich aufmerksam machen dürfen und das darf nicht am kleinen Geldbeutel scheitern. Was für großartige Technologien auf diese Weise schon bekannt geworden sind, ich erinnere nur an unsere revolutionären Raumschiffantriebe. Inzwischen reist jeder wohin er will und eine Tour zum Mars dauert nicht länger als früher eine Flugreise von Europa nach Brasilien. Da oben sind sie jetzt heftig beim Terraformen und ich glaube, die kriegen den Mars wieder hin… auch das verdanken wir übrigens unserem Ideenmarkt, der da täglich über die Leuchtbänder flattert. Klar wird auch immer viel übersehen und klar, dass nicht jede Idee auch brauchbar ist, ist auch viel skurriles Zeug dabei – aber wenn jeder darf, ist das nicht zu vermeiden. Jedenfalls war Kreativität noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte so selbstverständlich.

Und überhaupt Kultur: das kann kein Mensch mehr übersehen, was es da alles gibt – und die Kinder lernen in der Schule ein Instrument ihrer Wahl –  das darf auch ruhig ein E – Gitarre sein, aber ohne Verstärker. Die gibt es nur mit Auftrittserlaubnis und die wiederum  nur bei nachgewiesener ästhetischer Qualität. Will sagen, es gibt jede Menge „populäre“ Musik, aber nichts mehr „auf die Ohren“. Bilder malt jeder – einfach so zum Spaß. Wenn etwas sehr schön ist, gibt es auch Preise – aber Geschäfte kann man damit nicht mehr machen, es gibt keinen Kunsthandel mehr. Wer ein Bild kaufen will, muss zu einem Maler gehen oder er malt es sich halt selber und hängt es an die Wand – Farben und Leinwände sind billig und die Museen kosten keinen Eintritt mehr, die sind Posten im Staatsbudget wie auch die  Ärzte und die Krankenhäuser, der Personentransport und die Schulen und die Unis und die Bibliotheken und und und… damit der Staat das alles unterhalten kann, dürfen ein paar Firmen weiter Unterhaltungsramsch, Kommunikationsmüll  und flotte Autos produzieren… und fette Steuern zahlen. Ach so – es arbeiten eigentlich alle – irgendwas. Wer nicht will, muss aber nicht. Erst, als das BGE noch neu war,  haben sie alle den Arsch in die Sonne gehalten, aber dann wurde das langweilig und außerdem wurde es eng, als keiner mehr produzieren wollte,  jetzt machen sie sich alle irgendeine Beschäftigung. Weil sie es eben wollen und Däumchendrehen war dann wohl doch nicht so gut. Tja…. wenn man’s nicht für Geld machen muss, sieht das ganz anders aus. Die Qualität der Leistung übrigens auch.

Ach du heilige Harmonie… nee, nee, so harmonisch ist das alles auch nicht, wir sind ja alle nur Menschen, keine Engel, aber da haben sie sich was ganz Perfides einfallen lassen: sie sagen, mach den Schaden  wieder gut und dann ist die Sache erledigt  – na was haben die sich wohl dabei gedacht, seither will niemand mehr der Oma die Tasche klauen, nachher erzählt die, es war eine Million was weiß ich drin und dann kannste dein Leben lang Schaden wieder gutmachen – nee. Und was so ein gebrochenes Nasenbein kostet, wenn man es wiederherstellen lassen muss also da ist es schon besser erst gar keins zu knicken. Geht ja auch anders, wenn man unbedingt streiten will und Streiten ist nicht verboten. Das geht auch vor Gericht, nur man muss den Streitwert vorher einzahlen und wenn man Pech hat, verliert man und das Geld ist weg und die Gerichtskosten kommen noch obendrauf – Beklagte zahlen übrigens nichts. Für Arme zahlt der Staat den Advokaten und wehe, der weigert sich oder macht Ausflüchte, dann ist er seine Lizenz los. Arme zahlen auch keinen Streitwert, aber wer ist schon arm… nur noch der, der es sein will. Doch, das darf man, freiwillig arm sein, man darf alles, was keinem andern schadet… wie man sich selber schaden will, muss man selbst wissen, da hängt sich niemand rein. Auch nicht, wenn man dran zugrundegeht. Wir gehen davon aus, dass das dann sein Wille war und der ist zu respektieren. Was werden wir jemanden gegen seinen Willen retten – aber wer will, findet immer Hilfe, da sind wir aber so was von nicht kleinlich, das kann sich heute gar keiner vorstellen. Geld spielt dabei nur für die eine Rolle, die helfen, nicht für die, denen geholfen wird.

Jedenfalls kannst du von einem Pol zum andern reisen, du findest überall die gleichen Voraussetzungen. Aber sonst ist nichts vergleichbar, denn die Menschen bauen überall ihre eigene Welt. Russland ist ganz anders als Frankreich und das ist wieder ganz anders als Bolivien… natürlich  – aber ein paar Dinge sind überall gleich: überall gibt es genug zu essen, überall gibt es genug zum Wohnen und überall gilt das gleiche Recht für alle und wehe dir, wenn du meinst, für dich müsste es Ausnahmen geben, weil du ja ein Fremder bist… wenn du dich nicht benehmen kannst, kriegst du es hageldicht, egal wo. Es ist deine Sorge, dich überall wohin du kommst zu informieren wie es da zugeht, ansonsten hast du die Brille auf, Freund und keiner nimmt sie dir ab   – jedenfalls erst mal nicht, bis sich herausgestellt hat, was für ein Trottel du bist. Dann wirst du freundlich zum Ausgang geleitet und sie passen auf, dass du auch wirklich gehst.

Ja, natürlich kann man sich falsch benehmen – zum Beispiel in Mekka im Bikini zur Kaaba marschieren oder in Teheran ohne Tschador in die Moschee oder in Stiefeln in einen Hindutempel einziehen  – ja auf solche Feinheiten wird geachtet – obgleich die Polizisten, die dich gleich maßnehmen werden,  meist an gar nichts glauben, aber sie schützen die Kulturen die nun mal so sind. Im Badeanzug durch Mea Schearim, na sag mal bei dir piepts wohl… na gut, du glaubst nicht an Jahwe aber die hier tun es und das hast du zu respektieren. Ja, es gibt noch Religionen und die werden auch geschützt – nur bevorzugt wird keine und sie müssen sich selbst erhalten. Der Zölibat ist übrigens nicht aufgehoben, aber er ist freiwillig wie auch das Ordensleben – wer will, der kann und wer nicht will muss deshalb auch auf nichts verzichten. Frauen im  Priesteramt – na klar, bis rauf zum Papst. Seither hat sich die Belegschaft des Vatikan signifikant verjüngt. Jetzt gibt es da auch einen Kindergarten und eine Schule für die Kinder, deren Eltern zeitweilig im Vatikan Dienst tun, denn lebenslang bleibt niemand mehr da.

Und das Rückgrat unserer Wirtschaft, die Banken? Die verwalten unser aller Geld, schicken es in unserem Auftrag da und da hin, sichern es vor Diebstahl verwahren unser Erspartes und ja, sie verleihen auch hier und da mal etwas – aber eigene Investitionen tätigen sie nicht und sie müssen den Staaten, deren Finanzen sie auch verwalten, monatlich Rechenschaft ablegen über jeden Groschen. Eine Bank, die ihre Einlagen verjuxt, geht gnadenlos pleite, da hilft kein Beten und kein Flehen und die Wiedergutmachung des Schadens hat sie überdies noch an der Backe und zwar jeder Einzelne. Nix da mit goldenem Handschlag, der Abschied wird in einem solchen Fall gallebitter und die Pension ist hin. Banker sein ist wie Putzen in fremden Häusern. Und was nicht zum Erhalt des Betriebes benötigt wird, bekommen die Auftraggeber – das Bankgeschäft ist nicht mehr lukrativ. Man wird sich nicht mehr darum reißen, es zu tun, aber man wird es tun, weil man es wird tun müssen – für uns alle. Überflüssig zu sagen, dass es Dispokonten nicht mehr geben wird, denn damit haben die Banken ganze Völkerschaften gefesselt und geknebelt. Was nicht da ist, das ist nicht da und Schluss. Wenn die umlaufende Geldmenge nicht mehr dem Nationaleinkommen meinetwegen aller  Länder der Erde entspricht, ist etwas faul – auf jeden Fall dann, wenn sie dasselbe überschreitet. Die Banker muss man eng an die Hand nehmen… denn dass sie reihum nicht vernünftig mit dem Geld umgehen können, das man ihnen anvertraut hat, ist ja nun allgemein bekannt geworden. Aber warum sollte man sie abschaffen, ihre bloße Existenz kann dem Staat viel Arbeit abnehmen.

Nein, ich bin nicht für den Verzicht auf Geld. Ich bin nur dafür, dass es wieder das sein möge, als was es gedacht war: Verrechnungseinheilt mit der eine Streichholzschachtel evaluiert werden kann gegen einen Baukran und mit dessen Hilfe sich eine Fahrradfirma einen LKW zulegen kann, auf dem sie ihre Fahrräder zu den Läden transportiert. Ich bin wie man vielleicht gesehen hat, überhaupt nicht für großartige Verzichtaktionen – außer in all den Dingen, die die Welt nicht braucht und die den Menschen mehr geschadet als genützt haben. Ich bin auch nicht für den Verzicht auf Schweinebraten  – aber ich weiß, für diese Köstlichkeit stirbt kein Tier mehr. Der Schinken kommt vom Band und er war niemals etwas anderes als eben Schinken. Was aus den Tieren wurde? Es gibt sie noch, aber sicher. Kühe geben Milch, Hühner legen Eier und wir bewirtschaften die Bestände wie es die Bauern früherer Tage taten, die auch nicht alle Hähnchenkücken und Stierkälber aufzogen, denn was soll eine Herde mit zehn Stieren? Wir sind nicht gefühlsduselig, aber wir quälen die Tiere auch nicht mehr. Fleischzucht, echte, ist halt eine Nischenproduktion geworden. Die Masse unserer Würste, Rouladen und Putenschnitzel kommt aus der Fabrik. Unsern Dank an die Gentechniker, die es möglich machten. Seit wir die Militärs und ihre Menschenzuchtprogramme abgeschafft haben, was ganz schön Kraft und Manche auch Überwindung gekostet hat, ist aus der Genetik rundum ein Segen geworden. Nicht nur, dass wir jederzeit genug auf unseren Feldern zu stehen haben, wir können auch eine Menge Krankheiten bezwingen oder gar nicht erst entstehen lassen, wie Diabetes, Parkinson, Altersdemenzen, Down – Syndrom, Krebs und vieles mehr – wir korrigieren einfach die Gene entsprechend. Früher hat man Kinder abgetrieben, wenn sie genetisch geschädigt waren – das ist heute überhaupt kein Thema mehr, aber  – es muss schon wirklich was vorliegen, wenn der Genetiker in Aktion tritt, eine unpasse Nase reicht da nicht. Wie wir das anstellen, mit zehn Milliarden Menschen dennoch genug freie Natur zu haben – man frage die Gen- und Ökotechniker, die haben bewirkt, dass wir alle satt werden und es dennoch genug tiefe Wälder, hohe Berge und riesige Gletscher gibt, dass unsere Flüsse und Ozeane sauber sind und unsere Luft im Frühling nach Blumen duftet und nicht nach Industriequalm und das auch mitten in der Stadt. Ja, ja die Religiösen haben sich zuerst aufgeplustert von wegen Gott spielen, aber wir haben ihnen klar gemacht, dass wir nicht Gott spielen, sondern Gott sind und also auch die Erlaubnis haben, unsere Erde zu einem schönen Planeten zu machen. Sie können, sagten wir ihnen, gerne ihren Gott weiter anbeten, aber sie müssten eben akzeptieren, dass er nichts kann und nichts hat. Da sind sie verstummt: was sie in ihren Betstuben weiter quengeln, geht niemanden etwas an. Privatsphäre und Meinungs- und Glaubensfreiheit sind uns heilig, solange, wie schon gesagt, das was dort geschieht, niemandem schadet. Dann aber gehen unsere Behörden da hinein wie der Blitz und lassen, wenn nötig, auch wie der Blitz, nur verbrannte Erde übrig.

A propos Blitz, wie sind wir denn mit der Klimaerwärmung zurande gekommen? Na ja – wir haben einige Experimente eingestellt, daraufhin hat sich das Klima schon bedeutend beruhigt (besonders betraf das die Militärs, aber nicht nur sie), dann haben wir alle fossilen Brennstoffe mit eins vom Markt genommen, das gab zwar fürchterliches Theater, aber wir hatten Alternativen, dann haben wir, weil wir die Technologie ja nun von den Militärs geerbt hatten, für künstliche Abkühlung und eine Regulierung des CO2 – Ausstoßes gesorgt indem wir was zu viel war, einfach zu natürlichem Kohlenstoff regenerierten, was unserer Flora sehr gut bekam und nun haben wir überall wieder alles beinahe wie es sein sollte – na ja, etwas natürlicher Schwund ist auch immer, damit muss man leben. Aber die Bienen fliegen wieder und sammeln Honig und bestäuben Blüten und der Amurtiger ist auch wieder ausgewildert – ach, hab ich beinahe vergessen, ein riesen Dankeschön auch an unsere Zoologischen Gärten, die uns die Vielfalt unserer Fauna über die schreckliche, die gierige Zeit hinweg erhielten. Und unseren Atommüll, den  haben wir in die unserem System nächst benachbarte größere Sonne geschafft, die hat mal kurz „schliff“ gemacht und dann war‘s das. Mit unseren neuen Raumschiffantrieben war das gar kein Problem, die schaffen noch viel mehr. Mit den alten Interessenverbänden wäre so etwas natürlich nicht zu machen gewesen, aber unsere Verwaltung funktioniert jetzt ganz anders. Die Interessenverbände gibt es immer noch, aber sie haben keine politische Funktion mehr, nur noch beratende und wen sie beraten, das erzähle ich euch nur zu gerne.

Da gibt es eine Klasse von Leuten – die kommen von überall her, aus allen Völkern und aus allen Kulturen und aus allen Schichten. Diese Klasse ist nach allen Seiten hin offen für Einsteiger, jeder kann kommen und dazu gehören – wenn er sich dem harten Ausbildungsweg bedingungslos unterwerfen will, der auf ihn wartet. Einmal müssen diese Leute ungeheuer viel lernen, aber etwas Anderes ist noch viel wichtiger: sie müssen erfahren, wer und was sie sind und warum sie hier Verantwortung übernehmen – vom kleinsten Dorf bis zur Weltregierung sind es Leute aus dieser Klasse, welche die Verwaltung besorgen und übrigens auch die Lehrer, die Ärzte, die Richter und die Polizisten stellen. Ausgebildet werden sie in regionalen Zentren, ihre fachlichen Qualifikationen erhalten sie an den Hochschulen. Den Schulabschluss, der sie dazu befähigt, den erhalten alle – so etwas wie Bildungsnotstand gibt es nicht mehr. Analphabetismus ist weltweit ausgerottet, wie Pest, Cholera und Pocken. Wenn der Jugendliche nun seinen Schulabschluss hat, kann er entscheiden, welcher Laufbahn er sich zuwendet: der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Kunst, dem Handwerk, dem sozialen Bereich, der Technik, dem Militär (haben wir auch noch, aber mit anderen Aufgaben, denn der Mensch ist nicht des Menschen Feind) oder eben halt dem „staatlichen“ Sektor. Wählt er das Letztere, muss er, wie gesagt, zum Fachstudium noch eine charakterstärkende Ausbildung durchmachen, die einiges an Kraft kostet, aber auch sehr viel an Kraft erst bringt. Wenn er die hinter sich hat, wird er nie wieder von jemandem zu beschwatzen sein und nie wieder von jemanden zu bestechen. Er wird nicht Nein sagen, wenn ihm jemand etwas geben will – aber er wird desungeachtet das machen, was richtig ist und nicht das, was derjenige will. Er wird zu Protokoll geben, dass er von dem und dem das und das erhalten hat und auch, was von ihm dafür verlangt wurde – und er wird es behalten dürfen, klar, der Geber kommt auch auf keine schwarze Liste, aber es kommt eben nichts dabei für ihn herum. Und so läuft sich die Korruption an sich selber einen Wolf, aber manch Regierungsbeamter baut sich ein schönes Heim von solchen Gaben oder schenkt seinen Kindern etwas Tolles, das er sich von seinem – übrigens nicht kleinen – Gehalt dennoch nicht leisten könnte. Gebt mal her, heißt die Devise, gebt immer mal her… aber wir machen damit was wir wollen. Da nie etwas nachkommt, fällt auch nie etwas auf und die Korruption geht immer weiter als ein totes Rennen, als ein wohl bedachtes Ventil für die menschliche Gier, denn irgendwo muss die auch abfließen können. Abschaffen kann man sie ja nicht.

Und wer steht oder was an der Spitze des Ganzen? Einer allein – nein, das wird nicht möglich sein, denn wir wollen ja keine Diktatur haben. Es ist ein Konsortium, das sich entsprechend den grundlegenden Ressorts aufbaut, die von weltweiter Bedeutung sind. Darunter stehen Konsortien, die für die Probleme in den Kontinenten zuständig sind, dann kommen die Regionen und dann die Städte und Dörfer. Die Mitglieder dieser Gremien werden zwar grundsätzlich auf Lebenszeit berufen sind aber jederzeit absetzbar, wenn sie sich als charakterlich oder fachlich unfähig erweisen sollten. Selbstverständlich kann auch jeder selbst und jederzeit sein Amt niederlegen. Berufen werden sie durch ihre Völker aus der „Kaste“ der Staatsdiener. Es gibt also keine Parteienwahlen mehr sondern nur noch personale Referenden von mehr oder weniger Reichweite. Nur das allerletzte Gremium wird aus der Menge der übrigen Gremien bestimmt, alle anderen werden von Völkern entsandt. Und unter ihnen allen herrscht nicht das Majoritätsprinzip, sondern Entscheidungen fallen im diskursiven Prozess und nach Kompetenzerweisen, aber damit sie nicht jahrelang Entscheidungen vor sich herschieben können, gibt es Zeitlimits, die umso kürzer sind, je kleiner der Rahmen ist, den sie betreffen.

Gibt es denn keine Wahlen mehr – doch, natürlich, jeder Verein, jeder Interessenverband wählt seine Funktionäre wie gehabt und selbstredend besteht Vereins- und Verbandsfreiheit, nur: vom Staat gefördert werden diese Vereinigungen nicht. Wenn ihre Mitglieder ein Interesse an ihrer Existenz haben, werden sie selber zusehen müssen wie sie dieselben erhalten, es ist dasselbe Prinzip, das auch die Religionsverbände am Leben erhält oder eben nicht. Ab einem bestimmten Verbandsvermögen werden sie auch zur Steuer herangezogen damit sich keiner durch vorgebliche „gemeinnützige“ Tätigkeiten mehr eine goldene Nase verdienen kann. Ansonsten gibt es alle gewohnten Grundrechte: direkte und indirekte Freizügigkeit, Unantastbarkeit der Person, Recht auf eine dauerhafte Verbindung, ob nun ehelich oder sonst wie, das Recht auf die Erziehung seiner Kinder oder welche er sonst in seinen Familienverband aufnehmen will, Recht auf Eigentum an feststehenden und beweglichen Dingen, Versammlungs- und Informations- und natürlich Meinungsfreiheit, wie gesagt, ich bin kein Freund des Verzichts, auch hierin nicht. Selbst im Falle dass man jemanden in seiner Freizügigkeit einschränken muss, zum Beispiel im Krankenhaus oder auch im Gefängnis wäre damit kein Verzicht auf die Unverletzlichkeit und Unantastbarkeit seiner Person verbunden. Erhebt sich die Frage: was tut man mit jemandem, der für sich selber nicht einstehen kann? Das ist doch ganz einfach: man tut das, was ihn möglichst schnell wieder in die Lage versetzen wird, dies zu vermögen.

Auch der achtsamste Umgang mit unseresgleichen wird nicht verhindern können, dass wir eines Tages sterben. Angesichts steigender Bevölkerungszahlen denke ich über die Institution Friedhof nach – dass ein Verstorbener in Ehren und in Würde von dieser Welt verabschiedet wird, versteht sich von selber, aber was dann? Macht man grüne Kekse aus ihm? Ich meine, man macht gar nichts aus ihm, sondern ernst mit dem Grundsatz „von Erde bist du und zu Erde sollst du wieder werden“. Dazu braucht man keine Friedhöfe, die ja nur aus der Illusion heraus entstanden sind, dass die Toten irgendwann wieder leiblich auferstehen würden. Das tun sie nicht, denn sie sterben in Wahrheit ja nicht einmal, also führe man das, was übrig blieb, wieder dem natürlichen Kreislauf zu. Die sie lieb hatten, werden sie nie vergessen, ob sie nun in Särgen ruhen oder ihre Asche irgendeinen Acker düngt… gleichviel. Wir müssen bedenken, dass wir die Erde nicht zum Friedhof machen können – die Lebenden wollen essen, sie wollen, sie brauchen die Natur so wie sie ist und denen die gegangen sind, liegt nichts an dem, was sie auf Erden waren. Sollen die Nachkommen doch das, was ihnen gehörte, unter sich teilen, da sie es nicht mehr benötigen oder sollen sie doch zu ihren Lebzeiten darüber verfügen wie sie wollen  – immer vorausgesetzt, sie schaden niemandem damit. Und so sind wir gemach von der Wiege zur Bahre gekommen und von dem großen Ganzen der Erde zum Geschick des Einzelnen und vieles müsste und könnte noch dazu gesagt werden, aber ich habe ja gesagt, dass ich hier nicht mehr tun möchte, als zu sagen, wie ich es mir denke, dass es sein könnte. Da ich aber auch nur ein Mensch bin, kann es gut sein, dass ich etwas vergessen habe…

Dieses Thema habe ich nun diskursiv schon fast zu Tode gequält, aber immer noch scheint mir, dass viele den Unterschied nicht begriffen haben. Erst neulich begegnete mir die Gleichsetzung der Begriffe wieder in der Wikipedia und so geistert sie nicht nur durch die Weiten des Internet, sondern gehört in dieser Weise auch zum Grundbestand Vieler, die glauben, über Gnosis Bescheid zu wissen.

Gnosis meint das lebendige Ringen um Selbsterkenntnis, also um Erkenntnis darüber, was ein Selbst ist, woher es kommt, wohin es geht und was es im Ganzen des Seins überhaupt soll. Gnostizismus hingegen meint die Menge der mal mehr religiösen, mal mehr okkulten Gedankengebäude, die seit den Tagen der Antike bis auf unsere Gegenwart in der Annahme verfertigt worden sind, Gnosis zu repräsentieren. Sie tun es sämtlich nicht, vielmehr sind es hilflose Bemühungen, längst verstaubten oder pathologisch obskuren Ideen ein längst verlorenes oder ungesundes Leben einzuhauchen.

Gnosis gibt es, wie bewiesen wurde, seit den Tagen des Alten Ägypten, Gnostizismus seit frühestens dem zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Gnosis ist in ihrem Wesen durch und durch areligiös, während Gnostizismus seit der Antike Anleihen bei allen Religionen der Welt gemacht hat und noch macht. So kann Gnostizismus in allen seinen Variationen als eine Religion aus Religionen angesprochen werden, jedoch nicht als synkretistische Religion, denn Gnostizismus hat als Religion einen durchaus exklusiven Inhalt, der sich mit keiner der Religionen, denen der Gnostizismus etwas zum eigenen Gebrauch entnahm, deckt. Diese Religion Gnostizismus sieht sich als die „Wissenschaft vom Göttlichen“, dem sie mit allen Mitteln beizukommen sucht, wobei sie Mensch und Gott als etwas zwar Verwandtes, aber durchaus voneinander Unterschiedene betrachtet und so das ganze Instrumentarium des Religiösen für sich reklamiert. Der Gnostizist, betet, er befolgt Rituale, er kennt Sakramente, er hat ein magisches Verständnis von seinen Gottheiten, die er mit Zauberformeln gefügig zu machen strebt, deren Existenz er aber anerkennt – in dieser Beziehung ist er Henotheist. Gerade hierdurch beweist er aber, dass sein Gnostizismus mit Gnosis nichts, aber auch gar nichts gemein hat.

Historisch ist das Christentum die einige überlebende gnostizistische Religion, denn sie hat eine Vielzahl gnostizistischer „Versatzstücke“ in ihre Glaubensvorstellungen aufgenommen, andererseits aber die Gnosis vehement bekämpft. Warum es das tat, ist leicht nachzuvollziehen, wenn man den areligiösen Charakter  der Gnosis kennt. Wer Gnosis treibt, ist dem Christentum und damit dem Gnostizismus verloren. Er erkennt keine höhere Instanz mehr an, die sein Schicksal lenkt, er erkennt keine Sünde mehr an – außer der einen, sich gegen den Geist der Gnosis zu wenden, ein so verrücktes Paradoxon, dass es kein Gnostiker jemals tun wird – er erkennt keinen „Vermittler“ und keinerlei wie auch immer magische Verrichtungen mehr an, die ihn einem „Göttlichen“ näher bringen wollen. Da das Christentum all das aber praktizierte, ist es deutlich, dass es die Gnosis bekämpfen musste, wollte es selbst am Leben bleiben. Die Gnosis ihrerseits, die mit ihrem äußeren Informationsangebot  längst zur beherrschenden Philosophie im römischen Reich aufgestiegen war und unter den verschiedensten Bezeichnungen propagiert wurde: Stoa, Neuplatonismus waren die beliebtesten, ließ sich nicht bitten und erklärte die neue Religion als staatsfeindlich in die Acht. Dabei kam ihr deren Nähe zum Judentum sehr gelegen, zeichneten doch Juden für zwei der größten Aufstände verantwortlich, die das Imperium jemals erlebt hatte. Die hilf- und verständnislosen Anleihen, welche das Christentum bei der Gnosis machte, quittierten sie hingegen mit Hohn und Spott, man denke nur an die „Schwesternreligion“ im Philippuskonspekt, das sich insonderheit mit den Denkweisen des frühen Kirchenchristentums und seinen  – ersten – Dogmen auseinandersetzt. In großem Rahmen wurde diese Auseinandersetzung hingegen nie geführt, sie blieb auf Einzelfälle beschränkt. In großem Rahmen wurde die neue Religion kurz und bündig verboten. Anders das Christentum, das sich ständig dieses übermächtigen Gegners erwehren musste, der, mit der Macht im Bunde, es an allen Ecken und Enden bedrängte. Daher polemisiert die Gnosis nur selten gegen die Christen, das frühe Christentum aber fortwährend gegen die Gnosis, während es, wie schon gesagt, auf der anderen Seite gnostische Versatzstücke durch die Hintertür in die christliche Religion hinein holte, um wenigstens einen Anschein von Reputation zu erwecken.

Als die Gnosis ging – sie ging nie wirklich, aber sie verkroch sich zuweilen sehr tief – blieb der Gnostizismus übrig, jener Mischmasch aus Erlösungsreligion und spekulativem Okkultismus, und trieb weitere Blüten. Vor allem im Osten des Reiches blieb er lebendig und so kam es, dass ausgerechnet Glaubensflüchtlinge byzantinischer Herkunft ihn im zwölften Jahrhundert unserer Zeitrechnung nach Westeuropa brachten und mit ihm, der eben als Mischmasch äußerst aggressiv war,  das bis dahin friedliche Nebeneinander von Gnosis auf der einen und Religion auf der andern Seite zerstörten. Auf einmal gab es eine Konkurrenzreligion, gegen die das Christentum selbstverständlich einschreiten musste. Binnen nicht einmal eines halben Jahrhunderts wurde sie niedergeworfen, aber mit ihr wurde leider auch eine bis dahin über ein Jahrtausend ungestört verlaufene Tradition der Gnosis zerschlagen. Einige Spolien in den Inquisitionsakten machen staunen und durch ihren Wortlaut glaubhaft, dass hier echte Gnosis betrieben worden war. Aber sie wurde nur noch unter anderem betrieben und so sind die Akten voller gnostizistischer Dogmen, so dass der Eindruck einer „Gegenkirche“ als homogener Block entsteht. Wir können annehmen, dass zumeist Gnostizisten auf den Scheiterhaufen landeten, denn Gnostiker, die ja aus ihrer Überzeugung keinen Marktplatz machen, werden sich zur gleichen Zeit zuhauf über ganz Europa verstreut haben – jedenfalls sind Spuren echter Gnosis bis nach Friesland und Skandinavien hin feststellbar, aber auch in Böhmen und Ungarn präsent und was sehr lustig ist, oft waren Angehörige katholischer Orden ihre Multiplikatoren.

Man kann davon ausgehen, dass die Gnostizisten stets die Mehrheit dessen repräsentiert haben, was von der Kirche als Gnosis bezeichnet wurde und man sieht auch, dass sie sich nach 395 von allem zu verabschieden versuchte, was sie zuvor an Gnostizismus aufgenommen hatte, denn es war nun nicht mehr notwendig. Stattdessen wurde, vor allem in der Ost- aber auch in der Westkirche, nun eine naive Theologie betrieben, deren Dogmen sich gegenseitig stützten. Dabei verfuhr die östliche Kirche mehr naiv – spiritualistisch, die westliche mehr naiv – rationalistisch, aber naiv verfuhren beide, denn nun gab es nichts mehr, was irgendwelchen Scharfsinn erforderte: die Kirche herrschte ja nun unangefochten. Wie hat sie das gemacht? Nun, sicher nicht indem ihr Gott ein Wunder tat, sondern indem einer der Söhne Konstantins des Großen die gesamte politische Elite des Römischen Reiches, sofern selbige nicht christlich zu machen war, in einem Massaker ausrottete. Ihrer Häupter beraubt mussten die „Heiden“ sich nun unter Strafandrohungen dem Regime fügen. Auf dem Land hat das antike Heidentum versteckt noch Jahrhundert  fortbestanden und es erhielt dann durch die einsickernden heidnischen Völker noch weitere Nahrung – nicht ohne triftigen Grund sah sich das Christentum genötigt, so viele Bräuche in die Volksreligion aufzunehmen und dort zu tolerieren. Desgleichen war die „heidnische“ Philosophie fortan verpönt, die Akademien wurden geschlossen und damit den Lehrern der Gnosis das Instrumentarium entzogen – sie wanderten meist ostwärts aus. In Gallien erhielten sich gedeckt durch den rationalistischen Manichäismus des Westens, der immer echte Gnosis betrieben hatte, einige kleinere Schulen, im Osten zogen sich die Restbestände gnostizistischer Gemeinden in schwer zugängliche Gebiete zurück oder wanderten vorzugsweise nach Arabien aus, in dessen Wüstengebieten sie nicht mehr aufzufinden waren. Da sie aber weiter bestanden, produzierten sie auch weiterhin Literaturen und bewahrten ältere Literaturen auf, sodass die Möglichkeit bestand, solche unter glücklichen Umständen wieder zu finden.

Im neunzehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung bestanden solch glückliche Umstände. Die Theologie wurde von den Philologen und Philosophen angegriffen, weil sie keine über das Mittelalter hinausgehende Quellen besaß, man bestritt den antiken Charakter des Neuen Testaments und den der Bibel überhaupt. Es erwies sich, dass wenigstens darin die Christen die Wahrheit sprachen und dass auch die Juden den Nachweis ihrer Schriften über das Mittelalter hinaus erbringen konnten, aber in der ganzen philologischen Fund- und Forschungsarbeit erschienen nun auch die ersten gnostizistischen Schriften wieder vor den Augen der Theologen und nicht nur vor ihren Augen, sondern auch ausgemachte Okkultisten machten sich darüber her, weil alles so schön bunt und geheimnisvoll war. Aber – es war Religion, was da erschien, darüber waren sich alle Beteiligten einig. Sie sind es immer noch. Und – sie haben meistenteils auch recht. Alle die dicken Bücher, die seither über Gnosis geschrieben sein wollen, sind über die gnostizistische Religion geschrieben worden, alle Kongresse, die seither darüber veranstaltet wurden, wurden über gnostizistische Religionen der Antike und des Mittelalters veranstaltet, alle die kleinen und kleinsten Gemeinschaften, die sich seither gründeten, tragen gnostizistischen Charakter und sind auf ihre skurrile Weise in die eine oder andere Richtung tief religiös. Sie alle suchen Gott, ob sie ihn nun im Christus-  oder im Satanskostüm suchen. Gnosis steht dabei und lacht sich ins Fäustchen. Sie alle sind nicht ernst zu nehmen, aber sie vor allem haben das Bild geformt, das heute jeder von Gnosis zu haben meint.

Denn – über Gnosis kann man keine Bücher schreiben….man kann sie nur realisieren.

Ein Mystiker ist kein Gnostiker. Es wird auch niemals einer aus ihm werden. Aber ein Gnostiker wird auf seinem Weg zur Gnosis mit Sicherheit Bekanntschaft mit der Welt der Mystik schließen. Es gibt keinen Gnostiker, bis in die Tiefen des Ursprungs derselben hinab, ja bis in die Weisheit des Thomasevangeliums hinein, wo die Gnosis ihre reinste Gestalt entfaltet, der nicht irgendwann in Gefahr kam, der Mystik zu erliegen – weil die Grenze zwischen beidem so schmal und so leicht zu übersehen ist. Aber es gibt keinen einzigen Mystiker, der jemals zur Kühnheit und Freiheit der Gnosis durchgedrungen ist.

Dabei ist die Grenze, wiewohl schmal, doch recht scharf gezogen und wird an den Ergebnissen des Strebens sichtbar. Der Gnostiker vereint Rationalität und Spiritualität, er  sucht sich selbst, er will wissen, warum er konkret (nicht irgendwer und nicht die Menschheit) das ist, was er ist und wie er ist und, davon ausgehend, warum er ausgerechnet in diesen Umständen sich befindet; er hasst das Unwägbare, Unberechenbare und wird so zum Rebellen gegen jedwede Erklärung. Je geschraubter diese sind, umso weniger akzeptiert er sie. Denn er ist bequem. Er will nicht durch die Gegend spekulieren,  er will es mit Händen greifen, mit der Zunge belecken und mit den Füßen betreten können[1]… und so findet er sich selbst und findet zugleich Gott, denn er findet sich selbst als Gott und erhält, wie versprochen, alle Antworten die er sucht und auch solche, von denen er zuvor keine Ahnung hatte, weil er die Fragen danach gar nicht stellen konnte.

Der Mystiker hingegen sucht Gott auf allen Wegen, nur nicht auf denen der Vernunft. Er sucht ihn verzweifelt und wenn nötig auch gegen alle religiösen Empfehlungen, er wird zum Ketzer in der Religion, aus der er erwachsen ist. Dabei gelangt er in geistige Regionen, die anderen Gläubigen durchaus ungewohnt und unheimlich sein mögen, aber er lernt sich darin zurecht zu finden und bis hierher gleichen sich die Wege des Gnostikers und die des Mystikers noch. Aber dann geht er in Gott auf – und dieser Gott ist mitnichten er selbst, vielmehr verliert er sich selbst in einem Gott, der den Vorstellungen der Religion entspricht: gewaltig, allwissend, allgütig, allmächtig und so fort, dem gegenüber sein Selbst zur absoluten Demut der Selbstaufgabe verdammt ist – er existiert als Mensch nicht mehr, nur noch Gott, wie er ihn glaubte, existiert in ihm – meint er und hat sich just in diesem Augenblick selbst verfehlt.

 

Daraus folgt: Mystiker sind interessante Menschen, sie ziehen viele andere an; Gnostiker aber sind langweilig. Und zwar deshalb, weil der Mystiker stets auf einem Schein von Heiligkeit besteht, der Gnostiker sich aber damit begnügt und auch damit begnügen kann, ein Mensch wie alle anderen zu sein. Der Mystiker trägt seine Demut zur Schau, da sie der Spiegel seiner angenommenen Selbstauflösung ist, der Gnostiker hingegen setzt sich selbstsicher in der Welt zurecht und nimmt sie als das was sie ist: vorübergehend. Er kennt sehr viel mehr als diese Welt – aber was geht das diese Welt an, denkt er und kommt zu dem Schluss, dass es sie überhaupt nichts angeht und damit auch sein Menschsein nicht. So bleibt er als das, was er ist, unerkannt und will es auch nicht anders haben, während der Mystiker besonders sein will. Er, der Mystiker,  hat den direkten „Draht“ zu Gott – den er nach wie vor als etwas von ihm Unterschiedenes betrachtet, dem er angehört, der er aber nicht ist, sondern von dem er als von etwas „Höherem“ erleuchtet wurde.

Gnostiker sind langweilig, sagte ich, sie sind wie alle anderen Menschen und legen nicht den geringsten Wert darauf, sich von ihnen  auch nur irgendwie  zu unterscheiden, während der Mystiker, sagte ich, gerade auf diese Unterscheidung den allergrößten Wert legt und sie in allen nur möglichen Formen zu dokumentieren sucht – in Besonderheiten seiner Lebensführung[2], vornehmlich  aber in der Schilderung dessen, was er als „das Göttliche“ erfuhr. So kamen die Werke der Mystiker zustande, während die „Werke“ der Gnostiker sich nicht an ein breites Publikum, sondern an ihresgleichen wandten, denn nur ihresgleichen konnte und kann sie verstehen. Weil sich aber beide auf weite Strecken als einander verwandt erweisen – auch der Gnostiker hat es mit geistigen Phänomenen zu tun – ist die Hinterlassenschaft von Mystikern und Gnostikern für den Laien, und das dürften vor allem die Theologen sein, zuweilen nicht voneinander zu unterscheiden. Die Systematiken eines Valentinus und die Visionen einer Hildegard von Bingen scheinen aus der gleichen  Quelle zu stammen – und sie tun es doch nicht, denn während Valentinus selbst seinen Fähigkeiten und Reichweiten entsprechend auf Erkundungsreise geht, empfängt Hildegard ihre Bilder  als Offenbarungen von einer höheren Macht, der sie sich im Grund ihres Herzens als nicht ebenbürtig fühlt. Während Valentinus zu seinesgleichen spricht, spricht Hildegard zu einer unwissenden Menschheit, der sie sonst Unzugängliches zugänglich machen will.

Nun sind Systematiken aber nicht das Lieblingskind der Gnosis, so wie der Baedeker nicht das Lieblingkind des Reisenden ist, sondern sie dienen, wie der Baedeker nur einem einzigen Zweck: sich in einem fremden Terrain, in einer fremden Kultur einigermaßen zurecht zu finden; Offenbarungscharakter tragen diese Systematiken nicht, das wird oft verkannt. Es sind wenn man so will nur Landkarten, Handskizzen über das, was es in der geistigen Welt alles zu sehen und zu erleben gibt und diese Handskizzen sind mit Vorschlägen versehen, wie man sich und wie man sich besser nicht verhält, wo man sich aufhalten kann und wo man besser Fersengeld geben sollte und das immer aus dem konkreten Blickwinkel eines Valentinus gesehen – ein Anderer hat jede Freiheit zu anderen Schlüssen zu kommen und so ist jede solche Systematik von Grund auf relativ. Daher gibt es deren auch so viele[3] – man tauschte sich wechselseitig aus.

Anders bei den Mystikern. Bei ihnen ist die „Weltenschau“ als Offenbarung unumstößlich und steht selbst im Ruf der Heiligkeit und Unantastbarkeit und der Einzigkeit sowieso. Daher ist ihr System denn auch ein echtes System und hat dogmatischen Charakter, selbst wenn es allen anderen völlig unvertraut und gerade wenn es allen anderen unvertraut und unzugänglich ist – sie haben es so zu übernehmen und anzunehmen, wie der Mystiker es ihnen verkündet. Was bei den Gnostikern innerhalb ihrer Schulen oft auch nur unter der Rubrik „Klatsch und Tratsch“ gehandelt wurde, hat hier den Charakter einer besonderen Werthaltigkeit, welche von den Grundlagen der jeweiligen Religion ausgehend, dieselbe erweitern und bestätigen will, auch dann, wenn sie darin nicht vorgeformt und daher häretisch ist. Man kann es auf diese Faustformel bringen: der Mystiker ist im höchsten Grade fromm, der Gnostiker ist es in keiner Weise. Für ihn ist alles, was er zu berichten hat, profan, etwas Heiliges existiert nicht für ihn. Für den Mystiker aber ist alles heilig, und diese Heiligkeit zieht sich bis in seinen Alltag hinein, den er ja auch als Teil des Göttlichen betrachtet, das er selbst niemals sein kann, das ihn, den Wurm, aber „in Gnaden“ angenommen hat.

Mystiker gibt es in allen Religionen dieser Welt. Es besteht substanziell kein Unterschied zwischen dem indianischen oder afrikanischen Medizinmann und dem katholischen Ordensmitglied oder dem Sufi im Islam und dem indischen Yogi oder Sadhu. Gnostiker zu sein aber bedeutet, aus der Welt der Religionen ausgeschieden zu sein und zwar auf immer, denn was den Religionen das Heilige ist, das sie demütig verehren, ist ihm das Alltägliche, mit diesem allen lebt er und anders  kann er nicht mehr leben. Er ist kein Philosoph, denn ein Philosoph kann seine Gedankengebäude ändern – er aber, da er nicht mit Gedankengebäuden, sondern mit Wirklichkeit als solcher umgeht, kann das nicht. Klarer Fall, dass die Gnostiker nicht in der Lage waren, wieder Christen zu werden, selbst dann nicht, wenn das ihr ehrlicher Vorsatz gewesen sein sollte. Ein Sehender kann nun einmal nicht mehr erblinden, er wird sich mit einer Binde vor den Augen in der Welt nicht mehr zurecht finden und daher wird er sich die Binde bald wieder von den Augen reißen um endlich wieder sicheren Tritt zu finden. Wer die Geheimnisse des eigenen Gottseins und dessen Implikationen kennt, der kann nicht zu Füßen eines törichten Priesters sitzen, von ihm zu hören, was er selbst viel besser weiß. Denn es geht ja nicht um Überzeugungen dieses oder jenes Charakters – es geht, was kein Frommer je begreifen wird, um etwas, das anders als es ist, nie wieder sein kann. Nur das, was er ist, kann sich aufbauend und erweiternd verändern – nicht aber kann es sich zurücknehmen. Dem entgegen kann sich der Mystiker durchaus wieder der Orthodoxie seiner Religion zuwenden, aus deren Bezügen er ja niemals wirklich ausgebrochen ist und so sind Mystiker, wie Hildegard und Theresa, Spee und Silesius oder, protestantisch, Jakob Böhme,  dem Verdacht der Häresie auch entgangen und sind mit vielen anderen, Bekannten und Unbekannten, von ihren Religionen akzeptiert worden, desgleichen die Mystiker des Islam, von denen keiner jemals aus dem Islam ausgegliedert worden ist[4]. Selbst Grenzfälle der Mystik wie Rumi und mehr noch Chajjam gelten bis heute unangefochten als Muslime. Indessen wird niemand einen Basileides oder einen Markos[5], auch wenn sie den Erlöser Christus noch so sehr in sein System einbeziehen,  Christen nennen und sie wollten es wohl auch selbst nicht.

Es gibt aber einen Fall, bei dem nicht klar ist und auch nie klar werden wird, ob wir ihn nun zu den Mystikern oder zu den Gnostikern rechnen sollen; seine Bedeutung ist indessen unbestritten in christlichen wie auch in darüber hinaus greifenden Kreisen er ist eine im besten Sinne interreligiöse Gestalt und man kann darüber diskutieren, ob er überhaupt noch der Religion zugerechnet werden kann, auch wenn er Termini derselben wie das Aufgehen in Gott benutzt. Er kann wie es ausschaut, wenn man seine Werke studiert, durchaus auch etwas Anderes damit meinen; mit christlicher Demut und Unterwürfigkeit hatte er jedenfalls sein Leben lang nicht viel am Hut: ich meine den Meister Eckart von Hochheim (1260 – 1328). Religiöse und sicher auch profane Wissbegierde trieben ihn bereits in seiner Jugend in den damals äußerst modernen Orden des heiligen Dominikus, der die Welt nicht floh, sondern in Predigt und Seelsorge im Gegenteil suchte und der sein Ideal nicht in klösterlicher Beschaulichkeit, sondern darin sah „zu betrachten und das Betrachtete anderen weiter (zu) geben. In diesem Orden stieg er, der Intellektuelle, rasch auf, wurde Prior des Erfurter Dominikanerklosters in das er einst eingetreten war und Vikar der Ordensprovinz Thüringen – da war er, der 1260 geboren wurde, und der wohl erst als junger Erwachsener ins Kloster ging, man gerade an die Dreißig. Im Ganzen kann man sagen, dass er seinem Orden lebenslang keine Schande machte, obwohl – ein typischer Dominikaner, also ein Ketzerjäger, war er nicht. Nun war zu seiner Zeit die heiße Periode der Ketzerjagden zwar auch schon ziemlich abgeklungen und der Orden konzentrierte sich mehr und mehr auf die städtische Seelsorge und die Sorge um die akademische Jugend sowie auf die Ausarbeitung theologischer Probleme, letzteres in der Nachfolge des Aquinaten, der bis heute der prominenteste Dominikaner geblieben ist, aber die Werke Eckharts atmen doch bei aller akademischen Strenge eine ganz ungewöhnliche Freizügigkeit und Eigenständigkeit, so als begegne man hier jemandem, der, wiewohl in seinem Fache hoch gebildet, es nicht nötig hat, bei Kollegen abzuschreiben. Obgleich die Dominikaner bis heute nicht darüber erfreut sein dürften, verraten einige Formulierungen in seinem Werk doch Horizonte, die sich weder aus der mystischen Tradition, noch aus der theologischen Praxis und auch nicht aus philosophischer Bildung ableiten lassen, sondern aus denen kaum verhüllt die Souveränität dessen spricht, der sich selbst erkannt hat und weiß, wovon er spricht, wenn er zum Beispiel sagt, man müsse die Leiter abwerfen, so man an ihr aufgestiegen (sei), das heißt, man müsse sich, nachdem man die Überlieferung benutzt habe, unbedingt von derselben befreien. Interessant ist auch, dass er, des  Lateinischen wohl mächtig und beredt, Schriften im Deutsch seiner Zeit verfasste, also offenbar nicht nur die akademische Welt mit dem erreichen wollte, was er zu sagen hatte. Auch die Katharer haben zu ihrer Zeit ihre Bücher in den Landessprachen verfasst obgleich viele unter ihnen als ehemalige Kleriker des Lateinischen mächtig gewesen sein mögen, wenn dies auch damals noch nicht so allgemein verbreitet gewesen ist, wie schon ein Jahrhundert später  zu Meister Eckharts Zeit. Direkte Berührungen mit (versprengten) Katharern hat Eckhart aber wohl nicht gehabt. Er ist, sollten meine Vermutungen zutreffen, auf dem Wege eigenen Nachforschens zu jenen Einsichten gelangt, die er dann, mehr oder weniger verblümt, propagierte und mit denen er sich zuletzt doch den Zorn einiger Kirchenmänner  zuzog – allerdings starb er über dem laufenden Prozess, sodass es zu keinem Urteil über ihn gekommen ist und es bleibt auch durchaus in der Schwebe, wie dieses Urteil gelautet  hätte, denn Eckhart hat es seinen Richtern sehr schwer gemacht, weil er eben intelligenter war. Dazu kam, dass sein Orden, dem er mit seinem scharfen Verstand sehr viel Nutzen brachte, sich vor ihn stellte, die Dominikaner aber waren per se Hüter des Glaubens und Träger der Inquisition. Man kann sich denken, dass sie, wie sie in der Lage waren, die Dinge zu beschleunigen, auch in der Lage waren, sie hinzuziehen. Gefänglich festgesetzt wurde Eckhart übrigens nie.

Eckhart beschreibt keine Visionen, er entwirft auch keine Weltsysteme, was ihn interessiert ist die „Pädagogik“, was auch wieder für einen Gnostiker spricht, der lieber als über das, was sowieso niemand verstehen kann, darüber spricht, wie man dahin gelangen könnte es zu verstehen. Eckhart spricht viel über den Weg, wenig über das Ziel, das beschreibt er nur ungefähr in den üblichen Formulierungen, die auch ein Mystiker benutzen könnte. Wenn er war, was ich vermute, war das auch unbedingt notwendig, denn diese Formulierungen, mittlerweile von der Kirche anerkannt,  waren ein gutes verbales Versteck. Dass Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis am Ende in eins zusammen laufen, brauchte Eckhart seinen Hörern nicht extra zu erläutern – das würden sie, so sie seiner Methodik folgten, schon selber herausfinden. Da eine direkte katharische Vorbildung aber wohl ausfällt, es sei denn, Eckhart habe die diversen Inquisitionsakten zur Kenntnis genommen in denen genug davon stand, kann man davon ausgehen, dass er den Weg, den er lehrte, auch selbst gegangen ist. Dafür spricht die Eindringlichkeit seiner Predigten, die schriftgemäß waren wie die Predigten der alten Katharer und doch auch kühn und selbständig genug, um seine Hörer zu fesseln und die allesamt ihren Sitz im Leben des Menschen niemals zugunsten von Spekulationen aufgaben, auch wenn sie einen hohen Anspruch setzten und durchhielten.

Ein Grenzfall also – wohingegen andere, die sich (zeitweise oder dauerhaft) Gnostiker nannten, wohl keine Grenzfälle, sondern Mystiker waren und sind, denn wer immer Mensch und Gott zu trennen unternimmt, indem er Unterordnungsverhältnisse aufstellt, ist ein Mystiker. Er ist es umso mehr als er ein traditionelles Gottesbild übernimmt und er ist es gar auf völlig verquere Weise, wenn er annimmt, dass der Mensch diesem traditionellen Gottesbild jemals entsprechen könnte. Über dem Tor der Selbsterkenntnis steht angeschrieben „es ist alles ganz anders“ nämlich anders als alles, was in Bibel und Koran und sonst wo davon geschrieben steht. Solcher Vorsatz muss in der Katastrophe enden, weshalb ein C.G. Jung dann auch aufhörte, Gnosis, wie er meinte, zu treiben[6] und sich lieber auf die Psychologie warf und den Gottesbegriff, der ihm nicht passte, zum Archetypus machte und munter mit ihm durch die Epochen jonglierte. Wenn Gnosis und Mystik gleichermaßen versagen, soll das heißen, bleibt die bloße Psychologie übrig und es bewahrheitet sich der Satz: seid ihr in Armseligkeit und ihr seid (selbst die personalisierte) Armseligkeit. Sie versagen aber beide, wenn der Mensch nicht bereit ist, dem Unerwarteten zu begegnen. Ihm bleibt dann nur noch die mehr oder weniger originelle Interpretation des Altbekannten. Andere meinen, dass ihnen allein schon die Literatur die Gnosis erschließt und sind enttäuscht, wenn ihnen aus den Buchstaben kein Geist entgegen schwebt, aber die Buchstaben, auch die der gnostischen Dokumente, sind tot, wenn ihnen nicht der Geist aus den Augen des Lesers entgegen flutet und ihnen den Zusammenhang verleiht, den sie aus sich selbst nicht haben können. Man kann noch so viel Rumi lesen, man wird nicht erleben, was er erlebte und man kann noch so oft das Thomasevangelium durchlesen, man wird nicht begreifen, was dort entwickelt wird, allenfalls wird man einige griffige Formulierungen verstehen, aber auch diese ohne ihren Hintersinn, der das eigentlich Wichtige an ihnen ist. Man kann Eckarts Satz von der Leiter zehnmal zur Kenntnis nehmen, wenn man nicht auf derselben steht, gibt es auch nichts, was man umwerfen und hinter sich fallen lassen könnte und der Satz besitzt so viel Existenzialität wie der des Pythagoras über das rechtwinklige Dreieck.

Wir haben die Mystiker, wir haben die Gnostiker und wir haben das, was keines von beiden ist und auch keines von beiden jemals werden kann, die Psychologen. Was fehlt uns noch? Die Okkultisten können wir getrost beiseitelassen, es sei denn, wir wollten die Märchen der Gebrüder Grimm unter die Offenbarungsschriften aufnehmen. Die Esoteriker, natürlich, die fehlen uns noch, denn unter ihnen befinden sich viele Mystiker einer neuen Generation. Viele wollen zwar noch zum alten Lieben Gott und in ihm aufgehen, aber mehr noch haben sich unter dem Einfluss von Theologen, die ihnen weismachten, es gäbe einen unpersönlichen Gott, aufgemacht, das Universum zu „vergotten“ – ach du meine Güte, sicher doch, sie bevölkern nun die Planeten mit phantastischen Wesen, die ihnen als Engel vorgestellt wurden und behaupten mehrheitlich, jene hätten auf fernen Sternen ihre Lehrstühle aufgestellt und würden von dorther die Menschheit unterweisen – ja du Liebster, aber das glauben sie fest und mit Begeisterung. Sie sind keine Religiösen alter Schule mehr, denn die gaben sich mit dem Universum klugerweise nicht zufrieden, sie sind viel bescheidener geworden, ihre Paradiese heißen Alpha Centauri und Pegasus und Andromedagalaxie oder irgendwo dort herum. Wieder andere setzen das Universum mit dem Lieben Gott gleich und faseln, da derselbe ja persönlich sein soll, nun von einem universalen Bewusstsein. Und göttlich sind sie ja sowieso alle – als Kinder dieses Universums, damit wir uns gleich verstehen. Da braucht niemand mehr zur eigenen Göttlichkeit durchzudringen, das Universum macht das schon für alle und man muss nur seinem Guru folgen, dann klappt das schon. Himmel –  der nächste Karneval, scheint es, ist eröffnet, hier für‘n Fünfer, wer bietet mehr und der teuerste Guru ist natürlich auch der beste.

Es lohnte nicht, darüber zu reden, wenn nicht diese billigste Variante des billigsten Kitsches eben weil sie so schön bunt ist, so viele ehrliche Herzen von ihrer eigentlichen Mission ablenken würde indem sie ihnen weismacht, dass alles Nötige schon geschehen wäre und auf sie gar nichts mehr entfiele, als abzuwarten. Zwischendurch könnten sie sich ja die Zeit vertreiben, indem sie die Erde heilten… als hätte die anderes nötig, als handfeste Aktionen, wie Wiederaufforstung, Renaturierung der durch Menschen entstandenen Wüsten, Renaturierung der Ströme, Säuberung der Meere und was da an arbeitsintensiven Handlungen mehr ist. Mit Streicheln und Singen wird man da wenig bewirken, fürchte ich…. und mit Mystik auch nicht, schon gar nicht mit solcher von der billigsten, sentimentalen Sorte. Allerdings kann ich mir auch vorstellen, dass solch diffuse „mystische“ Religiosität in einer Gesellschaft der Konsumenten gut ankommt und vor allem bequem ist, denn in allererster Linie predigt diese Spiritualität nicht Mühe und Fleiß wie die Gnosis, auch nicht Askese und Ekstase wie die Mystik, sondern Wohlgefühl und – natürlich – Selbstliebe[7] bis zum Abwinken. Nicht „erkenne dich selbst“ ist ihr Wahlspruch, sondern „liebe dich selbst“ und das ist gemeint als „verhätschele dich wo und womit immer du kannst“. Unbequeme innere wie äußere Exerzitien sind im esoterischen  Mystizismus verpönt, das lauwarme, essenzengetränkte Bad ist wohl das treffende Bild für das, was er will. Ob nun jemand mehr das Zeug zur Mystik oder zur Gnosis hat, gleichviel – vor diesem zuckerwattigen Eiapopeia kann man nur warnen. Obwohl – eigentlich sollte ja schon der Umstand stutzig machen, dass die großen und unaussprechlichen Geheimnisse dieses Mystizismus an jeder Straßenecke in Großauflage feilgeboten werden. Was sagte ich: Mystik will sich selbst mitteilen – ja, die Esoterik kommt von der Mystik her, daher auch ihr Mitteilungsbedürfnis, aber das ist keine Mystik, sondern ein – ismus unter vielen anderen, das ist Massenware wie der gesamte Konsumbetrieb – Massenware mit voraus geplantem Verfallsdatum. Das will keine endgültigen Ergebnisse, sondern nur vorbereiten auf das nächste Produkt. Alle Hinweise auf eine angebliche „Innenseite“ der Religionen sind Humbug und Werbestrategie, denn solche Innenseiten der Religionen gibt es gar nicht. Gemeint ist damit stets nur das Echo, das eine bestimmte Religion im Gefühlsleben eines konkreten Menschen erzeugt und anrichtet. Es gibt also gar keine „echte“ und „unechte“ Esoterik, sondern die einzig „echte“ Esoterik ist jenes Masseprodukt als das sich „moderne Spiritualität“ hier und jetzt  verkauft.

Und Gnosis – Gnosis ist viel zu real als dass sie jemals esoterisch sein könnte. Dem, der sie treibt, fehlt jede Sehnsucht nach Verklärung und Überhöhung, fehlt jeder Ehrgeiz in Bezug auf „Wunder“ die man tun oder erleben könnte, Gnosis ist die blanke Frage: warum bin ich was ich bin und wie steht das was ich bin in Beziehung zu allem anderen das ich wahrzunehmen in der Lage bin? Was kann, was sollte ich darin tun oder lassen, was weitersagen und wovon besser schweigen? Gnosis kennt keine Rituale und keine Sentimentalitäten, allenfalls Techniken um mit dem oder jenem Phänomen zurande zu kommen. Der Unterschied zwischen einem Gnostiker und einem Esoteriker ist der eines Arztes zu einem Kurpfuscher. Der Arzt weiß, was er weiß und er handelt danach; der Kurpfuscher glaubt, dass er etwas weiß und dann handelt er danach. Der Arzt kann sich irren – der Kurpfuscher irrt sich sowieso. Beim Arzt ist der Erfolg die Regel, das Versagen die Ausnahme – beim Kurpfuscher verhält es sich genau umgekehrt. Deshalb wird auch sein Erfolg umso mehr in alle Welt hinausposaunt. Gnostiker sind normalerweise[8] schweigsame Leute, die mit ihrem Wissen nicht hausieren gehen, während der Esoteriker sich am liebsten ein Werbeplakat an den Allerwertesten tackern würde: schaut her, die ihr achtlos an mir vorüber geschritten seid, ich bin göttlich und ich bin Esoteriker, also kehrt um und verwickelt mich in ein Gespräch, damit ich euch die Welt erkläre.

Aber der Gnostiker mag auf den Mystiker gütig lächelnd herabschauen, der Mystiker mag deswegen auf den Gnostiker wütend sein – beide jedoch werden für Esoterik aber auch gar nichts übrig haben. Und die armen Esoteriker werden ihrerseits weder den Mystiker, noch gar den Gnostiker auch nur im Ansatz verstehen können. Die Tragik ist nur die, dass sie das selbst nicht wissen und meinen, von beidem etwas zu sein. Nun, ich sagte, Mystiker und Gnostiker könnten nicht zueinander kommen – wie sollen angesichts dessen jemand „etwas von beidem“ sein können? Wenn das so ist, kann er nur gar nichts sein, denn gar nichts formt sich allerdings allem an…

 

 

 


[1] Die fünf Bäume im Paradies sind wohl das beste Bild für die Art und Weise, wie Gnosis zu ihren Ergebnissen kommt.

[2] Eremiten, Sadhus, Wanderprediger, Wundertäter etc. pp.

[3] der größte Teil dieser dokumentarischen Korrespondenzen ist in den Jahrtausenden seither verloren gegangen, aber allesamt sind sie Erben des alten Jenseitsführers der Ägypter und seiner Modifikationen.

[4] Man wird mir, ich sehe es, nun die Bahai entgegen halten und auch die Ahmadiya. Aber diese Bewegungen distanzierten sich selbst ausdrücklich vom Islam indem sie „schirk“ begingen, die Sünde der Beistellung und indem sie das Dogma von Mohammed als dem Siegel der Propheten nicht anerkennen wollten, ihren Gründern vielmehr Mohammed überbietende Autorität zuerkannten.

[5] das ist der mit den Zahlenspielereien…

[6] gemeint ist das „rote Buch“ in dem der junge C.G. Jung seine Erlebnisse festhielt und von dem er sich später vehement distanzierte.

[7] Eigentlich überflüssig zu erwähnen, dass das insbesondere katholische aber auch und sogar mehr noch das kalvinistische Christentum mit seiner Leibfeindlichkeit und seiner Forderung nach steter Selbstverleugnung diese Haltung geradezu herausgefordert hat.

[8] Es scheint, als würde ich das Schweigen brechen – das tue ich keineswegs, denn über das Eigentliche der Gnosis kann niemand reden, sondern ich befasse mich nur mit den und jenen notwendigen Abgrenzungen. Denn wir leben in einer Welt, in der Religionen und Spiritualismen zuhauf existieren, viele  haben irgendetwas von der Gnosis geraubt und so ist es nötig, das Geraubte wo immer möglich zurück zu holen oder, geht das nicht mehr, es wenigstens als Diebesgut zu kennzeichnen.

Die Antwort ist denkbar einfach: er nützt uns gar nichts. Erstens deshalb nicht, weil wir ohne entsprechende Zwangsmaßnahmen überhaupt nichts über unserer „Reinkarnationen“ erfahren können, zweitens, weil wir dann immer noch nicht wissen, ob es wirklich so ist oder ob unsere Wünsche mit uns Karussell gefahren sind und drittens, weil alle diese „Leben“, sollten sie denn stattgefunden haben, abgeschlossen sind und uns in diesem Leben ohnehin nicht helfen können.

Aber  Milliarden Menschen glauben doch fest an Reinkarnation und teilweise belegen sie deren Existenz sogar mit eindrucksvollen Beweisen, ich denke da an einige Vorfälle im Bereich des Hinduismus. Sind die alle wahnsinnig? Nein, das sind sie nicht[1]. Nur geht es dabei etwas anders zu, als hinduistische, buddhistische oder auch esoterische Interpretationen vermelden. Und die Quintessenz von alldem ist: obgleich so etwas stattfindet, ist es für uns nicht nötig, uns damit zu befassen. Damit jeder weiß, wie es aber zustande kommt, dass ein Ich Erinnerungen an vorige Personen hat, die es „gewesen ist“ will ich hier einmal erklären, wie es zu solchen Phänomenen überhaupt kommt und warum der Glaube oder Nichtglaube an sie überhaupt nichts zur Sache tut.

Erstens: kein einziger Mensch auf dieser Erde ist wirklich und wahrhaftig und in Gänze „hier“. Vielmehr ist jeder, ob er es weiß oder nicht nur in der Weise hier gegenwärtig, wie es der Zeh eines Menschen in einem Gewässer ist – er gehört wohl dazu und für jeden Fisch, der zufällig vorbeischwimmt, stellt er ein ganzes Objekt dar (weshalb manche gern daran knabbern), aber kein Mensch wird diesen Zeh, den jemand ins Wasser hält, als den ganzen Menschen ansehen wollen. Denn er weiß es besser – der Fisch aber nicht. Das bedeutet, die biologische Lebensform Mensch ist ohne Zweifel als biologische Lebensform dem „Wasser“ zugehörig, in welches er seinen Zeh hält, aber es ist mehr, was ihn ausmacht. Die Lebensform Mensch ist ein „multidimensionales“ Phänomen in dem sich ganz unterschiedliche Seinsformen zu einer funktionalen Einheit zusammen gefunden haben.

Zweitens: während der Mensch am „Wasser“ sitzen bleiben kann, solange es ihm zusagt, muss er den Zeh doch irgendwann aus demselben ziehen, weil er nämlich kalt wird und sich bei dauerndem Aufenthalt im Wasser auch sonst nachteilig verändert – will sagen, der Mensch stirbt – die Lebensform, die ihn „ins Wasser hält“ aber nicht. Da der Zeh, bleiben wir einmal bei ihm, aber nicht dauernd im Wasser bleiben kann, versucht das Ich, welches die Natur des Wassers in einem langwierigen Experiment erkunden will, es mit anderen Körperteilen, anderen Zehen, Fingern, die es alle bereits an sich hat, die er aber erst nach und nach ins „Wasser“ gibt, denn ein Berührungspunkt reicht ihm aus. So entsteht ein Nacheinander von „Inkarnationen“, die aber insgesamt alle bereits existente Facetten ein und desselben mehr oder weniger Selbst – bewussten Akteurs sind. Er probiert dies, er probiert das und wenn es sein kann, noch etwas ganz Anderes, aber es ist immer derselbe Akteur, der da probiert und untersucht, was er und das Wasser einander zu sagen haben könnten.

Drittens: es ist nicht notwendig, dass die eingetauchten Glieder voneinander wissen – es ist nur nötig, dass der Akteur über seine Aktionen Bescheid weiß und dass sie ihm in irgendeiner Weise nützlich sind und, was sage ich, sie werden es sein, denn Unnützes tut das Leben nicht und wenn es noch so viele Umwege macht. Erfolgen solche Aktionen nicht bewusst, so folgen sie der von der Beschaffenheit des Akteurs vorgegebenen Handlungsstruktur jeweils auf dem Wege des geringsten Widerstandes und nach dem Prinzip der Passgenauigkeit – also dem der Evolution und das bedeutet, sie geschehen in minimalsten Schritten, aber sie geschehen, sobald immer die Bedingungen dafür geeignet sind. Die sind, je nach der Eigenart des Akteurs, sehr verschieden, denn kein solcher Akteur gleicht dem andern, wenn auch gewisse grundlegende Ähnlichkeiten nicht zu leugnen sind. Alle werden sie einen Kopf, einen Rumpf und dieselben Gliedmaßen haben, alle werden sie aus befruchteten Keimen entstehen, alle werden sie nach einem zwischen diesen Keimen ausbalancierten Bauplan entstehen, den man DNS (Desoxiribonukleinsäure) nennt und die als solche ein Derivat einer anderen Aminosäure, der RNS (Ribonukleinsäure) ist. Diese gibt sozusagen das Grundmuster vor, während die DNS für die „Feinheiten“ sorgt. Dabei passieren natürlich auch Pannen – aber Vorsicht, manche dieser Pannen haben es in sich, vor allem dann, wenn es um die intellektuelle Leistungsfähigkeit des späteren Menschen geht. Man kann nie sagen, ob eine solche Abweichung nicht in der „Absicht“ des abwesenden Akteurs liegt, der damit einen ganz bestimmten Zweck erfüllen und etwas ganz Bestimmtes wissen möchte. Körperliche Entstellungen sind hingegen meist auf Unverträglichkeiten der Keime untereinander zurück zu führen, obwohl… so mancher Wildling hat schon versucht, wie es sich ohne Beine oder Arme dennoch leben lässt, denn die Neugierde der ewigen Wesen mit dieser so fragilen und flüchtigen Lebensform dies und das anzustellen ist unersättlich. Man kann es in etwa mit einem Kind vergleichen, das einer gefangenen Fliege die Beinchen ausreißt um zu sehen, wie sie auf drei oder gar zwei Beinchen noch vorwärts kommt – dass man das nicht macht, wer soll das von Anfang an wissen, verhalten sich doch auch  ausgewachsene Menschen untereinander oft genug nach diesem Schema. Die Aminosäuren sorgen also dafür, dass erstens ein Mensch, zweitens dieser oder jener bestimmte Mensch entsteht: mit blondem oder schwarzen Haar, blasser oder dunkler Haut, männlichen oder weiblichen Geschlechtsmerkmalen, kräftigen oder zarten Muskeln, wenig oder starker Körperlänge und so fort, die sogenannten Erbkrankheiten inklusive, die mit der mütterlichen oder väterlichen DNS in die neue DNS eingegangen sind, die sich aus beiden bildete. Die Aminosäuren sind aber nicht Besitz der Mutter oder des Vaters, sondern sie sind Bestandteile der Struktur, die man Materie nennt und die das Universum bildet. Und so sind wir Menschen durchaus, wie es jemand zu nennen beliebte, Sternenstaub, aber eben eine ganz bestimmte Sorte und unter ganz bestimmten Bedingungen, sonst bleibt es beim Sternenstaub. Wie man schon sieht… von der Idee, dass da jemand „dran gedreht“ haben könnte, nehme ich entschieden Abstand. Ich nehme aber keinen Abstand von der Annahme, dass das Generalprinzip von allem was geschieht, also die Evolution selbst, etwas ist, woran durchaus „gedreht“ worden ist. Es bleibt bei allem jedoch dabei, dass es für die entstehende Lebensform nicht notwendig ist, um alle vorigen Lebensformen, welche mit „seinem“ Akteur zusammen hängen, zu wissen. Im Gegenteil – es wäre sehr schädlich, denn es wäre verwirrend und würde die Eindeutigkeit des Ergebnisses verzerren, wenn Elemente aus andern Experimenten da hinein gerieten. Irgendwann, niemand kann das vorhersagen, wird dann der ganze Faden der Experimente „hochgezogen“ und unser Akteur kommt zu sich selbst und weiß um sich selber und dann also auch um alles, was er derweil so getrieben und womit er herumprobiert hat, aber – das interessiert ihn dann schon nicht mehr.

Ich sagte, diese Dinge gelten für den, der an sie glaubt ebenso wie für jeden, der nicht daran glaubt. Und es gibt auch gute Gründe, sehr logische, warum es so sein sollte. Ein Leben bis zu dem Punkt zu führen, an dem ich angekommen bin und an dem auch jeder andere Mensch ankommen kann, beansprucht sehr viel mehr Zeit als ein selbst langes Erdenleben hat. Dass es diesen Punkt gibt, dafür kann ich allerdings garantieren – allerdings glauben die meisten nur, dass sie an ihm wären. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die dort wirklich angekommen sind, am nächsten ist ihm wohl der Siddharta Gautama gekommen, eine Ahnung davon was es sein könnte streifte auch Rumi, aber er blieb gottsuchender Mystiker und damit zurück, ein weiterer Kandidat war vielleicht Friedrich Nietzsche der Philosoph der erkannte, dass Gott tot ist (was richtig ist), aber der wurde durch seine Krankheit an der Rezeption dessen gehindert. Dann kenne ich noch einen, dem es ähnlich wie Nietzsche ging, einerseits kam er dahin, andererseits wurde er durch Sucht daran gehindert, es aktiv umzusetzen und ich kenne einen, der leider irgendwie das Gottmärchen noch spielt obgleich er es längst besser wissen müsste. Aber all diese Gestalten und noch einige mehr sind schon zu viele um das, was da geschehen kann, ins Reich der Fabel zu verweisen. Es gibt dieses Ganze, das der Mensch recht unbeholfen Gott nennt, und das sehr viel mehr ist als die Summe einiger Reinkarnationen. Nur eines ist wahr und wird immer wahr bleiben solange die Erde besteht: an einem anderen als an einem wie sie gearteten Punkt kann man zu sich selbst nicht kommen. Daher ist das so kurze Erdenleben leider Pflicht und nicht etwa Kür, und da es eben nicht ausreicht wie es ist, hat man mehreres davon, das ist alles. Wie viele man hat, richtet sich nach der Bewusstheit mit der man die Dinge angeht, denn es ist dabei durchaus möglich, Wissen zu erwerben und das Heft selbst in die Hand zu nehmen, man muss nicht warten bis „es“ passiert. Man muss auch nicht von einem Versuch zum andern Äonen warten – bei mir waren es von meinem letzten Todestag bis zu meinem letzten Geburtstag knapp sechs Jahre[2], mein letzter Schnaufer war also sozusagen auch schon mein erster Schrei.

Wo und wann mir das klar wurde? Nun, nicht beim Reinkarnationstherapeuten, der mir diesen und jenen Bären aufgebunden hat, sondern dort, wo wir alle gleich nackt und  bloß sind: in unseren Träumen. Weil es so gar nicht in das Bild passte, das ich damals von mir hatte, habe ich mich sehr gewundert, wie ich in diese Umgebung komme – und nicht nur einmal, sondern in ganz verschiedenen Situationen so als wollte mir jemand sagen: bitte, vergiss das nicht. Eine andere Inkarnation wurde mir auf demselben Wege schon früher eröffnet, auch durch mehrere Sequenzen hindurch – aber die war um Längen angenehmer. Verwundert hat aber auch sie mich, denn ich bin mitnichten ein Mensch, der auch nur irgendetwas von diesen beiden psychologischen Mustern an sich hat. Ich bin weder ein übertriebener Rationalist, noch bin ich irgendwie sentimental und ein Familienmensch wie die letzte Inkarnation bin ich schon gar nicht. Immerhin – die Geschichte beider Personen kenne ich jetzt besser als die Historiographen, die sich mit ihnen beschäftigt haben, denn ich kenne sie von innen her. Man fragt auch oft, warum Reinkarnationen immer bedeutende Persönlichkeiten sein müssen. Nun, ich weiß aus meiner eigenen Erfahrung, dass dies keineswegs der Fall ist und Ergebnissen sogenannter Reinkarnationstherapien misstraue ich ohnehin gründlich, denn hier ist sehr oft der Wunsch der Vater des Gedankens, der tief verborgene Wunsch, sich irgendwie aus der Masse des Allerlei zu heben, der in der Hypnose dann herauf geholt wird und solche Chimären produziert. Die echten Reinkarnationen kommen über den Menschen ohne dass er sie ruft oder rufen lässt und sie können sehr banal sein.

Es gibt bei dem ganzen Schnüffeln nach Reinkarnationen, welches die Esoterik anstellt, ein paar bedeutsame Klippen, deren eine die bewusste Identifikation mit bestimmten Menschen ist, die man bewundert oder auch (durchaus) verabscheut, aber mit jenem Abscheu, der fragt: wie ging das, wie konnten sie sein was sie waren? Und so kommen wir dann auf einige gute Dutzend Napoleons oder Luthers oder auch, unseligen Angedenkens, Adolf Hitlers und einige andere Personen der Weltgeschichte sind auch regelmäßig mit von der Partie. Dagegen gilt aber eisern: wir waren nicht, was wir bewundern, sondern was wir waren wissen wir nicht, bis es sich uns offenbart; es offenbart sich uns niemals ohne Grund, bestimmt aber niemals aufgrund einer Hypnosesitzung. Unsere Sympathien mit bestimmten Kulturen oder Personen haben damit nichts zu tun. Ich sage das, weil ich in der Vergangenheit durchaus auch in solche Fallen getappt bin. Das Ergebnis war dann weitaus bescheidener oder auch unbescheidener, wie man will, aber mitnichten so reichhaltig wie meine Interessen am menschlichen Geistesleben gestreut sind. Mitunter aber klappt es doch – da gab es in einem indischen Dorf eine Frau von der niemand mehr spricht und die niemand mehr kennt, aber von dieser Frau her rührt meine Vertrautheit mit der hinduistischen Kultur Indiens. Sie lebte in einem relativ großen Holzhaus mit schön geschnitzten Details und sie lebte von ihrem inneren Empfinden her glücklich inmitten ihrer Familie und ihrer Gemeinschaft. Nach der unmittelbaren Umgebung zu urteilen war das wohl mehr im Norden und die Zeit war wohl eher die vor der Eroberung des Nordens durch die Moghuln, aber Indien ist ja in gewisser Weise zeitlos und so könnte es auch gut und gerne das vorvergangene Jahrhundert gewesen sein oder die erste Hälfte des vergangenen. Hingegen habe ich mit den Kulturen des amerikanischen Kontinents oder mit Afrika, sieht man von Ägypten ab, keinerlei Berührungspunkte, auch nicht mit Australien oder mit Polynesien, obgleich alle diese Kulturen, auch die Ostasiens, mich brennend interessieren. Ich weiß auch nichts mit Russland anzufangen und nichts mit Skandinavien, Frankreich oder den Niederlanden, nichts mit Polen, nichts mit dem Balkan und meine Erinnerungen an Griechenland sind so alt, dass es damals noch kein Griechenland gab, nicht einmal eine kretisch – minoische Kultur, daher ist, was da kommt eher schattenhaft und von einem seltsam dunklen, grünlichen Licht erfüllt wie es ganz sicher keines zu der Zeit gegeben hat. Es sind eben „alte Kamellen“ und für meine spätere Entwicklung als Wesen sind sie ganz und gar unwichtig.

Damit komme ich zu einem weiteren Punkt in der Skala der die Reinkarnation betreffenden Vorurteile: dem sogenannten Karma. Damit wird schlicht und einfach, so es richtig gemacht wird, die Quintessenz der Erfahrungen gemeint, die das Wesen in und mit einer bestimmten Versuchsanordnung gemacht hat. Auf seine weitere Entwicklung haben diese Erfahrungen wohl einen im weitesten Sinne pädagogischen aber keinerlei prädestinativen oder gar moralisierenden Einfluss. Daher folgt die „Kette der Reinkarnationen“ auch keinem „karmischen Gesetz“ in herabgesetzter oder heraufgesetzter sozialer Rangordnung, wie es die Hindus glauben, sondern sie folgt einzig und allein dem Willen und Vorsatz oder eben im anderen Falle der sich ergebenden Gelegenheit seitens des konkreten Wesens. Da auch dieser Wille sich mit der fortschreitenden Reife eines Wesens ändert, kommt dabei dann schon eine gewisse Konsequenz zum Vorschein – wenn man es von hinten her betrachtet – aber mit menschlichen Parametern ist diese Konsequenz nicht zu vergleichen.

Aber was hört man nicht alles für Mären vom Karma? Es soll karmisch ungünstige Verhältnisse oder Orte geben – mit sind, irdisch wie spirituell, keine bekannt. Es soll karmisch gut sein, dies oder jenes Ritual durchzuführen – ich wüsste nicht wozu das am Ende gut sein sollte. Es soll gar Menschen geben, mit denen umzugehen karmisch vorteilhaft oder unvorteilhaft wäre  – mir sind solche Menschen noch nie über den Weg gelaufen und ich kenne sowohl „Erleuchtete“ als auch Kriminelle und ziemlich viel dazwischen. Aber wenn sie auch nicht „karmisch“ waren, also auf mich keinerlei existenziellen Einfluss auszuüben imstande waren, eines waren sie mit Bestimmtheit: interessante Einblicke in die Vielfalt menschlicher Möglichkeiten. Halten wir aber fest: immer und unter allen Umständen ist er Mensch in dem sich das Wesen in einem bestimmten Aspekt offenbart, für seine Handlungen selbst verantwortlich, er wählt sein Milieu, er wählt seine Taten und er allein entscheidet darüber, ob er eine Tat unterlässt. Es ist ein Mythos, dass der Mensch lebenslang von seiner Kindheit abhängig wäre… wobei ich durchaus in Rechnung stelle, dass nicht erworbenes Urvertrauen den Lebensweg eines Menschen schon erschweren kann – aber es beraubt ihn nicht der Möglichkeit zur eigenen, autonomen Entscheidung über dieses Leben. Nein zu sagen ist ihm immer und jederzeit gegeben – es sei denn, er wolle dies nicht, dann kann keine Macht der Welt ihn dazu bewegen. Sicher hat seine Verantwortlichkeit auch ihre Grenzen – für das was er nicht wissen kann (und er ist nun einmal niemals alles wissend), kann  er auch nicht verantwortlich gemacht werden – aber innerhalb dieser Grenzen ist es unredlich, von der Verantwortung eines Anderen zu reden, wenn es um die eigenen Taten geht. Über sein „Karma“ also die Gesamtheit der in einem Leben gemachten Erfahrungen und ihre Be- respektive Ver – wertung bestimmt jedes Wesen aus eigener Machtvollkommenheit. Die nun wieder richtet sich nach dem, was dieses Wesen von sich selbst weiß – und nach dem, was sie als Kompass dieses Lebens in sich selber fühlt. Denn jeden Menschen ist ein tiefes Gefühl dessen zu eigen, was er tun sollte und was nicht, wem er folgen sollte, und wem nicht. Wenn so das „Herz“ Ja gesagt hat und der Verstand Nein, dann sollte man dem Herzen folgen, umgekehrt auch, wenn das Herz Nein gesagt hat und der Verstand Ja. Denn das, was wir das „Herz“ nennen, ist das Zentrum unseres Bewusstseins auf Erden und schon beinahe nicht mehr auf Erden, so tief ist es in uns verankert und so sicher vor jedem fremden Einfluss. Aber weil es so tief und sicher „vergraben“ ist, kann es zuweilen auch überhört werden, so eindringlich sein Schrei: lass das! oder auch: mach das! ist. Wir haben die Möglichkeit, es mit unseren Verstandesgründen zu übertönen – freilich, die Konsequenzen werden dann die nämlichen sein, das Fiasko nämlich, in das uns unsere Argumente führten. Aber da ist nichts von einem „allwaltenden“ Karma, sondern das sind, vom Zeh bis zur Haarspitze, wir selber und zwar nicht in irgendeiner Inkarnation, die lang verwest ist, sondern genau in dem Moment, in dem wir tun was wir tun. Da ist lange zum Reinkarnationstherapeuten rennen reine Geldverschwendung. Dann werfe man es besser in die Kläranlage, dort kann es als Filterpapier noch einen gemeinnützigen Zweck erfüllen.

Fakt ist: was wir selber sind, kann uns keine Reinkarnation erklären, weil sie selbst nur Etappe auf dem Weg ist und keineswegs einem linearen Fortschritt dient, sondern im allgemeinen einer chaotischen Versuchsplanung folgt. Nicht wir sind die Folge unserer Reinkarnationen, wie uns Hinduismus und Buddhismus erklären wollen, sondern unsere Reinkarnationen sind im Gegenteil die Frucht unseres komplexen Wesens, das sich mit ihrer Hilfe selbst ordnet indem es dies und noch etwas versucht. So kann eine Inkarnation tief hinunter führen, die nächste womöglich noch tiefer und beide dienen nur dem Zweck, etwas bis zuletzt Aufgehobenes nun endlich doch zu tun und so geschieht das Größte oft gerade dort, wo der Unkundige das Kleinste vermutet. Viele Erste werden Letzte sein und vice versa und man soll nicht von der Gestalt eines Menschen auf dessen geistige Bedeutung schließen wie das Hindus oft tun[3], aber auch Menschen in unseren Breiten lassen sich oft von einem Anzug mehr leiten als von einem Wort[4].

Es kommt und dies ist mein Anliegen zu erläutern, nicht auf irgendwelche moralischen oder gar „kosmischen“ Gesetzlichkeiten an, denn solche gibt es zumindest in der Welt des Geistigen nicht, sondern einzig und allein auf Willen und Vorsatz dessen, der sein Leben, ungeachtet aller früheren Leben, auf sich nimmt, sich zu ihm bekennt wie es ist und – es nach bestem Wissen und Gewissen in Verantwortlichkeit vor seinen Mitmenschen lebt. Ist er arm, so strebe er nicht nach Reichtum, ist er wohlhabend, so strebe er nicht nach mehr, sondern genüge sich darin, Erreichtes zu bewahren und wenn ihm das nicht gelingt, möge er nicht traurig sein… es ist eine alte Weisheit und sie bewahrheitet sich immer wieder, dass jemand, je näher er den wirklich wichtigen Dingen ist, den Äußerlichkeiten des Lebens immer ferner rückt. Er möge sich davor hüten, die notwendigen Dinge schleifen zu lassen, dann hat er für seine menschliche Existenz genug getan. Wenn er Wissen erwerben will, so erwerbe er es ohne Scheu so viel er davon kann, es wird ihm zwar nicht dabei helfen, zu sich selber zu kommen, aber es könnte ihm dazu verhelfen, mit dieser Welt besser zurecht zu kommen. Frühere Inkarnationen sind dabei, wie man verstehen wird, nicht von Interesse, es geht immer um dieses konkrete Leben und um nichts anderes – in den vergangenen ist es auch nur darum gegangen. Das, was vergangen ist, kann uns in der Gegenwart nicht mehr nützen, noch kann es dem, was wir in der Vergangenheit getan haben, irgendwie nützlich sein, denn beides ist eben dadurch, dass eins vergangen ist und dem gegenwärtigen Dasein unerreichbar, von keinerlei Interesse mehr für uns.

Was soll und was nützt Reinkarnationsglaube? Ich sagte, er nütze uns nichts, vielmehr, sage ich, nützt es uns etwas, das Leben, das wir haben, so bewusst und verantwortungsvoll wie nur möglich zu führen. Das ist nicht einfach, viel leichter ist es, uns treiben zu lassen und dabei vielleicht noch einigen Inkarnationen träumend nachzuhängen, in denen wir vielleicht mehr vermocht und auch getan haben und die sich weitaus bequemer leben ließen. Inkarnationen, sagte ich, finden zwar statt, aber sie haben keinerlei Wert für unsere Selbsterkenntnis. Sie sind vielmehr ein Puzzle, sagte ich, das sich erst im Moment in dem wir uns selbst erkennen, zu einem Einzigen zusammensetzt und als Bild zu betrachten ist. Keine von ihnen war vergeblich – aber auch keine brachte uns die Erkenntnis dessen, was wir sind  – manche, sehen wir dann, waren näher daran, manche standen dem ganz fern, und alle insgesamt kreisten um das, was sie dann nicht erreichten und wurden unwesentlich, sobald es erreicht war. Was aber nichts mehr vor sich hat, was keine Zukunft mehr hat, in der es sich verändern könnte, wird als Vergangenes sichtbar und so sieht jeder, der sich selbst erreicht hat, das, was dahin führte – aber nun nirgendwohin mehr führen kann und damit auch ganz und gar obsolet geworden ist.

Halten wir fest: Inkarnationen, „frühere Leben“ gibt es, denn wäre das Ziel der Erkenntnis auf ein einziges Leben begrenzt, niemand könnte es jemals erreichen und außerhalb der menschlichen Sphäre ist es ohnehin unerreichbar. Die Etappen langsamer, evolutionärer Formung sind notwendig, für den Leib, wie für den Geist. Aber – frühere Leben bedeuten nichts als eben stattgehabte frühere Leben. Durch sie wird das Ziel der Erkenntnis sozusagen millimeterweise eingekreist bis nichts mehr bleibt um ihm auszuweichen. Aber kein einziges „früheres Leben“ kann auch nur einen Millimeter zu unserem gegenwärtigen wegnehmen oder  hinzutun, jedes Leben steht für sich, keines ist mit dem anderen irgendwie „karmisch“ verbunden, keines folgt aus dem anderen, hier irrt auch der Buddhismus, der erklärt, dass ein Leben sich aus bestimmten Eigenschaften zusammensetzen würde, die von der früheren Inkarnation besonders präferiert worden wären. Ist das Experiment abgeschlossen, dann ist es abgeschlossen und von keinem geht mehr etwas in ein anderes über – nur von dem Wesen, das sie alle in der Hand hat, kann etwas an Erfahrung aus einem in ein anderes Leben übernommen werden.  Das geschieht aber nicht karmisch, sondern je nach Notwendigkeit und Tauglichkeit, nicht vergeltend, sondern auswertend. Das Wesen, der Gott in uns, ist der Designer und er allein ist fähig, jene Konstellation zu schaffen, in der er sich im Menschen spiegeln und wiedererkennen kann und im gleichen Moment sagt auch der Mensch „das bin ich“. Alles was jemals gewesen ist, ist in dem aufgehoben und eine Zukunft wird von hier aus erst bewusst gemacht, vorher gab es in diesem Sinne keine, sondern nur ein Weiterschieben des Bekannten in Unbekanntes hinein. Ein Prozess ist abgeschlossen, ein neuer beginnt, denn die Bewegung, die mit dem Öffnen des Ursprungs und Vorbilds von allem begann, ist niemals abgeschlossen. Was also soll uns da der Blick nach hinten in das, was wir ohnehin nie mehr erleben werden? Alte Leben sind zerfallen wie alte Häuser. Wir haben vielleicht noch ein Foto davon – mehr haben wir nicht. Ob wir also an Inkarnationen glauben oder nicht – es kommt auf eines hinaus: wir leben jetzt und ein anderes Leben haben wir auf Erden nicht. In dieser Einsicht können die, welche daran glauben und die, welche das ablehnen, miteinander in Frieden leben – sie haben einander nichts voraus und nichts zurück und müssen einander nicht bezweifeln. Und die diversen Reinkarnationstherapeuten – ach Leute, wenn ihr nicht gerade entschieden des Geldes zu viel habt, dann spart doch eure Groschen besser für ein gutes Essen, einen guten Tropfen oder ein schönes Konzert…

 

 

 


[1] auch dann nicht, wenn wir in Betracht ziehen, dass Milliarden andere Menschen einem anderen Irrglauben huldigen und das klappt auch…

[2] übrigens war ich ganz und gar nicht erfreut über diese vorige Inkarnation….ich halte sie für einen großen Fehler, aber auch einige andere waren falsch berechnet sodass das dann nicht weiter ins Gewicht fällt.

[3] Dazu gehört auch die Beachtung, welche der mit Absicht exotisch oder schockierend auftretende Sadhu genießt.

[4] ebenfalls rituelle `Kleidung inbegriffen

oder: wie man den Feiertag als Feiertag feiert

 

Ich weiß nicht, ob jemand von euch weiß, was ein englischer Sonntag ist. Er ist das Urbild ritualisierter Langeweile. Nach dem Frühstück geht es in die Kirche. Nach dem Kirchgang wird in aller Eile ein frugales Mittagessen serviert und dann – ist bis zur Teatime erst mal Schlafenszeit für die, die schlafen können und für die andern gilt: Flüsterzeit. Nach der Teatime (Tee und Gebäck) ist Zeit für Spaziergänge und nach den Spaziergängen gibt es das Roastbeef, das schon den halben Tag über samt Zutaten im Ofen schmort. Die Mahlzeit zieht sich hin und danach ist der Mensch so satt und voll, dass er nur noch ins Bett fallen kann – die Hausfrau allerdings erst nachdem sie den umfänglichen Abwasch beseitigt hat, falls sie diese nicht auf Montag in der Frühe verschieben oder an die Spülmaschine delegieren kann.

Aber – der englische Sonntag hat auch eine Kehrseite: die Läden sind offen, zwar nicht zur Kirchgangszeit, aber gleich danach öffnet alles, was öffnen kann. Daher ist in den Großstädten auch am Sonntag alles auf den Beinen, was irgend noch einen Konsumwunsch und Geld hat um es dafür auszugeben. Es finden Rennen und diverse andere Sportveranstaltungen statt  und wer will, amüsiert sich wahrhaft königlich – falls er nicht in einer Kleinstadt oder auf dem Dorfe lebt, denn dort wird sehr genau hingesehen, wer es mit der Sonntagsruhe nicht so genau nimmt. Wer gar Sonntags in den Pub geht, ist ein Säufer… aber der Pub hat geöffnet.

Man schmähe mir aber die Briten nicht; auf diese Weise haben sie erreicht, was sie unter den gegebenen Umständen nur erreichen konnten, nämlich das Ruhebedürfnis der Einen mit der Kommerzialität der Anderen und Beides mit der christlichen Religion überein zu bringen. Übrigens: der deutsche Sonntag ist noch öder, denn die Geschäfte sind zumeist und großenteils geschlossen und auch die Restaurants haben Sonntags gern ihren wöchentlichen Ruhetag  – Sonntag  und Montag sind beliebte Schließtage. Dafür gibt es Samstags meist bis in den Sonntagmorgen keine Ruhe, weder in den Lokalen, noch auf den Straßen, auch Parks und Wälder sind erfüllt vom mehr oder weniger penetranten Lärm feuchtfröhlichen Partylebens unter freien Himmel – wenigstens von Mai bis September.

All das aber wird übertroffen durch die Situation in Israel. Wohlgemerkt, ich meine das moderne Israel, nicht die antike Nation. Da geht nämlich am Sabbat gar nichts. Busse und Bahnen bleiben in den Depots, es verkehren keine Taxis und wenn, dann ist der Fahrer kein Jude und hat eine Sonderlizenz, Flugzeuge bleiben am Boden und nicht einmal eine Imbissbude hat am Sabbat geöffnet – neuerdings hört man von einigen Touristenlokalen, aber dort arbeiten dann ebenfalls keine Juden, dasselbe gilt von den Hotels – nur die Krankenhäuser werden betrieben, denn des Menschen Gesundheit geht dem Sabbat vor und die Polizei und Feuerwehr sind gleichfalls in Bereitschaft, denn auch die Verhütung von Katastrophen ist mit der Sabbatruhe vereinbar. Ehe der Sabbat beginnt, wandert die Uhr in die Schublade und das Telefon wird aus der Dose gezogen, das Handy ausgeschaltet. Es ist Feiertag und man meint es ernst. Nun, sicher meinen es nicht alle Israelis gleichermaßen ernst, aber Israel ist ein jüdischer Staat und das bedeutet: der Sabbat ist nach uralter Tradition heilig.

Dabei sind wöchentlich wiederkehrende Feiertage eigentlich ein Luxus. Die antike Welt, außerhalb Israels kannte dergleichen nicht. Stattdessen gab es eine Unmenge von Festtagen, die bunt durch das Jahr verteilt wurden und wer konnte, hielt diese Tage arbeitsfrei, es war aber keine Pflicht. Wer arbeiten musste, der arbeitete und ein antiker Arbeitstag konnte gut und gern seine zwölf Stunden haben, allerdings: diese zwölf Stunden wurden nicht im Akkord „heruntergeschrubbt“, sondern es war üblich, kürzere oder auch längere Pausen einzulegen. Hintereinander weg arbeiteten nur die Badesklaven in den Thermen[1], die Bergarbeiter- und die Feldsklaven und – die Strafgefangenen. Auch die Soldaten exerzierten nicht den ganzen Tag. Andererseits hatten die Frauen und die Sklaven auch an „freien“ Tagen genug zu tun, denn der Haushalt musste ja dennoch besorgt werden. Sie hatten sogar mehr zu tun, denn Feiertage waren oft mit Besuchen und Gegenbesuchen verbunden. Die Juden allerdings arbeiteten an diesem einen Tag in der Woche wirklich und wahrhaftig überhaupt nicht, weder sie selbst noch ein Sklave, noch ein Fremder, denn der Sabbat galt für alle. Aus diesem Grunde waren jüdische Sklaven zum Beispiel im alten Rom sehr unbeliebt, denn sie waren am Sabbat durch nichts zur Arbeit zu veranlassen. Man konnte sie dafür strafen, wenn man wollte, aber wer schädigte schon gern das eigene Besitztum? Ansonsten galten sie ja als vernünftig, arbeitsam und zuverlässig und vor allem: sie waren ehrlicher als andere, arbeiteten weniger in die eigene Tasche.

Um die Zeitenwende entstand aus der Mitte der jüdischen Religion eine andere, die sich anschickte, erfolgreich  mit ihr zu konkurrieren. Der Grund für ihren Erfolg war, dass sie es denen, die sich ohnehin für das Judentum interessierten, eine bequemere Variante anbot: Man musste sich nicht mehr beschneiden lassen, auch die Ritualgebote musste man nicht halten, die Schriften wurden in Griechisch gelesen, man musste kein Hebräisch lernen, alles was man tun musste, war den einen Gott der Juden bekennen und seinen Sohn, den Messias. Die Paulusbriefe überliefern eines der frühesten Taufbekenntnisse, denn mit der Taufe, also mit der rituellen Waschung, bisher der Übertrittsritus für Frauen zum Judentum, war der Einzug in die christliche Religion vollzogen, mehr war nicht nötig. Zunächst hielten auch die Christen den Sabbat – aber nachdem die Synode von Jamnia die Christen aus der Synagogengemeinschaft hinausgeworfen hatte, sahen sie sich nach einem eigenen „Sabbat“ um und fanden den ersten Tag nach dem Sabbat als den Tag an dem ihr Messias angeblich  von den Toten auferstanden war. An diesem Tag hielten sie seitdem ihre Hauptversammlung ab, was aber Veranstaltungen zu anderen Zeiten nicht verhinderte.

Der Zeitpunkt dieser Versammlungen war der Abend des entsprechenden Tages, seltener der Abend nach dem Sabbat, aber auch dies war möglich, das römische Messbuch bewahrt die Spur solcher Termine noch als „missa in nocte“ auf. Zu diesen Versammlungen kam man gewöhnlich nach getaner Arbeit und eventuell noch einem Besuch in den Thermen, denn körperliche Sauberkeit war den Menschen der Antike ein Bedürfnis und das Christentum eine Religion der Städte, nicht des flachen Landes. Man kam satt (gegessen wurde neben der Arbeit) und man war selten nüchtern, denn Wein und Bier waren verbreitete Durstlöscher. Wenn man in etwa erfahren will, wie Christen zu ihren Zusammenkünften kamen, dann lese man, was Paulus über die Zustände in Korinth schreibt, in anderen größeren und kleineren Städten wird es ähnlich gewesen sein. Es gab auch keinen festen Beginn für die Feier, sondern man trudelte eben so ein während die Veranstaltung bereits lief. Daher begann sie auch nicht mit dem rituellen Teil, sondern mit einem geselligen Beisammensein, das durch einen Vortrag  mit einem abschließenden Segensgebet vom rituellen Teil geschieden wurde. Vor dem rituellen eigentlichen Mysterienmahl hatten alle Ungetauften die Örtlichkeit zu verlassen. Vom Mysterienmahl aber gingen die dazu Berechtigten nach Haus und in ihre Betten… es war ohnehin meist spät geworden.

Wann nun wurde der Sonntag zum arbeitsfreien Tag? Während man allgemein annimmt, dass er durch einen Erlass Konstantins des Großen 321 unserer Zeitrechnung eingeführt wurde, wird eine rigorose Sonntagsruhe wohl erst unter Theodosius I eingeführt worden sein, denn erst dieser erklärte das Christentum und seine Sitten zur ausschließlichen Religion im Reich mit entsprechend monopolisierten Mores. Vordem war es den Christen aber bereits erlaubt, den Sonntag als den angestammten periodischen Feiertag arbeitsfrei und vor allem gerichtsfrei zu halten – sie teilten sich dieses Privileg mit den Anhängern des Mithras, die vor allem unter den Soldaten zu finden waren. Während die Freistellung von der Arbeit nur für die Genannten galt, galt die Gerichtsfreistellung auch für Richter und Anwälte, die, wiewohl selbst „Heiden“, gleichwohl doch Prozesse gegen Christen und im Auftrag von solchen zu führen hatten. Erst unter Theodosius aber hatte sich jedermann nach den Mores der Christen zu verhalten, weil es legale Alternativen zu diesen nicht mehr gab. Seit dieser Zeit aber gehört der arbeitsfreie Sonntag nicht nur zur christlichen, sondern zur europäischen und dann später im Zuge der Kolonisierung, zur globalen Kultur.

Mit dem jüdischen Sabbat hat der christliche Sonntag nur zwei Merkmale gemeinsam: eines ist die Freiheit vom Zwang zur Lohnarbeit, das zweite ist die besonders festliche gottesdienstliche Veranstaltung, durch deren eine oder mehrere der Sonntag, der dies solis, aus dem Alltag heraus gehoben ist. Freiwillige Betätigung ist hingegen auch am Sonntag gestattet, darin unterscheidet er sich vom Sabbat, der nur da Ausnahmen macht, wo es um Menschenleben und ihre Bewahrung geht. Zur freiwilligen Betätigung gehört auch alles, was geeignet ist, dem Sonntag seine besondere, festliche Note zu geben, die nur durch den Charakter der christlichen Hochfeste noch weiter zu steigern ist, falls diese denn auf einen Sonntag fallen, was nicht immer der Fall ist. Fallen dieselben auf einen Wochentag, so nimmt dieser Wochentag den Charakter eines Sonntags an. Der jüdische Festtag aber, der nicht auf einen Sabbat fällt, hat von Anfang an einen eigenen Charakter, in den der Sabbat nur eingebettet ist, falls die vorgeschriebene Festzeit einen solchen einschließt. Er ist also nicht von vornherein dem Sabbat gleichgestellt, es dürfen an ihm Verrichtungen getätigt werden, die der Ordnung des Tages entsprechen, so die Vorbereitung eines Seder zu Pessach oder das Backen des traditionellen Gebäcks zu Rosh Haschana und der Bau und die Bewirtschaftung der Laubhütte zu Sukkot, welches unmittelbar an die Hohen Feiertage anschließt.

Sicher hat der theologisch  spekulative Aufwand, der dann später betrieben wurde, um den christlichen Sonntag an den jüdischen Sabbat wieder anzugleichen mit dazu beigetragen, dass auch Christen damit begannen, ihren Sonntag als eine Art Sabbat für das Neue Israels anzusehen, als welches sich das Christentum immer mehr begriff – aber wenn zum Beispiel Jesus im Thomasevangelium sagt (und das Koptische übernimmt den fremden Begriff wortwörtlich) „wenn ihr den Sabbat nicht als Sabbat feiert…“ und so weiter, dann meint er den jüdischen Ruhetag mit all seinen Akzidenzien und nicht den – viel späteren – christlich/heidnischen Sonntag von dem damals außer dem Namen eines Tages im römischen Kalender nichts Besonderes bekannt war. Sicher, es gibt abschwächende Übersetzungen dieser Forderung dergestalt, dass es um die Beobachtung des Feiertages als solchen gehen sollte, aber das ist hier nicht gemeint. Was hier gemeint ist, erschließt sich schnell, wenn man auf die Genesis als die Urdefinition des Sabbat zurück greift. Der Sabbat ist der Ruhetag Gottes – und das Innewerden der eigenen Göttlichkeit bringt genau diesen Sabbat hervor, auch an anderer bevorzugter Stelle spricht Jesus von der Ruhe, die der Mensch für seine Seele finden sollte – diese Ruhe ist eminent wichtig. Daher ist nicht irgendein Feiertag oder eine Feierstimmung gemeint, wenn Jesus davon spricht, den Sabbat als Sabbat zu halten, sondern er meint den Ruhetag Gottes als Ruhetag Gottes zu begehen und dabei des eigenen Gottseins inne zu werden. Denn anders denn als ein Gott, im Bewusstsein dessen, dass alles diese Ruhe mitvollziehen muss, kann man den Sabbat nicht in seinem eigentlichen Sinne begehen, anders bleibt er immer Verzicht auf… während dieser Sabbat Gottes die Herrschaft innehat und behält. Alle Feiertage des Menschen, einschließlich des jüdischen Sabbat, sind nur ein schwacher Abglanz dieser schöpferischen Ruhe, in der die Bewegung nicht zwanghaft zurückgehalten wird, sondern sich wiederum zwanglos aus der Ruhe ergibt. Das meint, was auch der Volksmund meint, wenn er behauptet: wo ich bin, ist oben – ich bin wie er, ja, ich BIN  er.  Der Mensch soll seinen Gang aufrichten, seinen Kopf erheben und im Beispiel der göttlichen Ruhe seine eigene finden und in dem Gott, den Jesus seinen Hörern noch als Vorbild bietet – er spricht zu religiösen Juden – den artgleichen Kameraden anstelle des überwältigenden Himmelskönigs erkennen. Das bedeutet Jesus dann: den Vater erkennen. Wir sollen erkennen, dass wir selbst die Vorstellung sind, die wir uns von alledem machen – oder eben auch nicht, denn der jüdische Gott ist nicht lernfähig, der Mensch aber  ist es und mit ihm auch seine Göttlichkeit als die andere Seite seiner Existenz.

So war das also gemeint, mit dem Sabbat – nur hat man sich durch zwei Jahrtausende an alles Mögliche gehalten, nur nicht daran. Man hat versucht, „Gottes Willen“ im Wechsel des Wochenfeiertages zu erkunden, hat eschatologische Deutungen vom „Vorbild des Messiasreiches“ hinein interpretiert, nur auf das Einfachste ist man nie gekommen. Vielleicht wollte man es auch nicht… wer weiß. Und immer wieder Sonntags… kommt dem Christen der Argwohn, dass er es vielleicht doch nicht richtig macht, wenn die Langeweile eines englischen (oder auch deutschen)  Dorfsonntags ihn zu überwältigen droht. Da muss doch noch etwas Anderes sein – und, schwupps, ist er in der Stadt und im Shopping – Center wo Bewegung ist, weil er der Ruhe ihren Wert nicht abgewann. Weil er „ich darf es nicht anders haben“ sagte, anstatt „ich will es so wie es ist“ und: „meine Ruhe sei die Ruhe eines Gottes“ (es ist mir egal, wie der heißt…). Nicht der Besuch der Synagoge oder der Messe oder der Predigt ist wichtig, eher sind sie gefährlich, denn sie entfremden uns hin zu einem Ding, das an und für sich nicht existiert, sondern das freie Genießen nach getaner Arbeit und vor dem nächsten Werk, das zu verrichten sein wird. Nicht die äußere Feierlichkeit ist wichtig, sondern die innere Feier, die durch die äußere Ruhe nur verdeutlicht wird – weswegen ich auch für die Beibehaltung von Feiertagen wie dem Sonntag als immerwährendes Angebot bin, zu dieser königlichen Ruhe zu finden und sich selbst in ihr wiederzufinden als den, von dem sie ausgeht und der sie mit den Anderen teilt. Und im Übrigen – nun, Erkenntnis ist keine Verpflichtung zum Trübsinn, vielleicht sollten wir auch das immer im Auge und im Hinterkopf behalten…

 

 


[1] Die Thermen waren feiertags selbstverständlich geöffnet.

21.07.2012

Die Welt der Gnosis

Der Gnostiker lebt in keiner anderen Welt als der, welcher von Gnosis noch nie etwas hörte. Aber er lebt in einer größeren Welt. Innen und Außen, Endliches und Unendliches, Totes und Lebendiges gehören gleichermaßen hinein, zwischen  „wirklich“ und „nicht wirklich“ wird eigentlich nie unterschieden, nur die Quantifizierungen dessen, was in einem konkreten Bezugssystem wirklich sein soll und was nicht, können wechseln. Natürlich ist ein Geist in einem Atomreaktor nicht wirklich – ein Atomreaktor in  einer geistigen Welt aber ist das auch nicht. Daraus ergibt sich für den aufmerksamen Beobachter schon die erste Erkenntnis: so etwas wie Parapsychologie gibt es in der Gnosis nicht. Wir zerbrechen uns über „Phänomene“ nicht den Kopf. Vielmehr wissen wir: es gibt nichts Unwirkliches, aber es gibt Wirklichkeiten und die sind unterschiedlich. Zuweilen überschneiden sie sich, aber das ist nicht die Regel. Zuletzt aber gibt es nur eine, die stets unauslotbare, außerhalb unserer Begriffe von Zeit und Raum unbeschreiblich und jenseits allen Dimensionsdenkens existente Wirklichkeit des Lebens, zu dem wir untrennbar gehören  und die zu uns gehört. Wir sind diese Wirklichkeit in einer besonderen, einzigartigen Gestaltung derselben und wären wir nicht , was wir sind und wie wir sind, die Wirklichkeit wäre nicht was sie ist. Aber da das nicht sein kann, sind solche Überlegungen wirklich nur rein theoretisch. Wir können uns aus der Welt hinaus denken – aus ihr hinaus gehen können wir nicht. Wir können sie aber weiter gestalten, über uns selbst hinaus und uns in dieses Überschreiten damit auch gleich hinein.

Nun ist das menschliche Begreifen für diese Qualität von Sein nicht geschaffen. Um sie zu erfassen, ist es nötig – und möglich – andere Formen des Verstehens zu finden. Die finden wir, indem wir uns selbst erkennen – nicht als Personen, sondern als das, was wir in alle Ewigkeit hinein sind und von aller Ewigkeit her waren. Dies Erkennen ist der Kern der gnostischen Methode, auf dieses zielt und strebt sie hin, denn sie ist keine Größe sui generis, sie ist eine Schule des Verstandes wie des Gefühls. Sie fängt mit Dingen an, die uns auch von diversen mystischen Techniken her vertraut sind – aber sie bleibt nicht dabei. Sie schreitet von dem. was uns phantastisch anmuten mag und sehr wohl Ähnlichkeiten mit „okkulten“ oder „esoterischen“ Techniken hat, immer weiter in Richtung Nüchternheit, bis alles das schlussendlich zu Makulatur wird. Der Okkultist erscheint im Vergleich zum Gnostiker, wie der ABC – Schütze, der mit dem Griffel ungelenk Buchstaben in seine Schiefertafel kratzt. Der Esoteriker erscheint im Vergleich mit dem Gnostiker, wie der Zweitklässler, der sich in Schönschrift übt und dabei den Inhalt dessen, was er schreibt, unbeachtet lässt. Manchmal betrachtet der Gnostiker seine „Schulhefte“ und lacht und denkt: Herrjemine, das hab ich mal geschrieben… und schüttelt den Kopf, aber auch das war er einmal und er bekennt sich dazu, dies geschrieben zu haben als er zehn Jahre alt war. In manchem Wort erkennt er staunend schon die ausgeschriebene Schrift, die ihm heute leicht von der Hand geht.

Die Welt der Gnosis dem zu erklären, der keine Erfahrungen mit der Ausbildung hat, ist unmöglich und wo sie dennoch versucht wird, produziert sie Missverständnisse. Das kann man besonders gut an den Weltsystemen der klassischen Gnosis sehen, aber auch an jenen Dimensionslehren, die da wie man auf gut Deutsch zu sagen pflegt, Erbsen zählen. Die Aspekte des Seins gehen so unaufhörlich und so eng ineinander über, dass man entweder vom Hölzchen permanent aufs Stöckchen kommt oder aber, so man klug ist, den ganzen Dimensionsbegriff von vornherein vermeidet. Denn alles das ist Dasein und ist als Dasein einander gleichgestellt. Unterscheidet es sich, dann nur in seiner Erscheinungsweise. Wie man schon sehen kann, ist die Welt der Gnosis nicht nach Raum und Zeit unterschieden, sondern lediglich nach der Art und Weise des Erscheinens der Bilder: welche sind es, wie sind sie beschaffen, was bewirken sie in Bezug zu anderen Bildern – und Bild steht hier durchaus auch für Person. Denn die Person ist das Bild des Wesens in einem bestimmten Bezugsraster, das von „Welt“ zu „Welt“ wechseln kann und doch immer das nämliche meint. In dieser Welt gibt konkret die Biologie die Merkmale vor, wie ein Bild erscheinen kann, in anderen „Welten“ sind die Bedingungen wieder andere, in der einen Sphäre herrscht Konstanz, in einer anderen wieder sind die Akzidenzien jederzeit frei wählbar, in wieder anderen entspricht die Erscheinung der Charakteristik des Wesens oder erübrigt sich auch ganz. Denn  ein Wesen ist nicht von seinem Erscheinen abhängig, vielmehr das Erscheinen – mit Ausnahme dieser Welt, in der signifikant andere Regeln gelten – vom Wesen.

Es fällt dem Menschen schwer, sich ein unendliches Miteinander von Wesen ohne räumliche Ausdehnung vorzustellen, allenfalls kann er Vergleiche mit der Kommunität von Kleinstlebewesen ziehen, aber der Vergleich fängt alsbald an zu hinken, denn hier haben wir es nicht mit funktionalen Existenzen zu tun, sondern mit souveränen Individuen, die sich voneinander wohl unterscheiden – und dennoch beanspruchen sie keinen Raum. Der Mensch kann das nicht fassen und so mag er sich mit Vorstellungen von den unendlichen Weiten des Alls behelfen und da das nicht wenige tun, gewinnen solche Vorstellungen denn auch eine relative Existenz und erscheinen zumindest als solches. Dabei sind die genauen Umstände, unter denen so etwas erscheint, sehr verschieden und daher kommt es, dass bei Begegnungen zweier Wesen in der gleichen Sphäre beide Wesen dieselbe Sphäre ganz unterschiedlich wahrnehmen und oft nur die reine Begegnung als Tatsache gezählt werden kann. Der Mensch, wenn er dumm ist, meint, der Umstand, dass die Jacke rot war und nicht grün, die er „im Traum“ an dem  Betreffenden sah, bedeutet, dass keine Begegnung stattgefunden haben könnte – der Kluge aber hat die „Aura“ des Anderen gespürt, ist sich sicher und achtet nicht auf die Ausgestaltungen seines internen Vorstellungsapparates.  Diese Sicherheit wird dann so man Glück hat und die Betreffenden sich auch als Menschen kennen, von dem jeweils anderen bestätigt – jedenfalls ist das ein gutes Verfahren, um solche Ereignisse dem jeweils anderen bewusst zu  machen solange er noch unsicher ist – ist er sicher, erübrigt sich das. Es ist  natürlich klar, dass bei solchen Ereignissen strengste Redlichkeit walten und jede Art von absichtlicher Manipulation unterbleiben muss. Eine einzige Manipulation kann dieses Tor für immer verschließen und so die gesamte „Eingewöhnung“ eines Menschen in die Welt des Geistes zunichtemachen. Was indes gerade in dieser Beziehung von verantwortungslosen Okkultisten und Esoterikern gesündigt wird, geht, wie man zu sagen pflegt, auf keine Kuhhaut – so werden ganze Gemeinschaften unter einem Guru geschaffen, die zwar ein schönes Beispiel für Weltanschauungsgruppen aber genau damit das genaue Gegenteil von Gnosis sind. Gnosis ist nämlich das freie Spiel der Kräfte, in dem der „Lehrer“ nur einhilft und sich alsbald verdrückt.

Wenn man die alten Dokumente der Gnosis anschaut, kommen aber ganz andere Vorstellungen heraus? Sicherlich – die diese Dokumente erstellten, wollten nicht Welten entwerfen oder Hierarchien schaffen – sie wollten lediglich ihresgleichen erklären, hinter welcher „Wegbiegung“ was zu finden wäre und Hinweise geben, wie man damit effizient verfahren könnte. Um dies zu können, entwarfen sie Karten der Welt wie sie selbst sie erfahren hatten. Sie wussten noch nicht, dass jeder die Wirklichkeit auf seine eigene Weise erfährt, die Karten also weitgehend unbrauchbar waren. Man erfährt aus diesen Papieren auch, wie Valentinus, Basileides, Kerinth, Markos und all die andern ihre Welten erschaffen haben und wer genau hinzuschauen versteht, der erfährt auch wie die erste aller Welten entstand. Aber über die Natur des Seins erfährt man – nichts. Warum auch sollte man etwas darüber erfahren, ist darin nicht jeder, der lebt, ein Fachmann? Aber nun geschieht etwas Schreckliches: diese an und für sich ganz harmlosen Blätter geraten in die Hände von Theologen… und die sehen all das natürlich mit ihren Augen und erkennen darin eine irgendwie ganz krause Religion – und so wurde dann Gnosis an die kommenden Generationen überliefert und anders kannte sie niemand mehr und natürlich stürzten sich Okkultisten, Esoteriker, Freimauere, Rosenkreuzer, Theosophen und was da kreucht und fleucht, darauf und die Satanisten obendrauf, weil einige Kirchenväter da von Orgien schwafelten. Es gab eine Szenerie wie in einer Fußballmannschaft nach einem Torschuss – einer hupft auf den andern und das ganze menschliche Knäuel nennt man dann Gnosisforschung… weg damit und zwar schnell. Wer irgend zur Erkenntnis seiner selbst gelangen will, der lasse diesen ganzen faulen Zauber beiseite. Er gehört zur Welt der Theologie und nicht zur Welt der Gnosis. Die kennt, wie hier schon gesagt, zwar unendlich viele Götter, aber keinen Gott und deren Jesus ist auch nicht der Heiland, deren „Taufe“ kein Sakrament und deren Zusammenkünfte sind auch keine Kultveranstaltungen. Wir haben deren schon einige absolviert und werden künftig wohl noch einige absolvieren, aber diese Tage zeichnen sich mehr durch Essen und Trinken, zwanglose Reden und manchmal auch intensive Gespräche aus, als durch Gesang und Gebet. Denn – die Welt der Gnosis ist kein Gemeinschaftserlebnis.

Aber es entsteht doch Gemeinschaft? Sicher, sie entsteht, wie sie überall entsteht, wo sich Gleichgesinnte treffen. Man teilt Freud und Leid, manchmal auch Tisch und Bett, man hilft sich so man kann und geht wohl auch dann und wann vergnatzt von dannen um irgendwann wieder aufzutauchen. Aber – eine Gemeinde ist das nicht und eine Sekte schon gar nicht, denn der Bezug zu irgendeinem Religionssystem fehlt völlig. also Sekte von was sollte das denn sein? Sekte von Menschlichkeit vielleicht, ja, das wäre möglich. Das Entscheidende aber tut jeder für sich allein und auf eigene Rechnung und Risiko. Wer irgendetwas von einem andern erwartet, der wird früher oder später entsetzlich Fiasko machen, lacht nicht, wir hatten das schon und es war nicht schön, zuzuschauen, wie Menschen von großem geistigen Reichtum in irgendwelchen wilden Wogen untergehen und nie wieder gesehen werden. Es geht den meisten unter ihnen gut, sicher, aber sie finden keinen Weg mehr zu sich selber und waren doch auf dem allerbesten dazu. Dennoch – dies Risiko ist begrenzt, es bezieht sich nur auf ein einziges Erdenleben und wie viele hat das Wesen, bis es sich selbst findet – es können unzählige sein, denn die Ewigkeit ist bekanntlich zeitlos, auch wenn niemand sich das vorstellen kann.

Aber was ewiges Leben ist, meinen manche, sich vorstellen zu können und dabei kommen dann lustige Bilder heraus – oder auch langweilige. Denn die Harmonie, die da entworfen wird, gibt es zum Glück für das Leben nicht, während das ewige Leben eine Tatsache ist, der jeder Mensch zu seinen Lebzeiten in einem Maß teilhaftig werden kann, dass der materielle Tod in Wahrheit seinen Schrecken verliert. Man muss deshalb auch keine Verrenkungen machen, weder solche des Leibes, noch solche der Seele, denn die Fähigkeit hierzu wird mit uns geboren und wirkt sich zeitlebens auf unser Menschendasein aus. Wir sind wie Zehen, die jemand ins Wasser hält um dessen Temperatur zu prüfen und wenn er sie für gut befindet, steigt er ein, wenn er sie für unbequem befindet, zieht er den Zeh heraus: zu kalt, zu warm, zu sauber, zu schmutzig, Teufels Großmutter bekommt mit jedem Wesen einen ernsthaften Konkurrenten, denn besonders gern geht kein Wesen hierher. Man kann es auch verstehen – hierher zu kommen bedeutet den Verzicht auf Souveränität, auf freie Beweglichkeit, auf ungehinderte Existenz, es bedeute Zeit, statt Freiheit und Entfernung statt Überall. Das Denken verlangsamt sich, das Fühlen wird ungenau, hinzu kommen einige körperliche Verrichtungen wie der Stoffwechsel und ob man das richtige Gehirn erwischt ist für die meisten Wesen auch Zufallssache. Aber es ist auch noch keiner ohne irgendeinen Gewinn zurückgekehrt, wenn auch nur wenige mit der vollen Beherrschung ihrer selbst. Und so spricht es sich qualvoll langsam herum, dass hier doch etwas „zu holen“ ist und vor allem: wer abrutscht, darf noch mal und noch mal und wieder, das Risiko, etwas zu verpassen, ist also minimal und die Welt in die man kommt, ist immer auch spannend, denn man kommt selten in dieselben Gefilde. Dieser Mechanismus ist altbekannt und alle Kulturen haben ihn auf die eine oder andere Weise, manche Kulturen konzentrieren sich so ausschließlich darauf, dass kaum noch für etwas Anderes Zeit und Kraft bleibt. Sondern alles wird dem Bestreben untergeordnet, eine „bessere Geburt“ als die gerade vorfindliche zu erlangen. Als hinge das von irdischen Dingen ab… aber sie glauben halt dran. Wir glauben nicht daran, dass unser Verhalten auf Erden wesentlichen Einfluss auf die Natur unseres Wesens hätte, wir glauben eher, dass unser Wesen zu nicht geringem Anteil unser Verhalten vorherbestimmt. Jesus, unser Lehrer, hat dieses Wesen als den Schatz benannt, den ein jeder von uns in sich trägt und aus dem er entsprechende „Früchte“ hervorbringt. Taugt der Schatz nichts, können die Früchte auch nichts taugen. Und von wegen – der Mensch ist gut: der Mensch ist einfach nur der Mensch, mal mehr nach dem Tier tendierend, von dem er stammt, mal mehr nach dem unsterblichen Wesen, aber er ist keines von beiden. Um gut oder schlecht zu sein fehlt ihm die Entscheidungsfreiheit, er bewegt sich kontextual und wie sein Umfeld ist, so ist auch er.  Sein Schatz gestaltet in diesem Umfeld sein Verhalten je nach dem, woraus er besteht und so tauchen in korrupten Familien Heilige auf und in integeren Familien schwarze Schafe. So taucht in der Familie der Borgia eine Selige und ein Rodrigo auf, der ein einfacher Mönch wird aus einer Familie, die in Linien und Nebenlinien über beinahe drei Jahrhunderte in der europäischen Politik sauber und unsauber mitmischt und so kommt in der edlen  Linie der Antonine  ausgerechnet als Sohn des Gnostikers Marcus Aurelius ein Commodus zur Herrschaft, gegen den Nero ein Waisenknabe ist.  Der Mensch ist nicht gut, er hat nicht einmal einen guten Kern, er ist charakterneutral, eine biologische Maschine, der erst ihre geistige Komponente, das Wesen, Eigenart verleiht und: Wesenheiten sind keine Engel.

In diesem Zusammenhang ein Wort zum altbekannten und besonders unter Esoterikern weit verbreiteten Engelskult. Es ist im Grunde ein pervertierter Wesenskult, der da getrieben wird, aber Wesen sind keine anbetungswürdigen Gestalten, siehe oben, sondern sie entfalten ebenso schillernde Eigenschaften wie ihre Abbilder, die vernunftbegabten Kreaturen auf Erden und anderswo. So gesehen erinnert dieser Kult an den magischen Kult diverser Mächte, die man durch Euphemismen zu besänftigen und sich dienstbar zu machen versuchte in der Annahme, dass sie sich dem, der sie nicht bei ihrem wahren Namen nannte wohlgesinnt und daher hilfreich erzeigen würden. Solche Magie kann als Vorstufe echter Erkenntnis insofern angesehen werden, dass man sich hier von der Idee des „Gutseins“ eigentlich verabschiedet hat und einem größeren Realismus zuwendet. Aber – die Mehrzahl aller Esoteriker, die Engel, also ihre eigenen Wesenheiten, verehren, tut dies durchaus im Sinne der christlichen Engellehre und ist daher weit von solchen Positionen entfernt.

Das Wesen und daher der Mensch sind also keinesfalls „gut“ und so setzt sich die „kosmische Harmonie“ denn auch aus lauter großen, kleinen und Beinahe – Katastrophen zusammen, das Leben verläuft in seiner ewigen wie in seiner zeitlichen Bahn nie linear vom „Niederen“ zum „Höheren“, sondern es sucht sich seinen Weg durch Spalten, Schrunden, durch und über Abgründe und in Sprüngen über Hindernisse: oft genug bleibt auch nichts weiter übrig, als sich unter einem solchen durchzugraben oder zu warten, bis eine andere Katastrophe das Hindernis packt und beiseite tut. Diesem Durcheinander der Prozesse ist der seiner selbst unbewusste Mensch gnadenlos ausgeliefert und natürlich verläuft dann sein Leben auch nicht linear und in steter Verbesserung seiner seelischen Beschaffenheit, sondern in Sprüngen, Rücksprüngen, Flauten, Stürmen und was es sonst noch geben mag, ein Leben in Bewegung zu halten. Anders als in der Unendlichkeit aber hinterlassen alle diese Zufälligkeiten Spuren im Bewusstsein des Menschen und diese Spuren werden mittels Seele ins Bewusstsein des Wesens transferiert, um sich auch dort auszuwirken und dasselbe vor nie gekannte Herausforderungen zu stellen. Es muss dann schon einige „Vorbildung“ vorhanden sein, damit ein Wesen diese Herausforderungen annehmen und sich mit ihnen auseinander setzen kann. Diese Vorbildung erwirbt das Wesen durch wiederholte Aufenthalte in der materiellen Sphäre oder es besitzt sie von seinem Ursprung an, welcher der Fülle des Lebens nahe ist. Dabei ist jemand, der in einem Moment wurde, da das „All“ noch in seinem Beginn der Gestaltung überschaubar war, sicher einem Wesen gegenüber im Vorteil, das entstand, als das Unendliche schon in weiten Teilen gestaltet war und sein Horizont, das Ungestaltete, mitten aus der Menge des gestalteten Lebens heraus kaum noch erreichbar. Aber der Weg der Selbst – Erkenntnis ist für beide Wesen der gleiche und hier kommen wir zu der verbreiteten Annahme, er sei auch beliebig. Das ist er mitnichten, sondern dieser Weg ist sogar ziemlich dogmatisch und wer sich an dieser Entschiedenheit stört, der betrete ihn besser nicht, er wird für diesmal gewiss scheitern. Das Dogma heißt: der Weg zur Selbst – Erkenntnis führt nicht über Lektüren und bekannte Weisheitslehren, nicht über bestimmte magische oder meditative Praktiken, auch nicht über bestimmte Substanzen, sondern der Weg der Selbst – Erkenntnis ist immer der Weg zur allerletzten Pforte des Innen und der natürliche Führer zu dieser Pforte ist der Traum. Zu einem Teil hat auch die moderne Psychologie dies erkannt und nutzt besonders die späten Stadien des Traumes, wenn das Wesen sich wieder der irdischen Sphäre zuwendet,  zur Analyse der menschlichen Persönlichkeit. Aber der Weg der Selbst – Erkenntnis geht weiter hinunter zu jenen Bereichen, in denen der Mensch nur noch über ein Minimum an vitalen Funktionen verfügt – weil er in diesem Stadium schlicht mehr nicht braucht. Aber just hier ist die „Werkstatt“ des Selbst, ob sich der Mensch dessen nun erinnert oder nicht. Je mehr er sich dessen erinnert, umso besser kann er das Erlebte allerdings reflektieren und das Ergebnis der Reflexion wiederum in den Metabolismus der Wirklichkeiten einbringen. Dazu braucht man keinerlei Drogen oder Medikamente, denn diese Fähigkeit ist dem Menschen von Geburt an eigen. Im Gegenteil, Drogen und Medikamente legen diese Fähigkeit lahm und ersetzen sie schlimmstenfalls durch ihre eigenen verwirrten Ausgeburten und – von Alkohol vermittelter Schlaf ist ein schlechter, flacher Schlaf in dem das Gehirn mehr narkotisiert ist als es wirklich schläft, es schaltet ab, anstelle dass es umschaltet[1]. Aber – wer diesen Weg nicht geht, erreicht nichts, soviel er auch zu erreichen meint. Es bleibt dabei: wer das All erkennt, sich selbst aber verfehlt, verfehlt (zuletzt) alles.

Das kann nun so verstanden werden, dass wir Bildung nicht schätzen würden  – weit gefehlt, aber wir billigen ihr keinen Wert in dem Sinne zu, dass sie Selbst – Erkenntnis vermitteln würde. Erkenntnisse über dies und das sind sicher nützlich und Kompetenzen zu erwerben ist sicher gut. Aber sie sind kein Mittel zur Selbst – Erkenntnis. Indes – sie helfen, zu einem gesunden Selbstvertrauen zu gelangen und das kann  nicht von Übel sein. Wer etwas vermag, der soll es also entfalten und wer ein Talent hat, der soll damit tun, was ihm beliebt, solange er andern Menschen dadurch nicht schadet. Was er mit sich selbst anstellt, hingegen, ist ihm überlassen; findet er Gefallen daran, sich mit seinen Talenten selbst zu schaden, so soll er es eben tun. Gnosis begreift sich nicht als moralische Besserungsanstalt – wenn jemand sein Verhalten ändern möchte, möge er es aus eigenem Entschluss tun und nicht um einem Ziel oder Ideal oder anderen Menschen damit zu genügen. Sicher wird sich die Haltung des Betreffenden mit seinen Fortschritten wandeln – aber eben diese Fortschritte sind allein seinem eigenen Dafürhalten verdankt und ich kenne etliche unserer Schüler, die eher in den Ätna springen würden, als die eigene (verkehrte) Überzeugung aufzugeben – so gut wir können, bilden wir sie dennoch, denn man kann es nie ausschließen, dass der Funke eines Tages doch noch zündet. Im selben Geist betreuten die Katharer einst ihre Credentes. Dem liegt die Überlegung zugrunde, dass niemand, der sich in die Gefilde der Gnosis wagt, dies ohne triftigen Grund tut, er sein ihm bewusst oder nicht. Natürlich regen solche Genossen sich dann über unsere Halsstarrigkeit erheblich auf, aber Gnosis ist kein Weg, den man in umgekehrter Richtung geht, daher müssen wir diesen Vorwurf dann wohl ertragen.

Die Welt des Gnostikers, sagte ich anfangs, ist keine andere als die desjenigen, der dieses Wort niemals in seinem Leben hörte: Selbsterkenntnis. Nur ist sie weiter, größer als jene, umfasst unendlich mehr an Wirklichkeit. Sie umfasst aber auch eben diese Welt, und zu der hat ein Gnostiker eine vielfach verkannte und missverstandene Meinung.  Er flieht sie keineswegs, aber sie ist, außerhalb der Begegnung mit anderen Menschen versteht sich, wertlos. Das bedeutet nicht, dass sie nicht interessant und auch liebenswert sein kann, aber – sie ist in einem Maße ohne Wert, dass es mitunter schwer wird, Interesse für sie und damit für die eigene menschliche Existenz zu bewahren. Alltägliche Verrichtungen werden zu fremden Gefilden, und so empfiehlt es sich, sie umso bewusster auszuführen, je mehr sie uns eigentlich entgleiten wollen, denn sie stellen  ja fatalerweise für uns keinen Haupt- und Lebenszweck mehr dar. Anderen Dingen fremd zu sein wie zum Beispiel dem heutigen Kulturbetrieb, fällt insofern leicht, als dieser Substanzielles nicht mehr zu bieten hat, sondern nur noch ein Spielplatz flüchtiger Einfälle ist. Dass das Konsumverhalten zurück geht muss uns nicht beunruhigen – unser Magen wird ein guter Lotse bleiben. Was die eigene Kreativität anregt, wird uns hingegen lieb und teuer bleiben: viele haben ein schöpferisches Hobby, machen Musik, malen oder widmen sich, wie ich, diversen Studien um das Feld der Erkenntnis herum. Auch die Betreuung von an Gnosis Interessierten möchte ich zu diesen Hobbys rechnen, denn existenziell notwendig ist solch eine Betätigung für mich nicht, womit wir gleich bei einem anderen, vielfach missverstandenen Thema wären.

Denn: Gnosis missioniert nicht und ist dennoch präsent. Man kann keinen Menschen, soll das bedeuten, zur Gnosis bekehren wie zu einem Glauben. Aber dennoch muss Präsenz gegeben sein, denn wer Ruhe für seine Seele sucht, der muss sie finden können und daher gibt es seit nunmehr fünfzehn Jahren das Projekt. Wir sind nicht gehalten, zu schweigen, aber wir haben das Recht, Auskunft dann zu verweigern, wenn wir auf Menschen stoßen, die danach trachten, uns misszuverstehen. Wir wollen weder die Welt. noch die Menschen retten, denn es gibt auf dieser Erde nichts, wovor wir sie retten könnten – wenn sie sich denn in einen Abgrund stürzen wollen, können wir sie nicht daran hindern. Wir wollen auch keine Seelen heilen – das sollen die Psychologen tun, die es studiert haben, wir haben keinen Ehrgeiz, ihnen die Arbeit abzunehmen. Zu uns kommen Menschen, die, an Leib und Seele gesund, gleichwohl in den bisherigen Bahnen ihres Lebens nichts mehr für sich finden und dennoch fühlen, dass es für sie noch etwas geben muss. Dass es nun ausgerechnet dieses ist – wer kann es ihnen verdenken, wenn sie sich erst einmal erbittert wehren. Sie haben das Recht zu prüfen und wir müssen uns dieser Prüfung stellen, an der nicht wir, sondern die Befindlichkeiten dessen sich erweisen, der prüft. Denn er prüft nicht uns, er prüft sich selber. Nur er allein kann wissen, ob er in dieser Gesellschaft richtig ist oder nicht. Daher ist der Weg hinaus aus derselben ebenso leicht wie der Weg hinein und es gibt keine Verpflichtung zu bleiben, es sei denn, man erlege sich diese selber auf. Dies aber bedeutet nicht nur die Teilnahme am laufenden Gespräch – mehr noch bedeutet es, das eigene Leben immer bewusster und zwar in Tag und Traum zu leben und immer weniger Ablenkung zu suchen, die eigenen Erfahrungen immer mehr mit dem zu vergleichen was als Wegweiser vorgegeben ist und woran man Fortschritt wie Stillstand erkennt. Einen Rückschritt wird es, man tue ihn denn bewusst und gewaltsam, nicht geben können. Indessen haben wir auch solche gewaltsamen Rückschritte erlebt und einer, der sich nur sehr schwer lösen konnte, weil er um die Wahrheit dessen, was wir zeigen, bereits aus eigener Erfahrung wusste, hätte dabei noch beinahe das Projekt mit umgerissen. Er hat aber doch, so hoffe ich wenigstens, das erreicht, was er mit seinem gewaltsamen  Nein zum eigenen Ja erreichen wollte. Anders wäre sein Opfer zu groß gewesen.

Denn Selbst – Erkenntnis ist ein Weg auf dem der Mensch nicht umkehren kann ohne sich sozusagen mit den eigenen Beinen zu verhaken. Wie wir an keinen Himmel glauben, so auch an keine Hölle – aber wir sind sicher, dass jeder Mensch sich sein Leben gemäß der eigenen Einsicht zurecht bringt. Dabei kommen mitunter Konstellationen zustande, die man beim besten Willen nicht mehr als angenehm oder auch nur sinnstiftend erkennen kann. Die Psychologie spricht dann von einem seelischen Selbstmord – der Mensch lebt weiter, funktioniert auch gesellschaftlich durchaus, aber er ist seines Elans, seiner spontanen Emotionalität beraubt. Dieser Zustand ist nicht mit einer Depression zu vergleichen, denn es fehlt ihm die Traurigkeit und Ausweglosigkeit, die bei Depressiven oft zum körperlichen Selbstmord führen – er muss sich nicht mehr töten, denn er ist bereits tot. Von manchen Zeitgenossen wird eine solche Haltung als Gleichmut und als Gelassenheit[2] beurteilt und entsprechend bewundert… aber wir teilen diese Bewunderung, wie man leicht verstehen kann, nicht. Ziel der Selbsterkenntnis ist ja nicht die emotionale Selbsttötung, sondern die Möglichkeit, alle Empfindungen frei und zugleich selbstverantwortlich zulassen zu können. Wird auf diesem Weg etwas nur halb getan, kann das schlimmer und verhängnisvoller sein, als wenn es gar nicht getan worden wäre, also wer nicht ernst machen will mit Selbsterkenntnis, der lasse es lieber ganz ehe er es beginnt und dann unbeendet weiter gären lässt. Es trifft ihn kein Schaden, wenn er es unterlässt und sich weiterhin den sich ergebenden Schlüssen unterordnet, aber es kann ihm erheblich schaden, halbe Sachen zu machen. Denn es gibt zwei Wege zur Selbsterkenntnis: einen aktiven, auf dem der Mensch mit den ihm gegebenen Möglichkeiten selbst danach „gräbt“ und einen, auf dem der Mensch sich dem überlässt was ihn am Ende zu nichts anderem als der Erkenntnis führen kann, was und wer er in Wahrheit ist. Auf diesem zweiten, dem passiven Wege gibt es praktisch keinen Irrtum, denn nie kann der Mensch sich gegen die Prozesse verhalten, die ihn umtreiben – auf dem ersten, dem aktiven Wege aber bringt jeder Irrtum und Irrweg Verdruss und Frustration und statt Erkenntnis bringt er Zerrbilder.

Wer keinem Irrtum verfallen will, muss etwas haben, mit  dem er den rechten vom falschen Schritt unterscheiden  kann. Er hat sogar mehr als eines: erstens hat er seine Träume, die er ohne Interpretation geschehen lässt wie sie geschehen und wirken lässt wie sie wirken wollen. Dann hat er, mit Glück, den Lehrer, der ihn auf dem beschrittenen Weg beaufsichtigen und vor gefährlichen Engstellen warnen, ihm hier und da auch durch dieselben helfen kann. Und dann hat er jenes einzigartige Dokument der Gnosis, das, alle Lebensbereiche tangierend, ihm überall und jederzeit Hilfe sein kann: das sogenannte Thomasevangelium, das kein Evangelium ist, sondern eine zeitlose Handreichung zur Orientierung in der Vielfalt der Ereignisse. In einigen Äußerungen kann man es ohne Weiteres wortwörtlich nehmen: es hat keinen Sinn, Heilsaposteln nachzulaufen, es hat keinen Sinn, sich exotisch zu benehmen, es hat auch keinen Sinn, um etwas zu beten oder es asketisch erzwingen zu wollen. Es hat auch keinen Sinn, wie es die moderne Psychologie gern tut, die Ursache des eigenen Lebens in anderen Leben zu suchen, sondern es geht darum, das eigene Leben so wie es ist auf sich zu nehmen, sich zu ihm zu bekennen und es so bewusste wie möglich als eigenes Leben und nicht als Produkt von fremden Einflüssen weiter zu leben. Sicher gibt es Einflüsse, kein Mensch ist eine Insel – aber was von diesen Einflüssen in unser eigenes Leben gerät, tut es unter der Maßgabe, dass wir damit einverstanden sind und so gehört es fortan uns und nicht mehr denen, von denen wir es genommen haben. Wenn solches Einverständnis auf dem Wege des geringsten Widerstandes erfolgt ist, so ist es nichtsdestoweniger erfolgt und wir haben uns damit als mit einem Eigentum auseinander zu setzen. Gefällt es uns irgendwann nicht mehr, so haben wir die Freiheit, es auszuscheiden, denn wir sind in allem unsere eigenen Herren – auch im Nein sagen. Dies alles zeigt uns das Thomasevangelium ohne dass wir tief in den Text eindringen müssten – alles was zu tun ist, ist der Vergleich mit der eigenen Lebensführung. Haben wir die Freiheiten  die uns zustehen, nutzen wir sie, beherzigen wir den Rat, der uns erteilt wird… mehr muss es zunächst gar nicht sein, was wir von diesem Text begreifen müssen. Im Verfolg des weiteren Weges werden uns dann weitere Einsichten zuteilwerden, die jeweils dem Punkt entsprechen, an dem wir uns befinden. Das will sagen: ehe wir es nicht erlebt haben, werden viele Sprüche böhmische Dörfer bleiben, sie nur zur Kenntnis zu nehmen nützt uns nichts. Erst wenn wir es in uns fühlen, werden uns die Sprüche helfen, zu verstehen, was wir fühlen. Und wer das Fühlen und Leben verlernt hat, dem werden diese Sprüche auch lebenslang nichts sagen können, gleich wie oft er in sie einzudringen sucht. Wer aber sein Leben bewusst lebt, dem werden sie immer wieder und immer wieder Neues zu sagen haben, denn ihre Tiefe ist nicht auszuloten und die Genialität des historischen Jesus ist selbst noch in diesen wenigen Kernsprüchen seiner Lehre immer von  Neuem aufzufinden – wie mag erst der Mensch selber gewesen sein, welche Anziehung, welche Ausstrahlung mag er besessen haben?

Wir wissen es nicht  mehr und um die Evangelien des Christentums brauchen wir uns in diesem Zusammenhang gar nicht erst zu bemühen, sie geben diesen Menschen nicht wieder, sie sind Literatur und nichts als das. Zudem sind sie Literatur aus dritter und vierter Hand. Wenn wir Bruchstücke ursprünglicher Biographik finden, die es mit Sicherheit gegeben hat, dann stehen diese Bruchstücke zusammenhanglos in einem ganz anders ausgerichteten Text und sie wieder zu gewinnen wirft auch nicht  mehr als ein flüchtiges Licht auf diese Person, das alsbald wieder in einem Wust frommer Interpretationswut und Redaktionseifer untergeht wie es im Johannesevangelium der Fall ist. Einzig die Tatsache, dass es nach ihm ein Christentum gegeben hat und gibt kann uns einen Hinweis auf diese außerordentliche Person geben, denn schließlich bringt es nicht jeder Mensch dazu, Jahrtausende nach seinem natürlichen Tod noch weltweit als Erlösergestalt, als Gottessohn, ja selbst als Gott verehrt zu werden. Das Thomasevangelium lehrt uns ein wenig zu verstehen, warum dies wohl so gekommen ist und wir dürfen unserer Bewunderung ruhig freien Lauf lassen – solange wir diesen Menschen als Menschen gelten lassen. Denn nicht was er gewesen ist, ist für uns bedeutsam, sondern was er uns an Ratschlägen und Hilfestellungen hinterlassen hat ist es. Auch das unterscheidet uns von den Christen, für die die Person entscheidend ist,  die Lehre hingegen stets modifiziert werden darf, weshalb es im Christentum auch seit jeher eine lebendige Auseinandersetzung um das Neue Testament gibt. Für uns hingegen können die Spekulationen um die Person gern ins Uferlose wuchern und wir beteiligen uns auch gern selbst hier und dort an dieser Spurensuche – aber die Lehre ist unantastbar und sie ist diese, die da niedergelegt wurde und keine andere. Auch die Dokumente aus der Zeit der sogenannten klassischen, erst recht der späten Gnosis verfallen diesem Verdikt und wir betrachten sie als dieser nicht ebenbürtig und schon gar nicht überlegen. Eher schon sind wir geneigt, in dieser Hinsicht das Goethe’sche Wort vom getretenen Quark zu zitieren.

Doch, wir können und wir müssen sarkastisch sein angesichts einer über Jahrtausende betriebenen Geschichts- und Ideenfälschung und oft bleibt etwas anderes als Sarkasmus uns gar nicht übrig, denn im Verlauf dieser Fälschungen sind unendlich viele echte Spuren vernichtet worden, sodass wir meist nur aus dem Schatten der Fälschung Hinweise auf das gewinnen können, was die echte Vorlage zu ihr gewesen sein könnte. Hingegen was die Lehre angeht, stehen wir dank dem Thomasevangelium auf sicheren Füßen. Dennoch werden wir niemanden davon abhalten, sich weiter auf schwankendem Boden zu bewegen, wenn ihm das besser gefällt. Auch wir lieben es, Akrobaten zuzuschauen, wie sie mit schier unglaublichen Verrenkungen versuchen, eigene liebe Gewohnheit und konkretes Erfordernis radikaler Neuorientierung miteinander überein zu bringen. Denn wir zwingen niemanden und gerade in diesem Moment sind wir Zeugen der abenteuerlichsten Manöver, denn: man kann auf die Länge nicht umhin, aber man wird auch vor allem anderen den Teufel tun, in sich selber nach dem Kern alles dessen zu graben „was die Welt im Innersten zusammen hält“. Ein ganzes riesiges Gebäude aus Mythen und Annahmen gezimmert, wird nur noch von seinen Rissen zusammen gehalten und da ist es tunlich, heftige Bewegungen zu vermeiden – wir verstehen das. Wir haben auch nicht die Absicht, jene nicht  mehr ganz heile Welt mit Hammerschlägen zu traktieren. Es genügt uns vollauf, der permanente Schimmel im Gebäude zu sein, wir waren es vor Jahrtausenden und wir können es weiterhin bleiben. Die Gnosis ist, allen Trompetenstößen zum Trotz, ja nie ausgerottet worden – selbst in den abstrusen Mystiken des nachreformatorischen Geisteslebens lässt sich ihre flüchtige Spur erkennen und verfolgen und erst recht lässt sie sich dort wahrnehmen, wo der flüchtige Beobachter nur an Aufklärung denkt und an Rationalismus, denn: Gnosis ist letztenendes  ebenfalls rational,  nur verzichtet sie nicht auf jene  Komponente, welche sie Geist nennt und was einigen unserer Mitarbeiter herbes Unbehagen bereitet, weil ihr platter Rationalismus nicht in der Lage ist, mehr als die Vordergründe der Existenz wahrzunehmen  – nun gut, dann sind sie es eben  nicht und wir müssen sie ihrem Unbehagen überlassen. Denn es steht auf der anderen Seite nirgendwo geschrieben, dass nicht auch die Potenziale des platten Rationalismus der Erkenntnis etwas zu bieten haben könnten, der sie ja über alle diese  -ismen souverän herrscht und der König nimmt es bekanntlich von dort, wo er es bekommen kann: die Philosophie von den Philosophen, die Psychologie von den Psychologen, die Biologie von den Biologen, die Physik von den Physikern und so weiter und so fort; sie erfindet das Rad nicht neu.

Doch – Gnosis ist durchaus und nicht nur meiner Meinung nach die unumschränkte Herrscherin  im Reich des Geistes, denn sie kann sich selbst überall wiederfinden, während die diversen Teilbereiche des Geistes sich in ihr auch nur zu Teilen wiederfinden können. Vom Selbst geht alle Erkenntnis aus, das ist einer ihrer Kernsätze und zum Selbst kehren auch alle Erkenntnisse zurück und ein seiner selbst unbewusstes Selbst rezipiert die Details, während ein seiner selbst bewusstes Selbst die Details in ihren Gesamtzusammenhängen zu erkennen in der Lage ist – ob es das jeweils tut oder nicht, ist von seinem Willen abhängig. Derhalben, muss ich errötend gestehen, langweilen mich manche Entwicklungen und Entdeckungen der strebenden Menschheit zuweilen zu Tode und ich kann nur gähnend feststellen, dass man dort nun endlich doch aufgewacht ist. Aber das wird demjenigen, dem diese Menschheit noch eine Neuigkeit ist, sicher anders gehen als mir, die ich sie in vielen Etappen ihres Weges eingehend studieren durfte. Mich bringt man so rasch nicht mehr aus der Ruhe… und wenn ich es genau betrachte, gibt es nur noch eines, das mich in Rage bringt: Lügen und Halbwahrheiten. Ungerechtigkeit hingegen erwarte ich von der Menschheit mehr oder weniger selbstverständlich, da in dieser Menschheit bisher nur jeder das Seine suchen kann, da ein Gemeinsames noch überhaupt nicht bekannt ist. Man redet darüber, sicher, aber man „hat es“ nicht „in sich“ und nur so, in uns selber entstanden, werden hohle Begriffe und Phrasen zu gesellschaftlichen Fakten und zu unverzichtbaren existenziellen Grundlagen. Kommen wir selbst den Dingen nicht auf den Grund, haben sie keinen solchen und unser Freund Rolf hat völlig recht, wenn er sie als Leerformeln bezeichnet, denn dann sind sie nichts anderes. „Liebe“, „Wahrheit“, „Humanität“ und der ganze Korb ähnlicher Generalbegriffe sind „tönendes Erz“ und „klingende Schelle“ bis der Mensch sie aus dem Geist heraus mit Leben erfüllt. Daher, weil der Mensch das ausgerechnet dort nicht tut, wo er Macht über andere Menschen hat, macht er die Menschen, über die er Macht zu haben glaubt, an diesen Grundbegriffen einer wahrhaft menschlichen Existenz irre. Das wiederum sorgt nun dafür, dass der passive Weg der Erkenntnis immer ein aufhaltsamer bleibt.

Der Gnostiker, zum dritten Mal, lebt in keiner anderen Welt als der, welcher nie von Gnosis hörte. Aber er lebt weniger auf die Sorge um den eigenen Umkreis beschränkt, weil dieser Umkreis seine Aktivitäten nicht mehr bindet. Und – er sieht die Menschen, mit denen er lebt, nicht mehr durch die Brille der eigenen Befindlichkeiten. So kann er sich ihrer Sorgen annehmen, ohne dass dabei jene fatale Situation entsteht, dass der, um den man sich kümmert, zu einem Spiegel der eigenen Befindlichkeit wird. Da wird niemand in fremde Koordinaten eingepresst, wie das in den diversen Weltanschauungen geschieht, mit denen sich ein Mensch im Laufe seines Lebens umgibt und von denen er sich umgeben sieht. Wir helfen, wenn wir helfen, dann eben nicht in erster Linie uns selbst, denn da gibt es nichts mehr, dass wir auf diese Weise für uns tun müssten. Wir haben aufgehört, die Parasiten fremder Existenz zu sein. Wenn wie auf die eigene sehen, sehen wir nur die eigene, wenn wir fremden Befindlichkeiten nachforschen, sehen wir nur die fremden Befindlichkeiten. Wir sind aber zunehmend weniger gefordert auf die eigene zu sehen. Wir sind auf der andern Seite auch nicht verpflichtet, auf fremde Befindlichkeiten zu schauen und unser Leben sozusagen als professioneller Helfer und Retter der Menschheit zuzubringen, was nur frustrieren kann, denn entweder können wir nicht in der erforderlichen Weise helfen oder man will unsere Hilfe nicht, weil man ihr misstraut. Zu viele „helfen“ und „retten“ und die Menschheit bleibt wie sie ist, krank und abhängig vom Zufall[3], der sie bald in diese, bald in jene Richtung drängt. Im wahrsten und buchstäblichsten Sinne ist die Menschheit, angefangen von unserem nächsten Umfeld bis hin zu fremden und unbekannten Horizonten, nicht zu retten. Jeder, der ihr angehört, kann sich, wenn, dann nur selbst retten indem er aus der Selbsterkenntnis jene Kraft schöpft, der kein Lug und kein Trug widerstehen kann. Anders, sagt der Thomastext und er ist hierin sehr pragmatisch, wird „er es nicht machen können“ so wenig wie er das Lamm, das er für ein künftiges Festmahl mit sich führt, wird essen können ohne es zu schlachten. Dies aber obliegt seiner, des Menschen, eigenster und intimster Entscheidung auf die wir weder Einfluss nehmen können, noch Einfluss nehmen wollen. Ich hier wollte dem, der sich für unser Projekt vielleicht aus dem Grunde interessiert, weil er alte Bücher gelesen hat und nun endlich wissen will, wie solche Leute „ticken“ auch nur einige für ihn vielleicht wichtige Dinge erklären….

 


[1] Das ist übrigens auch der Grund, warum es in der Narkose nicht zu Traumereignissen kommt. Das Aufzeichnungsgerät ist ausgeschaltet.

[2] Sehr häufig ist sie im monastischen Milieu anzutreffen.

[3] Zufall hier als Begriff für die Schnittstellen an denen mehrere Prozesse einander kreuzen und wechselseitig beeinflussen.

Die beiden Zustände haben nichts direkt miteinander zu tun? Sicher – Bewusstsein bedeutet Bei Sich Sein und Ekstase ist ungefähr das genaue Gegenteil dessen, klar. Und während hier drei oder vier Menschlein danach streben, bei sich zu sein und zu bleiben, rennen Hunderttausende beinahe einer über den andern kugelnd, in die Ekstase. Na so was aber auch… ja, so was. Ein gut Teil des indischen Tourismus lebt davon und lebt gut davon, dass gelangweilte und frustrierte Europäer bei ihnen das Außerordentliche suchen – und möglicherweise sogar finden. Thailand bietet nicht nur Sex an, sondern auch Meditationskurse, wochenweise, einer unsrer Mitarbeiter hat einen mitgemacht, er war nicht einmal schlecht, nein, aber musste es denn unbedingt Thailand sein? In Marokko, hörte ich sagen, kann man bei Sufis Unterricht in Ekstase nehmen und wenn man sich geschickt genug anstellt, kann man sogar Allah begegnen – hoppla, das ist doch was, nicht wahr? Natürlich kostet das alles eine  Kleinigkeit, aber die Leute wollen schließlich auch leben. Es ist nicht die Vermarktung der Ekstase, die mir Bauchweh macht, es ist diese selbst.

Bewusstsein, das weiß ich gut genug, macht keinen Spaß, denn bewusst ist man die meiste Zeit seines Lebens und dieses Leben hat nicht viel Wunderbares zu bieten. Die Liebe vielleicht oder die Geburt der Kinder, aber dann ist alles auch schon wieder vorbei, das Wunder der Geburt wird zur jahrelangen Sklaverei unter dem Willen der lieben Kleinen, die schreien und später um die Wette die Hand aufhalten, die Liebe altert und man braucht mit der Zeit neue Reize, die aber lassen sich, je länger desto schwerer finden, und reich – Geld macht zwar nachgewiesenermaßen sexy, aber wer ist schon wirklich reich? Dazu kommt noch der Stress beim Geldverdienen, der mehr von den Mitmenschen ausgeht als von der Arbeit selber, also nee, Spaß macht das alles nicht und endlich kommt einer zu dem Schluss: das Leben ist nur noch im Suff zu ertragen. Punkt. Ab nach Indien, ab nach Marokko, ab auf die Insel, wenn nicht für immer, so doch für gemessene Zeit.

Soweit die relativ ungefährliche Seite der Ekstase… aber weil Beisichsein so langweilig ist, kommen etliche Zeitgenossen auf die Idee, wenn schon kein anderes, dann wenigstens ein erweitertes Bewusstsein anzustreben und weil das von Natur aus nicht geht, nehmen sie diverse Hilfen in Anspruch. Nun nicht gerade Alkohol, weil der in dieser Beziehung auch wirklich gar nichts bringt, aber der ganze Zirkus der übrigen Drogen, harten und weichen, steht beflissen zu Diensten. Und wutsch – geht nicht nur die Ekstase, sondern auch das Bewusstsein gar nicht mehr ohne… aber das ist ein anderes Kapitel.

Erst einmal und ich bitte, dies so zu verstehen, als sei es in  eherne Lettern gegossen oder mit dem Griffel Jahwes in Steintafeln geritzt: Der Mensch ist mit genügend Hirnkapazität ausgestattet um ein Bewusstsein für alles zu haben, was ihn angeht. Es ist nicht nötig, dasselbe irgendwie künstlich zu erweitern. Der Vorwurf, er würde nur 10 Prozent seiner Kapazität nutzen, ist blanke Irreführung: denn die restlichen Neunzig Prozent Hirnmasse sind nicht dazu da, Bewusstsein zu bilden, sondern sie stellen, neben verschiedenen Speicherarealen und Zentren zur Bereitstellung bestimmter Fähigkeiten,  Sicherungen dar, die dazu bestimmt sind, die aktiven Areale des Gehirns im Normalbetrieb zu schützen, im Krisenfall aber zu ersetzen. Wer schon einmal einen Schlaganfall oder eine Hirnverletzung überstanden hat, wird es wissen. Mit diesen zehn Prozent Hirnmasse macht er also alles, reguliert seine Motorik, spricht, denkt, empfindet, tüftelt, grübelt und so weiter. Diese zehn Prozent sind seine hundert Prozent, wenn es darum geht, Mensch zu sein – und manchmal auch Unmensch und Ungeheuer. Es ist weder physiologisch noch erkenntnistheoretisch notwendig, diese Anlagen irgendwie auf andere Areale auszudehnen, die könnten im Normalfall gar nichts damit anfangen. Wie jeder Schlaganfallpatient weiß, müssen sie im Bedarfsfalle erst mühsam „antrainiert“ werden, um ihre neuen Aufgaben übernehmen zu können. Darüber können Jahre vergehen…. Also Schluss mit den Lügen von der Bewusstseinserweiterung durch irgendwelche Substanzen. Allenfalls sorgen solche für mehr oder weniger Durcheinander im Spiel der Synapsen. Aber dies schafft eben keine systemische Erweiterung, denn  was da geschieht beruht auf Trugwahrnehmungen. Bleiben wir lieber brav bei unseren zehn Prozent aktiver Hirnmasse.

Der Mensch hat den Computer nach seinem Bilde geschaffen und er musste viel über die Vorgänge und Hierarchien im eigenen Kopf erfahren, ehe er sich an diese Arbeit machen konnte. Er hat sozusagen sein eigenes Gehirn digitalisiert und dabei einige grundlegende Entdeckungen gemacht. Das Gehirn, hat er heraus bekommen, ist das Aktionszentrum des gesamten Körpers. Also hat er ein Gehirn in seinen Pc hinein gebaut: den Prozessor. Die gesamte Rechen- und Koordinationsarbeit läuft in diesem ab und zwar nach einem ganz einfachen System: Strom fließt oder Strom fließt nicht, eins oder null, das nennt man binär und es funktioniert vortrefflich, mehr braucht man gar nicht. Dann leistet man sich noch Festplatten, die in ihrer Funktion unserer Großhirnrinde ähneln: sie sind Speichermedien, sie nehmen neue Informationen und Anweisungen auf und überschreiben sich wiederholende Aktionen miteinander, fügen auch Änderungen im Detail gleich mit ein. Und dann gibt es noch die diversen Leitungen, die das Ganze zusammenhalten: Adern, Nervenbahnen, Lymphe… und so weiter und so fort. Mit manchen, den Nervenbahnen, hat das Gehirn unmittelbar zu tun (Hauptkabelband Wirbelsäule und Platinen Grafikkarte und Sound), mit andern nur mittelbar. Bewegt wird das Ganze durch elektrischen Strom und das Größenverhältnis  des Prozessors zum PC ist ungefähr vergleichbar dem zwischen unseren aktiven Hirnarealen und dem Gehirn als solchem samt Anhang. Aber ohne jemanden, der den PC an- und ausschalten und seine Möglichkeiten nutzen kann, ist das alles nur ein Haufen Blech und Draht. Programme müssen geschrieben werden in einer Sprache, die mit den Möglichkeiten des PC kooperiert, der Kerl versteht nun einmal kein Altgriechisch und auch kein Chinesisch, er versteht nur: eins oder null, und er versteht allenfalls noch wie viel Mal und an welcher Stelle und ob er subtrahieren oder addieren oder multiplizieren oder dividieren soll – Division durch Null ist verboten, da bleibt er dann stehen. Er braucht den Programmierer; er braucht uns. Und wir? Sollten wir nicht vielleicht da dies Gerät nun einmal nach unserem Bild erschaffen wurde, auch einen solchen Programmierer brauchen, der über alles, was da geschieht, die Übersicht hat und manchmal eben auch verliert? Einen, der weiß, was er mit dem allen will und was nicht? Denn der Haufen Blech da weiß das nicht und die Stromstöße wissen es auch nicht. Die tun einfach, was ihnen gesagt wird und Manches können sie schon von allein, weil sie es so oft getan haben, man nennt das Routinen und Subroutinen. Die kann man in den Prozessor übrigens einprogrammieren, damit sich der Programmierer nicht immer wieder mit denselben Albernheiten abarbeiten muss, ehe er zur Sache kommen kann. Das bedeutet auf der andern Seite: der Programmierer muss sehr sorgfältig arbeiten und seine eigene Arbeit stets und ständig reflektieren und das in jedem Schritt und Zwischenschritt. Bis er solch ein funktionierendes System von Routinen zusammen hat, kann also viel Mühe und viel Selbstbetrachtung vergangen sein, in der er eines bestimmt gemerkt hat: so schnell der Prozessor auch ist – er ist schneller und daher muss er jetzt mal langsamer werden und seine eigene Arbeit erforschen. Dabei lernt er auch viel über sich selbst, das kann man zu Recht annehmen. Dass er damit aber etwas Elementares und Grundsätzliches tut, ist ihm nicht bewusst und er würde lachend  protestieren, wenn man ihm sagen würde, dass er jetzt gerade das tut, warum andere sich in Ekstase begeben – denn er ist dabei natürlich hellwach und ganz bei sich. Anders ist das gar nicht zu bewerkstelligen. Denn um zu wissen, wie der Computer „denken“ soll, muss er erst mal sein eigenes Denken kennen, von dem das des Computers ja abhängig ist.

Was wir jetzt an einem einfachen Beispiel abgehandelt haben, ist in Kurzem die Funktionsweise des Bewusstseins und zugleich auch die Art und Weise, wie diese Funktionsweise mit der des Gehirns korreliert. Macht das Bewusstsein einen Fehler – und es ist nicht fehlerlos – macht das Gehirn auch einen, was nicht immer heißen muss, dass nichts mehr funktioniert, nur – es geht irgendwie verkehrt und verquer. Wir kennen dies Phänomen alle und pflegen dann zu sagen: ach, der Computer ist auch nur ein Mensch.

Wo dieses Bewusstsein „sitzt“ darüber ist die Wissenschaft vom menschlichen Gehirn sich durchaus nicht einig. Einige meinen, es säße in irgendeinem Hirnareal, andere meinen, Bewusstsein sei die Quintessenz der Zusammenarbeit aller Areale, was gar nicht so verkehrt beobachtet ist und wieder andere meinen, dass diese Zusammenarbeit nie und nimmer vom Gehirn selbst initiiert sein kann, was auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist, denn die Hirnmasse an sich ist nur eine organische Substanz, die von sich selbst nichts, aber auch gar nichts weiß, die vielmehr nur dazu dient, Nervengewebe funktionsfähig zu halten. Diese Nervenbahnen haben aber auch keine „Philosophie“, sondern sind bloße Leitungen für eine Energie, die gleichfalls über sich selbst nicht reflektiert. Aber jeder Mensch, ja sogar einige Tiere haben ein Bewusstsein, können Verhaltensweisen lernen, können Verhaltensweisen planen und auch verwerfen, können Gegenstände und sich, wie einige Affen[1], sogar selbst im Spiegel erkennen, können sagen: das bin ich. Damit ist allerdings das Reservoir ihrer Bewusstseinsleistungen dann auch erschöpft, einen Liebesbrief werden sie niemals schreiben oder es sind dann eben keine Affen mehr. Das Bewusstsein fiel also nicht vom Himmel und dem Menschen in den Schoß, sondern es ist im Leben selbst bereits angelegt, nur: seine volle Kraft entfaltet es nur im Menschen und das ist rätselhaft, denn immerhin besitzt ein Schimpanse 99 Prozent genetischer Übereinstimmung mit dem Menschen und doch – Neurologie wird er nie studieren. Ein einziges Gen sollte so viel Unterschied machen? Oder ist es vielleicht nicht nur das Gen? Oder ist das Gen aus gutem Grund verschieden? Sind hier Voraussetzungen geschaffen, die eben beim Affen nicht geschaffen wurden und warum sind sie das nicht? Beschränkt sich diese Anlage auf den Menschen oder ist etwas Vergleichbares auch für andere Orte des Universums denkbar?

Nehmen wir mal das Letzte zuerst: Ja, es ist denkbar. Denn was im terrestrischen Raum funktioniert, kann aufgrund der Einheitlichkeit der im Universum wirkenden Kräfte überall funktionieren wo gleiche Bedingungen gegeben sind. Gleiche – nicht ähnliche, denken wir an den Schimpansen, nur ein Gen und es funktioniert schon nicht mehr. Warum sollte ein einziges Gen aber solch einen Unterschied machen? Deshalb, weil Evolution als universales Prinzip nie beim Erreichten Halt macht, das ist das Eine und weil sie dieses Erreichte nur in minimalen Schritten verändert. Also ein Gen ist ausreichend für eine so tiefgreifende Veränderung, wie sie mit der Ablösung des Hominiden aus der Gattung der Primaten erfolgte. Alles weitere im menschlichen Bauplan muss sich dann nach den Maßgaben dieses Gens richten. Vielleicht kommt einmal ein Gen hinzu, das wiederum eine neue Lebensform aus dem entstehen lässt, was wir heute sind – oder auch nicht, wer weiß. Nach dem zu urteilen, wie wir uns verhalten, scheint es, als habe die Genetik hier eine Endstufe erreicht, an der ihre biologisch – materielle in eine geistig – kulturelle Evolutionsetappe umschlägt. Denn alles was nach dem Menschen geschehen ist, ist in Bezug auf jedes weitere Phänomen auf geistig – kulturellem Gebiet geschehen. Körperlich hat der Mensch sich seit Hunderttausenden von Jahren nicht weiter entwickelt. Wir laufen noch auf denselben Beinen, schauen mit denselben Augen und greifen mit denselben Händen, wie es der Homo Sapiens vor dreihunderttausend Jahren tat, als er sich aus dem gleichen Zweig herausmendelte aus dem auch der Neanderthaler entstand, nur als dessen Alternative. Auch der Neanderthaler konnte denken… er dachte nur auf eine andere Weise und in anderen Bezügen. Und vielleicht gibt es auch für unsere Art schon eine Alternative, die uns überrunden wird, wer weiß. Vielleicht schaffen wir dieselbe gar selbst – die Konstruktion von Androiden ist eines der spannendsten Gebiete zeitgenössischer Forschung und Technik. Aber – werden diese Androiden ein Bewusstsein haben? Was ist nötig, um eines zu erlangen?

Zunächst einmal: nicht eine Anlage oder Fähigkeit entsteht ohne dass eine objektive Notwendigkeit für ihr Entstehen vorläge. Wenn also ein Bewusstsein entsteht, dann gibt es etwas, das ein solches Phänomen unabdingbar macht und sei es nur für die aktuelle Situation. Wo es sich nicht entwickelt, stirbt die Gattung aus. Was also mag die Notwendigkeit gewesen sein, dass eine Lebensform die Fähigkeit zur Selbstreflexion und zum kontrollierten Verhalten im jeweiligen Umfeld bekommt, wobei das Umfeld selber variieren kann? Was war die Notwendigkeit, dass diese Lebensform die Konsequenzen einer Handlung im Voraus abschätzen und sich entsprechend entscheiden kann – dafür oder dagegen? Von ihrem natürlichen Umfeld her gab es keine – der Mensch hätte wie er es ja auch getan hat, über Jahrhunderttausende so weiter existieren können wie er als Hominide entwickelt war und er hätte ohne weiteres in den großen Katastrophen, die seinen Entwicklungsweg begleiteten, aussterben können ohne dass dieser Erde irgendetwas abhanden gekommen wäre. Warum wurde er davor bewahrt, wenn auch mindestens einmal nur mit knapper Not? Warum setzte sich ausgerechnet die menschliche Spezies durch, die wir heute den homo sapiens sapiens nennen und nicht der homo neanderthalensis? Die Wissenschaft vom Menschen gibt auf alles das zwar Antworten, aber können wir uns auf diese Antworten wirklich verlassen? Sicher hing das Überleben der Menschheit auch von der Eigenschaft ab, Informationen vermitteln zu können und soziale Zusammenhalte zu entwickeln, aber woher wusste der Mensch, dass er diese Informationen vermitteln, diese Zusammenhalte festigen musste? Wie konnte er über Wert oder Unwert von Informationen Bescheid wissen? Indem er bereits damals nicht nur ein Bewusstsein für die eigene Existenz hatte, sondern durchaus auch etwas, das man Verantwortlichkeit nennen könnte. Er besaß bereits ein Seelenleben, das er auch artikulieren konnte – und so entstand die Kunst als eine seiner vielen Möglichkeiten, sich das Umfeld nach den eigenen Wünschen zurecht zu stellen. Ihn interessierte – und interessiert  – eigentlich alles, auch das, was nicht unmittelbar mit ihm zu tun hat – das ist seltsam, wenn man im Vergleich betrachtet, dass das Tier alles was nicht unbedingt mit ihm zu tun hat, links liegen lässt und die satte Löwin sogar der erschöpften Antilope ungeschoren vorbeizuziehen gestattet. Der Mensch aber schaut sich die Antilope, die er gar nicht fressen will, dennoch interessiert an, studiert ihre Form, ihren Körperbau und kommt zu dem Schluss, dass sie nicht nur soundso viel Fleisch ist, sondern gleich ihm ein Lebewesen. Das Tier unterscheidet nur nach Zeiten in denen es jagen und sich vermehren kann und solchen, wo das nicht geht – der Mensch aber sieht die Sterne und sieht Sonne und Mond wie sie ihre Bahnen über den Himmel ziehen und – er zieht für sich seine Schlüsse daraus. Und so geht es weiter und am Ende ist er mit seiner Umgebung immer schneller „durch“. Er gibt sich nicht damit zufrieden, dass er schlecht sieht und auch schlecht hört, sondern er erfindet sich Instrumente, die das mehr als ausgleichen – er kann nicht fliegen, dafür fliegt er dann gleich in den Weltraum und er kann große Wassertiefen nicht ertragen, dafür taucht er dann gleich bis zum Grund der Tiefsee. Er gibt nie auf und er gibt sich nie zufrieden mit dem, was er hat und kann, er will immer mehr und mehr und Widerstand macht ihn wütend und erfinderisch zugleich. Damit er aber sich nicht mit sich selber verheddert, gibt er sich Regeln – die er mit wahrhaft virtuoser Geschicklichkeit stets wieder bricht. Denn das ist Bewusstsein – dass man sich selbst handhabt und kennt und dass man sein Umfeld nicht nur irgendwie hinnimmt, sondern ordnet und ihm Bedeutungen zumisst, mit deren Hilfe es handhabbar wird. Dieses Bewusstsein steht niemals still. Es steht nicht einmal still, wenn der Mensch schläft. Allerdings stellt es dann andere Zusammenhänge her und gebärdet sich als wären Zeit und Raum nicht in der Welt. All das schafft er mit den zehn Prozent Gehirnmasse spielend, also was will er da noch erweitern?

Ein Wort noch zu der These von universalen Bewusstsein, das die Esoteriker mit Eifer predigen. Ein solches gibt es nicht, ebenso wenig wie es einen allmächtigen und allwaltenden Gott gibt. Bewusstsein, sei es beschaffen wie es immer sein kann, ist eine sehr persönliche und konkrete Angelegenheit, kein kosmisches oder wie immer An Sich. Der Kosmos, auch der esoterische, hat kein Bewusstsein und ist auch an dessen Entstehung ganz und gar unbeteiligt. Nur das Wesen und in Stellvertretung dessen der Mensch kann Bewusstsein entwickeln.

Kommen wir nun zur Spezifik der Ekstase, wobei ich weiß, dass ich mit dem Komplex Bewusstsein noch lange nicht zu Ende gekommen bin, aber ich möchte hier nicht in Disteln greifen und Diskussionen entfachen, ich möchte die Sache nur etwas eingehender charakterisieren. Also Ekstase: das Lieblingskind aller Frommen, aller Mystiker (die ja nicht immer fromm sein müssen, denkt mal an den großen Nasr ed din), aller Liebenden – Ekstase hat etwas mit Gefühlen zu tun, die außer Rand und Band geraten. Man sieht und hört nicht mehr, was um einen herum vorgeht, der Mensch ist nur noch fixier auf das Eine, von ihm Ersehnte, das ihn gefangen hält. Das können die Liebeskünste des Partners sein, das kann aber auch, wie verbürgt, das Jesuskind sein. Die heilige Theresa sah in der Ekstase wie Jesus ihr Herz mit einem Pfeil, wir nehmen einmal an, es sollte der Pfeil der Liebe sein und Jesus eine Art Erote, durchbohrte. Die böse Zunge, die dabei an eine zölibatäre Nonne und das Geheimnis des Orgasmus denkt, denkt vielleicht gar nicht so sehr an der Sache vorbei. Nicht ganz ohne Grund hat Hugo das (Frauen)kloster mit einem Harem und Jesus mit einem Sultan[2] verglichen. Andere Ekstatiker und Ekstatikerinnen sahen die Passion Jesu, erlebten sie sozusagen als Teilnehmer mit (und brauchten dazu keinen Mel Gibson) – ein unerhörtes Ereignis, wenn man bedenkt, dass diese Passion niemals stattgefunden hat. Dabei waren diese Personen ihrer selbst nicht unbewusst, sie erlebten, was sie erlebten,  sagen sie, wachen Geistes, sie wussten, was sich da vor ihren Augen ereignete, sie fühlten, rochen und schmeckten es, sie hörten, sahen, sprachen sogar und erhielten Antwort, ihr Intellekt war nicht ausgeschaltet.

Wir können also davon ausgehen, dass die Ekstase, anders als die Trance, kein Zustand der Bewusstlosigkeit ist. Wenn der Derwisch in seinem Tanz Allah begegnet, weiß er um diese Begegnung  – nur weiß er nicht, dass sein Allah nicht existiert. Man kann also in etwa sagen, dass die Ekstase die Innenwelt eines Menschen sozusagen nach außen kehrt und ihm seine emotionalen Sehnsuchtsziele als bildliche Szenen vor Augen führt, aber nicht als Halluzinationen eines Geisteskranken, sondern als angestrebte Produkte und vorab gestaltete Phänomene, denn wer nicht daran glaubt, dass sie existieren, dem kann auch nichts erscheinen. Der Betreffende WILL die Ekstase und er will sie so, wie sie geschieht. Dabei ist Inbrunst der Generalschlüssel und genau an diesem Punkt stößt Ekstase dann, obgleich sie wesenhaft nichts mit ihr zu tun hat, mit der Gnosis zusammen, nämlich mit ihrem zweiten und eigentlichen Segment, dem Vordringen ins Reich des Geistes. Auch hier ist Inbrunst am Werk, aber es ist eine andere und daher gleichen die Bilder sich in keiner Weise und der Zustand dessen, der sie erlebt, ist auch nicht ekstatisch, also seiner konkreten Umwelt unbewusst und vor allem: er wird niemals Gott begegnen, gleich welchen man meint. Ansonsten gelten die gleichen Regeln: der dem das geschieht ist wach, ist unbeeinflusst von chemischen Substanzen, weiß wer er ist und was er will (soweit er das wissen kann) und hat das Ereignis auch auf keine andere Weise erzwungen. Es ist einfach gekommen, weil die Inbrunst groß genug war, dass sich über das Innere ein Weg in ein neues Außen öffnete, denn der Betreffende, wir nennen ihn hier mit Absicht nicht Gnostiker, denn das ist er noch lange nicht,  sieht nicht, was er sehen will, sondern er sieht und erlebt, was da ist. Wenn es keine Passion gab, wird er auch keine erleben und so fort. Sondern er sieht die Welt – die ganze soweit er sie begreifen kann, denn was ihm unbegreiflich ist, kann sich in seinem Bewusstsein auch nicht spiegeln. Für jemanden, der Gnostiker werden möchte, ist solch ein Erlebnis ein auf jeden Fall weiterführender Schritt, denn er weiß nun; die haben nicht gelogen, die ihm von einer anderen Wirklichkeit sprachen. Es gibt sie und sie lässt sich finden, wenn man sie nur finden will. Und – sie schaltet das Bewusstsein nicht aus, sie ist vielmehr ein unvergessliches Ereignis in demselben. Das Gefühl schlägt nicht etwa über die Stränge, sondern wird eher beruhigt und geklärt indem der Mensch etwas dazu gelernt hat. Natürlich ist dies Empfinden schön, aber für manchen auch beunruhigend, sodass er es gern in das Reich der Einbildungen abschieben möchte, aber: es ist keine und er weiß es, auch wenn er es nicht wissen will.

Diese „Ekstase“ scheint aber etwas von der frommen Grundverschiedenes zu sein, denn erstens verliert man das Gefühl für die konkrete Umgebung nicht, zweitens ist das Begreifen wie es scheint, wichtiger als das „Erhobensein“ durch etwas Außerordentliches, drittens fehlt der ganze Komplex des Sentimentalen, der für die fromme Ekstase so grundlegend ist. Es gibt kein seliges Dahintreiben ähnlich der Situation nach einem Orgasmus (mit dem die fromme Ekstase eine fatale Ähnlichkeit hat). Im Gegenteil – wer dies erlebt hat, ist wach, sehr wach und aufmerksamer für sein Umfeld, als er es sich je vordem hat vorstellen können. Ihm hat sich etwas enthüllt, was anderen  verborgen bleiben wird und er weiß es – daher wird er auch bestrebt sein, seine „ekstatischen“  Erlebnisse nicht auf der Zunge vor sich her zu tragen und als Beweise seines Glaubens anzuführen, wie das bei vielen Mystikern der Fall ist. Dieses innere Wissen, über das er nun verfügt, ist sein persönlicher Schatz, ist sein Verhaltenskompass, der ihm von nun an weiterhin die Richtung angibt.

Diese Art der Ekstase lässt sich durch kein chemisches Mittel herbeiführen, sei es nun natürlichen oder künstlichen Ursprungs. Sie lässt sich auch nicht durch besondere Übungen herbeiführen, nicht durch asketische Haltungen erzwingen; sie kommt, wenn es an der Zeit ist, dass sie zu kommen hat und auch die Inbrunst, welche die Türen zu ihr sozusagen aufschließt, kann nicht erzwungen werden; sie kommt, wenn es an der Zeit ist, dass sie käme. Sie kommt unerbeten, wenn alles was erfüllt sein muss, seinen Dienst getan hat und diese Welt mitsamt ihren Religionen und Philosophien mit ihrem Text am Ende angekommen ist. Hält man ihre Kraft gegen diese Phänomene so verblassen sie zu nichts, zu bloßen Schnörkeln der Existenz. Diese Ekstase fegt das Bewusstsein nicht hinweg, sie unterstützt und fördert es vielmehr, bestätigt es und legt die zehn Prozent, die wir von unserem Gehirn benutzen, zum ersten Mal wirklich frei und das tut sie unumkehrbar. Zwar ist es nicht so, dass uns von nun an alle Welträtsel klar wären – aber wir sind berührt worden von einem Zustand, der uns versichert, dass da mehr ist als das ohnmächtige Kleben an einer Scholle die uns letztenendes nicht mehr zu bieten hat als den biologischen Untergang. Die Vernunft mag diese Erlebnisse sogar beiseiteschieben und sie mögen im Einerlei des Alltags, in unseren „normalen“ Denkgewohnheiten untergehen – aber sie wirken in tausend Kleinigkeiten fort und eines Tages, früher oder später, stehen wir da, wo wir stehen sollen. Diesen Augenblick nun wünsche ich jedem, der sich auf Gnosis einlässt – denn er ändert, ohne jede Ekstase, alles, aber nichts zum Schlechteren. Aber wie gesagt: versucht niemals, ihn zu erzwingen, weder mit Tabletten, noch mit anderen Substanzen, nicht mit Hunger, nicht mit Durst, nicht mit Yoga und nicht mit Meditationen – das hilft alles nichts und führt nur auf Umwege, wenn nicht gar in Sackgassen[3]. Aber – kann man denn gar nichts tun? Doch, etwas kann jeder Mensch für sich tun – das Leben, das er hat, bewusst zu führen, solange er bei Bewusstsein ist.

 

 

 

 


[1] konkret die Bonobos, die übrigens auch Sprache lernen können, obgleich sie physiologisch nicht in der Lage sind zu sprechen.

[2] Victor Hugo, Les Miserables

[3] Das soll sagen, dass gegen Umwege unter Umständen nichts zu sagen ist, aber wozu soll der Mensch, der eine ohnehin nur geringe Aktionsspanne hat, sich noch mit Sackgassen plagen?

Wenn der Mensch geboren wird, wird er in eine Gemeinschaft hinein geboren, die nichts von „höherer Bestimmung“ vermuten lässt. Er wird aufgezogen zu einem Leben, in dem nichts, aber auch gar nichts wirklich und handgreiflich auf eine höhere Qualität des Lebens hinweist, als er sie innehat. Eher noch kann es geschehen, dass er sich sozial schlechter gestellt findet, als es die Haustiere der Gesellschaft sind, in die er hineingeboren wurde.

Auf dem Weg zum Erwachsenenleben erfährt der Mensch seinesgleichen als redlich, tiefgründig,  gewissenhaft, achtsam und liebevoll ebenso wie als lügnerisch, betrügerisch, bis in die Grundfesten korrupt und im höchsten Grade egoistisch und leichtfertig. In dieser Zeit schaut der Mensch sehr genau hin, welche Verhaltensweisen in seiner Umgebung die größte Aussicht darauf haben, in ihr akzeptiert zu sein und diese Verhaltensweisen macht er sich dann gewöhnlich zu eigen. Wird er durch divergierende Verhaltenskodizes zur Entscheidung gezwungen, wird er jenen Eigenschaften den Vorzug geben, die ihm einen größeren Wirkungskreis innerhalb seines Umfeldes verheißen. Das bedeutet: ein moralisch einwandfreies Umfeld, das er in seiner Familie und Verwandtschaft vielleicht erfährt, wird verlassen, wenn ein korruptes Umfeld im weiteren Kreis bessere Entfaltungsmöglichkeiten verspricht. Vollends katastrophal reagiert der Mensch in diesen Tagen, wenn er herausfindet, dass ein moralisch einwandfreies familiäres Umfeld in Wahrheit auf kollektiver Heuchelei beruht, oder wenn die vermittelten Inhalte seiner Erziehung sich auch im weiteren Feld zum Beispiel der schulischen Ausbildung als Fassade herausstellen. Angesichts solcher Erfahrungen wird der Mensch dann zum Protestler. Er wird es nicht, weil er den Wunsch hätte, sich etwa selbst ethisch einwandfrei zu verhalten, er wird es allein aufgrund der Tatsache der Divergenz zwischen Wort und Tat. Aus diesem – weit mehr als pubertären – Protest können sich nun die verschiedensten Lebensplanungen ergeben. Das Spektrum reicht von offen  (legal[1] oder illegal) kriminell bis zum totalen Rückzug aus der gesellschaftlichen Sphäre in ein mehr oder weniger illusionäres „Idyll des Privatlebens“. Dies tut er, wo immer es ihm zu tun möglich ist, also auch unter wirtschaftlich drückenden Umständen. Dabei ist der Rückzug als der Weg des geringsten Widerstandes der meist beschrittene. Das Ideal einer Fassaden – Gesellschaft ist der Spießer, dessen Denken und Fühlen in Allgemeinplätzen und dessen Tun in Konsum aufgeht[2]. Nur sehr selten treffen wir in gesellschaftlichen Umfeldern auf Menschen, die bewusst und vor allem konstruktiv an der Verbesserung der Lebensumstände als solche arbeiten und arbeiten wollen. Sie stellen die bei weitem kleinste Gruppe und um ihre Effizienz ist es im Allgemeinen auch schlecht bestellt, da ihnen von allen Seiten entgegen gearbeitet wird. Denn der Mensch hängt vor allem an jenen Verhaltensmodellen, die ihm unmittelbaren Erfolg bescheren und er ist wenig geneigt, bei der Inanspruchnahme von Vorteilen Geduld walten zu lassen.

Alles was ich im Folgenden sagen werde, ist nun vor diesem Hintergrund zu sehen und zu werten. Denn dieser gilt für alle und von allen sich derzeit auf diesem Planeten ereignenden Prozesse insofern sie den Menschen betreffen und er bezieht, indem er den Menschen betrifft, auch jede Menge anderer Prozesse mit ein, man denke an den Raubbau, den die Altkommerzialisten weiterhin bedenkenlos an den globalen Ressourcen betreiben und an die Unbedenklichkeit und Oberflächlichkeit von vorgeblich modernen, „ökologischen“ Kommerzialisten mit denen sie  diverse technische „Errungenschaften“ realisieren[3] und dabei unter der Hand fröhlich und mit ungebrochenem, frommem Optimismus (Gott wird’s schon richten)  Flora und Fauna dieses Planeten vernichten. Witzig daran ist, dass die meisten dieser ökologischen Kommerzialisten zwar entweder Esoteriker oder Atheisten sind, aber hierin ein geradezu pietistisch anmutendes Gottvertrauen beweisen. Ihnen allen aber, Alten wie Neuen, geht es nicht um wirkliche gesellschaftliche und ökonomische  Alternativen und schon gar nicht um eine neue Ethik, sondern schlicht um die Frage, welche Art von Kommerz länger „durchhalten“ kann. Eine Möglichkeit, was man jenseits der Grenzen des Kommerzes tun könnte, sehen beide nicht. Entsprechend sind sie beide und alles, was zwischen ihnen einmal hierin, einmal dorthin pendelt, weltsüchtig.

Die Gegenbewegung hierzu verdient eigentlich den Namen einer Bewegung nicht. Erstens deshalb nicht, weil sie, wo nicht durch die Umstände erzwungen, ein Ressort für Minderheiten ist, zweitens, weil sie nirgendwo ein Bedürfnis zeigt, sich zu einer Bewegung zu vernetzen, sondern jeder und jede Gruppe für sich ihren mehr oder weniger praktikablen Idealen frönt. Sicher – es gibt überall und in jedem gesellschaftlichen Segment Aussteiger, die sich bewusst vom kommerziellen Mainstream entfernt haben und ihr eigenes Schicksal teilweise mit beachtlichem Erfolg selbst in die Hände nahmen, aber man hat noch von keiner Region auf Erden gehört, die sich auf diese Art und Weise als Nation etabliert hätte. Über die Existenz von meist kleinen Siedlungen sind diese Konzeptionen bisher nicht hinaus gelangt und ihr entschiedener  Individualismus hindert sie daran, jemals weitergehende Wirkungsbereiche zu erobern. Sie entschuldigen diesen Mangel oft damit, dass die Kommerzialisten aller Couleur sie behindern würden; das ist nur sehr bedingt wahr, denn wenn ihre Technologien und ihre Ethiken wirklich so fundamental wären wie sie zu sein behaupten, würde es keiner kommerziellen Struktur auf Erden jemals gelingen, sie auszuhebeln. Aber – sie sind nun einmal, wie ausgenommen sie sich selbst auch sehen, ebenfalls von der kommerzialistischen Gesamtstruktur der menschlichen Gemeinschaft abhängig. Ihre „Weltflucht“ ist nur bedingt realisierbar. Sobald sie ihren unmittelbaren Lebensraum verlassen, sind sie auf die zweifelhaften Segnungen der kommerzialistischen Zivilisation angewiesen. Ihre Modelle, wie Tauschwirtschaften, Autarkie, Autonomie, eigene monetäre Modelle, funktionieren in größerem Maßstab einfach nicht mehr.

Denn: bewusste Weltflucht kann per se in der Welt der Menschen nicht großflächig funktionieren, sie kann immer nur für den Einzelnen relevant sein und bleiben, sie ist nun einmal nicht gesellschaftsfähig und schon gar nicht gesellschaftsbildend. Auch die christlichen und die anderen Orden sind keine Gegenstrophe zu dieser Feststellung, denn sie können in vielen Einzelheiten nicht als weltflüchtig bezeichnet werden und sei es nur deshalb, weil sie, wie einige hinduistische Orden, ihren Angehörigen den Gebrauch von Haschisch nicht nur gestatten, sondern sogar empfehlen: Haschisch aber ist als Betäubungsmittel wie auch nur als Pflanze, Teil der Welt sowohl in ihrer Ursache als auch in ihrer Wirkung, mit der sie sich auf den organischen Komplex Mensch bezieht. Weltflucht bedeutet die Zurücknahme der Evolution, was den Faktor Mensch betrifft und wie wir alle wissen, lässt Evolution sich zwar unendlich modifizieren, aber zurücknehmen lässt sie sich nicht. Die Organismen, welche nach dem Untergang der Saurier entstanden, waren nicht wiederum die Organismen des Präkambrium, sondern ganz andere, die zwar mit den Sauriern gleichzeitig entstanden waren, aber nun ihre große Stunde erlebten und wenn der Mensch diese Welt verlässt, werden auch die übrigen Säugetiere ihrem Schicksal entgegen eilen und was an ihre Stelle treten wird, kann niemand sagen. Unser wahrscheinlicher Nachfolger immerhin ist schon in Wartestellung: der Menschenaffe. Nachdem der Mensch es geschafft haben wird, sich wegen fortgesetzter Weltsucht selber auszurotten, nachdem er an einer Überdosis kommerzialisierter Zivilisation erstickt sein wird, wird der Schimpanse mit seinen Nebenlinien unsere Nachfolge antreten und man kann gespannt sein, ob er es zu besseren Ergebnissen bringen wird.

Weltflucht ist gesamtgesellschaftlich nicht praktikabel und Weltsucht führt, wie jede Sucht, in den sozialen und körperlichen Untergang. Denn dies eine unterscheidet die Weltsucht vom distanzierten Gebrauch der Güter dieser Erde: dass sie keine alternative Welterfahrung hat, dass sie ganz und gar in dem gefangen ist, was diese Erde aus sich selber hervorzubringen imstande ist – oder eben nicht. Nun verlangt aber anscheinend Gnosis genau dies: Weltflucht. Da sie sich nicht an eine Gesellschaft wendet, sondern an Individuen, scheint dieses Anliegen berechtigt zu sein. Denn das Fernziel der Gnosis soll sein, so sagt man, das Ende dieser Welt herbei zu führen und dies zu erreichen soll der Mensch sich immer mehr und gründlicher von ihr zurückziehen bis in die totale Einsamkeit – so könnte man die Ideengeschichte der Gnosis jedenfalls lesen und so ist sie denn – auch von Menschen, die sich Gnostiker nannten – auch gelesen worden. So ist sie aber vor allem von Christen gelesen worden, in deren Denken der Weltuntergang als Schauplatz einer überirdischen Gerechtigkeit eine überragende Rolle spielt. Das Christentum will die Welt nicht erhalten, will sie nicht pflegen, sondern will sie benutzen und ausnutzen, solange sie besteht und, besteht sie nicht mehr oder ist in Gefahr, so bedeutet das dem Christen, dass der Letzte Tag, nach dem er sich sehnt, nahe herbeigekommen ist und er wird keine Anstalten machen, diesen Prozess etwa zu verlangsamen. In dieser Angelegenheit sind Juden und Christen und auch die Muslime sich einig…  und so erklärt sich vielleicht die Unbekümmertheit, mit der sie ihre Lebensgrundlage gegen die Wand fahren als ein Vollenden des Gotteswillens, heißt es doch: Gott braucht unsere Hände – er braucht sie auch für den Jüngsten Tag, denn er selbst hat, da nicht existent, natürlich keine.

Das soll gnostisch sein? Nein, das ist Gnostizismus, liebe Leute, das ist jene unselige Verquickung religiöser mit philosophischen Gedanken, mit deren Hilfe die frühe Christenheit versuchte, ihre Religion philosophisch „aufzupeppen“ und für Gebildete interessant zu machen. Besonders im griechischen Sprachraum ist ihr das auch weithin gelungen, eine Menge gnostizistischer Literatur ist uns aus diesem Raum erhalten geblieben und wenn wir von dieser Menge hochrechnen, so muss die Welt der römisch – hellenistischen Antike voll mit solchen literarischen Produkten gewesen sein, denn auf uns kam nur ein Bruchteil derselben. Gnosis indessen ist in dieser Beziehung sehr viel vorsichtiger, sie mahnt nicht, die Welt zu fliehen, sondern, was ein großer Unterschied ist, sich ihrer zu enthalten. Sie warnt vor dem, was ich Weltsucht genannt habe – sie warnt nicht vor der menschlichen Gesellschaft an und für sich. Im Gegenteil – sie rechnet geradezu mit ihr und ihren sozialen Strukturen, sie billigt ausdrücklich, dass der Erkennende sich in diesen bewegt und, was mehr ist, diese selbst bewegt. Weit davon entfernt, zur Revolution aufzurufen, was man ihr übrigens unter anderem auch nachgesagt hat, zielt sie auf die Umwälzung der existenziellen Parameter in jedem Einzelnen, was zwangsmäßig eine qualitative Veränderung der Gesellschaft[4] nach sich ziehen muss. Ein neuer Begriff von Menschheit zieht dann eine Neubewertung seines Umfelds nach sich, an die Stelle einer rücksichtslosen Ausbeutung nach der Anweisung: machet euch die Erde untertan tritt sodann das vernünftige Wirtschaften Derer, denen Sorge für einen Lebensraum anvertraut ist, der nicht ihrer ist, den sie aber auch nicht gegen die Wand zu fahren haben, sondern sie müssen ihn für künftige Generationen sichern. Ein „Endgericht“ kennt die Gnosis nicht und demzufolge auch keine Erlösungslehre, denn wovon sollte der Mensch erlöst werden? Von sich selbst und seiner „Göttlichkeit“? Sollte das Unvergängliche vom Unvergänglichen erlöst werden? Sollte eine Erde, die sowieso der Vergänglichkeit anheim gegeben ist, durch einen „göttlichen“ Gewaltakt zerstört werden müssen?

Aber die Gnosis fordert doch die Einsamkeit eines jeden? Irrtum, sie fordert seine Verantwortlichkeit, er soll für sich stehen können, sich auf keine Instanz, sei sie höher oder sonstwas, heraus reden müssen. Er soll wissen, was und warum er es tut oder lässt und er soll wissen, da ist niemand, der ihm Verantwortung abnehmen kann – kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun. Sie fordert seine geistige Unabhängigkeit als Grundlage seiner existenziellen Freiheit. Wenn wir uns die Menschheit heute betrachten, stellen wir hier ein entsetzliches Defizit fest; wir alle hängen mehr oder weniger bewusst an den Phantasien einer ihrer selbst völlig unbewussten Hochfinanzclique, die vor Selbstbeglückung die übrige Menschheit völlig vergessen hat – allenfalls ist sie ihr unbequem, wenn sie nämlich genehme Regierungen plötzlich abwählt oder bequeme Diktaturen beseitigt. Diese Abhängigkeit können wir wenigstens was unsere äußeren Umstände anbelangt nicht ohne weiteres abwerfen, aber wir können Distanz zu ihren Vorstellungen entwickeln und uns also aus der Weltsucht lösen, wenn auch nicht aus der Welt. Das ging den Menschen jener Zeit, da Gnosis als Gnosis begann,  nicht anders, nur waren die Maßstäbe, in denen damals so gedacht wurde, ein wenig beschränkter. Aber auch sie lebten in Abhängigkeiten und was soll ich sagen, ein gewisses Maß an Abhängigkeit wird immer vorhanden sein, wo Menschen miteinander leben, denn niemand kann alles allein. Aber niemand, das ist die Kehrseite dessen, kann auch für alle handeln und denken. Demzufolge sind alle Weltbeglückungskonzepte bereits im Moment ihres Entstehens Makulatur.

Dennoch: der Gedanke: man müsste haben… ist keine Makulatur, solange er im Konjunktiv verbleibt und nicht zum Imperativ wird. Zum Indikativ, also zum aktuellen Geschehen kann er hingegen jederzeit werden, ja, wird er werden, wenn der Gedanke mit dem korreliert, was ohnehin zu geschehen hat. Zu seiner Zeit wird dieses „man müsste….“ dann Wirklichkeit werden, wie wir oft und oft selbst gesehen haben. Wir haben uns längst an diese Kreativität gewöhnt, andern steht die Gewöhnung daran noch bevor, aber solange sie ihrem eigenen Geist misstrauen, solange wird auch keines von den guten Dingen, die da vielleicht schon gedacht unterwegs sind, sich erfüllen können. Was sich im Moment erfüllt, sind eher Gedanken in der Richtung: wie komme ich aus der allgemeinen Korruption mit einigem Anstand hinaus. Daraus ergeben sich dann diverse Einzelaktionen, die alle für sich genommen, der Menschheit nichts bringen, weil sie nur auf einen einzigen Menschen zugeschnitten sind. Aber wer umfassender zu denken imstande ist und dann auch noch imstande ist, über den Tellerrand der eigenen Kultur hinaus zu sehen, kann Wunderdinge erleben…. irgendwann.

Halten wir fest: weltsüchtig müssen wir nicht mehr werden, wir sind es in großer Mehrheit von Geburt an. Weltflüchtig aber sollen wir nicht werden, denn kein Mensch kann und wird von uns verlangen, dass wir unsere Bedürfnisse aufgeben, solange sie nicht weltsüchtig sind, sondern unserer notwendigen Lebensführung entsprechen und die kann durchaus auch ein Automobil oder ein Haus oder eine ausgefeilte Kommunikationsmaschinerie enthalten.  Wir müssen uns nicht auf trocken Brot und Wasser beschränken, nicht in Lumpen einhergehen und die Körperhygiene, zu der auch der Sex gehört, vernachlässigen. Im Gegenteil, wir sollen akzeptieren, „was man uns vorsetzt“ und kein ritualistisches Theater darum machen, wenn es für unsere Lebensführung nützlich ist. Sich selbst zu erkennen macht keine „Mucker“ und demütige Lakaien und nicht das, was aus dieser Welt in uns hinein gerät, besudelt uns, sondern das Falsche und Halbrichtige, das wir in diese Welt hinein geben, besudelt uns wie Erbrochenes, was es im übertragenen Sinne ja auch ist. Die Weltsucht der Anderen ist nicht zu fliehen, sondern zu verlachen, zu verspotten, denn nicht Wut noch Zorn können dieser Hydra gefährlich werden, sondern allein die Lächerlichkeit, gegen die es keine Waffen gibt.

Und da sind wir  bei dem zweiten Vorwurf von Christen, der sich aus dem ersten ergibt: man hat uns vorgeworfen und wirft uns vor, dass wir die Güter dieser Welt mit einer Freiheit gebrauchen, die ihnen ihren ganzen Wert nimmt. Was sind da nicht für wüste Behauptungen unterwegs und, schlimmer noch, es gibt Vereinigungen, die sich mit dem Etikett der Gnosis schmücken, ordinären Gnostizismus betreiben und alle die obskuren Geschichten, welche die Amtskirche über die Gnosis umlaufen ließ und lässt, treulich glauben und üben. Nun wohl, wer es nötig hat, könnte man sagen und mit den Achseln zucken, wenn diese braven Okkultisten nicht den Ruf der Sache derart ruinieren würden. Denn die Geschichten stammen von Christen und womit haben Christen die meisten und größten Schwierigkeiten? Natürlich mit der menschlichen Sexualität und diese ist es dann auch vornehmlich, auf die sich ihre schmutzige Phantasie fokussiert.

Dabei ist etwas ganz anderes gemeint, wenn es um den freien Gebrauch aller Dinge geht. Es geht um die Überwindung jeder Berührungsangst, um das Respektieren menschlicher Schwächen und die Akzeptanz – angemessener – Wünsche. Man kann fragen, was angemessen wäre und man wird sehr verschiedene Antworten finden, aber dennoch mag es etliche Dinge geben, die niemals und  niemandem angemessen sind. Der Mensch braucht seinen sicheren Lebensunterhalt – aber kein Mensch braucht das Tausendfache dessen, was ihn lebenslang bequem ernährt, behaust und kleidet. Der Mensch braucht seine Mobilität – aber niemand braucht ein Vielfaches dessen, was zu Lande, zu Wasser und in der Luft geeignet ist, ihn von A nach B zu befördern. Der Mensch braucht seine Kommunikation – aber niemand brauchtauf jedem Kontinent ein Kommunikationsnetz für sich ganz alleine. Der Mensch braucht Sicherheit – aber niemand braucht eine Privatarmee. Dies und dem Ähnliches also ist gemeint, wenn von unangemessenen Wünschen die Rede ist. Andererseits ist dem Gnostiker der Genuss eines guten Weines oder das Bewohnen eines komfortablen Hauses nicht verboten, sofern er beides ehrlich und auf anständige Weise erworben hat und anders wird er es kaum zu erwerben wünschen. Er ist nicht weltsüchtig, er lehnt diese Dinge nicht ab, aber er will sie auch nicht um  jeden Preis haben. Er ist auch nicht weltflüchtig, er läuft nicht davon, wenn ihm jemand die nötigen Mittel schenken will, leibliche Armut ist nicht sein Ideal, wenn er auch damit zufrieden sein kann, nur das Nötigste zu besitzen. Und Einsamkeit … oh, das klingt, als sollte man alle guten und alten Freunde zur Tür hinauswerfen… aber nicht doch, liebe Freunde. Der Mensch bedarf der Welt und er bedarf der anderen Menschen, er braucht soziale Bindungen, braucht Liebe, braucht Nähe solange sein Leben auf Erden währt. Nur ein Narr kann ihm dies alles nehmen wollen… aber er sollte in seinem Innersten von alledem unabhängig sein und was er gibt freiwillig geben, was er empfängt aus freiem Willen empfangen. So wie mit seinen Mitmenschen sollte er auch mit den Gütern umgehen können, die in dieser Welt von Menschen erfunden wurden, um ihm nützlich oder auch erfreulich zu sein. Ich weiß, wie schwer es ist, zwischen Notdurft und Übermaß die Balance zu halten, ich weiß, wie gern und leicht der Mensch sich in Abenteuer stürzt und Risiken eingeht. Aber eben um diese Balance geht es um zwischen Weltsucht und Weltflucht erfolgreich zu navigieren, sich weder vom einen noch vom andern gefangen nehmen zu lassen. Das ist wie mit dem Alkohol, meine Freunde: nichts steht dagegen, hier und da ein Gläschen zu nehmen und es steht auch nichts dagegen, es das eine oder andere Mal „über den Durst“ zu tun. Aber alles steht dagegen, seinen Genuss zu einem Bestandteil des täglichen Lebens zu machen und ständig des Guten zu viel zu tun. Sich der Welt enthalten – das bedeutet nicht das zwanghafte Nein des Abstinenzlers, sondern es bedeutet die Freiheit dessen, der sich alles in dieser Welt offen hält, weil er keinem verfällt. Es bedeutet nicht die Armut aus Prinzip, der Reiche, der nicht in den Himmel[5] kommt, wurde nicht von Gnostikern erdacht, im Gegenteil, Erkenntnis mag Armut nicht. Aber sie meint einen anderen Reichtum als den, den man mit Geldeswert beziffern könnte… falls notwendig, kann dieser Reichtum darin inbegriffen sein. Sie meint den Reichtum dessen, der weiß, was er ist und warum er in dieser Welt lebt und der ihr gegenüber in Tun und Lassen frei ist. Denn – Weltsucht ist auch immer mit der Angst verbunden, das Notwendige zu verlieren und für viele Reiche bedeutet ihr Reichtum nur eine Absicherung um das zu erhalten, was nicht verloren gehen darf. Dass die unsicheren Zeiten, die sie um sich wahrnehmen zumeist auf ihren eigenen Übergriffen beruhen mit denen sie selbst das Ungleichgewicht geschaffen haben, vor dem sie sich nun fürchten, wird ihnen nicht oder nur sehr am Rande bewusst. Zudem wissen sie als Weltsüchtige nicht, wie sie Abhilfe schaffen könnten ohne sich selbst zu schaden. Man bedenke: diese Krankheit ist nicht anders beschaffen als die diversen Suchtkrankheiten, die auf dem Missbrauch von Genussmitteln beruhen.

Also – ein Gnostiker ist kein „Libertinist“ und sollte sich also auch nicht als ein solcher aufführen. Er ist aber auch durch nichts verpflichtet, ein Kostverächter zu sein und abseits zu stehen wenn andere sich freuen und feiern. Da er nicht fromm zu sein braucht, ist frommer Trübsinn seine Sache nicht. Da er diese Welt mit nüchternen Augen anschauen kann, ist aber auch der „Rausch des Vergessens“ nicht für ihn bestimmt. Er steht nicht über den Gesetzen seiner Kultur, aber ihm ist auch nicht geboten, ein Gesetz nur deshalb zu befolgen, weil es ein Gesetz ist. Unvernünftige Gesetze, die nicht im Interesse des Gemeinwohls sind, darf er wohl missachten. Frage: was ist im Interesse des Gemeinwohls? Erst einmal die grundlegenden Bestimmungen über die Integrität der Person und ihrer sozialen Bindungen. Dann die Festlegungen über die Integrität der Gedanken-, Informations- und Überzeugungsfreiheit, die Freiheit des Gewissens, die Unverletzlichkeit der Privatsphäre hinzu kommt ein Anspruch auf dieselbe. Die Freiheit kommt hinzu, sich im Dienste des Gemeinwesens und des Gemeinwohls selbst zu betätigen und für den eigenen Unterhalt in angemessener Weise zu sorgen. Für Behinderungen in all diesen Dingen werden Sanktionen angedroht und ausgesprochen und – selbstredend hat auch ein Gnostiker als Teil des Gemeinwesens Steuern zu zahlen und erst einmal nicht zu fragen, wofür sie denn verwendet werden. Darüber kann er bestimmen, indem er durch sein Handeln die Richtlinien der Politik mit beeinflusst. Also er wähle und lasse sich wählen, er habe Ämter inne und Ehrenämter,  er engagiere sich wo immer ihm das zielführend erscheint oder er tue all das eben auch nicht. Er ist kein Teil der Welt, wohlan, aber die Welt der Menschen ist ein Teil von ihm und er ist sicher nicht allein, aber auch mit verantwortlich dafür, wie es mit den Mitmenschen weitergeht.

Der Mensch ist sich für gewöhnlich dieser Tatsache, dass er Mitverantwortung nicht nur für seinesgleichen, sondern für den Gesamtkomplex Erde trägt, nicht im Mindesten bewusst, er denkt vielmehr an „übersinnliche“ Mächte, die diese Erde geschaffen haben und auch fernerhin das Schicksal derselben und das der Menschen im Auge haben… weit gefehlt, sollte es dergleichen Mächte geben, interessieren sie sich für tausend Dinge, aber kaum für dies Staubkorn am Rande einer von unzähligen Galaxien in einem von ich weiß nicht wie vielen Universen. Es sind ja an die sieben Milliarden Wesenheiten in diesem Sektor präsent, sollen die doch zusehen – aber die haben Religion und sehen deshalb eben nicht zu und keinem Wesen war jemals klar, was Religion zu bedeuten habe. weil es kein einziges Wesen gibt, das einen Gott hätte; man hat nur Kameraden, nur seinesgleichen. Nur der Mensch hat sich ein solches Ding geschaffen… von ihm zu erwarten, was es nicht geben kann. Und wenn er nicht aus diesem Irrtum erwacht, steht er eines Tages inmitten der Trümmer, die einst seine Welt waren und wird ihnen nach zerfallen müssen. Er kann wählen – weltsüchtig sein und auf seinen Gott vertrauen oder weltflüchtig sein und vor seinen eigenen Taten Reißaus nehmen – oder er kann klug sein, auf seine Möglichkeiten achten und im übrigen nach der Goldenen Regel verfahren: was ich nicht will, dass man mir tu, das füg ich keinem Andern zu und dabei nicht nur an die Nachbarn und Nächsten, sondern an alles denken, was ihm auf seiner Erde als Mitlebendes beigegeben ist. Falls er meinen sollte, dass er dazu schon viel zu viel davon zugrunde gerichtet hat – nun wohl, kein Gott erlegt sich eine Arbeit auf, die zu leisten er nicht imstande ist also wird auch der Mensch, so schwer es ihm fällt, diese Arbeit tun können, falls er sich und sei es in letzter Minute, für die Vernunft entscheidet.

 

 


[1] legale Kriminalität bezeichnet hier den Bereich des Kommerz und der Politik, aber auch einen Teil des juristischen Bereichs, nämlich den, in dem das Strafrecht nicht wirksam ist, der aber dennoch dem Ethos der Humanität widerspricht indem er zum Beispiel von der Zanksucht des Menschen lebt.

[2] wobei dieser Konsum keineswegs großräumig sein muss; auch der Besitz Radios oder eines Fernsehgerätes ist in bestimmten Gesellschaften bereits ein Zeichen des gesellschaftlichen Etabliertseins gegenüber denen, die keines besitzen oder in anderen Umfeldern ist es der Gebrauch von Waschmitteln beim Wäschewaschen, der dem Gebrauchenden den Eindruck vermittelt, eine höhere Stufe der kommerziellen Zivilisation erreicht zu haben als sein Umfeld.

[3] In Deutschland betrifft dies vor allem den Boom der Windkraftanlagen. Man hat sich um ihretwillen von der Solartechnik verabschiedet, da diese von den Konzernen nicht profitabel genug verwertet werden kann. Geschädigt wird durch die WKA aber nicht nur die Gestalt der Landschaft, sondern auch die Vogelwelt und die Menge der maritimen Lebewesen. Durch den bei Betrieb derselben entstehenden Infraschall werden auf lange Sicht hin auch die Menschen selbst geschädigt werden.

[4] Aus dieser Wirkungsabsicht allein geht schon hervor, dass Gnosis kein Betätigungsfeld  für abseitige, okkulte Zirkel sein kann.

[5] Der Gnosis geht es ja gar nicht darum, in den Himmel zu kommen….

 

Diese Überschrift ist nicht ohne triftigen Grund einem wichtigen Werk der christlichen Gnosisforschung nachgestaltet. Denn das Problem Mensch versus Gott scheint für die religiöse Herangehensweise an die Gnosis ein schier unlösbares Problem zu sein, auf welches sie mit immer mehr Ingrimm reagiert hat und bis zur Stunde noch reagiert.

Ich nehme dieses Problem mit einem gewissen Amüsement zur Kenntnis und stelle fest, dass zwar der Vorwurf, die Gnosis würde den Menschen „vergotten“ wollen,  zutreffend ist – sie tut es fortwährend und hat es immer getan – aber die Bezugsgrößen stimmen nicht. Denn der religiöse Bereich impliziert hier jene Vorstellungen, die man in jedem seiner Systeme wiederfinden kann: die Gestalt des allwissenden, allsehenden, allmächtigen und allweisen, über alles und alle erhabenen Gottes – und genau dies ist in der Gnosis nicht gemeint, wenn sie denn schon in die Nähe solcher Formulierungen gerät. Formulierungen wie „Vater“, „Abgrund“ und so weiter sind in der Gnosis nämlich nicht theistisch gemeint und schon gar nicht theologisch,  Gnosis ist ihrem Wesen nach zutiefst areligiös. Sie sucht nicht Gott, sondern sie will Antwort geben auf die Frage, warum es menschliche Vernunft im Universum gibt und was menschliche Vernunft in Wahrheit ist, nämlich gestaltende Kraft und verändernder Wille. So besitzt die Vernunft eben jene Eigenschaft, die grundlegend für den menschlichen Begriff von Göttlichkeit ist und aus der alles andere eher spielerisch hervorgeht. Eine besondere Beschaffenheit, die sich von der des Menschen grundsätzlich unterscheiden würde, gibt es darin nicht. Jeder Mensch kann, solange er lebt, diese Kraft in sich erkennen, erwecken und wirksam machen.

 

Allerdings ist die Wirksamkeit dieser Kraft durch den Umstand gebunden, dass sein grundlegendes Wesen dem Menschen im Allgemeinen nicht bekannt ist. Das ist auch gut so, denn, wäre sie ihm bekannt, würde er in der Umgebung, in der er sich befindet, gar nichts erkennen können. Nur indem er ihren Bedingungen angeglichen existiert, kann er sich in Beziehung zu den dortigen Phänomenen setzen. So wird mit der Geburt des Menschen ein Schnitt gemacht, der alles, was ihn bis dahin umgeben hat, eliminiert; nur das, was er in sich trägt, kann nicht eliminiert werden, findet aber auch keinen natürlichen Anhaltspunkt, sich zu entfalten: es ruht in ihm und wartet auf seine Stunde, falls die denn kommt. Physiologisch ist diesem Sachverhalt ein Ressort zugeordnet, das der Mensch im Schläfenlappen  mit sich trägt und das, angesprochen, mit Lichterscheinungen reagiert, die nachgewiesen werden können und nachgewiesen worden sind. Wird diese Region auf materiellem Weg gereizt,  kommt es zwar zu einer entsprechenden Reaktion, jedoch ergeben sich daraus keine weitergehenden Schlüsse. Wird sie jedoch auf dem Weg emotionaler Inbrunst angesprochen, ergibt sich daraus die teilweise Aufhebung der bei der Geburt verhängten Absperrung und der Mensch erhält zumindest die Möglichkeit, sich seiner wahren Bestimmung zu nähern – allerdings ist, was er da erlebt, noch nicht vergleichbar mit dieser. Sie ist aber leider auch, historisch betrachtet,  dafür verantwortlich, dass es auch in unserer Zeit Religion gibt, denn der Mensch erlebt dies nicht als einen in ihm selbst befindlichen Vorgang, er erlebt es als etwas, das von außen an ihn heran tritt. So kommt es zu dem, was der Mensch „Gotteserfahrung“ nennt und so kommt es dazu, dass er sich diese „Götter“ als Lichtgestalten denkt… er kann dies und seine irdisch begrenzte Existenz im Allgemeinen nicht miteinander zusammen bringen.

Was diese Unfähigkeit bewirkt, können wir alle an der derzeitigen Weltlage studieren, in der Menschen zwar intuitiv mit der Kraft von Göttern wirken, aber dessen ganz und gar unbewusst sind und dabei vermutlich mehr „Porzellan“ zerschlagen als sie jemals wieder werden ersetzen können. Denn Wunder lassen sich auf diesem Planeten nun einmal selbst für Götter nicht tun. Materie ist von ihrem Wesen her eine recht starre Angelegenheit, ihre vornehmste Eigenschaft ist nicht Kreativität, sondern Funktionalität und was kaputt ist, das ist kaputt. Lediglich in dem, was in Bewegung ist, hat der Mensch einen gewissen Handlungsspielraum in Bezug auf die Richtung, die eine solche Bewegung nimmt und wir sehen, in welcher Weise er denselben nutzt: zuallererst dazu, immer effizientere Waffen gegen sich selbst zu erfinden, weil er die eigene Sterblichkeit und sein tiefinneres Empfinden der Unsterblichkeit ebenfalls nicht zusammen bringen kann. Es kann doch nicht sein… doch, es kann sein. Der getötete Mensch steht nicht wieder auf und geht seiner Wege wie es das „kosmische“ Wesen ohne weiteres tut. Der Mensch handelt inspiriert von seiner Göttlichkeit, aber er ist sich derer nicht im Mindesten bewusst und so weiß er eigentlich gar nicht, was er tut, er interpretiert es sich nur. Was notwendig wäre,. damit Aktion und Reflexion harmonieren: der Mensch müsste zum Bewusstsein der eigenen Beschaffenheit kommen.

Diese Arbeit nun leistet aber genau die Gnosis, sie bringt zusammen,  was zusammen gehört und einer dieser Nebeneffekte ist, dass sie den Menschen dadurch auch auf eine ethisch höhere Stufe befördert, als er sie bis dahin inne hatte. Aber das ist, wie gesagt, vor dem eigentlichen Anliegen der Gnosis, nämlich das missing link zu sein, das die Aspekte vernünftigen Lebens zueinander finden lässt, lediglich ein sich mit ergebender Effekt, es ist nicht der Zweck derselben. Gnosis ist keine moralische Institution, sondern eine existenzielle Möglichkeit, welche dann in Erscheinung tritt, wenn der Mensch die ihm vom Irdischen her gegebenen Möglichkeiten ausgeschritten hat, wenn er sozusagen als Mensch „austherapiert“ ist. Alles, was bis zu diesem Moment, bedingt durch Zwangshandlungen wie Trance, Rauschmittelgebrauch, extreme Askese und erzwungene Meditation in Erscheinung tritt, sind Bruchstücke, deren Sinn immer und jederzeit missverstanden wird. Zwar wird das Interesse des Menschen an der „Transzendenz“ dadurch angeregt und wachgehalten, aber eben dieses Interesse wird auch auf fatale Weise fehlgeleitet. Es wird nämlich auf ein „Göttliches“ hingeleitet, das dem Menschlichen scheinbar unerreichbar gegenüber steht. Er selbst bleibt als unvollkommener Rest eines vollkommenen Daseins frustriert zurück… und verkennt so die Grundlagen seiner eigenen Existenz, weil er die grundlegenden Prioritäten derselben nicht zu gewichten vermag. Mit diesem Irrtum räumt Gnosis auf… aber sie kann nicht wirksam werden, ehe nicht dies Stadium erreicht und ausgeschritten ist. Daher wird kein Mensch von der Religion zur Gnosis kommen, aber nur der ist ganz und gar von ihrem Wirkungsfeld  abgeschnitten, der keines der Erlebnisse, welche Religion begründen, jemals kennen gelernt hat.

Weil die Gnosis von den Theologen in den Ruf gebracht worden ist, eine weitere Strömung von Gottsucherei zu sein, nehmen viele Menschen an, dass sie eine Erweiterung dessen wäre, was sie bereits in der Religion erfahren haben. Das ist ein fataler Irrtum, denn nicht mehr über „Gott“ ist zu erfahren, sondern die Kluft zwischen Gott und Mensch ist zu schließen indem der Mensch das von seinem Gott Geglaubte als existent in sich selbst  erfährt.

Aber was erfährt er da? Ich will es anhand eines niederdeutschen Märchens erklären, das allbekannt ist, da es sich in der Grimm’schen Sammlung findet: Das Märchen vom Fischer und syner Fru. Wie bekannt, ist die Frau des Fischers mit ihrer Existenz höchst unzufrieden und der Fischer leidet unter ihren Launen. Eines Tages fängt er einen großen Butt (den großen Fisch des Thomasevangeliums), der ihn bittet, ihn leben zu lassen, er könne alle Wünsche erfüllen. Schweren Herzens stimmt der Fischer dem zu, aber er will die Probe aufs Exempel und in der Tat, als er heimkommt, steht da anstelle der armseligen Kate ein stattliches Haus… und so geht es weiter bis dahin, dass die Frau Papst werden will. Auch diesen Wunsch erfüllt der Butt ohne mit der Wimper zu zucken. Aber dann schnappt sie scheinbar über: sie will der liebe Gott werden und der Fischer wagt es kaum, dem Butt diesen Wunsch zu übermitteln, aber der bleibt ungerührt und sagt Erfüllung auch hierin zu. Als der Fischer heimkehrt findet er also seine Frau wieder in ihrer alten Kate und der naive Mensch meint nun, der Butt habe sie für ihren Hochmut gestraft. Aber dieses Märchen hat es in sich… es ist das einzige gnostische Vokabelmärchen, das sich in der ganzen Sammlung findet und der Umstand, dass es niederdeutscher Herkunft ist, belegt den oft bestrittenen Befund, dass gnostische Traditionen durch das gesamte Mittelalter und in ganz Europa präsent gewesen sind, also keineswegs nur im südlichen Frankreich und in Norditalien und zwar in höchst „sauberer“ Form[1]. Der Butt ist der bevollmächtigte Vermittler der Gnosis, eben der „große Fisch“ des Thomasevangeliums. Der Fischer ist der Bote, die Frau der Empfänger der Gnosis, welcher die Unzufriedenheit im Herzen stillen möchte , aber nicht ruhen kann, ehe sie ihr Ziel „der liebe Gott sein“ erreicht hat.

Sie erreicht ihr Ziel, aber was erreicht sie? Dass sie wieder in ihrer Hütte sitzt und alles scheint zu sein wie es vordem war, alle anderen Stufen, König, Kaiser, Papst, waren nur Imaginationen. Und – eben diese scheinbare Zurückstufung auf das Existenzielle ist damit gemeint, wenn die Gnosis davon spricht, dass man „wie Gott“ oder auch, mit Müntzers Worten, „christförmig“ geworden ist. Denn es ist nichts wie es vordem gewesen, auch wenn sich vorderhand anscheinend alles gleicht. Die Qualität des menschlichen Daseins ist als menschliches Dasein eine andere geworden, das Leben und zwar nicht nur das eigene, ist durchsichtig geworden, seine Bedingtheiten einsichtig, aber es ist kein anderes Leben als der Mensch es sich aufgebaut hat: die Frau sitzt in der Fischerhütte, weil sie die Frau des Fischers ist und ihr Lebtag niemals auch nur in die Nähe eines Königsthrons gelangte  – aber Gott zu sein steht ihr jederzeit frei, weil sie Mensch ist, dazu braucht sie weder Kaiser, noch Papst zu sein. Denn Gott zu sein bedeutet nicht, die Welt zu beherrschen, aber es bedeutet, zu wissen warum kein Mensch ein Weltherrscher sein kann. Dass er es immer wieder werden will, liegt an dem völlig verqueren und verquasten Bild, das er von Herrschaft hat. Denn Herrschaft ist vor allem und grundlegend erst einmal Herrschaft über sich selber und – wer von unseren Hochfinanziers, Waffengrossisten und Börsenspekulanten, von den Politikern gar nicht erst zu reden hätte jemals auch nur nach der Herrschaft über sich selbst auch nur gestrebt, an ein Erreichen gar nicht erst zu denken.

Ein solches Gottsein wie es die Gnosis meint,  unterscheidet sich denn doch signifikant, meine ich, von den Vorgaben, welche die Religionen machen. Es gibt dem Menschen nur das, was er längst ist, es bringt sein Innerstes nach außen, es verändert seine sozialen Umstände nicht, aber es verändert seine Sicht dieser Umstände. Man kann an ein solches Gottsein nicht glauben, kann es nicht verehren, nicht anbeten, aber man kann es handhaben, kann sich entsprechend verhalten. Man kann als solch ein Gott, die Welt nicht ändern noch retten und keine Kuh wird deshalb dahin oder dorthin fliegen, sondern sie werden alle schön auf ihren Weiden bleiben, denn da gehören sie hin und nirgendwo anders. Aber der so zu Gott wurde, weiß auch, dass dies alles unnötig und nur einer naiven Vorstellung entsprungen ist wie sie die Religionen – und zwar alle – haben. Gleichwohl ist er kein Atheist – wie denn, soll er sich vielleicht selbst für nichtexistent erklären?

Ist es da ein Wunder, wenn auch der Mensch in der Gnosis einen ganz anderen Stellenwert hat als im Christentum oder auch im Manichäismus mit seinen Dualismen und in allen anderen Religionen? Er ist ein „Gott in spe“, was an und für sich schon unehrerbietiges Verhalten ihm gegenüber ausschließt und so bekommt das alte Verbot der Gewaltanwendung einen von aller Dogmatik freien Sinn, denn wer will schon seinem Kameraden ein Leid antun? Im Gegenteil, sollte er von irgendwelchem Leiden betroffen sein, wird man alles daran setzen, ihm zu helfen und so heißt es denn auch: die unter ihnen krank sind, heilt und damit sind nicht nur körperliche Leiden gemeint. Die Loyalität des Gnostikers gilt allen Menschen unterschiedslos, allerdings ist er nicht gehalten, sich alles und jedes von jedem gefallen zu lassen, denn: einen rächenden göttlichen Oberherrn, der für ihn eintreten könnte,  hat er nun einmal nicht. Entweder wehrt er sich selbst gegen Übergriffe indem er Vorkehrungen dagegen schafft,  oder es wird niemanden geben, der dies für ihn tut und das Unrecht bleibt ungesühnt. Daher auch erklärt sich zum Beispiel Müntzers Engagement für die Unterdrückten seiner Zeit, ihm blieb als der Gott, der er geworden war, gar keine andere Wahl als seinesgleichen in Nöten beizustehen und führe dies auch in den eigenen Tod. Auf der anderen Seite entspricht dem dann aber die mangelnde Todesfurcht, denn der Tod ist für einen solchen Gott nicht das Ende, sondern die Heimkehr in sein Eigen. Sicher haben jene Katharer ganz menschlich den Schmerz des Feuers gefürchtet, in das sie gingen – aber sie wussten einen Augenblick gegen die Ewigkeit zu gewichten und außerdem: ein Leben als Christen, als einem allmächtigen Gott auf Gedeih und Verderb unterworfene Sünder, war ihnen nicht mehr möglich. Wer diesen Schritt gewagt hat – und ohnedem bekamen sie den Rang eines Katharers gar nicht erst zugesprochen – der kann sich Dogmen und Riten nicht mehr unterordnen. Daher ist auch das berühmte Melioramentum kein Beichtakt, sondern eher ein Beratungsgespräch zweier initiierter Katharer über den Stand der Dinge und das weitere Vorgehen in einer bestimmten Sache. Zu beichten hatten sie einander nichts und zu vergeben demnach auch nichts. Für ihr  Verhältnis zu den Credentes galten allerdings andere Parameter, die dem christlichen Brauch ähnlicher gewesen sein mögen. Dies war auch der Grund, warum sie keinen Sex brauchten – sie hatten alles, was sich ein Mensch sonst durch sexuelle Betätigung erwerben muss, im Überfluss: die menschliche Nähe. Dass sie es nicht getan haben sollten, weil sie die Schöpfung des Demiurgen nicht verlängern wollten  – für die mehr manichäisch ausgerichteten „Byzantiner“ mag das zutreffend gewesen sein, für sie, gestandene Gnostiker, konnte keine Rede davon sein, dass es einen Demiurgen auch nur geben sollte. Alles, was heute noch mit solchen Mythen spielt, ist von Gnosis weiter entfernt als Atheismus es von Religion ist. Ein Menschenbild, das darauf angewiesen ist, mit Mythen zu operieren, ist eines Gnostikers unwürdig. Aber gerade der Erfindung von Mythen wurde die Gnosis doch (und wird sie) von Seiten der Religion angeklagt? Nun, ich kann nichts dafür, wenn ABC – Schützen sich ein Urteil über die Weltliteratur erlauben – das wird man allseits einsehen. Zur Bestimmung des Menschen vorzudringen ist der Religion nicht möglich[2], sie formt stattdessen ihre eigenen Zwecke und macht sich mit Hilfe eines Gottesbildes den Menschen dienstbar, statt ihn zu befreien, entfremdet ihn sich selber statt ihn zu sich hin zu leiten.

Die Vorstellung der Gnosis von einem Gott deckt sich mit der Vorstellung der Gnosis vom Menschen und aus diesem Grunde geben die alten Dokumente auch dem mythischen Adam oft eine herausragende Rolle und wenn Jesus  vom Menschensohn spricht, meint er genau diesen zur Erkenntnis der eigenen Beschaffenheit gelangten Menschen. Und wie ist der? Er ist weder allwissend, noch allmächtig, er macht Fehler und begeht Irrtümer, aber er weiß, warum er sie begeht und dass zwischen Wahrheit und Irrtum eigentlich gar kein Unterschied besteht, denn das Eine führt in der Sache stets zum Anderen. Der Gott der Gnosis ist lernfähige und lernende Unsterblichkeit. Denn sich selbst als Gott erkannt zu haben, ist nur der Anfang einer neuen Qualität des Unendlichen. Der sich selbst Bekannte weiß, dass Vollkommenheit eine Chimäre ist, dass nichts, was vollkommen ist, bestehen kann und so auch der vollkommene Gott schon per se tot ist, denn es gibt für ihn keine Perspektive. Die Unterscheidung zwischen Gott und Mensch besteht lediglich in der Tatsache, dass der Mensch allein von sich aus zur Erkenntnis seiner eigenen Göttlichkeit nicht kommen kann, da er sich als geschlossenes biologisches  System in einem geschlossenen System befindet, das Welt genannt wird. Um dessen Relativität zu erkennen bedarf er eines Anstoßes, den die Gnosis geben will – mehr will und kann sie nicht tun. Sie kann dem Menschen, der mit dem Status quo seines Lebens nicht mehr zufrieden ist, die Hilfsmittel zeigen, die ihn aus dem geschlossenen SystemWelt hinaus bringen können. Wer indes mit seinem Status quo zufrieden ist, den will sie nicht aufscheuchen und deshalb missioniert sie nicht, sondern macht lediglich freibleibende Angebote.

Allerdings: an dem vorbei, was sie anzubieten hat, gibt es kein Weiterkommen und manche Eitelkeit muss sich dem erst in schweren inneren Kämpfen ergeben. Einzusehen, dass es etwas gibt, das er nicht in sich trägt, sondern das ihm gesagt werden muss, macht insbesondere dem Menschen unserer Kultur Beschwernis, der stolz auf seine Errungenschaften und seinen Status als geistig angeblich[3] autarkes Individuum ist. Nun soll er sich wieder einem Regime unterordnen? Wenn dem so ist und ihn dieser Widerwille beschleicht, kann das deshalb  sein, dass er mit seinen bisherigen Versuchen noch nicht zu einem wirklichen Ende gekommen ist. Er verspricht sich noch immer etwas von Anderen, sei es die Philosophie, sei es die Religion oder bloße Spiritualität ohne personale Fixierung. Es kann auch sein, dass die Mittel, welche die Gnosis ihm an die Hand geben will, ihm zu „gewöhnlich“ erscheinen. Dabei spielt sicher im Hintergrund wieder die Annahme eine Rolle, dass „Gottsein“ etwas Außerordentliches sein müsse, zu dem auch nur außerordentliche Mittel und Wege verhelfen könnten;  nichts ist törichter, als eine solche Annahme. Denn wenn das Gottsein ein sozusagen natürlicher Urzustand des Menschseins ist, dann sind auch die Wege dahin keine extraordinären, sondern allgemein zugängliche: Gefühl, Traum,  nachgehendes Denken, alles das sind Elemente, die im Grunde jedem vertraut sind und auch vertraut sein müssen, denn Gnosis ist, allen gegenteiligen Vermutungen zum Trotz eben keine exklusive Angelegenheit, sondern schlussendlich das Ziel aller Menschlichkeit auf Erden und so muss auch alle Menschlichkeit auf Erden die Möglichkeit haben, zu derselben zu gelangen, weil es ihr gemeinsames Ziel ist und die Welt um ihretwillen besteht. Allerdings werden wir noch geraume Zeit darauf warten müssen, dass dieses Ziel erreicht wird, denn: Erkenntnis ist kein leicht gängiges Ding, sondern sie will Schritt für Schritt erobert sein, der Mensch aber hat aus den verschiedensten Gründen eine „lange Leitung“, die braucht er auch, aber sie strapaziert die Geduld derer, die meinen, es bereits geschafft zu haben, meist aber nur an ihre eigene Göttlichkeit glauben, ohne dieselbe jemals auf die Probe zu stellen.

Sie will aber auf die Probe gestellt werden. Der Mensch soll nicht daran glauben, dass er ein Gott ist, sondern er soll und muss es erfahren, er muss täglich und stündlich damit umgehen können und dazu muss er alle seine Kräfte zulassen können und zugleich auch lernen, sie verantwortlich einzusetzen. Denn: Gott zu sein bedeutet ja nicht, unfehlbar zu sein. Es bedeutet nur, bewusst Einfluss auf Dinge nehmen zu können, so man will. Das können durchaus auch die „falschen“ Dinge sein und wer das nicht glaubt, der betrachte den Zustand unserer Zivilisation. Dennoch ist auch diese notwendig um Nährboden zu sein für spätere, achtsamere Hochkulturen, die noch auf den Menschen warten. Wir sollen nicht glauben, sondern wissen, sagt Müntzer, der letzte namhafte Gnostiker vor der Wiederentdeckung der Gnosis in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Aber wie sollen wir wissen, ohne zu  erproben?

Wie es geht, mit dem nur geglaubten Gottsein, sehen wir an der Esoterik. Diese Menschen wissen, dass es etwas anderes gibt, aber eben dadurch, dass sie an „etwas anders“ glauben, gehen sie bereits in die Irre und doch gehen sie recht, denn der Irrweg durch „das  Andere“ wird sie wieder auf sich selbst zurück führen und Zeit – haben wir genug. Sie erproben es auch, aber sie finden sich nicht selbst als Ursache der Wirksamkeit, sondern schreiben sie dem und diesem zu. Erst wenn der erste Atheist sich als Wunderheiler erfährt, wird es Zweifel an solchen Zuschreibungen geben, denn: der hat nichts, dem er sie zuschreiben könnte. Ja, sicher, er wird tausend Zufälle bemühen, was aber, wenn unter ganz anderen Zufälligkeiten sich solche Fähigkeiten als stabil erweisen? Dann bleibt nur er selbst als Verursacher derselben übrig. Mit Sicherheit wird er sich schwertun, dies anzuerkennen, aber zuletzt wird ihm nichts anderes bleiben und so hätte der Atheist unter diesen Umständen – aber nur unter diesen – einen stabileren Zugang zur Gnosis gefunden als ihn jeder Christ, ja jeder Religiöse, finden kann. Solche „Esoteriker“ gibt es bereits, sie sind aber bis dato nur eine verschwindende Minderheit in einer Masse, die vor Ergriffenheit über die „Wundertaten Gottes“ atemlos verharrt und – innerweltlich – nach Methoden sucht, sich diesem Gott zu nähern. Die Methode der Gnosis wird dabei oft bewusst vermieden, denn man spürt instinktiv, dass diese nicht dahin führt, einen Gott vor sich zu erkennen, sondern dahin, die Dualität von Gott und Mensch aufzuheben, „die Zwei zu einem zu machen“ wie es im Thomasevangelium, dem einzig allgemein verbindlichen Dokument der Gnosis, heißt.

Die Heimat eines solchen Gottes ist das Unendliche. Damit ist eine weitere Schwierigkeit für den gegeben, der sich als einen solchen Gott nur glauben will, denn der Mensch, der er weiterhin ausschließlich ist, kann, von Endlichkeit umgeben, keinen Begriff davon haben, was Unendlichkeit sei. Alles, was darüber gesagt werden kann, wird ihm als bloße Theorie, als bloße Annahme erscheinen, also kann man es im Grunde auch sein lassen, ihm etwas darüber zu sagen. Diese Heimat ging ihm aber nie verloren und so findet sich auch der Mensch, der sich als Gott gefunden hat, zu seinen irdischen Lebzeiten inmitten des Unendlichen. Sie ist nicht „hier oder dort“, sondern in Wahrheit „innerhalb und außerhalb“ von ihm, sie ist nicht transzendent, nicht immanent, sondern schlicht und einfach existent. Unendlich heißt nämlich, und das wird gern vergessen, nicht nur unendlich groß, sondern auch ebenso in der Gegenrichtung unendlich. Es ist nicht nur unendlich fern, sondern auch unendlich nah und alles das zugleich, denn Zeit und Raum sind für das Unendliche ohne Bedeutung wie Leben und Tod, es gibt nur unendliches Leben. Das macht, dass die Perspektive eines Menschen, der sich als Gott erkannt hat, von Optimismus nur so strotzen sollte, denn für ihn ist alles unendlich offen und gestaltbar. Dieser Optimismus begreift selbstverständlich diese Welt mit ein, die wohl als solche vergänglich, deren Essenz aber gleichermaßen unendlich ist und die in allen, die sie erlebt und mitgestaltet haben, fortdauert. Hat man die Gnosis pessimistisch genannt? Nun, dann hat man sie ein weiteres Mal nicht verstanden.

Also:  wenn ein Gnostiker Gott sagt, meint er nicht die Gottesvorstellung der Religionen. Mit ihnen wird seine Lebenshaltung zu Unrecht vergesellschaftet. Das Menschenbild eines Gnostikers ist eben wegen seiner Lebenshaltung nicht pessimistisch, vielmehr ist es, auf seine Perspektive hin betrachtet, durch und durch optimistisch. Dies bedingt eine unbedingte Mitmenschlichkeit und beinhaltet gesellschaftliche Aktivität auf allen Ebenen, auf denen ihm das konkret möglich ist. Missvergnügen hat darin ebenso wenig Platz, wie Überheblichkeit, aber auch Demutshaltungen sind ihm nicht angemessen. Er weiß, was er weiß und er ist, was er ist – das beinhaltet auch, dass er sich darüber im Klaren ist, dass er nicht jederzeit alles wissen und alles sein kann und seine eigene unendliche „Unfertigkeit“  nicht als Makel sieht. Da der Irrtum Bestandteil des Lernens ist, kann er ihn durchaus ertragen. Der Gott, der er ist, ist auch frei von Eitelkeiten und Profilsucht – andererseits macht er aus seinem So – Sein auch kein Hehl und es schert ihn herzlich wenig, was die, welche sich nicht erkannt haben, davon halten. Wenn diejenigen klug sind, werden sie Fragen stellen, sind sie es nicht, werden sie ungehalten sein. Ihn aber berührt das nicht oder nur in Form des Mitgefühls für seine ach so stumpfsinnigen Mitmenschen, die es gleichwohl nicht gut vertragen, wenn man an ihren Stumpfsinn rührt. Der Gott in ihm weiß nur zu gut, wie schwer es Menschen fallen kann,  zu festen Positionen zu finden und wie ungern sie dieselben dann wieder aufgeben oder auch nur überprüfen wollen. Er ist ja alle diese Wege ebenfalls gegangen ehe er dahin kam, wo er sich jetzt befindet und wo derartige Positionen zu vernachlässigen sind, weil die Spiegelung des Lebens in ihnen eben nicht das Leben ist. Aber Verständnis für etwas zu haben, bedeutet ja nicht, es billigend in Kauf zu nehmen….

 

 


[1] … wie alles, was von der Katastrophe von St. Felix de Caraman 1197 nicht erreicht wurde, sondern in der westlichen Tradition der Gnosis ungestört weiter arbeiten konnte, dazu zählen auch die gnostischen Zentren im Harzland (Halberstadt und Umgebung)  und in Hessen (Gutleuthof bei Frankfurt).

[2] Dem formalen Atheismus ist es allerdings auch nicht möglich, da er sich eher als eine „gegen“ als eine „ohne“ Gott – Bewegung ansieht und überdies völlig in der Immanenz verhaftet bleibt. Das sind Leute, die in Wahrheit Totes an sich genommen haben, aber nicht um es am Leben zu erhalten, sondern um mit ihm zu sterben.

[3] Der Mensch ist, betrachtet man ihn genauer, als Mensch allerdings alles andere als  autark, sondern von unzähligen Faktoren abhängig, die seinen Lebensweg unentwegt beeinflussen.

Ungeachtet des durchaus ernsthaften Inhalts von Stipans Auseinandersetzungen stehen hier einige Bemerkungen, die nicht in gleichem Maße ernsthaft zu nennen sind. So wie beides aber zusammen steht, repräsentiert es beinahe vorbildlich die beiden Arten von Mensch, die hier zusammen kommen: den sich selbst ergründenden Philosophen und den sich selbst völlig unbekannten Geschäftemacher. Sie bezeichnen, völlig unabhängig von ihren jeweiligen konkreten Aussagen – Gedanken auf der einen, Produkte auf der andern Seite – den vernunftbegabten und den lediglich verständigen, intelligenten Menschen. Der Unterschied zwischen beiden würde sich hier folgendermaßen ergeben: der vernunftbegabte Mensch schaut sich um und an, womit er es zu tun hat, und verzichtet darauf, in diesem Kontext für Sonnenbrillen, Handtaschen und wer weiß noch, was, zu werben. Der intelligente Mensch aber sagt sich: viel bringt viel – und postet seinen Kram rücksichtslos in die Breite. So ist er qualitativ nicht unterschieden von meinem Kater, der auch nur dann reibungslos funktioniert, wenn er sein Quantum an Leckereien bekommt, ja der mit allen seinen gestischen und akustischen Möglichkeiten auf ihrer Darreichung besteht, sonst… bringt er uns beide zur Weißglut und er weiß sehr wohl, auf welchen Wegen er das erreicht.

Nun gut – der Kater kann nicht anders; der Mensch aber könnte wohl anders, wenn er nur wollte, aber – er will eben nicht. Er hasst das Denken der Denkenden nicht – er versteht es gar nicht erst, dass er es also hassen könnte. Und so haspelt er, wie unser Kater, stur seinen Zwirn herunter, es passe hierher oder es passe nicht. WordPress lässt es durch und also tut er es. Nun gut, die meisten der hier ergangenen Sprüche habe ICH nicht durchgelassen. Auf jeden Spruch, der hier steht, kommen mindestens zehn weitere dieser Art, die erst gar  keine Chance hatten, hier zu erscheinen. Sie fielen ins Spam – Register und von dort ins Nirwana. Und so werde ich es auch weiterhin halten.

Denn ich weiß zwar, das neunzig Prozent der Menschheit nicht in der Lage sind, Vernunft und Intelligenz voneinander zu unterscheiden – aber das braucht für diesen Blog ja nicht vorbildhaft zu sein.

Berlin, den 29. 06. 2012-06-29

Juliane Bobrowski (lebendiger Mensch und Aufseher im Erkenntnis – Blog) die auch alle Rechte an diesem Artikel hält.

15.05.2012

Judas

 

Inhalt

Gleich mal Klartext 1

Bethanien. 3

Lazarus. 5

Damaskus. 6

Der Ungläubige Thomas. 8

… und wenn ich wollte, dass er bleibe, bis ich komme, was geht’s dich an?. 10

Der Aufstand. 11

Alexandria. 13

Sergius Paulus. 16

Grüsse nach Philippi 18

 

 

Gleich mal Klartext

In den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts – wie sich das anhört für einen, der fast sein ganzes Leben in jenem Jahrhundert verbracht hat – wurde in Kreisen von Neutestamentlern, die sich professionell auch mit dem übrigen christlichen Schrifttum der Frühzeit zu befassen haben, ein Judasevangelium in die Diskussion gebracht. Da dieses Judasevangelium zwar früh entstanden ist, aber bereits die Kreuzigung voraussetzt, die es ja nie gegeben hat, kann es ohne weiteres in die apokryphen Texte des zweiten und dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung eingereiht werden. Über unseren Judas hier, sagt es jedenfalls nichts aus, sondern trieft von Christentum. Als hätte Judas solch eine „Ehrenrettung“ nötig gehabt… er hatte und hat sie so nötig wie wir ein Loch im Knie oder ein fünftes Bein. Es gab jenen Verrat niemals. Er ist dramaturgisch konstruiert worden, um die christliche Passionsgeschichte eröffnen zu können und strotzt  nur so von frommem Erfindungsgeist, wobei die Frage, wie denn jemand verraten werden musste, dessen Aufenthaltsort jeder kannte, wohl die bedeutendste, aber keineswegs die einzige ist.

Aber – es stehen Schatten der Erinnerung hinter allen Erwähnungen des Judas. Denn er war es, der nach Jesu Fortgang die Leitung seiner Schülerschaft übernahm und das wird keine kleine Aufgabe gewesen sein, wenn man Jesus als den Lehrer „jener fremden Philosophie“ ansehen will, „die nicht bei uns entstanden ist, aber viele Anhänger in Israel hat“, so Josephus, der nach allem zuverlässigste Chronist jener Zeit. Er ist vor allem zuverlässig, weil er selbst keinerlei Interesse an dieser Philosophie hat, er kennt sie nicht, ist weder dafür, noch dagegen eingestellt. Hier liegt der Schatten besonders auf dem Grund, warum Jesus Israel verlassen muss. Denn es ist sehr wohl etwas geschehen, das Jesus den Kopf kosten könnte, auch unter dem ihm an sich freundlich gesinnten Herodes: das Allerheiligste des Tempels ist entweiht worden, die Bundeslade vernichtet.[1] Jesus muss zusehen, wie er schnell das Meer zwischen sich und Israel bringt. Vielleicht stammt die Legende vom Verräter hierher: nämlich dergestalt, dass Judas diese Begebenheit eben nicht beim hochpriesterlichen Gericht anzeigt, sondern den Frevler entweichen lässt. So wird er zum Verräter – aber nicht an Jesus, sondern an der Sache des Tempels – der ihn im Übrigen nichts mehr angeht. Er hat sein Judentum längst verloren, als dies geschieht.

Wir dürfen in Judas, nachmals genannt „der Zwilling“ den befugten Vollstrecker von Jesu geistigem Vermächtnis sehen. Er ist es, der sich am engsten an den bewunderten Lehrer anschließt, er ist es, der als Einziger der Schüler den Weg zu gehen wagt, den Jesus vorschlägt, er ist es nachmals, der die auseinander laufende Schülerschar wieder sammelt und ihr in Alexandria ein neues Zentrum schafft. Er ist es, der noch das Christentum aufdämmern sieht, denn er ist um einiges jünger als Jesus und er wird sehr alt werden, und sich mit Entschiedenheit dagegen verwahrt, weshalb er auch der Ungläubige genannt wird. Später wird man ihn zwangsweise ins Christentum eingemeinden, aber da ist er schon tot und kann sich nicht mehr wehren.

In der frühen Christenheit ist Judas nichtsdestoweniger bekannt und bei einigen sogar beliebt. Man stellt ihn gerne christusähnlich dar und gibt ihm eine Buchrolle in die Hand als Hinweis darauf, dass er eine eigene Christus – Tradition errichtet haben soll. Lange Jahrhunderte bleibt sein Werk ein Dorn im Fleisch der Orthodoxie, erst im 16. Jahrhundert unserer Zeitrechnung verschwindet es zusammen mit seinen letzten Rezipienten von der Bildfläche. Es tauchen Akten auf, die seinen angeblichen Märtyrertod schildern sollen – an dem freilich aber auch alles erstunken und erlogen ist, aber man will diesen Man und man will ihn als Christen. Denn ohne ihn und sein Werk kann man sich nicht als Christ ausweisen – er ist es, der die Lehre Jesu gestaltet und ihr eine Form gegeben hat und der sich darin als seinem Lehrer kongenial erweist. In koptischer Übersetzung ist diese grundlegende Schrift komplett erhalten geblieben, teilweise auch in Griechisch. Man kann annehmen, dass sie auch auf Lateinisch verbreitet war, denn die Orthodoxie reagierte geradezu  hysterisch, wenn die Rede auf dieses Werk kam  – aber um die Lehren Jesu kamen auch die Christen nicht herum und so nahmen sie dieselbe in ihre Evangelien auf. Um der Weisheit willen, die in diesen Worten steckt, ist das Christentum noch immer am Leben –aber Kain hat Abel umgebracht und lebt auf dessen Kosten und von dessen Erbe. Kain wäre hier das Christentum im Ganzen. Die Urgestalt des Werkes ist aber in Aramäisch verfasst, der Sprache Jesu und der Sprache des Judas, das konnte durch Rückwärtsvergleiche gesichert werden und die nassforsche Behauptung, es handele sich dabei um ein „epigraphisches Werk“ entbehrt jeder Grundlage, befriedigt aber wohl die christliche Seele und hält – berechtigte –  Zweifel fern[2].

Dieser Mann hat uns also die originale Lehre Jesu erhalten – eine Lehre aus einer Zeit, als es noch keinen Jesus Christus gab, sondern nur einen Lehrer, der sich als eines Menschen Sohn bezeichnete und keine Religion, sondern eine Philosophie verbreitete. Allerdings tat er dies unter Juden. Das bedingt, dass ein gewisses unbestimmtes Maß an religiös ausdeutbaren Begriffen in dieser Lehre vorhanden ist, denn anders wäre er von denen, mit denen er zusammentraf nicht verstanden worden – er wurde es dennoch noch schlecht genug, denn die Ohren der meisten Schüler hörten den religiösen Klang auch unaufgefordert mit, es mussten gar nicht einmal solche Superjuden wie Simon sein. Dass indes Judas den religiösen Bereich mitgedacht hat, können wir wohl als unmöglich annehmen. Indessen überlieferte er Jesu Lehre so treu er konnte und auch seine Schüler hatten große Ehrfurcht vor der Überlieferung des Meisters, sodass seine Worte beinahe unverändert auf uns gekommen sind, was sich vor allem dadurch bemerkbar macht, dass dieses kleine Werk immer noch imstande ist, das auszulösen, was einst dem Judas widerfuhr: nämlich dass er wurde wie sein Meister und also dessen Schüler nicht mehr war – auch das überliefert er treulich. Die Lehre Jesu beweist sich vor allem durch ihre Wirkungsgeschichte. Und durch diese Wirkungsgeschichte beweisen sich auch die Übersetzungen als genau und wort- wie begriffsgerecht. Erst die modernen Übertragungen bringen den Evangelienton hinein und verunklären dadurch die Lehre.

Zurück zu Judas. Er hat ein bewegtes Leben gehabt, äußerlich wie innerlich. Er ist alt geworden, älter als sein Meister, der an unbekanntem Ort verstarb. Niemals wieder kehrte er nach Israel zurück. Judas hat Kinder hinterlassen, war also verheiratet, aber über seine Frau wissen wir nichts. Von den Kindern wissen wir aus einer Anekdote, die von Kaiser Domitian überliefert ist. Sie sollen Bauern in Judäa gewesen sein. Dass es seine Kinder gewesen wären, erfahren wir nur dadurch, dass behauptet wird, Jesus habe einen Zwillingsbruder gehabt. Er war unterwegs im gesamten östlichen Mittelmeerraum und besaß mehrere Häuser – in Alexandria, in Damaskus, in Philippi/Mazedonien. Er war befreundet mit hohen Regierungsbeamten – all das deutet darauf hin, dass er kein armer Mann war, aber das war Jesus, sein Lehrer, ja auch nicht.

 

 

 

Bethanien

Bethanien am Ölberg war ein großes Dorf nahe bei Jerusalem. Heute liegt der Ölberg zwischen dem landwirtschaftlich nutzbaren Gebiet um Jerusalem und der Wüste – zu Jesu und Judas Zeiten war das aber ganz anders. Bethanien lag in einer lieblichen, weiten Landschaft, deren Charakter durch Äcker und Weiden bestimmt wurde und diese Landschaft zog sich bis über das Ufer des Toten Meeres hinaus. Erst weit danach begann die arabische Wüste, die sich heute beinahe bis Jerusalem erstreckt. Der Ölberg hatte seinen Namen von den Olivengärten, die sich seine Hänge hinauf zogen. Die Menschen lebten vom Öl, von der Landwirtschaft und Viehzucht und natürlich auch von den Pilgerströmen, die jedes Jahr aus Galiläa durch das Dorf fluteten und wer nicht im überfüllten Jerusalem hausen wollte, der suchte sich hier ein Quartier, sodass nur die Nacht des Passah selbst in Jerusalem verbracht werden musste. Zu Schawuoth und zum Neujahrsfest war der Aufenthalt in der Stadt nicht vorgeschrieben sondern nur die Anwesenheit im Tempel bei den Opferfeiern und beim großen Bußgottesdienst am Versöhnungstag.

Er ist ganz bestimmt nicht unverhofft bei Judas hereingeschneit, der Neffe und Schwiegersohn des Königs Herodes. Leute diesen Kalibers pflegten sich anzumelden, denn sie mussten damit rechnen, dass ihre Gastgeber Vorkehrungen trafen. Aber Platz mag genug im Haus gewesen sein, das nach dem Tod ihres Vaters nun dem Judas und seinen beiden unverheirateten Schwestern gehörte. Noch viele Jahre später vernehmen wir, dass es ein stattliches Anwesen war, in das eines Tages ein Mann namens Jesus einkehrte  – vielleicht auf einer seiner vielen Inspektionsreisen, vielleicht unterwegs nach seiner Statthalterschaft Galiläa, vielleicht aber auch auf seiner Reise nach „Damaskus“ am Toten Meer, wo der König ihm einen Wohnsitz geschenkt hatte. Er kam nicht allein, sondern mitten in einem Pulk von Hofleuten und vielleicht reiste seine Familie mit ihm. Marta, die eine Schwester hatte jedenfalls, erfahren wir, genug zu tun und war nicht erfreut darüber, dass die andere Schwester, sobald Jesus eingetroffen war, fasziniert zu seinen Füßen saß und ihm schöne Augen machte, während sie den Überblick über alles allein behalten musste. Sie soll sich denn auch einen Rüffel eingehandelt haben, die Miriam. Aber, was erstaunlich war Jesus verteidigte sie und wies Marta seinerseits zurecht „Lass sie doch zuhören“… er wusste so gut wie Marta, dass die beiden das Brot nicht selber buk und den Wein nicht selber kelterte noch das Herdfeuer versah. Die Schwestern hatten nur acht zu geben, dass alles in Ordnung war – und das konnte Marta auch alleine.

Diese Episode wird überliefert im Johannesevangelium, das im Verdacht steht, auf eine Biographie des historischen Jesus zurück zu gehen, in die späterhin der Passionsbericht eingearbeitet wurde – teilweise unter direkter Zitation der damals bereits kanonisierten „synoptischen Evangelien“. Aus Jesu Privatleben erfahren wir in der Tat in diesem Text am meisten, vieles davon bleibt dennoch rätselhaft, der Fokus der Schrift liegt nämlich nicht auf diesem Leben, sondern auf den diversen Missionspredigten, die damit verknüpft und garantiert nicht von Jesus sind. Irgendwann im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung kam nämlich ein Christ auf die Idee, man müsse es nun endgültig mit der Philosophie aufnehmen, damit der Lehrer Jesus aus dem Gedächtnis der Menschen entschwinde und nur der Heiland Jesus Christus übrig bleibe. Er hatte damit wenig Erfolg, aber dadurch, dass er sich eben auf diese Biographie aus der Feder eines Kundigen stützen konnte, fand sein im Übrigen zweifelhaftes Werkchen den Weg in den Kanon der heiligen Schriften des Christentums.

In Bethanien am Ölberg also sind die beiden einander zum ersten Mal begegnet und auch die Schwester des Judas erlag der Faszination, die von dieser so ungewöhnlichen königlichen Hoheit ausging. Nach den sehr seltenen frühen Darstellungen zu urteilen, war Jesus  höchstens von mittlerer Größe, hatte dunkle, krause Haare und war, allem jüdischen Herkommen zum Trotz, bartlos. Nach der Mode des königlichen Hofes rasierte er sein Gesicht und kleidete er sich alla greca und er wird wohl neben seiner aramäischen Muttersprache auch das Griechische beherrscht haben, aufgrund einer langen Lebensphase in Ägypten dann auch Ägyptisch, wovon er aber in Judäa kaum Gebrauch machte. Er liebte es, heftig und lebendig zu gestikulieren, wenn er sprach und eine relativ frühe Darstellung zeigt, dass er nicht eben die Ruhe weg hatte und majestätisches Thronen überhaupt nicht liebte. Hier ist es die Weltkugel, von der er am liebsten herunterrutschen würde[3] und er trägt einen kurzen Chiton statt eines langen Hemdes. Irgendetwas muss aber an ihm gewesen sein, das ihn aus der Schar der „Gassenjungen“ heraus hob, denn Judas verfiel dem Älteren mit Haut und Haaren, desgleichen die Schwester; sie gaben das Anwesen in die Hände des Verwalters oder auch des Schwagers (eines ungenannten Ehemannes der Marta) und begaben sich mit Jesus dahin, wohin er eben unterwegs war. Dieser hat Judas übrigens nicht enttäuscht, das Anwesen ernährte ihn lebenslang und sein Ertrag war Bestandteil des kleinen Vermögens, aus dem er seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte – freilich hat er aber noch mehr getan, sich den Ruf eines wohlhabenden Mannes zu verdienen als der er dann in Alexandria galt. Sogar die Evangelien wissen noch davon, wenn sie „Judas“ den „Beutel“ zuteilen, also die materielle Versorgung der – fiktiven – Wandergemeinschaft, die es so in Wahrheit niemals gegeben hat. Aber er war nicht der Einzige, der hier Vermögen hatte: auch Simon, aus dem später das Christentum hervorgehen sollte, war nicht arm und Jesus als königlicher Neffe schon gar nicht, denn sein Onkel Herodes war sogar stinkreich und er liebte seinen Neffen und dessen Philosophie „mehr als seinem Ruf guttat“ wie Josephus vermeldet. Unterwegs mag er dennoch gewesen sein – erst von Amts wegen und später auf „Geschäftsreisen“ und jemand wie er reiste natürlich nicht allein.

Lazarus

Da ist noch eine Geschichte, die Judas unmittelbar betrifft. Eine wichtige Geschichte, auch wenn sein Name dabei nur in falschem Zusammenhang fällt. Die Geschichte geht so: Judas, wohl um einmal wieder nach dem Rechten zu sehen, ist daheim in Bethanien, als ihn diese Verwandlung quasi hinterrücks überfällt. Wir alle kennen dies Phänomen: wenn der Stress nachlässt, kommen die Zusammenbrüche. Als Judas und solange er sich im Umfeld Jesu bewegte, kam er nicht zur Ruhe. Nun aber, quasi auf Urlaub, erwischt es ihn und eine Weile noch hat es den Anschein als wäre er krank. Marta schickt nach dem Meister, weil niemand ihm zu helfen vermag, sie tut es hinter seinem Rücken, denn Judas meint, das wäre nicht  nötig. Dabei führt er sich auf wie ein Schlafkranker, nur ab und an steht er auf, nimmt etwas zu essen und verschwindet wieder im Bett und dabei verfällt er immer mehr und dann – setzt sein Atem aus und er ist weg. Als Jesus von seiner „Krankheit“ hört, ist ihm klar, was da passiert ist und er meint, wie Judas, seine Anwesenheit wäre nicht vonnöten. Aber dann stellt er fest, Judas hat es übertrieben und findet den Rückweg nicht mehr und das nun wiederum ist nicht im Sinne der Sache, also macht er sich auf die Socken. Er kommt zu spät: die frommen Juden haben den angeblichen Leichnam schon eingewickelt und begraben und Jesus allein weiß, dass dieser Mann nicht tot ist, sondern zurückgebracht werden kann und muss. Denn so will er das nicht, Judas soll von dem erzählen können, was ihm widerfuhr, Jesus braucht einen Gewährsmann, der bestätigen kann, dass seine Lehre wirklich Früchte trägt und nicht nur irgendwelches mystische Gerede ist. Also lässt er sich nicht beirren und wirklich, es gelingt ihm, Judas aus dem Licht zurück zu bringen. Er ist nicht einmal sonderlich beschädigt, ein paar Schrammen bringt er durch Musterarbeit wieder ins Lot[4].

Das Johannesevangelium erzählt die Geschichte, aber sehr ungenau. Judas bekommt in dieser Geschichte einen Ehrentitel „der Eingeweihte“ was auf seinen Status nach diesem hinweist und als Person tritt er als Thomas auf, der da vielsagend meint, „Ja, lasst uns gehen, damit wir mit ihm sterben“, was natürlich nicht auf einen möglichen Tod Jesu gemünzt ist, sondern auf die Teilhabe an dem, was in Bethanien gerade geschieht. Der Name Judas wird ganz unterschlagen, er ist nur demjenigen gegenwärtig, der weiß, dass dieser Zwilling Judas heißt. Aber sie beschreibt genau, wie diese Sache für die Augen Unbeteiligter abgelaufen ist. Wir haben aus der Gegenwart etliche Parallelbeispiele, denn dies ereignet sich immer noch, es geht nicht um Vergangenes, sondern um ein zeitloses Phänomen.

Danach ist Judas einer, der in Bezug auf Jesus wie er geworden ist. Er lebt ein anderes Leben, auch wenn er für jeden derselbe bleibt, der er immer war. Das ist nur äußerlich. Innerlich ist er zu einem geworden, „der die Geheimnisse kennt“ – zu einem Lazarus. Für den späteren Bearbeiter dieses Textes ist es nur eine Totenerweckung, mehr braucht er nicht um den „Messias“ Jesus zu beweisen, an den und dessen Wundertaten man glauben soll. Im Urtext aber hat sicherlich noch mehr gestanden, denkbar ist ein Hinweis auf das, was Judas im Licht erlebt hat und wie er damit fertig wird, sozusagen auf zwei ganz unterschiedlichen Ebenen zu leben. Wäre dieses Buch erhalten geblieben, es wäre sicher eines der fesselndesten der ganzen Antike geworden – aber  es ist, bis auf diese paar entstellten Fetzen, eben nicht geblieben, wurde wohl auch später von der Kirche heftig verfolgt wie alle Schriften aus der Frühzeit der Gnosis, denn zu den allerfrühesten Gestalten derselben muss Judas Thomas gerechnet werden. Da ohne sein Werk das Christentum nicht hätte bestehen können, musste man ihm in demselben einen Platz anweisen und man tat es auf die bewährte Weise, dass man die Bestandteile eines Namens in ebenso viele Personen auflöste und die eine, die gemeint war, dadurch unkenntlich machte. So wurden aus Judas dem Zwilling der a)Verräter Judas Iskarioth, b) der ungläubige Thomas, c) Lazarus, der von den Toten auferweckt wurde, vielleicht noch d) Lazarus der in Abrahams Schoß ruht und e) Judas, der ein Haus in der Breiten Straße von Damaskus hat, ganz sicher aber wurde aus ihm der f) Elymas der Magier und g) der gnesie syzyge des Philipperbriefes, welche Betitelung sich bis ins Mittelalter erhalten hat; noch die Katharer schrieben sie an die Wände ihrer Versammlungshöhlen. Eine Vielzahl von Zersplitterungen, die genau der Bedeutung des Judas für die Lehre Jesu entspricht, dieselbe war nämlich ungeheuer.

Damaskus

Damaskus ist eine sehr alte Stadt in Syrien. Sie besteht noch und ist heute die Hauptstadt des Landes, das ebenfalls noch immer besteht. Aber „Damaskus“ ist auch der Name für einen Ort in Israel, genauer gesagt, an dessen östlichster Grenze. Und über dieses Damaskus wird gesprochen, wenn in Bibel und Talmud die Rede über Damaskus geht. Dabei ist es durchaus möglich, dass damit überhaupt keine Tarnung beabsichtigt ist, sondern dass es am Toten Meer wirklich einen Ort gegeben hat, dessen Name ähnlich klang – zumindest aramäischen Ohren – und mit dem es eine für Israel außerordentliche Bedeutung hatte, denn in Damaskus saßen, wie wir erfahren, die Ketzer. Mit diesen setzt sich der Talmud außerordentlich detailliert auseinander, was für die Bedeutung spricht, die sie noch lange nach Herodes in Israel gehabt haben. Er bespricht des Langen und Breiten vor allem das Problem, was mit Büchern geschehen solle, die von diesen Ketzern hergestellt worden sind. Er diskutiert lange, ob man sie aus einem Brand retten solle – was dafür spricht, dass auch Thorarollen dort gefertigt worden sind, denn nur diese waren aus einem Brand zu retten. Und ein fanatischer Jude schreibt einen langen Brief nach „Damaskus“, in dem er die Ketzer dort über die wahren Lehren des jüdischen Glaubens aufklärt und ihnen auseinander setzt, dass auch nicht alle Juden mit der Politik übereinstimmen und übereinstimmten, die in Jerusalem seit den Tagen der Hasmonäer gemacht wurde. Was man in Damaskus über diesen Brief dachte, ist nicht überliefert, der Brief aber wohl. Er fand sich Anfang des vorigen Jahrhunderts in einer Kairener Synagoge an. Da er nach Damaskus adressiert ist, nennt man ihn heute die Damaskusschrift. Ein zweites, wohl das Originalmanuskript fand sich in der Hinterlassenschaft eben der Institution wieder, an die es einst gesandt worden war: die Offizin von (nachmalig so genannt) Qumran.

Was hat man nicht alles in diesen Ort und diesen Fund hinein interpretiert… dabei war der Ort ein Dorf wie viele andere und der Fund eher eine zufällige Ansammlung. Denn hier wurden Bücher hergestellt und zwar von Anfang an. Sie gerbten selbst das Leder, zogen wohl auch das Vieh, leichte Arbeit in einer weitläufigen Grassavanne, schnitten es zu, legten es auf Lager und … dann beschrieben sie es je nach den Aufträgen, die sie bekamen. Für das Geld, das sie bekamen, kauften sie alles, was in der Savanne nicht wuchs, was sie aber brauchten: Lebensmittel, besonders Getreide, Kleidung und alles. was sonst in Haushalten Verwendung fand. Sie lebten in Familien zusammen; man hat ihren Friedhof ausgegraben, darauf befanden sich Männer, Frauen und Kinder jeder Altersstufe. Man hat ihre Müllgruben gefunden, darin befanden sich Knochen und Scherben und Reste von allerhand Pflanzen. Und man hat ihre Gerberbottiche gefunden, in denen das Leder gereinigt und geschmeidig gemacht wurde, die Tische, an denen es immer feiner geschabt wurde, bis es die richtige Qualität erreichte und endlich in die gewünschten Formate zugeschnitten… die Schreibstube fand man indes nicht, denn die Tische dort waren wohl aus Holz und das  Haus aus Lehm und beides ist vergangen. Dort und so lebten also die Ketzer um die der Talmud solch ein Wesens macht… und sie lebten von ihrer Hände Arbeit, nicht von frommer Beschaulichkeit, der Ort war kein Kloster, er war ein lebendiges Gemeinwesen und dieses Gemeinwesen wurde von denen verwaltet, die da Ketzer genannt werden, aber vermutlich lebten nicht nur Ketzer dort, sondern Menschen aus allen Fraktionen, in die das Judentum in der Zeit von Herodes dem Großen bis zum ersten jüdischen Krieg, in dem die Siedlung zerstört wurde, zerfallen war.

Bei der Siedlung gab es ein kleines Königsschloss, das Herodes seinem Neffen als Wohnsitz schenkte und wo er mit seiner Familie und seinen Freunden lebte. Zu den Wallfahrtsfesten kamen sie dann auch nach Jerusalem, denn viele seiner Freunde sahen sich durchaus als Juden und außerdem war das eine Gelegenheit, mit den Freunden zusammen zu treffen, die nicht im Dorf wohnten und das waren viele, wie Josephus schreibt: man konnte sie überall antreffen. Aber Herodes kam auch öfters ans Tote Meer, denn dort befanden sich viele Ferienschlösser und zudem brauchte der dann und wann auch die Heilquellen, die an seinem Ufer entsprangen – er litt an einer heimtückischen Krankheit, die durch solche Bäderkuren gelindert, manchmal beinahe zum Abheilen gebracht wurde. Dann sah er wohl auch nach der Tochter und nach dem Neffen und ob es ihnen auch wohl erginge, denn er liebte die beiden und seine Enkel schon deshalb, weil sie die einzigen in der Familie waren, die nicht auf den Thron scharf waren und keiner politischen Partei die Steigbügel hielten. In diesem Umfeld lebte nun auch Judas, der sich Jesus eng angeschlossen hatte, lebte eine Zeitlang auch seine Schwester, ehe sie in Magdala ein eigenes Quartier bezog und nur noch zu Besuch kam.

Der Umsatz der Offizin stimmte wohl, denn sonst hätte sich die rabbinische Literatur kaum um sie bemüht. Überall im Lande kursierten ihre Exemplare und kam auf die Märkte und den orthodoxen Juden vor die Augen, bestachen durch ihre sorgfältige Ausführung und es waren beileibe nicht nur Schriften der Gruppe, sondern im Gegenteil, mit ihrem eigenen Wissen hielten sie sehr zurück, aber sie stellten ihre Fähigkeiten der Allgemeinheit zur Verfügung und wenn die Rabbinen die Schriften bis zum Ursprung verfolgten, erfolgte meist ein Aufschrei – denn die Leute aus „Damaskus“ hielten mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. Für ihre Kunden arbeiteten sie mit koscheren Häuten und sogar in Metall, wenn es gewünscht wurde, aber für sich selbst, nein, für sich selbst „aßen“ sie „was man ihnen vorsetzte“ und genierten sich nicht, fasteten nicht, beteten nicht (und jüdische Gebete fressen Zeit…) und sie gaben auch keine Almosen, denn sie hatten immer irgendeine Arbeit zu vergeben – dem, der arbeiten wollte. Auch als Jesus weg war, arbeitete der Betrieb weiter unter Judas‘ Leitung und sogar nach Judas‘ Weggang war noch kein Ende abzusehen, Jakob, ein Bruder Jesu, führte den Betrieb nahtlos weiter und nach ihm kamen andere und wieder andere – Damaskus blieb ein Dorn im Fleisch der orthodoxen Juden, den sie nicht heraus ziehen konnten, denn die Leute machten schlicht nichts falsch… sie machten es nur anders. Beinahe hundert  Jahre bestand der Betrieb, ehe die Stiefel römischer Legionäre alles niedertrampelten. Man wendet gegen diese Lesart ein, dass man keinerlei Schreibwerkzeug in Qumran gefunden hätte… nun ich halte diesen Einwand für recht schwach, denn nicht mehr als die Grundmauern der Siedlung sind auf uns gekommen und damit nur ein ganz geringer Teil dessen, was sie einst ausgemacht hat. Man hat eingewendet, dass die Wohnstätten für 500 Mitarbeiter nicht gefunden worden wären, aber erstens, woher will man wissen, dass es so viele waren, zweitens muss man die Bauweise einfacher Lehmbauten kennen, um zu wissen, dass sich von einem leichten Haus aus ebenerdig an Pfählen ausgespannten Matten, die mit Lehm beworfen und mit einem Dach aus Astgeflecht gedeckt werden, nach zweitausend Jahren nichts mehr auffinden lässt. Dies aber war die gebräuchliche Bauweise für die Häuser der Armen, nur die Wohlhabenderen legte Fundamente und wie wir ebenfalls sehen, gab es solche wohl am Ort, die Siedlung bestand aus den Häusern der Sesshaften und aus den Hütten der Wanderarbeiter, die niemand zählte und die auch die Archäologen zweitausend Jahre später nicht gezählt haben dürften.

Hier also wohnte Judas und hier, in der Hauptstraße[5] des Ortes, hatte er sein festes Haus. Hierher wurde der Talmudreferendar Saulus mit seiner Schar geschickt und hier öffnete Judas ihm die Augen – leider aber nicht weit genug, wie man dann wohl gesehen hat, denn der eben Erweckte ging zur Fraktion der messiasgläubigen Jünger des Simon über, was Judas sicher nicht beabsichtigt hatte. Da war er, wenn wir in Betracht ziehen, dass er bedeutend jünger war als sein ferner Meister, etwa ein Mann in den Fünfzigern, Saul wohl um die Mitte der Zwanziger. Jesus, an unbekanntem Ort, war damals vielleicht schon tot, auf jeden Fall aber ein alter Mann.

Aber auf jeden Fall ist es wahrscheinlicher, dass Saul in dieses „Damaskus“ gesandt wurde als in die syrische Großstadt, denn was hatten die orthodoxen Juden dort zu suchen – gar nichts und sie hatten auch keine irgendwie gearteten Glaubensbeziehungen dorthin. Sicher –  Juden gab es überall im Reich, aber zumeist ging es den Jerusalemer Tempelklerus herzlich wenig an, was diese Juden trieben, der Hohe Rat der Priester war kein Inquisitionstribunal. Wenn sich allerdings in Israel selbst und auch noch in relevanter Größenordnung eine Ketzerei erhob, dann war der Hohe Rat zuerst gefordert, denn der römische Verwaltungsapparat kümmerte sich um dergleichen nicht. Dass ein junger, aufstrebender Pharisäer dann ans Tote Meer geschickt wird um nach dem Rechten zu sehen, ist glaubwürdig, gehört dies Gebiet doch zu Israel. Christen aufheben sollte er aber bestimmt nicht, denn Christen gab es eigentlich noch gar nicht, es gab vorerst nur die beiden Parteien, die des Simon und die des Judas, die beide eine ketzerische Philosophie vertraten, allerdings erwies sich Simon als bei aller Philosophie doch gut jüdischer Mann, während Judas… na ja. Simon machte nicht viel von sich reden, aber Judas umso mehr mit seinem „Verlag“ in der Savanne und so wollte man sich das genauer ansehen. Aber dann passiert dieses Ding – Saul, ausgeschickt, die Lage einzuschätzen, nicht etwa jemanden zu verhaften, wird selbst Anhänger des Judas und kann deshalb nicht nach Jerusalem zurückkehren, sondern geht erst einmal weiter nach Osten hinein zu den Arabern ihm westlichen Grenzland. Denn wie soll er das seinen Auftraggebern erklären… besser nicht.

Alles andere ist orientalischer Honigkuchen…. viel zu süß und viel zu klebrig aber sehr, sehr lecker… wer einmal einen für Rosch Hashana zubereiteten Honigkuchen gegessen hat, der wie Schaum auf der Zunge zergeht und selbst im Mund noch köstlich duftet, wird mich verstehen. Es ist zwar süß – aber es ist nichts „daran“.

Der ungläubige Thomas

Judas hat bei den Schülern des Simon einen sehr schlechten Ruf. Man kann ihm nämlich nichts weis machen, er fragt immer nach und wehe, jemand hat keine schlüssige Antwort parat oder erzählt gar Gewäsch, dann ist der dran. Andererseits: wenn Judas sagt, etwas ist so oder so, dann kann man sich darauf verlassen, dass es auch so ist. Also – einerseits kann ihn die Gemeinde des Simon wegen seiner Wahrheitsliebe ganz und gar nicht leiden, andererseits braucht sie gerade diese, um sich selbst ins rechte Licht zu setzen. Wenn Judas sie unterstützen würde… aber der tut’s nicht. Denn was der Simon da erzählt, ist von vorne bis hinten Gewäsch und teilweise sogar geradeheraus gelogen. Niemals hat Jesus dem Simon bescheinigt, dass er ihn als Gottes Sohn erkannt habe, sondern es steht überliefert, dass Simon gesagt hat: du gleichst einem besonnen Menschen. Zudem – dem Geschrei über die Auferstehung ist Judas von vorherein ebenso energisch entgegen getreten wie der Geschichte von der angeblichen Kreuzigung, die bald nach Jesu Weggang bei einigen ehemaligen Schülern Jesu umgeht. Kreuzigungen, das gesteht Judas gerne zu, gibt es seit die Römer regieren massenhaft und überall, denn die Dummen sterben bekanntlich nie aus. Aber Jesus ist nie auch nur in die Nähe eines Kreuzes gekommen. Simon lügt und er lügt mit Absicht, trifft sich in seinem Lügengewebe mit einem anderen Betrüger, der behauptet, ein von den Toten Auferstandener zu sein … und der sich mit Aussprüchen des Meisters schmückt, die er allesamt in die Richtung eines messianischen Judentums interpretiert – das ganze Gegenteil also zu dem, was Jesu Anliegen wirklich war. Dieser Betrüger und sein Betrug sind gleichfalls unvergessen, die Mandäer bewahren sein Andenken, ihm allerdings nicht zum Segen.

Aber die Religion des Simon hatte Erfolg in diesen aufgeregten Zeiten in Israel, da vor allem die kleinen Leute sehnlichst auf die Befreiung aus doppelter Knechtschaft warteten, denn die eigenen Reichen bedrückten sie beinahe noch schwerer als die Fremden. Sie erhoben im Auftrag der Fremden die Steuern und sie sorgten dafür, dass sie bei diesen Erhebungen selber nicht zu kurz kamen. Rom alleine, die Tempelsteuer alleine – das wäre allenfalls noch zu stemmen gewesen, aber alle die Draufgelder, die von den Priestern verlangt wurden, alle die Spesen, die sie sich natürlich von den Armen erstatten ließen… das war zu viel. Andererseits erschien Rom unüberwindlich und war Erhebung gegen den Tempel und seine Priesterschaft nicht Auflehnung gegen Jahwe und seinen erklärten Willen, wie er im Gesetz verkündet worden war? Aber – nun kam Simon mit seinem neuen Gott der Liebe und Gerechtigkeit, die gerade den Armen zuteilwerden sollte, also solchen wie ihnen, und der den Reichen fluchte – der kam gerade richtig und die Massen bekannten sich in einem vorher nie dagewesenen Umfang zu diesem neuen Gott. Grund genug für die Priester, zu den Römern zu laufen und um Schutz zu flehen, war doch anscheinend sogar der neue König, der Sohn des großen Herodes, in die Sache involviert und muckte gegen Augustus und den Hohen Rat auf. Der schuf schnell Ordnung, setzte ihn ab und ernannte einen Römer, Coponius über den man nicht viel mehr als den Namen sagen kann, zum Sachwalter Roms in Judäa – alles sollte so bleiben wie es gewesen war, denn diese Lösung hatte sich im ganzen Imperium bewährt: wenn es möglich war, mit der Zustimmung der herrschenden Klasse zu arbeiten und wenn nicht, dieselbe zu zerschlagen. Hier hatte es sich als nicht notwendig erwiesen, denn der heimische Adel kooperierte mit den Römern. Die Religion des Simon versank, nachdem sie etwas Lärm gemacht hatte, wieder in der Versenkung aus der sie aufgestiegen war und ein Zyniker schrieb später ins Neue Testament hinein: Arme habt ihr allezeit bei euch…

Aber es gab auch noch anderen Gegenwind und der kam aus der Richtung der Philosophie, wo Judas den ganzen Zirkus, den man um seinen Meister anstellte,  natürlich nicht billigen konnte, wusste er es doch nun ganz bestimmt besser und so lehrte er auch die neue Generation, die da inmitten des Judentums heranwuchs. Gegen die Bewegung dieser „Ketzer“ aber unternahm Rom nichts, denn die störten seine Kreise nicht. Die Philosophen waren ihnen sogar genehm, waren sie doch dezidiert unpolitisch und scheinbar ganz auf Innerlichkeit fixiert. Und so kamen die Schüler Simons auf eine andere Idee – anstatt dass sie die Anderen vernichteten, konnten sie sie doch ebenso gut auffressen: und so wurde Maria Magdalena zur Kronzeugin der Auferstehung und sie und Judas wurden gleich in mehrere Personen zerteilt: den Verräter Iskarioth zunächst dann aber auch den ungläubigen Thomas, der erst durch eine leibliche Begegnung mit dem Auferstandenen zum Glauben findet, aber immerhin  – ab dann glaubt er. Maria wurde bezeichnenderweise einmal zur Gottesmutter, dann aber auch zur Dirne, zur Zeugin der Kreuzigung ehe sie zur ersten Zeugin der leiblichen Auferstehung Jesu wurde.

Was Judas angeht, so spiegelt sich in der Geschichte vom ungläubigen Thomas sehr viel Wahres: denn in der Tat hat Judas den Jüngern des Simon ihre Geschichte nicht nur nicht abgenommen, sondern er hat auch unter ihnen kräftig dagegen gearbeitet und wohl auch viele von Simon und seinen Märchen abwendig machen können, sodass die Verleumdung des Judas als Verräter und Umfaller zu einer Existenzfrage für die junge Religion geworden war. Die beiden nach Jesus größten und einflussreichsten Lehrer der Philosophie, eben Judas und Miriam mussten demontiert werden, auch wenn man ihrer leiblich nicht mehr habhaft werden konnte. Und so eignet der Geschichte vom ungläubigen Thomas zwar jede Menge früheste Ideengeschichte des Christentums, aber – Wahrheit eignet ihr überhaupt keine. Indessen überliefert zumindest das Johannesevangelium auch, wie wir schon gesehen haben, etliche wahre Begebenheiten: Eine wollen wir uns gleich einmal anschauen. Denn sie hat intensiv mit Judas Thomas zu tun.

… und wenn ich wollte, dass er bleibe bis ich komme, was geht’s dich an?

Ich meine die Szene am Meeresstrand, die im Johannesevangelium zur Szene am Seestrand wird, der Abschiedscharakter aber bleibt. Jesus verlässt das Land und ordnet so gut es geht, seine Nachfolge. Der „Jünger, den er liebhat“ ist Judas Thomas. Simon drängt sich dazwischen, in diesen Abschied hinein, er ist eifersüchtig auf den Liebling. Jesus hat nie „weide meine Lämmer“ zu Simon gesagt, denn es gab keine Lämmer zu weiden, die Schüler waren für sich selbst verantwortlich. DEN Satz können wir also getrost vergessen. Aber diesen anderen nicht: „und wenn ich wollte, dass er bleibe bis ich komme, was geht’s dich an“ – denn diesen Satz hat Jesus ganz ohne Zweifel zu Simon gesagt, er passt. Er passt zu  allen übrigen Sätzen, die den Simon meinen, denn der hat selten gute Karten – so selten, dass selbst die Evangelien den Satz „weiche von mir, Satan“, auch er zu Simon gesagt, nicht streichen oder verhehlen. Simon schneidet nirgendwo gut ab und wo er es doch tut, hat man es nachträglich hinein geschrieben wie das berühmte „weide meine Lämmer“ und das noch viel berühmtere „tu es Petrus et in petrum istum ecclesiam meam aedificabo… „ und so weiter. Jesus stellt hier aber die Dinge klar: die Nachfolge gehört Judas Thomas und Simon hat ihm nicht dreinzureden; bis Jesus wiederkommt, wird Judas der Meister sein, denn Jesus hat durchaus vor, wiederzukommen, auch wenn draußen schon das Schiff liegt, das ihn wegführen wird aus Israel. Dass und wie sich die Dinge dann entwickeln kann noch niemand ahnen, auch er ahnt es nicht in dieser Stunde. Es gilt vielmehr der Rat des getreuen Beraters: lass ihn ein Jahr gehen, ein Jahr bleiben und ein Jahr wiederkommen. Dann wird, so hoffen alle, Gras über die Sache gewachsen sein… da aber Simon Boëthos[6] unterwegs verloren ging, was nicht abzusehen gewesen war, musste Jesus in der Fremde bleiben. Mehr noch – er musste sich in Gegenden begeben, in denen weder das jüdische, noch das römische Recht galten, denn Tempelfrevel wurde von Juden wie von Römern bestraft. Diese Gegenden gab es nur im äußersten Westen, in dem man Heiligtümer nicht kannte, sondern die Götter auf freier Flur verehrte und dann führte man die Ochsen über das Land oder ließ die Pferde und Rinder darauf weiden[7].

Dies alles war freilich in dem Augenblick, den der sogenannte erste Johannesschluss hier festhält, noch in weiter Ferne. Hier geht es um die Konsolidierung der kleinen Gemeinschaft, die weiter machen soll, auch wenn ihr Meister – erst mal für einige Zeit – fern ist. In dieser Zeit soll Judas die Gemeinschaft leiten und Simon, dem das nicht gefällt, soll den Mund halten. Es ist davon auszugehen, dass diese Anordnung dann auch befolgt wurde und der also Zurückgewiesene dies zum Anlass nahm, seine eigene Gemeinschaft zu gründen, in der er seine Vorstellungen von seinem Meister ungestört weiterentwickeln konnte. Judas wird der bevollmächtigte Verwalter des Gedankengutes Jesu, während Simon der Hirte irgendwelcher Lämmer wird, die gehütet werden müssen, also, im unsere Begriffswelt übertragen, der Guru einer neuen, auf einem Zweig der jüdischen Religion basierenden Sekte. Judas zieht sich nach „Damaskus“ zurück, wo er den Kern einer philosophischen Schule um sich sammelt und die Methode der Erkenntnis an Menschen – Männer wie Frauen – weitergibt, die dann ihrerseits für deren weitere Verbreitung sorgen sollen. Um ihn für seine Tätigkeit freizustellen, übernimmt Jakobus, einer der leiblichen Brüder Jesu die Verwaltung des Betriebes. Vielleicht aus diesem Grund nennen die anderen ihn „den Gerechten“ – er erledigt seine Arbeit ordentlich und gewissenhaft. Die Freunde und die Angestellten fühlen sich gleichermaßen bei ihm geborgen. Auf diesem Hintergrund ist wohl der Spruch zu verstehen, dass „um seinetwillen (Jakob) Himmel und Erde entstanden sind: er gilt als der Typus des umsichtig tätigen Menschen, der seinen Aufgabenkreis kennt und  gewissenhaft zu handhaben weiß. Die Saat, die Jesus in Israel gesät hat, wird aufgehen und soll sich Korn um Korn vermehren und in der Tat, sie vermehrte sich, denn Josephus, der uns von ihr als der Philosophie berichtet, „die nicht bei uns entstanden ist“ muss auch berichten, dass sie „bei uns viele Anhänger hat“. Da ist die Zeit, von der hier die Rede ist, bereits Vergangenheit.

Der Aufstand

Ob es dieser war oder ein anderer? Dieser meint den Aufstand, der losbrach, als Augustus dem Archelaos das Königtum entzog und Israel dem Imperium einverleibte. Denn Archelaos erwies sich, entgegen den Erwartungen, als seinem Vater durchaus ebenbürtig, was besonders die Jerusalemer Priester entsetzte, die sich nun endlich eine geruhsame Hegemonie erhofft hatten. Aber Archelaos war in der Atmosphäre des herodianischen Königshofes erzogen, ein Freigeist wie sein Vater und möglicherweise noch tatkräftiger und motivierter als dieser, ein König Israels, kein römischer Vasall und auch kein gehorsamer Untertan des Klerus. Das passte nun den einen wie den anderen nicht und so konträr sie auch standen, in diesem Falle hielten sie gegen ihn zusammen, wie man aus der Schilderung des Josephus entnehmen kann. Dem Volk nun wieder passte die Politik der Römer ebenso wenig wie die der Priester und sie wollten ihren König und ihre Unabhängigkeit behalten soweit sie die noch behalten konnten, also revoltierten sie gegen Augustus und seinen Präfekten Coponius – aber sie revoltierten vergeblich. Auch die Anhänger der Philosophie sympathisierten in diesen Tagen mit Archelaos und das soll so weit gegangen sein, dass ihre beiden Anführer, Judas und Jakobus, selbst nach Jerusalem kamen um an der Spitze einer ausgewählten Schar nicht etwa den Römern, sondern den Priestern Schwierigkeiten zu machen. Sie besetzten den Tempel, aber die Römer kamen den sonst eher Vernachlässigten zu Hilfe, weil es eben der Wille ihres Kaisers war, dass Rom hier regieren sollte. Jakobus wurde infolge der Unruhen getötet und Judas rettete zwar sein Leben, musste aber das Land verlassen. Er floh aber nicht wie Jesus, sondern er tauchte unter, zwar nicht in Israel, aber doch in dessen Nähe. Was nun aus dem Ort in der Wüste wurde? Nun, da noch Saul im Haus des Judas Wohnung nehmen kann, ist anzunehmen, dass dieses Untertauchen nur zeitweilig war und Judas nach einiger Zeit zurückkehren und seine Aufgabe wieder übernehmen konnte. Wer achtete denn schon darauf, was in einem abgelegenen Dorf geschah, wenn die Steuern aus diesem regelmäßig und richtig eingingen? Niemand. Natürlich zeterten die Pharisäer weiter, aber niemand Maßgeblicher hörte auf sie und wohl auch die Unmaßgeblichen taten es nicht, denn sonst hätten wir die erbitterten Polemiken gegen die Bücher der Ketzer wohl nicht im Talmud und sonst würde sich Josephus[8], der Priester, wohl nicht so spitz über die fremde Philosophie auslassen. Es ging also alles weiter seinen Gang und doch hatte sich durch den zeitweiligen Untergrundaufenthalt des Judas etwas verändert: der Geltungsbereich der Philosophie war dabei, sich entscheidend zu erweitern. Nun gab es auch in jener Stadt Anhänger der Philosophie, über die gleich berichtet werden soll, da sie späterhin für Judas noch eine große Rolle spielen sollte.

Aufstände gab es in Judäa mindestens in jedem Jahr seit der Besetzung durch die Römer etliche. Einige hatten größeren, die meisten nur kleineren Umfang. Einer dieser Aufstände aber sticht – noch vor dem ersten Jüdischen Krieg – aus den anderen heraus: der Aufstand vom Ölberg, der etwa um den Zeitraum 40 – 50 unserer Zeitrechnung zu datieren ist und dessen Verlauf seinen Schatten auf die „Passionsgeschichte“ warf[9]. Denn jener „Betrüger“ von dem Josephus schreibt, sammelte etliche tausend Anhänger auf dem Ölberg und musste unter Aufbietung einer ganzen Kohorte dort herunter geholt werden… dieser Schatten fällt auf die biblische „Gefangennahme Jesu“ im „Garten Gethsemane“. Natürlich war der historische Jesus an alledem gänzlich unbeteiligt und es steht auch dahin, ob sein Nachfolger Judas hinein verwickelt gewesen ist, der dann ja außerdem schon hoch betagt gewesen sein müsste, etwas zu hoch betagt für meinen Geschmack und für die damalige Lebenserwartung selbst gut situierter Unternehmer. Denn Jesus verließ Israel um das Jahr 23 vor unserer Zeitrechnung und damals war Judas zwar ein junger Mann, aber kein Knabe mehr und auch den Jünglingsalter entwachsen. Er müsste also über die Maßen alt geworden sein, um sich an diesem Aufstand beteiligen zu können. Wenn es einen Aufstand gegeben hat, nach dem Judas Israel für immer verließ, kann es nur einer der vielen ungenannten gewesen sein. Hingegen stellt die Begegnung von Saul und Judas in „Damaskus“ keine chronologische Hürde dar, wenn wir bedenken, dass wir die ersten Schriftzeugnisse paulinischer Briefe aus der Zeit um 50 unserer Zeitrechnung haben… und zwischen der Sammlung und dem Schreiben mag einige Zeit vergangen sein, wobei 50 unserer Zeitrechnung auch nur eine mehr oder weniger gesicherte Vermutung ist, wie fast alles im neutestamentlichen Umfeld sich im Bereich der Spekulation bewegt, was als „eherne Tatsache“ ausgegeben wird. Wir dürfen daher die Sache mit Saul und Judas durchaus vorverlegen. Wir dürfen sie sogar in die Tage vor der Machtergreifung Roms in Israel verlegen, denn dann bekommt sogar der sonst recht eigenwillige Einsatz Sauls als „Inquisitor“ des Hohen Rates einen Sinn. Unter Archelaos hatte, wie auch unter Herodes, der Hohe Rat in religiösen Dingen die alleinige Entscheidungsgewalt und konnte wohl Tempelsoldaten ans Tote Meer schicken, wohingegen Archelaos alle Hände voll damit zu tun gehabt haben dürfte, seine ererbte Herrschaft zu konsolidieren. Wichtig ist aber: Judas ist als Saul dort ankommt, vor Ort und nimmt den „Bekehrten“ in Empfang. An dieser wundersamen Bekehrung ist indes zu zweifeln, am Zusammentreffen der Beiden hingegen nicht und auch nicht daran, dass es Judas gelungen ist, den jungen Saul zu faszinieren, sodass er von seinem ursprünglichen Vorhaben Abstand nahm. Wenn dies alles vor dem besagten Aufstand geschehen ist, in dem Jakobus umkam, können wir diesen als Klimax der Ereignisse betrachten und als den Punkt, an dem die Lehre Jesu ihr Zentrum von Israel an jenen anderen Punkt der antiken Welt verlagerte, der seit jeher sowohl Zufluchtsort für Juden als auch kultureller Mittelpunkt der hellenistischen Welt gewesen ist. Dann lag, anderer Ansatz, die Leitung von „Damaskus“ fortan in den Händen Unbekannter und es mag dann schon sein, dass sich der Ort nach und nach in ein reines Sammelbecken unzufriedener Juden und Gegner Roms wie auch der mit diesem kollaborierenden Jerusalemer Geistlichkeit verwandelt hat und dass er als ein solcher dann von den Römern zerstört wurde. Uns hingegen von der Zeit nach Pilatus als Datierung zu verabschieden, dürfte umso leichter fallen, als sich die Entwicklung der Dinge in den Jahren  4 – 6 unserer Zeitrechnung weitaus sinnvoller darstellt als in so viel späterer Zeit. Gehen wir also im Gegensatz zu unserer ersten Annahme, davon aus, dass Jakobus umkam, Judas aber sich nach Alexandria rettete und fortan dort blieb.

Alexandria

Über Alexandria ist unglaublich viel geschrieben worden, Kluges und unsäglich Dummes. Denn die alte Stadt ist entweder mit der neuen überbaut oder im Meer versunken. Nur noch ganz wenige Bereiche des alten Alexandria sind uns heute noch zugänglich, so das Fundament des Pharos und der Friedhof der Ptolemäer nebst einer Zisterne und ein paar Säulen. Wir wissen nichts mehr von den beiden Boulevards, welche die Stadt von Ost nach Westen durchschnitten und die auf ihren beiden Seiten einen Kanal säumten der, vom Mareotissee, dem Süßwasserreservoir der Stadt, gespeist, Alexandria mit dem östlich davon gelegenen Kanopos verband und westlich der Stadt zu den verschiedenen Friedhöfen der Juden, der Griechen und der Ägypter führte. Wir wissen nichts mehr von der Halbinsel Lochias, die ganz und gar königlicher Besitz war und gegen die Stadt von der großen Basileia, dem ptolemäischen Königspalast abgeriegelt wurde. Wir kennen allenfalls noch Trümmer einiger Lustschlösser, einer Art Pavillons, die sich im Hafenbecken erhoben, denn der Hafen wies eine Anzahl Untiefen auf, die so bebaut nicht mehr zu Gefahren für die Schiffe werden konnten. Wir wissen aber von dieser Stadt so gut wie nichts mehr, nichts von ihren drei Häfen, dem Passagier-, dem Fracht- und dem Königshafen, wir sehen die neue Bibliothek am Strand und wissen dass die alte inmitten der Stadt stand und ein Bestandteil des Museions war. Wir haben ein paar Säulen, aber keine Vorstellung mehr von dem riesigen Serapistempel, der wie das Museion mehrere Gebäude, Plätze und Parks zusammen fasste, wir wissen nicht mehr, wo Juden, Griechen und Ägypter ihre Quartiere hatten, die sie wie Städte in der Stadt selbst verwalteten. Wir kennen den Standort der großen Synagoge nicht mehr, die mit ihrem als Atrium gestalteten Hof viele tausend Besucher fassen konnte und die vor dem Bau des herodianischen Tempels wohl das prächtigste Haus des Judentums war. Wir kennen die stillen Straßen und Gassen nicht, nicht die verwunschenen Plätze an denen Brunnen sprudelten und Bäume über die Mauern der Anwesen nickten, denn städtisches Grün gab es in Alexandria nicht. Wir wissen nicht mehr, wo die Ägypter ihre „Haustempel“ hatten und wie es in ihrem sicher nicht so stillen Quartier ausgesehen hat, denn Ägypter sind ein lautes und quirliges Völkchen, das sich nicht gern hinter Mauern einsperren lässt, während Griechen und Juden Straßen nur betreten um etwas oder sich selbst von hier nach da zu bewegen. Das Leben spielt sich in den Anwesen ab, während es sich bei Ägyptern beinahe ganz im Freien ereignet. Und dann die großen Boulevards, welche die Stadt in alle vier Himmelsrichtungen durchschnitten, aber nur zwei von ihnen waren repräsentativ gestaltet, die andern beiden waren eben breite Fahrstraßen, eine zur Basileia und dem anschließenden Diplomatenviertel, eine andere zum Passagier- und Frachthafen, die im Sommer heiß, leer und, von hohen Häusern gesäumt, abweisend waren, wenn nicht Gesandtschaften oder Reisegruppen sie durchquerten, denn Alexandria war, für sich und als Tor nach Ägypten, ein berühmtes Touristenziel. Andere Touristenziele waren Rhodos, Athen, Korinth die Stätten von Olympia, Ephesos[10] und Pergamon, aber auch das wunderschöne, grüne Antiochia[11] am Orontes in Syrien wurde gern aufgesucht. Stoßweise wurden also auch die schnurgeraden Nord – Süd – Verbindungen benutzt, aber das Leben spielte sich in den Quartieren ab, die durch sie und den inneren Boulevard, sowie durch die Stadtmauer begrenzt wurden, denn Alexandria war nicht, wie Rom, eine offene Stadt. Es hatte, zum Land hin, Mauern und Bastionen, denn man musste erstens immer gewärtig sein, dass Aufstände ausbrachen und zweitens auch mit Angriffen aus Richtung Nordafrika rechnen. Alexandria war nicht Ägypten, auch wenn es ägyptische Züge trug – Alexandria war vielmehr griechisch und viele Ägypter sahen in der Stadt einen Fremdkörper, der gleichwohl die echten Ägypter schikanierte und ausbeutete.

Dann aber gab es noch die Boulevards – und auf ihnen traf sich die Welt. führte ihren Reichtum und ihr Ansehen oder auch einfach nur sich selber spazieren. An den Boulevards lagen die elegantesten Läden, die feinsten Herbergen und dazwischen lag alles, was Geschäfte machen wollte, hier waren die Quartiersgrenzen aufgehoben und der Jude hatte sein Geschäft neben dem Ägypter oder dem Griechen oder dem Syrer, dazwischen standen die Heiligtümer aller Nationen und aller Götter von der einfachen Wandkapelle bis hin zum modernen Tempelhaus. Um das Museion aber, im Westen der Stadt, sammelten sich die privaten Akademien, für Dichtkunst, Tanz und Schauspiel, Musik und Rhetorik und eben auch für diverse Philosophien. Dort hatte später auch die Schule des Judas, der sich hier Didymos nannte, ihren Sitz, aber erst einmal musste der Gründer selbst einen Ort für sich finden.

Das war nicht besonders schwer… denn es gab viele Juden in der Stadt, sie beherbergte nach Jerusalem selbst die größte Gemeinde. Es war nur nötig, ein wenig Geld zu besitzen – was Judas zweifellos hatte – und dann war noch nötig, am Sabbat in die große Synagoge zu gehen, denn dort traf sich die gesamte feine jüdische Welt, all die Bankiers, Groß- und Fernhändler und Großindustrieelle, also Besitzer großer Manufakturen, die bereits industriell arbeiteten. Der Besitzer einer bereits wohl bekannten Offizin hatte keine Schwierigkeiten, in diesen Kreis aufgenommen zu werden, zumal schon deshalb, weil modernes Verlagswesen in Judäa sonst so gut wie unbekannt, in der hellenischen Welt aber die Regel war, Judas also als eine Art Pionier galt. Es mag ihn selbst überrascht haben, wie leicht er Zugang fand – aber etliche Manuskripte aus seiner Faktorei hatten den Weg nach Alexandria gefunden, weil sie qualitativ eben gut bis hervorragend waren.

Man wird ihn nicht viel nach den Gründen für seinen Aufenthalt gefragt haben, denn es war damals üblich, dass vor allem gebildete Juden nach Ägypten auswanderten und Alexandria war meist die erste Station. Viele verteilten sich dann über die anderen ägyptischen Städte oder reisten per Schiff weiter zu den anderen großen Städten – da von Alexandrias Hafen täglich viele Schiffe in alle Richtungen ablegten und ankamen, war dieser Stadt auch wegen ihres Hafens die Stadt der ersten Wahl. Eine Unterkunft also wird er schnell gefunden haben, für ein eigenes Haus brauchte er vielleicht etwas länger, denn so schnell fand sich kein leer stehendes, aber auch das fand sich endlich an und Judas konnte daran gehen, in diesem Haus mit dem Lehrbetrieb anzufangen… zunächst mit interessierten Juden, aber er gedachte, es nicht dabei zu belassen. Auch viele Ägypter und Griechen hatten schließlich ganz ähnliche Interessen und vor allem an den Ägyptern war ihm gelegen, denn er wusste wohl, dass seine Lehre eigentlich aus Ägypten stammte, aber hier, in Alexandria war sie auch den Ägyptern meist fremd und neu. Die geistliche Creme der ägyptischen Gesellschaft lebte nicht hier, sondern an den fernen Hochschulen in Philae oder in Edfu. Zwar unterhielt auch der Serapistempel eine Art Akademie, aber mit deren Mitgliedern war er noch nicht zusammen gekommen, kurz gesagt, er hatte wie es so schön heißt, einen Bammel oder Fracksausen, wie man will. Der in Aussicht genommene Schülerkreis bedingte aber, dass Judas sich an einem anderen Ort als im Judenviertel niederließ, in das Griechen wie Ägypter nur höchst ungern kamen. Gesagt, getan, das Haus wurde verkauft und eines im Bereich wahrscheinlich des Serapeums erworben, wo es auch bedeutend ruhiger war. Wie das, wo doch in einem ägyptischen Tempel von früh bis spät reges Leben herrschte? Nun, das Serapeum lag außerhalb des ägyptischen Bezirks und gehörte eher zu den Staatsbauten als zu den „Gemeindekirchen“. Nur zu den großen Staatsfesten fanden hier Veranstaltungen statt… das Serapeum war sozusagen das staatsoffizielle Gesicht einer Dynastie, die wusste, dass sie auf ihr Hinterland angewiesen war und blieb und dieses Hinterland war eben zumeist[12] ägyptisch, sprach seine eigene Sprache und hatte seine eigenen Götter. Hingegen Serapis war eine griechisch – ägyptische Mischung, eine Kreuzung aus Zeus, dem ägyptischen Ptah und dem ebenfalls ägyptischen volkstümlichen Osiris, von dem er allerdings keine Attribute trug, sondern nur den Namen hatte, während zu Ptah gleich zwei Merkmale gehörten: einmal die Säule Djed – Beständigkeit, Dauer, Ewigkeit die dem Stab des Ptah nachempfunden war, zum anderen der Name Apis, der den aktiven Bestandteil des Ptah, seinen schöpferischen, im zeugenden Stier verkörperte. Amun und Re indes, die beiden anderen Götter hatten keine Aufnahme in diese letzte ägyptische Reichsgottheit gefunden. Sie fristeten im Hinterland eine zwar geachtete, aber unauffällige Existenz. Ach, übrigens: zu staatlichen Ehren hatte es auch Isis gebracht, in der die uralte ägyptische Hochachtung der Frau von der griechischen Dynastie aufgenommen worden war – ihr Tempel befand sich auf Lochias, auf der äußersten Spitze der Halbinsel, und war dem allgemeinen Publikum nicht zugänglich, da er sich auf Königsland befand, aber seine bunten, bewimpelten Pylonen begrüßten jeden Reisenden. Den Griechen war der Kult, der den Ägyptern selbstverständlich war, völlig fremd, dennoch – dieser Tempel auf dem Königsgelände war wichtig, galt Isis doch auch als die Beschützerin des Thrones und Herrin aller Zauberei und die mochten die Ptolemäer dann und wann wohl nötig gehabt haben, denn sie waren eine recht zänkische und intrigante Dynastie, in der einer dem anderen das Brot neidete, das er aß.

Die Einwohner Alexandrias aber kamen mit der Dynastie so gut wie nicht in  Berührung, die Ptolemäer lebten für sich abgeschlossen in der Basileia und kamen nur ein paar Mal bei großen Festlichkeiten in und durch die Stadt. Es interessierte sie schlicht niemals, wen sie regierten und der Stadt kam dieses Desinteresse einer in Formalien erstickten, politisch profillosen und programmatisch verwaschenen und verschlissenen Familie  zupasse. Sie, die Stadt und die Dynastie behinderten einander nämlich nicht nur nicht, sondern der leere Geltungsdrang war auch sehr dienlich, um die Wohlfahrt der Stadt zu erhalten. Man sollte über Alexandria in Ägypten nichts, aber auch nichts Nachteiliges sagen können und so schossen die vornehmen Herbergen, die exklusiven Gastwirtschaften, die teuren Einkaufscenter ins Kraut, aber auch die Theater und die philosophischen Klubs, Wissenschaftler aus allen Himmelsrichtungen unterrichteten am Museion, aber auch Künstler aller Sparten trugen dort ihre Werke vor und ließen sie aufführen. Da fiel es und deshalb erzähle ich das überhaupt, gar nicht auf, wenn ein Jude in bester Lage eine private Akademie eröffnete. Andererseits aber verhalf der vornehme Ort etwas abseits der Touristenpfade und des Kaufrummels, aber gut erreichbar,  dem Ort zu genau jener Exklusivität, ohne die eine Neuerung in Alexandria nicht bestehen konnte. Die Anfänge der Akademie waren gleichwohl bescheiden, das Interesse hielt sich in Grenzen, in sehr engen Grenzen und es war gut, dass Judas das neue Haus nicht etwa auf Pump gekauft hatte, denn fürs erste war er selber des Öfteren auf Einladungen zum Essen und auf die Gaben von Freunden angewiesen, die Zahlungen, die aus Israel immer noch eingingen, deckten den Bedarf nicht.

Sergius Paulus

Das änderte sich erst als ein neugieriger Römer das Haus betrat, ein gewisser Sergius Paulus aus uraltem römischen Adel, der in der Nachbarschaft, auf Zypern, das Reich vertrat und auch Alexandria, das doch so nahe lag, besuchen wollte – mit einem schnellen Schiff war man in Stunden dort, Der Mann hätte von Königen empfangen werden können, ohne dass die sich selber Schande machten und sicher wurde er das auch aber Ägypten gehörte nun einmal zum Reich, also kam er nur als Schaulustiger, einmal, zweimal… und dann immer wieder sobald er Zeit fand, denn er hatte dort etwas und jemanden entdeckt. Natürlich hielt er nicht den Mund, sondern empfahl seine Entdeckung den Kollegen… also wenn ihr euch mal wirklich langweilt, dann. und die Empfehlung wirkte in beide Richtungen: Judas bekam zahlende Schüler und die Römer bekamen eine neue Philosophie, die bald überall verbreitet sein sollte. Ein bisschen ähnelte sie bereits bekannten – und anerkannten – Modellen, aber sie führte weiter, viel tiefer hinein in alles, als das Bisherige und – sie quälte die Menschen nicht mit Lehrsätzen und Verhaltensregeln, sondern sie nahm ihr Leben wie es war und machte daraus was man irgend nur machen konnte. Wer diese Lehre bis zum Ende durchlaufen hatte, der war im wahrsten Sinne dieses Wortes neu geboren und in allem sein eigener Herr und das kam der Praxis einer mitunter schwierigen Amtsaufgabe wohl entgegen und war sehr nützlich. Daher, weil sie so nützlich war, nannten sie diese Lehre auch die nützliche Lehre und ihren Lehrer nannten sie den Nützlichen = den Chrestos. Sie brachten ihre Kinder und Nachfolger zu Didymus, damit er auch sie unterrichte. Als sie fragten, ob sie auch die Frauen bringen könnten – aber sicher, vernahmen sie, die Lehre wäre für alle Menschen. Aber sie sollten sich keine Illusionen machen – gehorsame Ehefrauen gewännen sie dadurch nicht. Ob diese Lehre auch für Sklaven nützlich wäre – die Antwort fiel nicht ganz eindeutig aus, denn das würde bedeuten, dass diese Sklaven dann auch besser gehalten werden müssten. Indessen würden sie ihr Sklavenlos vielleicht besser ertragen, wenn sie Klarheit darüber besäßen, dass dieses erstens nicht alles und zweitens ihre innere Natur frei wäre und auch immer frei bleiben würde. Sklaven? Nein, niedrigstehende Freunde, sollte Seneca später lehren, den sie einen Stoiker nannten, der aber ein Philosoph war. Wer sich an solche Gedanken  nicht gewöhnen konnte  – und die Inhaber großer Gutsbetriebe und Manufakturen konnten das in der Regel nicht – ließ sich besser nicht herab, auch die Sklaven zu den Chresten zu schicken oder einen Chrestos als Hauslehrer anzustellen. Ansonsten ist der Beitrag, den die Chresten für die römische Kultur leisteten schlechtweg gar nicht abzuschätzen, geht doch beinahe alles, was seit der Kaiserzeit an ethischen Normen entdeckt und verwirklicht wurde, auf sie zurück. Sicher – Sklaven gewannen nun einen größeren Einfluss auf das römische Leben, sei es als Freigelassene, sei es als Haussklaven und Sekretäre der Kaiser und ihrer Gouverneure. Früher hatte man einen Sklaven nur dann freigelassen, wenn sein Unterhalt mehr kostete, als er leisten konnte und sich im Übrigen nicht mehr um ihn gekümmert. Jetzt gestattete man den Sklaven, so viel Eigenbesitz zu sammeln, dass sie sich selbst freikaufen könnten, was dazu führte, dass viele Sklaven kleine Eigenbetriebe gründeten, deren Ertrag sie behalten durften. Das wiederum führte dazu, dass sie sich auch als Freigelassene ihren ehemaligen Herren verpflichtet fühlten, die ihnen ja die Freiheit zwar nicht geschenkt, aber ermöglicht hatten… soziale Zellen entstanden, in denen einer dem andern zuarbeitete und da die Kinder von Freigelassenen bereits das römische Bürgerrecht erwerben konnten, kam es gemach zu jener Durchmischung, welche die anachronistischen Strukturen des republikanischen Rom aufweichte und eine neue, nicht mehr auf Landbesitz, sondern auf Verdiensten und Erfolgen beruhende Schichtung der Bevölkerung schuf. Sie begegnet uns, voll ausgebildet, im Laufe des zweiten und dritten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung und sollte ihrerseits zum Geburtshelfer der spätrömischen Gesellschaft werden, indem sie gemach alle Schichten und Klassen durchzog und einander anglich, ohne sie gegeneinander einzuebnen. Die Gesellschaft wurde durchlässig, was sie in den Tagen des Judas noch ganz und gar nicht war. Damals trennte zum Beispiel einen jüdischen Talmudgelehrten alles von einem römischen Präfekten, diesen aber nichts von einem griechischen Philosophen,  der zudem mit seiner Lehre auch noch Erfolg hatte. Die römischen Nobiles[13] veranstalteten regelrechte Wallfahrten nach Bildungszentren wie Athen, Rhodos und eben auch Alexandria und reichten ihre Lehrer einander herum. So wird wohl auch Sergius Paulus zu dem Kontakt mit „Didymos“ gekommen sein, der inzwischen sicher das helle und ein wenig trockene  Alexandriner Griechisch sprach und schrieb und nur für sich zuweilen noch in Aramäisch dachte. Ein leichter Akzent mag sich erhalten haben, der aber keineswegs „jüdisch“ klang, sondern auch der eines Syrers oder Persers sein konnte. Schlagfertig wird dieser Lehrer gewesen sein und humorvoll, denn Jesu Lehre ist alles andere als bärbeißig und dogmatisch und es ist kein Wunder, dass Judas alias Didymos bald zu den engeren Freunden des Sergius Paulus zählte als der er auch in der Apostelgeschichte des Lukas erwähnt wird, dort allerdings unter seinem aramäischen Namen Thomas, in syrischer Schreibweise Etoimas, was über mehrere Redaktionen dann zu Elymas wird und da man ihn den Großen nannte, wird aus dem Megas, dem Großen, der Magos, der (persische) Magier. Diese Technik des Verfälschens von Nachrichten ist uns aus anderen neutestamentlichen Quellen ja bereits vertraut.

Ob Saul den Judas wirklich getroffen hat, muss unwahrscheinlich bleiben – sicher ist allerdings, dass den Christen an einem solchen Zusammentreffen gelegen war, und zwar nicht nur deshalb, weil sie hier den ungeliebten Judas einmal mehr wenigstens auf Papyrus besiegen konnten, sondern noch aus einem ganz anderen, viel ernsthafteren Grund: Sergius Paulus hat dann, nachdem seine Amtszeit abgelaufen war, wie man so sagt die Pferde gesattelt und hat sich auf Reisen begeben um die Philosophie seines Freundes und Lehrers überall im Reich zu verbreiten. Er hat über diese Reisen Buch geführt und einen Bericht veröffentlicht, der dem Christen Lukas in die Hände fiel und den er schlankweg für seine Religion stahl. So ist aus dem Juden Saulus der römische Bürger Paulus geworden, der gleichwohl Jude blieb[14]… was in dieser Zeit nur mehr von Flavius Josephus allgemeiner bekannt war und  dieser mit seinem Werk über den Jüdischen Krieg samt ausführlicher Vorgeschichte auch noch an anderen Stellen der Apostelgeschichte des Lukas Pate steht. Nur das eigentliche Thema, die Zerstörung Jerusalems im Jüdischen Krieg lässt Lukas aus, denn das würde ihn ja als einen Zeitgenossen des Josephus entlarven oder auf ein noch späteres Datum hinweisen. Bezeichnenderweise geht aber von diesem vorgeblichen Zusammentreffen die Umbenennung des Saulus als Paulus aus – wahrscheinlich war es dem Verfasser zu mühsam, überall in des Sergius Paulus Reisebericht den Namen zu verändern. Er beschränkte sich darauf, statt der wirklichen Aussagen des Paulus überall fromme Sentenzen und Wunderberichte einzukreuzen. Das ist kriminell? Aber die gesamte neutestamentliche Überlieferung ist kriminell, fälscht und verdreht wo es nur angeht.

 

 

Grüße nach Philippi

Unter den vielen Papieren, welche die Geschichte des frühen Christentums begleiten, ist auch ein Brief, den „Paulus“ an eine Gemeinde in Philippi in Mazedonien richtet. Der Brief ist an und für sich historisch ganz und gar uninteressant, er enthält nur christliche Theologie, aber eines ist dann doch bemerkenswert: „Paulus“ lässt in Philippi den „ehrenwerten Zwillingsgenossen“ grüßen. Sicher – wir haben es hier wiederum mit einem Vereinnahmungsversuch zu tun, soviel ist unbestreitbar, aber – enthält diese kurze Passage vielleicht einen wahren Kern? Ist Judas etwa im Alter nach Mazedonien gezogen? Was kann er dort gewollt haben, in dieser wahrhaft von der Geschichte vergessenen Ecke? Und hat etwa der echte Sergius Paulus ihn dort aufgesucht oder sonst Kontakt mit ihm gehalten? Musste es der falsche Paulus dann auch tun um sich nicht als Unwissender zu offenbaren? Nehmen wir einmal an, dass die Gemeinde in Philippi wirklich bestand und dass es sich wirklich um Philippi in Mazedonien handelt und nicht um eines der vielen Philippi in der kleinasiatisch – syrischen Sphäre. Dann fällt Judas, sollte er wirklich dort gelebt haben, als Angehöriger einer solchen Gemeinde von vornherein aus, denn die Gewaltsamkeit, mit der man ihn einzugemeinden bestrebt ist, andererseits aber aus dem Christentum heraus halten möchte, fällt geradezu auf. Es ist klar: die Christen bekommen Gegenwind und wissen sich  nicht anders zu helfen, als indem sie ebenfalls eine „Thomastradition“ entwickeln. Ohne eine solche, stellen sie bald fest, ist ein Eindringen in maßgebliche Kreise der römischen Gesellschaft nicht möglich. Aber selbstverständlich muss sie im christlich – religiösen Sinne umgedeutet und umgebogen werden. Und so wird der große Antipode Judas zum lammfrommen Senior einer christlichen Gemeinde im fernen Mazedonien, sozusagen hinter den Wäldern, den man ehrerbietig grüßt und dabei in Wahrheit kräftig Ehrabschneiderei betreibt als wolle sich Hitler auf Karl Marx berufen. Beruhigender Weise ist zu sagen, dass diese Taktik nicht den gewünschten Erfolg hatte; erst der neuerliche Krimi um Konstantin machte „der Philosophie“ vorerst ein Ende. Aber ohne gewaltige Anleihen beim Werk des Judas zu machen, war es nicht möglich, das Verwirrspiel um die neue römische Universalreligion zu einem für die Christen günstigen Ende zu bringen und wie wir wissen, brachte ja Konstantin dieser Religion lediglich die Befreiung vom Odium des Menschenhasses, nicht aber die Anerkennung als römische Staatsreligion. Diese erfolgte erst beinahe hundert Jahre später und unter einem ganz anderen Kaiser, nämlich Theodosius I. Konstantin der Große blieb lebenslang der Philosophie verbunden unter deren Zeichen er gesiegt hatte.

Was für uns dabei wichtig ist: durch Jahrhunderte und über den Zerfall des römischen Reiches hinaus blieb die Philosophie, die mit Jesu Namen und dem Namen des Judas verbunden ist, bestehen, auch wenn sie durch die Zeit ihre Namen  und Erscheinungsweisen veränderte  – sie blieb stets, was sie schon im Anfang gewesen war: eine Methode, um den Sinn des Lebens für jeden Einzelnen zu finden und in diesem Finden den Sinn des Lebens überhaupt. Alle Versuche, sie zu entstellen, sind früher oder später an sich selbst zugrunde gegangen und im Christentum ist sie überhaupt nicht mehr auffindbar, so viele Versuche es auch gegeben hat, das was so ähnlich klang, im Nachhinein auch miteinander zu verbinden. Keiner dieser Versuche erwies sich als lebensfähig. Wir kennen sie heute als das Phänomen eines gnostisierenden sektiererischen Christentums, das sich momentan gerade in der marktorientierten Esoterik, der Beliebigkeitsreligion des globalistischen Zeitalters, verliert.

Schlusswort

Irgendwann, an unbekanntem Ort und zu unbekannter Zeit ist Judas gestorben, aber sein Tod war, wie gesagt, nicht das Ende der Philosophie die er im Auftrag seines Meisters gelehrt hat, wie Xenophon die Philosophie des Sokrates lehrte, ohne ihr, wie Plato es tat, ein eigenes Machwerk an die Seite zu stellen, auch ohne, wie Simon Petrus, aus Fragmenten der Lehre eine Religion zu zimmern auf deren Grundlage er sich dann profilierte. Judas blieb stets im Schatten, trat hinter dem Werk seines Meisters zurück – dennoch bewahrte auch er sich ein Gedächtnis bei denen, die durch beinahe zwei Jahrtausende dieser Philosophie folgten. Noch aus dem Mittelalter ist belegt, dass man ihm jene Verehrung entgegen brachte, die einem verdienstvollen Menschen gebührt, an die Wände ihrer Höhlen schrieben die schon unterdrückten Katharer die  Initialen seinen „Spitznamen“ und die Initialen seines Titels und in besseren Zeiten werden sie sein Gedächtnis sicher noch auf andere Art bewahrt haben. Im sechzehnten Jahrhundert, im Schatten der Reformation, taucht sein Leitfaden wieder auf und gerät in die Hände eines Menschen, der die Sprüche sogar versteht und sieht, welche Chance für das Christentum in ihnen liegt – sich von einer Religion zu einer Lebensweise zu wandeln, in der für soziale Brüche und Ungerechtigkeiten kein Platz mehr ist. Der Man wird geköpft, die Katharer wurden wahrscheinlich verbrannt. Denn die Zukunft gehörte und gehört der Religion des Simon Petrus, dieser Zusammenballung philologischer und historischer Kriminalfälle, die bereits in ihren ersten Anfängen das intendiert, was dann später zu ihrem alles beherrschenden Merkmal wird: der religiöse Fanatismus, der in einer christlichen die einzig mögliche Welt sieht.

 

Und dann – taucht sein Werk nach beinahe zweitausend Jahren des Hintangesetzt Seins und der Vergessenheit wieder vollständig auf und steht bereit, der simonischen Lüge den Todesstoß zu versetzen indem sie Jesus zeigt,  wie er wirklich dachte. Wie aber wird die christliche Welt nun mit diesem Erbe umgehen? Während Hardliner aller Konfessionen, die sonst bereit sind, jeden Schnipsel um mindestens hundert Jahre zurück zu datieren um möglichst frühe Indizien für das Christentum zu haben, sich beeilen, diesen Fund möglichst spät zu datieren, setzt sich die Einsicht immer mehr durch, dass wir es hier mit einem Dokument frühester Herkunft zu tun haben – noch weit vor allen Evangelien und sonstigen christlichen Schriften. Während einige versuchen, es in seiner Aussage dem Neuen Testament anzugleichen, sehen andere durchaus das Einzigartige und Andere darin und übersetzen ohne Lug und Trug das, was da steht. Dass aber dieses da ist und dass sich die Geister an ihm entzünden können, vorsichtig und weniger vorsichtig, leugnend und bejahend, ist Verdienst des Judas und – wir brauchen es nicht, jenes späte „Evangelium“ welches den Judas den Verräter in den Kreis der Zeugen wieder hinein holen will – den gab es nie und also ist auch das verlorene Liebesmüh, zudem: wir haben noch das echte Wort, die echte Lehre, die Judas überliefert hat, wir brauchen keine frommen Traktätchen, die auf gewundene Weise Gerechtigkeit da schaffen wollen, wo niemals Ungerechtigkeit gewesen ist. Ich wage zu sagen: in hundert Jahren, wenn dieser Spuk hier auf Nimmerwiedersehen vorbei sein wird, wird diese Philosophie an den Schulen gelehrt werden so wie heute das Christentum an den Schulen gelehrt wird und wo heute Korruption den Ton angibt, da wird wieder darauf gesehen werden, dass Verantwortung – heute eine Floskel – nur der bekommt, der gut nach  Jesu Lehre sich selbst gefunden und im Griff hat. Schade, dass ich diese Menschheit nicht mehr als die erleben werde, die ich heute bin….

 

Berlin, im Mai 2012

Juliane Bobrowski

(alle Rechte beim Autor)

 

 


[1] Man fragt sich, warum das nicht mit mehr Krakeel erwähnt wird? Wie soll man es Juden beibringen, dass ihr Allerheiligstes nicht durch Krieg, sondern durch die Tat eines Einzelnen abhanden kam? So muss ein einziger Satz, hineingeschrieben in die Zeit Nebukadnezars, genügen, um das Nichtvorhandensein derselben zu erklären. Die Priester indessen wussten über den wahren Sachverhalt Bescheid und waren Jesus auf den Fersen, als er sich am Meeresstrand von seinen engsten Schülern verabschiedet. Bei diesem Abschied ist auch Judas zugegen.

[2] Wenn dem so wäre, wäre dies ein epigraphisches Werk aus dem dritten oder vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung das in Aramäisch verfasst und sowohl in Griechisch wie auch in Koptisch im gesamten Römischen Reich vorhanden wäre… wobei die Crux vielleicht hauptsächlich darin bestände, im dritten oder vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung den Gebrauch des Aramäischen als Literatursprache in Palästina nachzuweisen.

[3] Gemeint ist die Euphrasius – Basilika in Pore?/Istrien.

[4] Es ist das normale Verfahren der Unterweltsfahrt das mit dem Eintritt in die nächste existenzielle Dimension, genannt Licht, abschließt um dann mit der Erkenntnis des Selbst weiter zu gehen. Dabei kann es geschehen, dass, überwältigt von der neuen Existenzweise, der Betreffende sozusagen die Leine loslässt und als Mensch stirbt – was wie schon gesagt nicht der Sinn der Sache ist, aber Judas geht ja, wie berichtet wird, allein hinüber, Jesus ist nicht an seiner Seite, um auf ihn acht zu geben. Die genannte Musterarbeit verrichten wir übrigens immer noch und sie ist auch immer noch effizient.

[5] Die „breite Straße“ die via lata war traditionell die Hauptstraße eines Ortes. An ihr lagen alle Gebäude, die irgendwie von öffentlichem Interesse waren und auch die Häuser der Honoratioren.

[6] Der alexandrinische Freund des Herodes, der als Hoher Priester den Tempelfrevel deckte, denn er allein durfte ja das Allerheiligste betreten und so wusste allein er, dass es leer war.

[7] Das bedeutet, dass in diesem Kontext des Tempelfrevels natürlich auch Spekulationen bezüglich Persiens, Indiens oder Chinas ausfallen, denn in all diesen Kulturen kannte man ein solches Verbrechen und – in all diesen Kulturen lebten Juden, die wiederum mit anderen Juden Kontakt pflegten. Der einzige „judenfreie“ Bezirk im Römischen Reich oder in seiner Nähe waren Germanien und der Norden der britannischen Insel.

 

[8] Ach übrigens, die berühmten Belegstellen über Jesus bei Josephus sind samt und sonders Fälschungen späterer nachkonstantinischer Tage. Immerhin aber verdanken wir es ihnen, dass wir das Gesamtwerk des Josephus überhaupt noch haben und das, finde ich, ist dann schon ein paar Fälschungen wert…

[9] Was sagen soll, dass sie auf jeden Fall später entstanden sein muss, wenn sie derartige Ereignisse einbezieht. Ich vermute, dass sie in den Jahren zwischen dem Jahr 50 und dem Ende des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung feste Formen angenommen hat.

[10] Bei Ephesos überschnitten sich allerdings wie auch in Delphi, touristische und religiöse Motive.

[11] Durch ein schreckliches Erdbeben und durch böse Erdrutsche hat es ab dem zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung allerdings sein wundervolles Panorama verloren.

[12] Es gab auch griechisch geprägte Siedlungen wie Naukratis, die alte Griechenstadt, oder jüdisch geprägte, wie Jeb im Süden, das sogar einen eigenen Tempel hatte. Aber diese Niederlassungen, noch aus ägyptischer Zeit, waren Fremdkörper im Land.

[13] Aus den alten römischen Adelsklassen der Patrizier und Plebejer schon seit Julius Caesar sich vermischende neue Oberschicht. Dabei galten Angehörige des ersten und zweiten Adels (Altadelige und sogenannte Ritter) beide als Angehörige der Nobilität, obgleich  es zwischen ihnen noch Standesunterschiede gab, zum Beispiel konnten Ritter keine Sitze im Senat innehaben, was ohnehin aber mehr und mehr zur Formsache geriet.

[14] Dass Juden allerdings das römische Bürgerrecht erhielten, wenn sie aus dem Judentum ausschieden, war ein eher bekanntes Verfahren, das zum Beispiel den Gouverneur von Alexandria, einen Zeitgenossen Vespasians, betrifft.

Gestattet mir im Zuge meiner Auseinandersetzung mit dem im Titel aufgeführten Thema eine fortschreitende Veröffentlichung persönlicher Erkenntnisse und natürlich eine grobe Darstellung der Hintergründe, die für das „wie?“ und das „warum?“ zuständig sind, aufzuführen.

Gerade das Phänomen des nationalsozialistischen Deutschlands ist wie kaum ein anderes Thema so umfangreich und vielschichtig rezipiert worden und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht.

Ich werde meine Ausführungen in verschiedene Schwerpunkte aufteilen, um eine gewisse Überschaubarkeit zu gewährleisten. Eine Beteiligung ist immer erwünscht und natürlich freue ich mich auf Diskussionen!

Für meine Betrachtungen halte ich mich an einschlägige wissenschaftliche Auseinandersetzungen und seriöse Quellen. Wem irgendwas übel aufstößt, soll es mir mitteilen, denn Fehlinterpretationen oder Missverstehen bleiben trotzt strenger wissenschaftlicher Vorgehensweise selten aus.

Also, viel Spaß und vor allem: geistige Befruchtung!

1. Einleitung

Im Jahr 2000 wurden 40.000 literarische Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus dokumentiert. Man schätzt, dass in den kommenden zehn Jahren etwa weitere 10.000 Publikationen erschienen sind.

Die Brisanz dieser historischen Phase ist zweifellos monströs. Für den Historiker stellt sich im Zuge dieser akribischen Betrachtung vor allem die Frage, wie es zu dem Aufstieg und zur stattgefundenen Entwicklung kommen konnte.

Eine moralische Be- und Verurteilung reichen dabei nicht aus. Es ist die strenge Aufgabe des Historikers, Erklärungsfindungen herauszuarbeiten.

Und was wir uns alle – immer wieder – in das Bewusstsein rufen sollten: Die Geschichte des Nationalsozialismus ist keine Geschichte der NSDAP oder die Hitlers und seiner Schergen, sondern deutsche Geschichte! Man sollte sich keinen Konstruktionen bedienen, qua „da war das gute und dort das schlechte Deutschland“, sondern sich vor Augen halten, dass jenes Deutschland, mit dem wir uns zu identifizieren pflegen, eine nationalsozialistische Geschichte inhärent aufweist, die natürlich ganzheitlich und nicht partiell auftrat.

Neben der Perspektive des Nationalsozialismus als nationale Geschichte, gilt es denselben auch im internationalen Kontext zu betrachten. Darauf werde ich aber im weiteren Verlauf meiner Darstellungen kommen.

„Geschichte ist immer Gegenwart“ – und das gilt vor allem für den Nationalsozialismus. Und nicht aufgrund eines Sensationalismus, sondern da die NS-Auseinandersetzung ein zentrales Element für die politische Kultur Deutschlands ist. Der Nationalsozialismus ist (immer noch) omnipräsent. Ob in Büchern, Sendungen, Filmen, Schulen (man denke nur an den Stauffenbergfilm mit Tom Cruise) oder gar in rechtsradikalen Ausuferungen auf der Internetbühne – medial ist er überall auffindbar. Und auch in der Politik oder in der Kultur findet man ihn wieder.

Erkennbar wird das auch an Debatten, die in der Neuzeit geführt wurden. Der Historikerstreit in den 80ern oder die Debatte über eine Wehrmachtsausstellung in den 90er wurden in ihrer Heftigkeit zu einem Phänomen der zentralen Selbstverständigung.

Was wir uns vor Augen zu führen haben: Es existiert wieder ein deutscher Nationalstaat. Und dieser ist kein postnationales Gebilde, sondern ein Konstrukt, das Kontinuität repräsentiert!
Hinzu kommt, dass wir uns in einer Phase des Generationenwechsels befinden. Und ebendieser hat eine ganz besondere Qualität, da die Erlebnisgeneration aus Tätern, Mitläufern, bystander, Hasardeuren, Opfern sowie auch neutrale(re)n Zeitzeugen vergeht, aus biologischen Gründen. Das führt zu der Transformation eines kommunikativen Gedächtnis in ein langwieriges kulturelles Gedächtnis. Nur: Welches Bild gilt? Welches bleibt? Welches setzt sich durch?

Um die aktuelle Forschung anzureißen, hier mal ein paar Literaturtipps, die sich den neusten Thesen, Bildern, Meinungen und Erkenntnissen bedienen:

Michael Wild: Geschichte des Nationalsozialismus, Göttingen 2008, Dietmar Süß, Winfried Süß: Das dritte Reich, München 2008 und Klaus Hildebrand: Das dritte Reich, Oldenburg 2009.

Die ersten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen zum Nationalsozialismus fanden bereits unmittelbar nach 1933 statt. So haben sich die in die USA immigrierten Juristen und Politikwissenschaftler Ernst Fraenkel („the dual state“) und Franz Neumann („Behemoth*. The structure and praxis of national socialism“) als erste mit einer wissenschaftlichen Betrachtung des Nationalsozialismus herausgestellt. Sie waren als Personen, die direkt in den Kontakt mit dem NS-Aufstieg kamen, wichtige Zeugen und demnach sind ihre Werke bis heute von hochgradiger Bedeutung.

Weiterhin sei Friedrich Meinecke mit seinem Buch „Die deutsche Katastrophe“ von 1946 zu erwähnen. Meinecke stellt die „Katastrophe“ jedoch nicht als Ausartung menschlicher Barbarei im Zuge der Judenvernichtung, der Angriffskriege und Völkermorde dar, sondern vielmehr als Kriegsniederlage 1945, respektive des Unterganges eines deutschen Nationalstaat, der „so glorreich 1871 entstanden war“. Dennoch kommt er über die Betrachtung der Hintergründe, die zum Zusammenbruch führten, zur Problematik der Nationalsozialistischen Politik und weist dieselbe im weiteren Verlauf als Ursache aus.

Es folgt Gerhard Ritter: „die Dämonie der Macht“. Er brachte das Buch 1947 heraus und beschreibt in seiner Abhandlung Hitler als „einen aus der Tiefe hervor gegurgelten Dämon“. Dabei kristallisiert sich die deutliche Hiterisierung, im Sinne von „es war Hitler“, heraus.

Diese Hitlerzentrierung war auch in folgenden Erscheinungen der frühen Historiographie eine weitverbreitete Herangehensweise und es herrschte eine allgemeine Ratlosigkeit, die sich in monokausalen Betrachtungen und irrationalen Argumentationen ausdrückte. So wurde unter anderem der NS als „Betriebsunfall“ in der deutschen Geschichte gewertet.

In den 50er Jahren beschäftigten sich deutsche Historiker gar nicht mit dem Nationalsozialismus und die wichtigsten Werke stammten aus der Feder diverser Politikwissenschaftler.
Karl Dietrich Bracher: „Die Auflösung der Weimarer Republik. Eine Studie zum Problem des Machtverfalls in der Demokratie.“, als ein Meisterwerk der deutschen Zeitgeschichtsschreibung erschien 1955. In diesem lag die Zäsur und das politische Interesse im Aufstieg des Nationalsozialismus mit dem Fluchtpunkt: 30.1. 1933. „Bonn ist nicht Weimar“.

Die entstehende Deutsche Zeitgeschichte war jedoch nicht eine Geschichte des Nationalsozialismus, sondern allenfalls eine Beleuchtung des Aufstiegs desselben.

In den 60er Jahren fanden viele NS-Prozesse statt, mit dem Höhepunkt 1964, dem Auschwitzprozess. Vor diesem Hintergrund wurde nach historischen Gutachten gefragt und es kam via juristischer Auseinandersetzung zu ersten geschichtswissenschaftlichen Publikationen wie der „Anatomie des NS-Staates“ von Martin Broszat.

Zusätzlich erfuhren marxistische Argumentationen im Bezug auf den Nationalsozialismus einen starken Bedeutungsgewinn. Als Gründe dafür kann man den Aufstieg der neuen Linken Partei und dem Aufkommen studentischer Bewegungen in Erwägung ziehen.
Eine damals elementare marxistische Erklärung für den Aufstieg des NS war, dass der (deutsche) Faschismus eine logische Konsequenz des Kapitalismus (in der Krise) gewesen sei. Der NS gleiche einer „progressiven Ausbeutung des Volkes“. Darüber wurde der Blick zunehmend auf sozialökonomische Entwicklungen gerichtet, was eine interdisziplinäre und befruchtende Wirkung hatte. Jedoch wurden Problematiken wie Antisemitismus, Holocaust und Völkermord lediglich am Rande erwähnt und Auschwitz war sozusagen nur eine Fußnote.

Derweil entwickelte sich ein immer stärkeres Bewusstsein, dass der Nationalsozialismus im Kontext längerer Kontinuität deutscher Geschichte stünde.
Dazu sei die „Fischerkontroverse“, in der es um die Klärung der Schuldfrage ging, genannt und natürlich Fritz Fischers Werk: Griff nach der Weltmacht. Kiregszielpolitik des kaiserlichen Deutschland“ von 1961.

In der „Kontinuitätsfrage“ geht es u.a. um die Entwicklung einer deutschen Gesellschaft unter dem Einfluss traditioneller Machteliten und dem Zustand einer „Obrigkeitsgesellschaft“ zu Zeiten Wilhelm II.

In diesem Zusammenhang publizierte Hans Ulrich Wehler sein Werk „Das deutsche Kaiserreich“, das zu einem Meilenstein deutscher Geschichtsbetrachtung wurde und bis heute als Basis kausaler Rückschlüsse genutzt wird. Aus diesem Buch wird ersichtlich: Prädispositionen entwickelten sich weiter und führten letztlich zum Nationalsozialismus.

Darüber hinaus existierte die These vom „deutschen Sonderweg“, in dem sich Modernisierungsprozesse nicht mit Demokratisierung oder Liberalisierung wie in England (wo es zumindest so behauptet wird) verbinden ließen, was den Nationalsozialismus begünstigt hätte. Jürgen Conrad von der Bielefelder Schule war ein Vertreter dieser These.

Die Sozialhistorische Analyse erreichte erst spät die Überwindung des Fluchtpunktes „31.1.1933“. Es zählte weniger die Frage nach Gesellschaft und Kultur, sondern vielmehr jene nach politischen Strukturen, wie die Polykratie als Herrschaftssystem.

Völlig marginalisiert wurde dabei stets die Geschichte der Opfer. Das hielt sich bis in die späten 70er Jahren so. Einzig mit dem Werk „The destruction of the European Jews.“, welches der Amerikaner Paul Hillberg schon 1961 veröffentlichte, aber erst 1981 ins Deutsche übersetzt wurde, konnte die Opfergeschichte ihr Debüt verzeichnen.

1979 erschien zusätzlich der 4-teilige Fernsehfilm „Holocaust“ und erzielte eine enorme Einschaltquote. Dadurch wuchs das Interesse an Opfergeschichte und es entstanden Geschichtswerkstätten in diversen Gemeinden, woraufhin die Opfergeschichte fortan wesentlich stärker betont wurde.

Werke hierzu: Martin Broszat u. Elke Fröhlich: Bayern in der NS-Zeit. In diesem 1983 erschienenen Buch mit regionalem Kontext wird die vorher so akribisch zelebrierte Strukturanalyse – „ohne Menschen“ – stark relativiert.
Lutz Niethammer: Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet von 1983 sei als weitere Lektüre dazu empfohlen.

Mit dem Aufkommen der Opfergeschichte begann auch eine neue Dimension der Täteruntersuchung: Die Schuldzuweisung wurde anhand von mehrdimensionalen Betrachtung mehr und mehr aufs Volk übertragen.
Wie auch sonst konnte ein solch großflächiges und komplexes System funktionieren? „Deutsche als Täter!“. Die Perspektive der Makro-Täterschaft, über die Täter zuvor pauschal in die Schublade der NS-Brigade gesteckt wurden, änderte sich zu der Sichtweise einer individuellen Täterschaft, aus Mitmachern, Mitläufern und Wegguckern.

Der Angestellte im Finanzamt ist mit der „Arianisierung“ beschäftigt gewesen, Polizeibehörden und etliche andere Berufszellen waren ein entscheidendes Rädchen des NS-Regimes. So wurde der Polizist als Reservist eingesetzt und wirkte wenig später an Massenerschießungen in Polen mit.

Das Hauptwerk zu dieser Thematik wurde von Christoper Browning verfasst und trägt den bezeichnenden Namen „Ganz normale Deutsche“.
Hierauf entstand die „neue Täterforschung“. Während die alte nur die Spitzen und Eliten als Täter identifizierte, konzentrierte sich die neue auf alle Deutschen.

Es ist eine schwierige und herausfordernde Aufgabe für Historiker und andere Wissenschaftler die Gründe für das Mitmachen so vieler Deutscher zu ermitteln. Wie konnte solch eine Loyalität entfacht werden, auf die sich das System entwickelt hat?

Welche, die´s versucht haben: Norbert Frei mit „Volksgemeinschaft. Erfahrungsgeschichte und Lebenswirklichkeit der Hitler-Zeit“ von 2005 sowie Frank Bajohr / Michael Wildt: Volksgemeinschaft. Neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus, 2004.

In diesen Werken wird das „Warum“ auf verschiedenen Ebenen diskutiert und beleuchtet.

Bis hierhin eine grobe historiographische Verortung dieses Themas. Es dient für Interessierte vor allem als Einstiegsangebot in die wissenschaftliche Welt der NS-Lektüren, über die das völlig überholte Schulverständnis durch ein adäquateres ersetzt werden kann. Es ist harter Tobak, das gebe ich zu, aber es lohnt sich ihn zu durchforsten. Ich will wissen, wo meine Wurzeln sind, will wissen, was mir im System sitzt, wer meine Großeltern wirklich waren. Und dabei versuche ich rational zu bleiben, anstatt aus einem emotionalen Empfinden heraus aggressive Verurteilungen und Angriffe auf wen auch immer zu starten. Völlig losgelöst davon, ob sie es verdient hätten.

Liebe Grüße,

Melvin

Guten Tag zusammen!

Nach den einführenden Überlegungen zum Nationalsozialismus als internationales Forschungsthema soll nun das erste Hauptkapitel folgen:

„Der Aufstieg des Nationalsozialismus bis zum 30. Januar 1933.“

Der Aufstieg des Nationalsozialismus weist viele identifizierbare Entwicklungslinien auf. So könnte man sich auf die Geschichte der nationalsozialistischen Bewegung konzentrieren, entsprechend auch auf die der der NSDAP, welche als nationalsozialistische Partei über die Jahre der Weimarer Republik bis ins Jahr 33 fungierte. Das wäre jedoch eine relative Engführung der Thematik und würde nicht zu einer befriedigenden Endbetrachtung führen.
Über eine zweite Analyselinie könnte der Versuch unternommen werden, die Geschichte der NS-Bewegung, respektive die der NSDAP mit der politischen Geschichte der Weimarer Republik zu verknüpfen. Zeitlich könnte man mit den Ereignissen nach der Kriegsniederlage 1918 und den darauffolgenden Revolutionen 1918/19 beginnen. Zudem wären radikal-extreme Angriffe auf die Republik mit ihrer liberalen, demokratischen Ordnung zu nennen. Ein Stichwort wäre hier auch die Inflation 1923.
Gerade vor diesem Hintergrund böte sich eine ausführliche Betrachtung der NSDAP an. In das Blickfeld würde zudem die 1924 stattgefundene Scheinstabilisierung – „goldene 20er Jahre“*, rücken. Und immer wieder der Blick auf die DAP / NSDAP mit Wahlergebnissen, Wahlerfolgen und so fort geworfen werden. Über dieses Analyseraster käme man zu der späteren Wahlphase der NSDAP, der Wirtschaftskrise 29/30, der Zerstörung der Weimarer Republik und schließlich zur Radikalisierung des politischen Spektrums auf der linken und rechten Seite. Im Fokus läge also eine Staatskrise, die durch politische und ökonomische Krisen gespeist wurde.

Ein dritter Betrachtungsversuch könnte den Aufstieg des Nationalsozialismus als Teil breiterer und vor allem weiter als 1918/19 zurückreichender sozialkultureller Entwicklungen charakterisieren. Das meint vor allem jenen Aufstieg so zu betrachten, dass er, gerade in den Jahren nach 1918, als Ausdruck breiterer gesellschaftlicher Entwicklungen, deren Beginn man schon im späten 19. Jahrhundert festmachen kann, identifizierbar wird.
Somit gelange man zu einer Deutung des Nationalsozialismus als radikalisierten Nationalismus, dessen Genese keineswegs mit 1918/19 initiiert wurde. (Ein völkischer Nationalismus sowie auch der Antisemitismus reichen nämlich viel weiter zurück.)

Mein persönlicher Versuch kommt dem Bild konzentrischer Kreise mit dem Nationalsozialismus als Schwerpunkt nahe. Dafür werde ich die unterschiedlichen eingangs genannten Entwicklungslinien miteinander verschränken und richte zusätzlich meine Aufmerksamkeit auf die NSDAP und deren Entwicklung zur Massenpartei. Ziel der Analyse wird es sein die Geschichte der Partei mit der Geschichte der Weimarer Republik zu verbinden sowie tiefere Betrachtungen bezüglich völkischer/nationalistischer Ansichten u.ä. anzustellen.

Der Ausgangspunkt meiner Betrachtung, der im Grunde genommen ein verbindendes Merkmal der Literatur darstellt, ist der erste Weltkrieg. Ohne denselben kann die Geschichte des Nationalsozialismus nicht verstanden werden.
Der amerikanische Diplomat und Historiker George F. Kennon sprach in den 50er Jahren vom erstem Weltkrieg als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Kennon war ein Historiker, der sich primär mit außenpolitischen Fragen beschäftigt hat und im 1. Weltkrieg den Keim für alle weiteren Entwicklungen im 20. Jahrhundert sah..

Er erkannte zwei Entwicklungen mit großer Wirkungsmächtigkeit im 20. Jahrhundert: Zum einen das Ende des Zarenreiches und der Revolution Russlands, was zum Aufstieg des Kommunismus führte. Eine Perspektive übrigens, die eng verbunden mit dem kalten Krieg ist, welcher den zeitlichen Hintergrund vor dem Kennon schreibt und arbeitet repräsentiert. Zum anderen Versailles als den Versuch einer Neuordnung des internationalen Systems, dem „Versailler System“. Dabei hing laut Kennon ein breiter Revisionismus, welcher sich auf dieses System bezog und am stärksten in Deutschland ausgeprägt war, eng mit dem aufsteigenden NS zusammen.

Kennons Rückschluss hilft das Ganze aus einer zeitlichen Perspektive zu verstehen. Dass sein Diktum von der Urkatastrophe sich im weiteren Verlauf der Geschichtsbewertung verselbständigte, zeigt, dass Kennon eine offenbar zutreffende Sichtweise eingenommen hatte.

Aber der erste Weltkrieg ist vor allem in den Dimensionen von Kriegserlebnis, Kriegserfahrung, Kriegswahrnehmung und Kriegsdeutung in der deutschen Gesellschaft von großer Bedeutung.

So ist ein wesentlicher Bezugspunkt der August 1914, dem sogenannten „Augusterlebnis“: Die Ideen von 1914 als Topoi zum Kriegseintritt mit der Wahrnehmung, dass in der Situation des Kriegsbeginns die Deutschen wieder zu einer festen Gemeinschaft zusammenwachsen. Am sinnfälligsten hat sich dazu Kaiser Wilhelm II geäußert.: „Ich kenne keine Partei mehr, ich kenne nur noch Deutsche“. Der Eindruck einer „Burgfriedenskonstellation“ führte im Antlitz des Krieges zu der Empfindung einer nationale Gemeinschaft in Deutschland. Die Herstellung derselben fand schon 1870/71 im Krieg und durch den Krieg gegen Frankreich, nicht nur staatlich, sondern auch kulturell, statt, was maßgeblich Einfluss auf die Perzeption der breiten Masse hatte.

Es entstand eine Idee elementaren Ausmaßes: Diese Kriegsanstrengung, der man sich nun gegenübersieht, könne eine tief fragmentierte, stark zerklüftete nationale Gesellschaft wieder einen – durch den Krieg, im Krieg.

Zwar war die Kriegsbegeisterung in Deutschland keineswegs einvernehmlich, aber das war nicht wichtig. Denn in den nationalen Medien wurden enthusiastische Pro-Kriegs-Stimmungen permanent transportiert und vom Volk euphorisch aufgenommen, wobei die ländliche Bevölkerung zunächst außen vor gelassen wurde.

Während in Deutschland vehement eine Militärmonarchie mit dem Ziel der nationalen Einheitsstärkung über diesen Krieg gefordert wurde, orientierten sich Länder wie Frankreich oder GBR am westlich-liberalen Weg und verfolgten antagonistische Konzepte. So wurden in Frankreich die „neuartigen“ deutschen Ideen den französischen von 1789 – dem Individuum als Ausgangspunkt gesellschaftlicher und politischer Ordnung im Gegensatz zu einer Ordnung, die von Oben, vom Staat her, von der Nation her gedacht wird, gegenübergestellt.

Ein Begriff, der in dieser Zeit immer wieder auftauchte, ist der Begriff der „Volksgemeinschaft“. Damit war aber noch nicht notwendigerweise die später vom NS diktierte, rassisch assoziierte Volksgemeinschaft gemeint. Vielmehr zeigt sich dieser als eine Hymne auf das Volk, welches mit Kriegsbeginn Zerklüftungen nationaler Natur überwinden könnte. Gerade die Parole von „Volksgemeinschaft als Überwindung der Klassengesellschaft“ genoss eine enorme politische Attraktivität.

Dazu zwei Literaturvorschläge:

Jeffrey Verhey:“ Der Geist von 1914 und die Erfindung der Volksgemeinschaft.“ und Steffen Buendel: „Volksgemeinschaft oder Volksstaat Die Ideen von 1914 und die Neuordnung Deutschlands im ersten Weltkrieg.“.

Mindestens ebenso wichtig für meine Betrachtung vor dem Hintergrund der Kriegsbedeutung 1914 ist das Kriegsende 1918. Die Wahrnehmung der Kriegsniederlage – das Entsetzen – das sich spätestens seit dem Frühjahr 1918, wenn nicht schon seit dem amerikanischen Kriegseintritt abzeichnete. Weniger wurde jenes Ereignis als eine Niederlage des Krieges in diesem Sinne verstanden, sondern vielmehr als der Zusammenfall einer 1914 entstanden nationalen Einheit. Der Untergang eines nationalen Konsens sei überhaupt verantwortlich für die Kriegsniederlage 1918 gewesen. Hätte diese nationale Gemeinschaft nämlich ihre Geschlossenheit gewahrt, wäre dieser Krieg nicht verloren gegangen. Es wurden scharfe Unterscheidungslinien zwischen militärischer Front und der Heimatfront unternommen. So war die Heimat, die die militärische Truppen nicht mehr zureichend unterstützt, mitverantwortlich für den deutschen Misserfolg. Gerade die „Dolchstoßlegende“ sei hier als Stichwort genannt: Die Heimat habe der im Felde unbesiegten Truppe den Dolch in den Rücken gestoßen. Dieser Topos, der schon 1917 begann, nahm in der Propaganda rechtsradikaler Lager vermehrt Gestalt an. So wirkte er insbesondere über Hindenburg und Ludendorff weit in die Geschichte der Weimarer Republik hinein. Es sei übrigens nicht nur die Heimat allein, sondern auch Parteien wie die liberale Partei, die Zentrumspartei und die SPD, die für den Zerfall verantwortlich gewesen wären. Sie traten dafür ein, diesen Krieg über einen Verständigungsfrieden zu beenden und nicht wie die Rechte es forderte, über einen Siegfrieden. Letzterer hätte zu einer entliberalisierenden, respektive entdemokratisierenden Transformation geführt.

Auch in diesem Sinne kann der 1. WK als Urkatastrophe, bzw. als von zentraler Bedeutung betrachtet werden.

Bevor ich mich in die Weimarer Republik begebe, will ich noch einen Blick auf die Zeit davor werfen. Die sogenannten Ideen von 1914, Volksgemeinschaft und so weiter, die Möglichkeit dass sich die Dolchstoßlegende etablieren konnte, müssen über retrospektive Betrachtungen analysiert werden. Man trifft nachgerade auf politische Mentalitäten, die eben nicht erst am 1. August 1914 entstanden, sondern die in ihrer Genese bis ins späte 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden können.

Wo und wann entstand diese Idee der nationalen Gemeinschaft?
Natürlich war das 19. Jahrhundert ein Jahrhundert fundamentaler Nationalisierungsprozesse. Gesellschaften wurden durch und durch nationalisiert, überall gewann die Idee der Nation an Bedeutung als Orientierungsbegriff. Das ist für Frankreich ebenso feststellbar wie für England oder der USA.

Dazu kann noch in den Raum geworfen werden, dass die moderne Geschichtswissenschaft erst durch die Nationalgeschichte entstanden ist. Über diese wurde z.B. recherchiert, dass die deutsche Geschichte bis zur Hermanns- oder Varusschlacht zurückführt. Später entstanden übergreifende Herangehens- und Betrachtungsweisen, die schließlich eine Weltgeschichte konzipierten.

Die fundamentalen Nationalisierungsprozesse verbanden sich mit rasanten Modernisierungsprozessen: Die Entstehung der modernen Industriegesellschaft fungierte als Katalysator nationaler Identifikationsentwicklungen.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kann die Entstehung der industriellen Massengesellschaft festgehalten werden. Und das gilt genauso für Deutschland wie für Frankreich und GBR.

Diese Entwicklungen, welche sich in Deutschland innerhalb kürzester Zeit vollzogen, erreichten nach einer Zeitspanne von etwa 30 Jahren (1860 – 1890) volle Präsens.
Dieser hochdramatische Lauf führte überall in der Gesellschaft zu einem breiten Spektrum von Krisenwahrnehmung. Modernisierung als Urbanisierung mit der eine Proletarisierung einherginge, wurde in einer gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung als gefährliche Zuspitzung empfunden. Dazu wurden neue soziale Konflikte zutage gefördert. Politische Konflikte, konfessionelle Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten (man denke an den Kulturkampf der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts), Spannungen zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung – Metropolen einerseits, wichtige ländliche Gebiete (u.a. die ostelbischen Ländereien Deutschlands) andererseits, traten als rasante Modernisierungsdynamiken hervor.

Darüber hinaus bröckelte die nationale Gesellschaft, die man noch zu erleben glaubte und die letztlich durch viele opponierende Lager unterschiedlicher Interessen zerfiel. Traditionelle Bindungen, die Orientierungen boten, zerfielen und ebenso kirchliche und ländliche Bindungen, die Eingebundenheit in vormoderne Gemeinschaften (Gutsgemeinschaft) und so fort. Genannt sind also Krisenphänomene, die vor allem zum Hinterfragen der verlorengegangenen nationalen Einheit führten.

In diesem Kontext verband sich die Idee der Nation immer stärker, gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mit einem bestimmten Begriff des Volkes: „Die Nation als deutsches Volk“. Eine derartige Entwicklung konnte derweil in anderen Ländern nicht beobachtet werden. Die Nation wurde nun als ein Mittel um diese nationale Geschlossenheit wiederherzustellen postuliert und der Parameter „Abstammungsgemeinschaft“ rückte vermehrt ins Licht. Ein Völkisches Denken nahm als Kernbestand desjenigen Denkens in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Gestalt an, Blutabstammung stand fortan im Mittelpunkt. Damit relativierte sich eine politisch begründete nationale Gemeinschaft und rassisches Denken kulminierte .
Als ein dazu passender Faktor kann die Abgrenzung nach außen gesehen werden: „Das Deutsche Volk versus das französische Volk“, „[…]versus das polnisches Volk“ und so weiter.

1873 bis 1896 entstand die „große Depression“. In Folge der zunehmenden Rezession und einer immer größer werdenden deutschen Nervösität wurde die Klärung der Frage nach Verantwortlichen gefordert. Klar war: es gab Verlierer und Gewinner. Da zu der Gewinnerseite jüdische Spekulanten gezählt wurden, erhielt im Zuge dessen der moderne Antisemitismus im völkischen Denken vermehrt Einzug. „Die Juden sind unser Unglück“ verkündete der Historiker Heinrich von Treitschke 1879 und kräftigte damit den Nährboden grassierender rassischer Ansichten. In folge dessen wurde der alte Antijudaismus, der primär aus religiösen Quellen gespeist wurde (Der Jude als Christusmörder) durch abstammungsbezogenes Denken modernisiert. Die Ansicht, Juden hätten keinen Platz mehr in einer völkischen Gemeinschaft, wurde lauter und geläufiger. Begründet wurde das vor allem damit, dass man eine rassische Abstammung nicht ablegen könnte, auch nicht durch das Konvertieren in andere Religionen. Dieses Kriterium gestaltete maßgeblich das völkische Denken.

Zu berücksichtigende Literatur zu diesem Thema:

Uwe Puschner: „Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich.“ sowie Ders. u.a. /HG.: „Handbuch zur völkischen Bewegung 1871-1918.“.

Damit sei der Kern des Antisemitismus 1870 angesprochen. Und in diesem Kontext muss nun auch die Kriegsniederlage 1817/1818 betrachtet werden. Wer war Schuld an den im Felde unbesiegten Truppen, die dennoch einen Wa