21.08.2014

Petrus und die Christenheit

Nachdem Jesus Israel fluchtartig verlassen musste – der Talmud berichtet noch in einer Chiffren – Anekdote davon – blieb die Schar seiner Schüler zunächst unter der unangefochtenen Leitung des Judas zurück. Aber bald sollte, wie es der erste Johannesschluss bereits ankündigt, ein Zwist um die Leitung zwischen Judas und dem „Superjuden“ Simon ausbrechen, den man damals noch spöttisch „Kepha“ nannte, den Stein im Weg oder auch den Stein im Schuh, sowie Jakob, dem leiblichen Bruder Jesu, der den „Verlag“ in der Nähe der heute Qirbet Qumran genannten Örtlichkeit am Toten Meer leitete. Die Angelegenheit klärte sich bald. Judas und Jakob einigten sich bald und schlossen sogar Freundschaft miteinander, während etliche ehemalige Anhänger Jesu, die sich von der Basis des jüdischen Glaubens nicht trennen konnten, dem Simon zuliefen, der sich nun auch expressis verbis von den Schülern des Judas trennte und eine jüdisch – messianische Gemeinschaft schuf, wie es deren in Israel Dutzende gab.
Fortan führten die Gemeinschaften jede ihr eigenes Leben. Simon machte sich besonders in Samaria einen Namen, wo man seit alters dem Jerusalemer Kult skeptisch bis ablehnend gegenüber stand und auf vorgeblich älteren Traditionen beharrte. Sie waren in Wahrheit nicht älter, sondern nur stärker mit älteren vermischt, aber das wusste kein Samaritaner mehr. Dafür erwartete man in dieser Landschaft den Messias heißer und unmittelbarer als im übrigen Israel, wo die Messiasgläubigen nur einen Bruchteil der Einwohnerschaft ausmachten. Simon aber verkündete überall den Messias, den er persönlich gekannt haben wollte und der eines Tages „entschwunden“ sei, niemand wisse, wohin. Dabei wusste Simon recht gut, dass Jesus, den er als Messias verkündete, keineswegs „entschwunden“ sondern zu Schiff. dem Vernehmen nach in Richtung Westen, aufgebrochen war. Aber seine Überzeugung, dass Jesus der Messias sei, war ehrlich, das muss man bei allem, was noch geschehen wird, bedenken.
Da war noch keine Rede vom Kreuzestod Jesu, aber umso mehr war von dem Gerücht die Rede, dass er am Ende der Zeiten wiederkommen werde, um Israel zu erlösen – und das Ende der Zeiten, beteuerte Simon, wäre jetzt. Damit sagte er auch nichts als die Wahrheit, denn jede Sekunde, die wir erleben, bezeichnet genauestens das Ende der Zeiten – weiter geht es in diesem Moment noch nicht. Aber natürlich dachte Simon nicht in diese Richtung, in die Jesus vielleicht gedacht hätte, sondern ihm schwebte wie vielen Zeitgenossen in seinem Volk, ein Finale alles irdischen Geschehens vor, über dem Jesus als „Herr des Himmels“ an der Seite Jahwes präsidierte. Man kann es dem Simon im Grunde nicht übelnehmen – er hatte Wunder erlebt, die kein Mensch bis dahin gesehen hatte, er hatte Tote auferstehen gesehen, genau gesagt, den Judas, den alle für tot gehalten hatten, nur Jesus nicht. Er hatte gesehen, dass Kranke geheilt wurden, darunter in seiner eigenen Familie und er hatte von Jesus das Versprechen erhalten, dass er das Seinige finden werde – und was konnte das anderes sein als das, was er gerade tat? War nicht, was er tat, von Erfolg gekrönt, wuchs die Gemeinde, die im Übrigen streng jüdisch war, die den Sabbat und die Beschneidung hielt, kein Schweinefleisch aß, aber auch die Taufe zur Vergebung der Sünden, wie sie Johannes gehalten hatte, kannte und übte, nicht beinahe täglich, schielten die Jerusalemer Priester nicht schon argwöhnisch herüber und die Priester der Samaritaner hörten ihnen fasziniert zu?
Israel ging es zu dieser Zeit nicht schlecht. Herodes, ihr König, tat alles, um seinem Volk ein gutes Leben zu bescheren, aber irgendwie drangen seine wohltätigen Bestrebungen nicht ins Bewusstsein dieses Volkes ein. Schuld daran waren vornehmlich die Pharisäer, die überall verbreiteten, dass Herodes kein echter Jude sei – er war tatsächlich ein Nachkomme zwangskonvertierter Araber – und außerdem ein Knecht der Römer, obgleich sich nicht einmal eine einzige römische Militärsandale im ganzen Land finden ließ. Sie ließen keine Nachricht über Palastintrigen aus, schmückten sie noch entsprechend und erzeugten Herodes den Wüstling, obgleich der nichts anderes tat, als einst alle Könige Israels, die alle mit Mord und Totschlag vor allem in den eigenen Familien gehaust hatten und doch alle als Helden von den gleichen Pharisäern angepriesen wurden, die den Herodes verdammten. Kurzum, die Israeliten fühlten sich geknechtet, obgleich sie es nicht im Mindesten waren, sondern im Gegenteil eine Zeit der Konsolidierung erlebten, wie sie zuvor kaum eine gekannt. Daher wurde Simons Mär von den letzten Tagen auch in Israels selbst mehr und mehr geglaubt – und deshalb sahen die Jerusalemer Priester und die Pharisäer argwöhnisch auf das, was aus Samaria kam, denn DAS hatten sie nun wirklich nicht gewollt.
Kepha – der alte Spottname wurde, je mehr Zeit nach seinem Tode verging, immer mehr zum Ehrennamen und als „Petrus“ = Fels dann irgendwann auch noch zum „Felsen des Glaubens“ – und so „irgendwann“ war dann der Zeitpunkt auch nicht – denn Israel ging nach Herodes Tod an die Römer verloren, die es im Handstreich besetzten und ihre Präfekten schickten, denn das Gebiet wurde keine selbständige Provinz, sondern gehörte zur großen Provinz Syria und die Präfekten waren dem Statthalter von Syria unterstellt. Das geschah nur wenige Jahrzehnte nach Simons Tod – die Schüler Jesu, die sich bis dahin unter des Jakob Schutz befunden hatten, flohen mit ihren Schulhaupt Judas nach Alexandria und verbreiteten sich von dort aus über den gesamten Raum des römischen Reiches, denn Judas hatte sich an den Unruhen zugunsten des Herodessohnes Archelaos beteiligt, während die Gemeinde des Kepha stillgehalten hatte und daher in Jerusalem und in Israel, das nun Judäa hieß, blieb. Aber sie trieb eifrig Mission, zuerst in Syrien und Kleinasien, dann aber auch in Griechenland und natürlich in Rom, wohin es alle Strömungen zog, die nach Rang und Namen im Reich begehrten. Die Hauptstadt der Gelehrten, der Wissenschaften und Künste war und blieb Alexandria – die Hauptstadt der Wirtschaft aber, des Geldes und aller religiösen Strömungen, die Geld begehrten und auf Wachstum aus waren, war und blieb Rom, das „Haupt der Welt“, „Die Stadt“ wie sie im ganzen Reich hieß. Und – war nicht Petrus selbst einst nach Rom gezogen? Das war er wohl, denn er hatte gerüchtweise vernommen, dass Jesus, der Entschwundene, sich in Rom aufhalten sollte.
Das Gerücht entsprach wohl der Wahrheit und es gibt sogar Indizien, die einen Aufenthalt Jesu in Rom belegen könnten – wenn darüber nicht, wie seit jeher der Brauch, die „vatikanische“ Archäologie den Schleier breiten würde – nun, ich besitze genug Material über dieses Indiz, um zu der Überzeugung zu kommen, dass Jesus in Rom war und jene Kapelle Quo Vadis vielleicht nicht über eine Legende, aber über eine echte Begegnung des Simon mit seinem hoch verehrten Meister spricht. Wir müssen den Zeitpunkt dieser Begegnung nur aus den Tagen des Nero zurück verlegen in die Tage des Augustus, dann kommen wir der Sache schon weitaus näher. Petrus starb in Rom, auch das ist zumindest möglich, möglich auch, dass er in der Nähe des vatikanischen Hügels begraben wurde, gewohnt hat er mit Sicherheit auf der rechten Tiberseite, wo sich die Häuser Derer befanden, die als Fremde in Rom lebten und daher keinen Grund und Boden in Der Stadt besitzen durften. Man darf dabei nicht an Mietquartiere denken, die befanden sich in der Stadt selbst und niemand fragte danach, ob ein Mieter das Bürgerrecht besaß oder nicht. Sondern man muss an Villen und zumindest geschlossene Häuser denken, die sich im Besitz einer einzigen Familie befanden und die zuweilen Teile des Hauses wie wir es aus Pompeji kennen an andere Personen vermieteten. Übrigens lebte man zu dieser Zeit auf der rechten Tiberseite ziemlich komfortabel, in einer zwischen Hainen und Gärten weit ausgezogenen Siedlungslandschaft. Erst nachdem Claudius die Juden alle auf die rechte Tiberseite verbannt hatte, wurde es dort eng und wuchsen auch dort Mietskasernen in die Höhe. Dort ist Simon dann auch gestorben, er kehrte nicht mehr nach Israel zurück, und dort ist er dann auch begraben worden – das Grab wurde von seiner Gemeinde gepflegt und Jahrhunderte später zum – ideellen – Mittelpunkt der konstantinischen Basilika Alt – Sankt Peter, von wo es durch die konstantinische Confessio erreichbar blieb.
Dass Petrus in Rom starb, wird heute von der Christenheit nicht ernsthaft bezweifelt. Aber es war kein Märtyrertod, sondern ein ganz normaler Tod durch Altersschwäche, der ihn ereilte. Aber es starb dort nicht der Verkünder der Botschaft Jesu, sondern der Begründer des Christentums und das ist nur wenigen bewusst. Petrus formte aus seinem subjektiven Empfinden heraus diese Religion auf der Grundlage eines volkstümlichen Judentums völlig neu und strich alles aus ihm heraus, was ihm an der eigenen Religion bisher als skurril und nicht nachvollziehbar erschienen war. Er war kein Theologe, wollte auch niemals einer sein. Die in seinem Namen überlieferten Texte sind samt und sonders epigraphisch, das betrifft auch die in seinem Namen überlieferten Apokryphen. Er selbst hat nichts verkündet, als den erschienen Messias und das Ende der Zeiten, an dem er wiederum erscheinen werde. Ansonsten gab er sich mit der Religion Israels zufrieden und wollte ihr nichts hinzufügen und eigentlich auch nichts wegnehmen, denn er kannte seine eigene Religion nur insoweit, als sie allgemein im Volk bekannt war: Sabbat, Beschneidung, Kaschruth, Auslösung der Erstgeburt, Heirat als Sakrament, Scheidebrief, Wallfahrtsfeste, festliche Abende bei Erscheinen der neuen Mondsichel, Aussegnung der Toten und die wenigen Vorschriften über rituelle Unreinheit, die für die einfachen Israeliten relevant waren. All das finden wir auch im Christentum – selbst die Beschneidung finden wir, gegen die Saulus in Antiochia dann im Namen seiner Heidenmission Sturm läuft. Die heiligen Schriften der Juden waren auch ihre Heiligen Schriften und am Sabbat gingen sie wie alle Juden in die nächstgelegene Synagoge um zu beten und Gottes Wort zu hören. Dazu hüllten sie sich in den Tallit und legten zum Gebet die Lederriemen an, das „Schema Israel“ war auch ihr Glaubensbekenntnis. Erst nachdem die Legende von der Kreuzigung aufgekommen war, wurde der Graben zwischen Juden und „Christen“ breiter und zuletzt unüberschreitbar. Simon selbst hat diese Legende noch nicht gekannt.
Das Christentum steht heute, sagt man, auf zwei Säulen: Peter und Paul. Dabei haben sich die beiden mit Sicherheit nicht gekannt. Als Saulus in Tarsus aufwächst, geschehen die Massaker des Pilatus, als er nach Jerusalem kommt, herrschen mildere Statthalter und er kann ungehindert seinen Studien nachgehen. Petrus aber ist zu dieser Zeit schon sanft in Rom entschlafen, an ihn erinnert man sich nur noch in den Kreisen der samaritanischen und teilweise der judäischen Christen. Die Samaritaner erinnern sich seiner als an einen Wundertäter, wobei viele Wunder wohl eher Wundererzählungen gewesen sind, die Judäer an einen volkstümlichen Prediger. Der Rest, auch die Legende von dem zeitgleichen Martyrium Beider ist Schall und Rauch. Saulus ist zeit seines Lebens ein einsamer Kämpfer für die Erlösung und wohl der einzige handfeste Theologe, den das Christentum in dieser frühen Periode besessen hat, weshalb der theologische und philologische Ketzer Markion ihn vor allem zum Bürgen für das rechte Christentum erklärt – und ihm damit unbeabsichtigt auch im orthodoxen Christentum zu normativen Ehren verhilft. Petrus hingegen, wie sein vermeintlicher Meister, lebt seine Botschaft und hinterlässt nichts als die Erinnerung. So spiegeln sich die frommen Seelen in Petrus, die „Intellektuellen“ des Glaubens tendieren mehr zu Paulus. Aber der Kern und das Wesen des Christentums ist eben nicht Paulus, der es interpretiert und einrichtet, sondern Petrus, der es erlebt und lebt. Christus – ist eine Kunstfigur, die das ganze Knäuel der Konfessionen und Theologien notdürftig zusammen hält und an den Heiligen Geist glauben sowieso bald nur noch die Spiritisten allein deshalb, weil da von „Geist“ die Rede ist und das ist halt ihr Metier. Die eigentliche Adresse des Christentums aber ist Jahwe, der gute, alte knapp zweieinhalb Jahrtausende zählende Jahwe. Anders hat Petrus seinen Gott nicht gedacht, er wäre gar nicht auf die Idee gekommen, es könne einen anderen als ihn geben. Jesus, der Messias, ist ohne Jahwe gar nicht denkbar, denn eine verworfene Welt, die der Erlösung bedürftig wäre, kommt in der Antike außerhalb des Judentums gar nicht vor. Kein antiker Gott profitiert irgendwie oder spricht auch nur von einem Ende der Zeiten – nur Jahwe spricht vom Jüngsten Tag.
Halten wir also fest: es war nicht Jesus, der das Christentum mit seiner Lehre begründete, es war Simon, der Klotz, der zum Felsen des Glaubens wurde. Nachdem er in Israel viel Zulauf erhalten hatte, zog er nach Rom, nicht um zu sterben, sondern um Jesus wieder zu begegnen und wahrscheinlich ist er ihm auch begegnet, aber was sich wirklich zwischen den beiden begab, deckt der Mantel der Legende zu. In Rom ist er auch gestorben und der Petersdom steht sage und schreibe wirklich auf den Gebeinen des Begründers der Christenheit. Nicht Jerusalem, Rom ist das Zentrum der Religion, wie die katholische Kirche es ja auch stets behauptet hat. Die Päpste als Nachfolger Petri bekleiden ihr Amt mit historisch richtiger Legitimation. In diesem Licht sind alle nachfolgenden Konfessionen eigentlich wüste Ketzereien und das ostkirchliche Schisma eine haarsträubende Dummheit, sie hätten 1054 Rom als Haupt der Christenheit von Rechts wegen anerkennen müssen. So liest es sich also, wenn man genau liest und wenn mancher Anhänger der Ökumene deshalb verzweifelt und wütend sein sollte, ich fühle mit ihm, aber ich kann es nicht ändern. Und glauben Sie mir – ich bin auch aus diesem Grunde froh, dass ich hier nicht über meine eigenen Angelegenheiten schreiben musste.

 

Kommentare

Mehrere Untergliederungen wären im Text hilfreich gewesen.
Danke für die Ausführungen im Text.
Wie kann man bei der Kreuzigung von Legende sprechen?
Für mich ist es nicht wichtig ob ja oder nein, vielmehr fehlen Quellenangaben dazu, wie sie insgesamt fehlen.

Ebenson eine Zusammenfassung wäre sehr nett gewesen.
Besten Dank und alles Gute

Hätte die Autorin sicher noch gemacht, vor allem auf auf Wunsch!
Das die Kreuzigung eine Legende ist, belegen die Ausführungen von Dr, Kosack in dem Buch über die Gnosis Band 2 mit Quellenangaben und Konklusion. Auf dieses Werk und seine Quellen stützt die Autorin ihre Ausführungen im Wesentlichen und fügt eigene Gedanken hinzu.

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