Erkenntnis-Projekt

Urchristen, Christen, Gnostiker

Als wir vor nunmehr zwanzig Jahren zum ersten Mal vor der Frage standen, wie wir uns denn nun in Abgrenzung zu andern selbst bezeichnen sollten, da standen drei Dinge zur Diskussion: Urchristen, Christen und – mit einigem Wagemut – auch Gnostiker. Aber alle diese Begriffe waren nicht gerade neu und welche Erbschaften würden wir damit übernehmen? Insbesondere der ganze Bereich der „Gnosis & co“ so wie sie bis dahin verstanden wurde, war uns reichlich fremd und auch vom Christentum hatten wir, der Eik und ich, eine sehr unterschiedliche Vorstellung, denn er kannte dasselbe in der Ausprägung der Zeugen Jehovas, ich in der Ausprägung evangelischer Theologie. Und was sollten Urchristen sein? Für Eik war der Fall klar, Urchristen waren die frühsten Gnostiker, weil sie der wirklichen Lehre des wirklichen Jesus folgten. Für mich, bibelkundig wenn auch nicht bibelfest, und in früher Kirchengeschichte sowie in Konfessionskunde einigermaßen bewandert, lagen die Dinge schwieriger. Ich dachte an das, was im neuen Testament über die „Urkirche“ geschrieben steht und daran, was für christliche Splittergruppen sich alles als Urchristen bezeichnete und schüttelte skeptisch mein Haupt: nein, also Urchristen auch nicht, da ging dann doch das Abgrenzen erst los, da kam man doch gar nicht mehr aus demselben heraus und all die Töpfe in die man getan worden wäre.. aber Eik setzte sich durch und also bezeichneten wir das was wir trieben als Urchristentum.

Es kam, was kommen musste: wir waren dauernd damit beschäftigt zu erklären womit alles wir nicht zu tun hatten. Als uns das reichte, versuchten wir es mit dem Begriff Gnosis – ich schlug es vor, obwohl ich damit mindestens so großes Bauchweh hatte, wie vordem mit dem Urchristentum, denn dachte ich bei dem einen an die berühmte „Urgemeinde“ die zwar nie existiert hat, die aber jede christliche Gemeinschaft sich zum Vorbild nimmt, so fielen mir bei Gnosis alle die krausen Mythen und Metaphern ein, die ich als Studentin der Theologie hatte über mich ergehen lassen, woraufhin ich, wie meine Kommilitonen auch, den inneren Schwur tat, dass mir so etwas nie und nie unter die Finger kommen sollte. Was mir da unter die Finger gekommen war, hatte mit dem da ja auch nichts zu tun und so hatte ich meinen Schwur gehalten. Was mir da unter die Finger gekommen war, das war schlicht das Ende allen Schubladendenkens, nicht mehr Urchristentum aber natürlich Urchristentum, keine Gnosis aber was sonst als Gnosis, keine Esoterik, aber was sonst als Esoterik pur, keine Mystik, aber auch nichts als Mystik und keine Magie, aber alle Magie mit Leben erfüllend. Man konnte es also nennen wie man wollte, man nannte es immer richtig – und immer falsch.

Dann kam Axel H. auf den Einfall, man solle doch alle Ideologie beiseite lassen und das Kind, wenn schon, einfach Gnosis auf Deutsch nennen: also Erkenntnis. Nun, das haben wir dann getan und – damit sind wir in einer weiteren Runde der Missverständnisse angekommen. Aber ich glaube, anderswo können wir auch gar nicht ankommen.

Berlin, in der dritten Adventswoche 2008
Juliane (Mitbegründer)