15.03.2013

Instinkt, Intelligenz, Verstand, Vernunft

Es soll ja immer noch, auch unter den Menschen, die sich als gebildet bezeichnen, Menschen geben, die zwischen diesen verschiedenen Erscheinungen des Denkens nicht zu unterscheiden wissen. Bestenfalls kennen sie den Unterschied zwischen intelligenten und instinktiven Leistungen und wissen wo sie jeweils verortet sind, aber der Rest geht ihnen als ein Einziges hin und alles, was auf einen sorgfältigeren Umgang hinweist, nennen sie Dummheit und bestenfalls noch Esoterik – ich nenne es vielmehr Philosophie, denn nach der Natur des Denkens zu forschen ist wohl einer ihrer vornehmsten Ziele.

Unser Mitarbeiter Rolf T. ist ein solcher Mensch. Er hält sich für gebildet, aber er kann ganz einfachen phänomengeschichtlichen Ausführungen über die Naturen und Arten des Denkens nicht folgen. Also will ich ihm und allen, denen es genauso geht, eine kleine Lektion halten.

Es ist nicht zu bestreiten, dass auch Tiere ab einem gewissen relativen Hirnvolumen über die Fähigkeit verfügen, die wir Intelligenz nennen. Dazu gehören erwiesenermaßen die Primaten, aber auch Katzen und Hunde gehören dazu, Vögel und Meeressäuger – deren Gehirne wie wir wissen unterschiedlich groß sind, da sie ihrer schieren Größe angepasst sein sollten, aber in etwa über eine ähnliche Differenzierung verfügen. Soweit, denke ich, wird es keinen Widerspruch geben und wird auch niemand solche Beobachtungen unter dem Etikett der Esoterik ablegen. Diese  Intelligenz ist durchaus vom Instinkt zu unterscheiden  – auch dafür wird mich unser Rolf T. (wohl seinerseits zu unterscheiden von unserem Gespenster – Rolf) nicht zum Esoteriker machen, denn diese Unterscheidung ist wohl nicht nur mir bekannt. Diese Intelligenz, die teilweise erstaunliche Leistungen hervorbringt, ist bis heute noch nicht in allen Einzelheiten erforscht, aber wir wissen doch schon Manches darüber – zum Beispiel dies, dass sie nicht ex nihilo kreativ sein kann, sondern nur auf Gegebenes mit Gegebenem reagiert, wobei sie zunimmt und abnimmt – nicht ständig geübtes Erlerntes verkümmert wieder, aber immerhin ist sie lernfähig, das bedeutet, sie reagiert auf bestimmte Situationen mit erlernten Verhaltensmustern – wenn die versagen ist sie allerdings recht hilflos. Alternative Verhaltensmuster kann sie nicht entwickeln, es sei denn, sie habe solche vorher ebenfalls erlernt und geübt.

Über solch eine funktionale Intelligenz verfügt natürlich auch der Mensch in seiner Eigenschaft als Säugetier und entsprechend seinem Hirnvolumen und seiner Hirnorganisation ist diese funktionale Intelligenz um Vieles weiter entwickelt als zum Beispiel die eines Schimpansen, von dem uns sonst, wie wir wissen, nur ein einziges Gen unterscheidet. Sie ist fähig, auch Alternativen zu bedenken und anzuwenden und sie ist fähig, neue Verhaltensmuster zu entwickeln, nicht nur zu erlernen, die dann wiederum weiter gegeben werden können und zu diesem Zweck ist es ihr möglich, geordnet zu kommunizieren, also nicht nur in missdeutbaren Gesten und Lauten, sondern sie kann eindeutige Informationen in fixierten Sprachen von sich geben und ist auf der anderen Seite imstande, diese Sprache im Sinne der gegebenen Information zu verstehen. Vieles, was der oberflächliche Beobachter unter Verstand und Vernunft einzuordnen versucht ist, gehört eigentlich und in Wahrheit in den Bereich der funktionalen Intelligenz eines Menschen. Aber eines kann diese Intelligenz nicht: sie kann nicht von sich sagen, dass sie intelligent wäre.

Das wiederum kann der menschliche Verstand, der aus der Intelligenz erwächst. Er kann den Dingen auf den Grund gehen, er kann alles, was er vorfindet, analysieren, verstehen und – nachgestalten. Der Verstand ist es, der die Werkzeuge erfindet, die das Leben leichter machen, er ist es, der aus verschiedenen Heilkräutern die Mixtur gewinnt, die allein eine bestimmte Krankheit heilt, zu deren Heilung ein Kraut allein nicht imstande ist, er ist es, der die Natur der Natur entschlüsselt und die Rätsel des Universums eines um das andere löst  – und der sich dabei ein um’s andere Mal auch recht unvernünftig benimmt, denn – darüber nachzudenken, was seine Arbeit im vierten und fünften Schritt zur Folge haben kann, ist ihm nicht gegeben. Er ist der Tüftler und Bastler, der Forscher und Entdecker, der Wirtschaftskapitän, vielleicht auch meist der Politiker, denn es ist bekannt, dass viele von ihnen nur von Zwölf bis an die Nasenspitze denken, es gibt sogar eine Philosophie, die solche Kurzsichtigkeit rechtfertigt, ich glaube, der Philosoph heißt Popper. Also, ist zu bemerken, auch sogenannte Geisteswissenschaften (für Rolf Pf.: Gespensterwissenschaften) gehören zu den reinen Verstandesleistungen, nicht nur Philosophie, auch einige Strategeme der Seelenkunde gehören hierher, so der bekannte Behaviourismus. Selbst eine gewisse Form von Kunst kann man hier verorten, nämlich die, der wir in unserer Zeit überall begegnen. Man  macht einfach etwas, um etwas zu machen – die Werbekunst nehme ich da aber doch nicht aus, denn sie macht zwar nicht um nur etwas zu machen, sondern sie hat eine Botschaft, aber: diese Botschaft beschränkt sich in der Mehrzahl auf Objekte, die gekauft und verbraucht werden sollen und das möglichst schon vorgestern.

Wir sehen : Intelligenz und Verstand sind alleine wohl stark genug, einen Menschen durchs Leben zu bringen – und das auf ziemlich hohem technischen, kommerziellem und wissenschaftlichen Niveau. Aber ebenso wenig ist zu leugnen, dass viele dieser Impulse unvernünftig sind. Wir haben gerade zu dieser Zeit ungeheuer viel mit Phänomen zu tun und unter ihnen zu leiden, die intelligent sind, die verständig sind – aber die höchst unvernünftig sind, ich denke hier nur an Maximalprofit und Atomenergie. Es ist ferner zwar höchst profitabel und intelligent, das Holz der Regenwälder zu verkaufen, wie es den dortigen Staaten von der Weltbank und vom IWF angeraten wird um ihre Schulden zu tilgen, aber es ist höchst unvernünftig, denn indem man ein im Verhältnis kleines, weil nur monetäres Übel bekämpft, bekämpft man in Wahrheit sich selber, denn das Klima, das man verdirbt, schadet auch den Gläubigern dieser Länder. Der Erdboden, den man im Moment durch Fracking verdirbt, kann auch denen keine Nahrung mehr geben, die vom Erdgas ihren Profit gemacht haben.  Verständig sind diese Menschen schon, sie wissen, was ihnen und wie es ihnen kurzzeitig Vorteil bringen kann. Aber sie haben kein Bedürfnis, auch den dritten und vierten Schritt ihres Handelns und ihrer Verständigkeit voraus zu erforschen und dies deshalb nicht, weil sie der Vernunft in ihnen nicht bewusst sind. Sie tragen sie bei sich wie den berühmten Schatz im Acker. So entgeht ihnen Vieles nicht, aber Eines auf jeden Fall: die Beständigkeit ihrer eigenen Existenz. Sie wäre nämlich nur durch den bewussten Gebrauch der Vernunft zu erreichen, eben dessen, was ihnen unerreichbar scheint, da sie ja nicht um deren Existenz wissen.

In der Vernunft begegnet der Mensch seiner ureigenen Natur. Schläft sie in ihm, und das kommt öfter vor als wir denken, wendet er sich in seiner Verständigkeit hierhin und dorthin und versucht, sich an fremder Verständigkeit aufzurichten und er bringt Manches zustande, nur nichts Vernünftiges. Erwacht sie aber in ihm und erkennt er seine Art, erkennt er auch, was an den Leistungen seines Verstandes  perspektivisch nützlich ist und was einer genaueren Überlegung nicht standhält. Aus der Vernunft ergibt sich die Gesinnung – ist die Vernunft in ihm erwacht, wird sie notwendig eine andere sein als im schlafenden Zustand, indes: auch der Verstand ergibt, in Summe, eine Gesinnung, nur ist sie ganz anderer Art, sie ist nicht komplex, sondern linear von einer Erfahrung zur anderen gewonnen. Die Vernunft der geistigen (für  unsern Zürcherdytsch – Rolf: gespenstischen) Neugeburt des Menschen aber ist umfassend und hat Umstände im Blick, die sich einer linearen Sicht entziehen, da sie sich von ganz anderen Positionen her heranarbeiten als der linear Betrachtende im Blick hat, sie umfasst auch die sogenannten Externalitäten und ihren Einfluss auf den gewollten Prozess. Jeder kann indessen nur so weit in Vernunft blicken, wie er diese selbst in sich hervorgebracht hat. Sie ist die höchste und letzte Instanz aller Bewertung und Beurteilung und die moderne Esoterik, die sich dadurch auszeichnet, nicht zu bewerten und nicht zu beurteilen, erzeigt sich in solch einem Ansinnen als zutiefst vernunftlos.

Aber wie entsteht Vernunft? Sie entsteht, indem intelligente und verständige Prozesse durch die Erkenntnis der wahren Natur des Menschen sozusagen aus dem geistigen Bereich heraus veredelt und orientiert werden. Sie entsteht nicht im Gehirn wie die anderen Prozesse, sondern sie ist des Menschen Anteil an der Ewigkeit und so wie sein Anteil bemessen ist, gestaltet sich auch seine Vernunft. Irgendeinen Anteil aber hat er immer. Kein Mensch ist jemals ganz und gar vernunftlos, es sei denn, er besitze keine oder eine schadhafte Möglichkeit, diese Vernunft auch in seinem Menschsein widerzuspiegeln. Ist es zu wenig Vernunft, die er hervorbringt, wird er ein platter, inhaltsarmer Charakter sein, ist es zu viel Vernunft, die er hervorbringt, wird er das Interesse an den Wiederholungen des irdischen Lebens irgendwann verlieren. Denn im irdischen Leben wiederholt sich alles, es ist ein a priori festgelegtes Muster, das nur bestimmte Möglichkeiten zulässt – der Mensch kann nicht fliegen. Der Verstand ersann daher ein Flugzeug. Allenfalls potenzieren sich die Wiederholungen und aus dem Rauchzeichen – Alphabet wird die Kommunikation mit dem Iphone, aus dem Tontafelarchiv die Serverunit. Ein Leben im Geist aber ist ein ganz anderes Leben (für Rolf: im Gespenst), ein Leben in dem der Gedanke zur Tat wird und Kommunikation bedeutet, umeinander zu wissen. Das ist in der Welt unmöglich und das ist gut so, denn wenn alles selbstverständlich ist, wo gibt es dann einen Grund, nach etwas zu fragen? Vernunft ist und entsteht nicht im Gehirn, aber sie kann auf Prozesse, die im Gehirn entstehen, Einfluss nehmen.

Das materielle Leben hat nichts Größeres hervorgebracht als den Verstand. Es hat lange an ihm geformt und gearbeitet, es sind Jahrmilliarden dahin gegangen ohne dass es ihn gab – und nun gibt es ihn seit einem Wimpernschlag der Evolution und nicht viel kürzer ist das Ereignis her, dass zum Verstand die Vernunft kam. Wie gesagt – nie vergessen, dass auch mit dem Verstand allein große Dinge hervorgebracht werden können – nur unser Urteil über das, was der Verstand hervorbringt, kann ohne Vernunft nicht geschehen. Ohne Vernunft gilt uns alles gleich. Denn nur die Vernunft kann die vom Verstand hervorgebrachten Dinge wirklich und in Perspektive verstehen. Der Verstand freut sich über ein neues Gerät. Die Vernunft aber sieht, wie es entsteht und mahnt zur Achtsamkeit. Der Instinkt treibt das Leben dazu, sich fortzupflanzen, die Intelligenz schaut wie sie das bewerkstelligt, der Verstand schaut, ob die biologischen Parameter optimal „stimmen“… und die Vernunft erhebt die Liebe unsterblich zu den Sternen. Dabei ist es unerheblich, ob die biologischen Parameter stimmen, ja es ist unerheblich, ob überhaupt Vereinigung und Weitergabe der Gene stattfindet und dennoch ist die Liebe nicht unglücklich, sondern die Quelle großartiger Werke, die der ganzen Menschheit zustattenkommen. Denn Vernunft ist niemals kalt. Sie ist im Gegenteil das pochende Herz, das wärmende Feuer mitten im Eis und der Regen, der die sengende Hitze beendet. Sicher, Manchen macht der Regen auch nur nass und manch Anderer verbrennt sich am Feuer auch die Finger, manches Herz geht allzu schnell oder allzu langsam… aber in allem wacht oder träumt die Vernunft, deren Bestehen niemand so recht zu ergründen weiß, aber jeder weiß: es gibt sie. Mancher ersehnt sie, Mancher fürchtet sie, aber niemand vermag sie zu leugnen.

Dies, was ich hier Vernunft genannt habe, diese letzte und entscheidende Instanz, die den Menschen unwiderruflich zum Menschen macht, nennen manche Menschen auch Geist – und unser Rolf hier nennt es ein Gespenst, seins Sprache, das Zürcherdytsch, hat keinen anderen Begriff – sagt er uns jedenfalls. Möge sich jeder sein Urteil darüber selbst bilden.

 

Hinterlasse einen Kommentar

Dein Kommentar:

Kategorien