{"id":463,"date":"2014-07-27T11:52:47","date_gmt":"2014-07-27T10:52:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.erkenntnis.org\/blog\/?p=463"},"modified":"2014-10-28T09:10:19","modified_gmt":"2014-10-28T08:10:19","slug":"christentum-und-homosexualitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.erkenntnis.pub\/blog\/?p=463","title":{"rendered":"Christentum und Homosexualit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<!-- FB Like Button Starbit IT Solutions BEGIN -->\n<div class=\"fb-like\" data-href=\"https:\/\/www.erkenntnis.pub\/blog\/?p=463\" data-layout=\"standard\" data-action=\"like\" data-show-faces=\"false\" data-size=\"small\" data-width=\"450\" data-share=\"\" ><\/div>\n<!-- FB Like Button Starbit IT Solutions END -->\n<p>&#8211; Anmerkungen zu einer nicht nur evangelikalen Ansicht \u2013<br \/>\nIch habe schon zuvor in etwas anderem Zusammenhang darauf hingewiesen, aber scheinbar ist das untergegangen. Wenn es eine moderne Religion gibt, in der Homosexualit\u00e4t die allerbesten Chancen auf Emanzipation hat, dann ist diese das Christentum. Das Judentum verdammt sie per Gesetz, der Islam per Tradition. Das Christentum nimmt, wie alle antiken Religionen, dazu nicht Stellung, denn es will nicht Gesetz f\u00fcr dies und das sein, sondern befasst sich mit dem Menschen als solchem und seinem Verh\u00e4ltnis zu seinem Gott.<br \/>\nGehen wir aber zu seinen ersten Anf\u00e4ngen zur\u00fcck, zur\u00fcck in die Zeit als das Christentum anf\u00e4ngt, sich einen Glaubensbestand und eine Sittenlehre zu erarbeiten, finden wir ein Bild, das auch gut und gern einem Roman entsprungen sein k\u00f6nnte, nur dass es sich hier um einen Griff ins pralle antike Leben handelt. Da ist ein junger Jude aus Tarsus nach Jerusalem gekommen um an der dortigen \u201etheologischen Hochschule\u201c seine Studien zu vollenden. Der junge Mann hei\u00dft Saulus. Und wie es so kommt, irgendwann dort stellt er fest, dass es ihn zum eigenen Geschlecht hinzieht \u2013 er ist Jude und damit ist dies f\u00fcr ihn ein todesw\u00fcrdiges Verbrechen f\u00fcr das sein Gesetz keine Nachsicht kennt. Sp\u00e4ter spricht er schamhaft selbst davon als von dem \u201eSatan, der ihn mit F\u00e4usten schl\u00e4gt\u201c. Sicher ist, dass er niemals heiratet, aber ein Frauenfeind scheint er dennoch nicht zu sein. Sie sind ihm fremd, er folgt im Urteil \u00fcber sie lediglich der j\u00fcdischen Ansicht. In seinem inneren Zwiespalt will er zun\u00e4chst die vermeintliche Tods\u00fcnde mit umso gr\u00f6\u00dferem Eifer f\u00fcr Jahwe kompensieren und das bringt ihn mit der Gemeinde des Simon Petrus zusammen, die er erst verfolgt, bei der er aber dann tolerante Aufnahme findet. Entsprechend widmet er sein Leben fortan der Ausbreitung dieser Lehre, die er dann auch mitgestaltet \u2013 unbemerkt erst, aber im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung \u00e4ndert sich das, indem er von einem reichen christlichen Religionsreformer namens Marcion entdeckt und in den Vordergrund gestellt wird. Das Christentum wird in der Folge nach seinen Vorstellungen gestaltet und vereinheitlicht werden. Die Evangelien, das ist heute erwiesen, folgen erst nach seinem Tod. Er ist auch wahrscheinlich dem Simon niemals mehr selbst begegnet, es ist die zweite Generation und die dritte, in der er sich bewegt, eine Generation, die den Kreuzestod schon kennt, aber noch nichts Genaues dar\u00fcber wei\u00df; die erste Generation um Simon kannte ihn nicht, die vierte kennt ihn in allen Einzelheiten.<br \/>\nUnser heutiges Christentum ist also ein Gesch\u00f6pf mit zwei K\u00f6pfen: einen bilden die Evangelien, einen anderen bildet das Corpus Paulinum mit seinen ethischen, dogmatischen und so weiter Ma\u00dfgaben. Die beiden widersprechen sich zwar nicht geradezu, aber man darf niemals vergessen, dass das CP nicht auf der Grundlage der kanonischen Evangelien verfasst ist, sondern wenn, dann Quellen nutzt, die heute entweder verloren oder nur als Apokryphen mehr oder weniger zuf\u00e4llig erhalten sind. Vieles, besonders alttestamentliche Zitate bringt er aus dem Kopf, also nicht unbedingt immer korrekt und sowieso nicht nach der hebr\u00e4ischen Redaktion von Jamnia, die er noch nicht kennen kann, da sie noch nicht existiert, sondern er zitiert nach der griechischen LXX, die auch seinen \u201eHeidenchristen\u201c zug\u00e4nglich ist und m\u00f6glicherweise noch nach anderen Schriften. Aber das soll uns jetzt im Einzelnen weniger besch\u00e4ftigen.<br \/>\nUnter den \u201eBriefen des Paulus\u201c als welche die Theologie des Saulus bezeichnet wird, finden sich auch zwei nachtr\u00e4glich redigierte Briefe an eine christliche Gemeinde in Korinth. In ihnen finden wir, was wir ansonsten in diesen Briefen erst m\u00fchsam zusammen suchen m\u00fcssen, n\u00e4mlich ethische und moralische Maximen, Regeln f\u00fcr den Gottesdienst und f\u00fcr das anschlie\u00dfende gesellige Miteinander. Wir finden auch Regeln daf\u00fcr, wer zur Gemeinde geh\u00f6ren soll und wer nicht und jetzt wird es interessant, denn Saulus erweist sich hier als kundiger Vermittler zwischen j\u00fcdischer und antiker Lebensweise. Frauen sollen , so seine Regel f\u00fcr den Gottesdienst, einen Schleier tragen, sofern sie daran teilnehmen wollen (keine anst\u00e4ndige freie griechische Frau verlie\u00df jemals das Haus ohne Matronenschleier, aber offensichtlich will Saulus hier, dass die Regel auch f\u00fcr Sklavinnen gelte, denn vor Gott gibt es keine Sklaven) und am besten ist es, wenn sie in Gemeindeangelegenheiten \u00fcberhaupt den Mund h\u00e4lt. Es war parallel auch in anderen \u00f6ffentlichen Angelegenheiten so, dass Frauen weder ein Stimm-, noch ein Rederecht hatten. Im Gottesdienst darf sie, wenn sie das Schleiergebot beachtet, aber mitbeten, mitsingen und sogar predigen und prophezeien, denn im Gottesdienst (also vor Gott) gilt ein jeder einem jeden gleich. So kl\u00e4rt sich der oft zitierte und beklagte Widerspruch zwischen dem Freiheitsgebot des Galaterbriefes und den Einschr\u00e4nkungen im ersten Korintherbrief auf. Es geht einerseits um die Freiheit des Christenmenschen und andererseits um die Beachtung der \u00f6ffentlichen Sitten. Ich revidiere hiermit meine fr\u00fchere Ansicht, dass es sich vom Galaterbrief zum ersten Korinther um eine Weiterentwicklung handeln solle \u2013 vielmehr betrachtet Saulus die Rolle der Frau in den beiden Briefen lediglich unter verschiedenen Aspekten. Damit ist f\u00fcr beide der Anspruch der Authentizit\u00e4t, den ihnen die moderne neutestamentliche Forschung zugesteht, gegeben.<br \/>\nAber was hat das mit Homosexualit\u00e4t zu tun? Erst einmal nichts \u2013 aber besagter erster Korintherbrief ist auch die Kernstelle der evangelikalen Ablehnung der Homosexualit\u00e4t als solcher, nur &#8211; hier handelt es sich offensichtlich um einen verh\u00e4ngnisvollen Irrtum, der durch Jahrtausende Christentum immer wieder Leid \u00fcber Menschen gebracht hat. Denn nicht etwa homosexuelle Menschen, M\u00e4nner wie Frauen, schlie\u00dft Saulus aus der Gemeinde aus, sondern Prostituierte beiderlei Geschlechts. Die Ausschlie\u00dfung ist vorl\u00e4ufig zu sehen \u2013 denn wenn sie ihren Lebenswandel aufgeben, sollen sie in der Gemeinde willkommen sein. Dasselbe gilt von allen anderen Verfehlungen und anr\u00fcchigen Handlungen. Da steht nicht \u201eHomosexuelle\u201c, sonder da steht \u201eLustknaben\u201c, heute nennt man diese Sparte des Am\u00fcsierbetriebes Stricher. Denn dass man von Homosexualit\u00e4t nicht \u201elassen\u201c kann, wei\u00df Saulus gut genug und verlangt es daher auch nicht. Au\u00dferdem geh\u00f6rt sie in der antiken Welt und erst recht in einer antiken Gro\u00dfstadt zum erotischen Alltag. Saulus unterliegt hier, wie in vielen anderen F\u00e4llen, nicht mehr dem j\u00fcdischen Zeremonialgesetz, das er ganz und gar den Juden \u00fcberl\u00e4sst \u2013 der Christ ist hier einmal mehr vom Gesetz des Jahwe frei. Aber unsere evangelikalen Christen und mit ihnen die Mehrzahl der christlichen Sekten halten sich Augen und Ohren zu, wollen nicht h\u00f6ren und wollen nicht sehen und machen Aufstand, wenn jemand wie die Christen in W\u00fcrttemberg, zu h\u00f6ren und zu sehen versucht. Wer die Stelle nachlesen will, es handelt sich im ersten Korintherbrief um Kapitel 6 die Verse 9 \u2013 11. Dort ist von Lustknaben und Knabensch\u00e4ndern die Rede, also sowohl von denen, die ihren K\u00f6rper k\u00e4uflich anbieten als auch von denen, die dieses Angebot nutzen. Von freier Liebe zwischen Menschen gleichen Geschlechts hingegen finden wir hier kein Wort. Und auch an anderer Stelle finden wir keines \u2013 warum auch sollten wir?<br \/>\nWenn man die Aufregung. die in manchen Gemeinden herrscht, einmal unter diesem Aspekt betrachtet, f\u00e4llt sie in sich zusammen und macht dem Platz, was man christliche Freiheit nennt. Aber warum hat man diese Verse zweitausend Jahre lang nicht so gelesen wie sie geschrieben worden sind? Nun \u2013 dar\u00fcber muss man nicht mich, sondern die Geschichte der christlichen Exegese befragen. \u2013 Berlin im Juli 2014 \u00a9 Juliane Bobrowski<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 0;float:none;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"https:\/\/www.erkenntnis.pub\/blog\/?p=463\" send=\"false\" layout=\"like\" width=\"450\" show_faces=\"true\" font=\"arial\" action=\"\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8211; Anmerkungen zu einer nicht nur evangelikalen Ansicht \u2013 Ich habe schon zuvor in etwas anderem Zusammenhang darauf hingewiesen, aber scheinbar ist das untergegangen. Wenn es eine moderne Religion gibt, in der Homosexualit\u00e4t die allerbesten Chancen auf Emanzipation hat, dann ist diese das Christentum. Das Judentum verdammt sie per Gesetz, der Islam per Tradition. 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