{"id":359,"date":"2013-03-10T10:07:07","date_gmt":"2013-03-10T09:07:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.erkenntnis.org\/blog\/?p=359"},"modified":"2014-09-27T21:08:52","modified_gmt":"2014-09-27T20:08:52","slug":"kelten-und-neukelten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.erkenntnis.pub\/blog\/?p=359","title":{"rendered":"Kelten und Neukelten"},"content":{"rendered":"\n<!-- FB Like Button Starbit IT Solutions BEGIN -->\n<div class=\"fb-like\" data-href=\"https:\/\/www.erkenntnis.pub\/blog\/?p=359\" data-layout=\"standard\" data-action=\"like\" data-show-faces=\"false\" data-size=\"small\" data-width=\"450\" data-share=\"\" ><\/div>\n<!-- FB Like Button Starbit IT Solutions END -->\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So reich die europ\u00e4ische Erde an Hinterlassenschaften der St\u00e4mme ist, die wir mit dem Sammelbegriff Kelten bezeichnen, so arm sind die europ\u00e4ischen Bibliotheken an originalen Quellen, denn die keltische Kultur war schriftlos. Dass eine schriftlose Kultur aber auch eine niedere sein m\u00fcsste, ist durch die Kultur der Quechua in S\u00fcdamerika widerlegt. Der menschliche Verstand kann, wenn er die Entlastung durch die Schrift nicht kennt, ungeheure Mengen an Informationen nicht nur speichern, sondern auch gebrauchsf\u00e4hig bereit halten. Aber was die keltische Kultur an Wissen bereit hielt, davon wissen wir kaum etwas. Es ist nicht so, dass wir gar nichts w\u00fcssten \u2013 wir kennen immerhin einen keltischen Kalender und wir kennen aus britannischen Quellen des Mittelalters noch manches keltische Epos. Wir kennen zudem eine Reihe von Informationen, die von R\u00f6mern und Griechen stammen \u2013 inwiefern diese aber authentisch sind, wissen wir nicht, denn die Kelten galten eine Zeitlang als gef\u00e4hrliche Feinde des r\u00f6mischen Reiches und wurden von diesem Aspekt her beurteilt.<\/p>\n<p>Wie die Kelten lebten, wissen wir aber dank all der Artefakte recht genau. Sie lebten in Holzh\u00e4usern, bauten den Acker, trieben Viehzucht, kannten T\u00f6pferei und Weberei, kannten auch den Bergbau und die Metallverarbeitung. Sie lebten in D\u00f6rfern aber auch schon in kleineren st\u00e4dtischen Niederlassungen und bildeten eine recht differenzierte Gesellschaft aus Gelehrten, Adeligen, Kaufleuten, Handwerkern, Bauern und \u2013 nicht zu vergessen \u2013 auch Leibeigenen. Adelige, Kaufleute, Handwerker und Bauern bildeten bei Bedarf die Kriegerschar. Ein stehendes Heer besa\u00dfen die Kelten nicht. Wir wissen, dass sie eine Reihe von Festen feierten die im Zusammenhang mit dem Wechsel der Jahreszeiten standen, und dass sie die Kalenderberechnung kannten. Wir wissen, dass sie G\u00f6tter kannten und verehrten, wir kennen auch die Namen mancher G\u00f6tter, es sollen aber viel mehr gewesen sein als wir heute kennen. Ihre Ressorts kennen wir allerdings nur sehr auszugsweise, und von ihren Ritualen kennen wir nur Umrisse \u2013 und die sind nicht sympathisch, denn sie brachten grausame Menschenopfer dar. Der Gundestrup\u00a0 &#8211; Kessel, eine keltische Arbeit, die als Opfergabe in einem d\u00e4nischen Moor gefunden wurde, schildert wahrscheinlich ein keltisches Opferfest zu Ehren des Hirschgottes Cernunnos. Aus den britannischen Manuskripten des Mittelalters wissen wir Bruchst\u00fccke ihrer Weltsicht \u2013 sie dachten sich die vorfindliche Welt der Menschen \u00fcberzogen von der \u2013 unsichtbaren \u2013 Welt der G\u00f6tter und Geister, die sie sich nicht als Paradies vorstellten, sondern als eine Welt wie ihre eigene, nur in einer anderen Form von Wirklichkeit. Der Gedanke erscheint uns vertraut, aber der Umgang der Kelten mit dieser \u201eAnderswelt\u201c war wohl ein sehr anderer, denn sie war den Kelten, soviel verraten die Manuskripte, nicht etwa vertraut, sondern h\u00f6chst unheimlich. Ihre verstreuten Erz\u00e4hlungen aus der Anderswelt sind mit Zeitverzerrungen gespickt \u2013 in ihnen gelten andere Bedingungen als in der irdischen Sph\u00e4re.<\/p>\n<p>Verwalter ihres Wissens waren die Druiden. Wir erfahren, dass sie lange studieren mussten, aber wir erfahren auch, dass sie nicht direkte Priester waren, auch wenn sie priesterliche Dienste verrichten konnten. Sie h\u00fcteten das gesamte sakrale und profane Wissen der keltischen St\u00e4mme und Sippen, darunter auch das gesamte Zauberwesen \u2013 den unmittelbaren Opferdienst und das weitgef\u00e4cherte Orakelwesen versahen die Vaten, Bewahrer der geschichtlichen Ereignisse waren die S\u00e4nger, die Barden, die ihre Epen und Lieder an den Herdfeuern und auf den Dorfangern vortrugen, dem Volk zur Erinnerung und zum Ged\u00e4chtnis \u2013 neue wie alte Begebenheiten trugen sie von einer Siedlung zur andern. Unmittelbar unter ihnen standen die weltlichen F\u00fchrer, die zwar nicht auf ihre Anweisung hin handelten, aber wohl ihren Rat einholten und ihre F\u00fcrbitte in Anspruch nahmen. Unter diesen standen die freien Bauern und Handwerker, die bei Bedarf einem gew\u00e4hlten F\u00fchrer Heeresfolge leisteten. In allen St\u00e4nden waren, soviel wir wissen, M\u00e4nner und Frauen gleicherweise berechtigt \u2013 wir h\u00f6ren von Kriegerinnen und auch von druidischen Frauen. Allerdings ist die Rolle der Frauen bei den Kelten nicht eindeutig \u2013 als Ehefrauen waren sie wohl ihren M\u00e4nnern untertan, als Ledige oder Verwitwete waren sie in manchen St\u00e4mmen, die Normen sind hier anscheinend sehr verschieden, frei von Vormundschaft \u2013 \u00fcber ihr Verm\u00f6gen aber verf\u00fcgten sie in der Regel \u00fcberall selbst, auch wurde die Ehe nicht als lebenslanges B\u00fcndnis verstanden, sondern war unter bestimmten Bedingungen von beiden Partnern aus aufl\u00f6sbar. Es bestanden ebenso arrangierte Ehen wie es auch Liebesheiraten gegeben haben mag, jedenfalls ist der Kasus in den inselkeltischen Epen nicht unbekannt. Interessant ist, dass die Vergewaltigung einer Frau wie eine vollzogene Ehe galt, der Vergewaltiger also zur Hochzeitsgabe verpflichtet wurde \u2013 und die bema\u00df sich nach dem sozialen Status der Vergewaltigten.<\/p>\n<p>Wir stehen aber hier wie auch in anderer Beziehung vor einer Gesellschaft, einer Kultur, die mitten in gewaltigen Umw\u00e4lzungen begriffen war, als ihr auf dem Kontinent durch die R\u00f6mer das Leben ausgetreten wurde. Das betrifft auch ihre religi\u00f6sen Vorstellungen. Sie gelangten nicht weiter als bis zur Formenwelt einer typischen Naturreligion, Menschenopfer eingeschlossen. Es ist, soweit wir heute erkennen k\u00f6nnen, ein Fragment, mit dem wir es zu tun haben. Und wie immer, wenn wir es mit solchen kulturellen Fragmenten zu tun bekommen, schie\u00dfen die Spekulationen ins Kraut und mit den Spekulationen die jeweiligen konkreten W\u00fcnsche und Befindlichkeiten derer, die da spekulieren. Diese sind es, die uns ein Neukeltentum geschenkt haben indem sie eigene Sehns\u00fcchte auf dieses Fragment projizierten.<\/p>\n<p>Wie nun ist das Neukeltentum entstanden? Es entstand auf dem Boden angels\u00e4chsischen Nationalstolzes und in betonter Antithese zu einer unter dem Mehltau victorianischen Restauratismus erstarrten Christlichkeit hochkirchlicher Pr\u00e4gung. Von dorther wurde es zu einem Ausdruck religi\u00f6ser Opposition \u2013 auch durchaus mit christlichem Einschlag. Nur mit der originalen keltischen Kultur hat es nichts mehr zu tun. Die heutigen neukeltischen Druiden begreifen sich durchaus als Antithese zu hochkirchlichen oder gar anglokatholischen Klerikern. Die Verehrung des G\u00f6ttlichen in der Natur ist eine bewusste Opposition zur anglikanischen Kultpraxis nach hochkirchlichem Ritus, der den Kirchenbau zum Vollzug braucht. Die Transzendierung der Natur, die im Neukeltentum grundlegend ist, hat es in der keltischen Religion wahrscheinlich und nach allen Quellen niemals gegeben. Solche Oppositionsbewegungen wie das Neukeltentum hat es im vergangen und vorvergangenen Jahrhundert auch mit anderer Zielsetzung zum Beispiel mit betont okkult \u2013 magischer Orientierung gegeben, aber diese Richtung zielte von Anfang an auf eine alternative Massenbasis. der man auch eine schriftliche Grundlage geben wollte, daher wurden vor allem inselkeltische schriftliche \u00dcberbleibsel des Mittelalters gesucht und neu herausgegeben \u2013 teilweise sogar gef\u00e4lscht, ich erinnere an Ossian. Man versuchte zu retten, was zu retten war und wo nichts mehr zu retten war, erfand man etwas, das die L\u00fccke f\u00fcllte \u2013 wie die Tracht eines modernen Druiden oder phantasievolle Gemeindegottesdienste in Stonehenge, das gar nicht keltisch ist, aber das wollte man gar nicht wirklich wissen \u2013 man will es bis heute nicht.<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Entwicklung vollzog sich auch in den katholischen Gebieten S\u00fcddeutschlands und \u00d6sterreichs sowie im ebenfalls ultramontanen Frankreich. wo das Neukeltentum ebenfalls Boden gewann und bis heute behauptet \u2013 ohne aber eine wirkliche Massenbasis zu gewinnen, dazu ist der ideologische Fundus zu versponnen und ungesichert. Das Neukeltentum hat sich daher dem gro\u00dfen Spektrum der esoterischen Religionsaus\u00fcbungen angeschlossen und dieses selbst durch zum Beispiel seinen Festkalender bereichert. Kaum ein Esoteriker wei\u00df heute mit den Begriffen Beltane und Samhain nichts anzufangen; die Nacht von Beltane (drei\u00dfigster April zum ersten Mai)\u00a0 ist vielmehr ein Volksfest f\u00fcr Esoteriker geworden. Das ist alles sehr h\u00fcbsch und auch stimmungsvoll \u2013 aber niemand soll denken, dass er um aller dieser Dinge willen, in die Fu\u00dfstapfen der alten Kelten getreten w\u00e4re. Der Unterschied wird schon darin sichtbar, dass in den heutigen Walpurgisfeuern keine Menschen und Tiere mehr verbrannt werden, wie es die keltische Sitte forderte. Stattdessen handelt es sich nun, wie auch zu Imbolg (Johanni) um reine Freudenfeuer. Desgleichen hat es eine kultische Eheschlie\u00dfung wie sie manche keltokatholischen Kleriker anbieten, bei den Kelten nicht gegeben, die Ehe war ein reiner Rechtsakt ohne religi\u00f6se Grundlage und die kultische Gro\u00dfveranstaltung in Stonehenge, die jedes Jahr \u201eabgefeiert\u201c wird, vergessen wir am besten gr\u00fcndlich. Kurzum, es ist keine wiederbelebte keltische Religion, die da gefeiert wird, sondern es ist ein neu erfundenes an Meinungen \u00fcber Kelten angelehntes Treiben, das da stattfindet. Dass dieses Treiben manchen befriedigen mag, steht au\u00dfer Frage, aber \u201ekeltisch\u201c ist es dennoch nicht. Es ist modern und hat auch schon eine leichte Patina angesetzt, da es sich um eine der ersten Erfindungen der esoterischen Religion handelt.<\/p>\n<p>Ein Wort noch zum sogenannten keltischen Christentum. Ein solches hat es ebenfalls niemals gegeben. Wohl war der Name Jesus wie auch die christlichen Quellen best\u00e4tigen, auf der britischen Insel nicht unbekannt, als die r\u00f6mische Mission dort eintraf, aber die britannische \u00dcberlieferung unterschied sich gewaltig von der r\u00f6mischen. In der Folgezeit \u00fcbernahmen die britannischen Jesusanh\u00e4nger diese oder jene \u00dcbung aus dem r\u00f6mischen Bereich und begannen erst dann ein eigentlich \u201echristliches\u201c Leben zu f\u00fchren, das sie vordem nicht gekannt hatten. So kann also von einem alten christlichen Keltentum nicht die Rede sein. Wenn sich jemals etwas in der Kultur der (insularen) Kelten auf Jesus bezogen hat, so war dies mit Sicherheit niemals christlich.<\/p>\n<p>Den Neukelten und anderen Neuheiden ins Stammbuch: bekennt euch als das, was ihr seid \u2013 Neureligionen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung , die ihre geistige (f\u00fcr unsern Rolf: gespenstische) Heimat im weiten Feld der modernen Esoterik gefunden haben. Verwirrt die Menschen nicht mit Anma\u00dfung. Ihr seid nicht uralt, ihr seid noch nicht \u00a0einmal alt. Wenn ihr euch dazu bekennt, werdet ihr vielleicht ein bisschen weniger Aussicht auf gro\u00dfen Anhang haben \u2013 aber den habt ihr doch ohnehin nicht und eine durch Wahrhaftigkeit gewonnene Anh\u00e4ngerschaft ist doch sehr viel mehr wert als eine, die nur durch Vorspiegelungen gewonnen werden konnte. Euch ist ja an Anh\u00e4ngern gelegen \u2013 uns hingegen nicht, wir schenken frei und jedermann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 0;float:none;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"https:\/\/www.erkenntnis.pub\/blog\/?p=359\" send=\"false\" layout=\"like\" width=\"450\" show_faces=\"true\" font=\"arial\" action=\"\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; So reich die europ\u00e4ische Erde an Hinterlassenschaften der St\u00e4mme ist, die wir mit dem Sammelbegriff Kelten bezeichnen, so arm sind die europ\u00e4ischen Bibliotheken an originalen Quellen, denn die keltische Kultur war schriftlos. Dass eine schriftlose Kultur aber auch eine niedere sein m\u00fcsste, ist durch die Kultur der Quechua in S\u00fcdamerika widerlegt. Der menschliche Verstand [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[76],"class_list":["post-359","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemeines","tag-allgemeines"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.erkenntnis.pub\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/359"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.erkenntnis.pub\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.erkenntnis.pub\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.erkenntnis.pub\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.erkenntnis.pub\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=359"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.erkenntnis.pub\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/359\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":360,"href":"https:\/\/www.erkenntnis.pub\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/359\/revisions\/360"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.erkenntnis.pub\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=359"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.erkenntnis.pub\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=359"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.erkenntnis.pub\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=359"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}