28.01.2014

Gnosis im deutschen Volksmärchen

Inhalt

Orient und Okzident1

Gnosis im deutschen Mittelalter3

… weil ja nichts dabei ist4

Unterweltsfahrt auf Deutsch. 6

Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen. 6

Vom Fischer und syner Frau. 7

Einschlägige Weisheiten in den Randzonen. 8

Der Machandelboom.. 8

Die kluge Bauerntochter9

Dornröschen. 9

Schneewittchen. 11

Etwas Besseres als den Tod… die Bremer Stadtmusikanten. 11

Aschenputtel12

Froschkönig. 13

Persisches Rosenwasser und deutscher Apfelsaft14

 

Orient und Okzident

Dass das Märchen zum Grundbestand der Gnosis gehört, ist inzwischen wohl sattsam bekannt geworden. Dennoch ist die Betrachtung des deutschen Volksmärchens unter diesem Aspekt eher ungewöhnlich. Man kapriziert sich lieber auf die Denkweise ferner Kulturen und versucht, die lieben Deutschen daneben so täppisch wie nur möglich da stehen zu lassen. Dabei haben gerade diese Deutschen einen großen Vorrat nicht nur an „Kinder- und Hausmärchen“, sondern auch an Geschichten, die mit beinahe unübertroffener Prägnanz und einem Mindestmaß an „Vokabeln“ wichtige Aussagen über Kern wie Begleitumstände der Gnosis aussagen. Aber nein – wir flüchten uns in die uns nahezu unzugänglichen Labyrinthe persischer Gärten und irren verklärten Auges darin herum, statt unsere Zuflucht zur bewährten Hausmannskost zu nehmen, die wir zudem auf Anhieb verstehen.

Aber verstehen wir sie denn wirklich? Oder sehen wir in den deutschen Märchen in der Tat nur das, was ihre Kollektoren, die Brüder Grimm, wollten, dass wir in ihnen sehen: unser nationales sprachliches Erbe? Denn sie sammelten ja die Märchen nicht, um irgendetwas „dahinter“ zu finden, sie sammelten sie, um des deutschen Sprachschatzes willen, der ihnen durch vielfache Überfremdungen der deutschen Sprache gefährdet erschien – und es doch niemals war, denn die deutsche Art zu denken, wie sie sich in der deutschen Sprache des Volkes artikuliert, ist so unterschieden von der Denkungsweise anderer Völker, dass dies selbst, und oft recht amüsant, dort zutage tritt, wo ein Deutscher sich einer anderen Sprache befleißigen will; er kann seine Herkunft auch dort nicht verleugnen, „das Gelbe vom Ei“ ist eben im Englischen nicht „the yellow from the egg“.

Aber die Märchen aller Völker sind der Spiegel nicht nur ihrer Sprache, nicht nur ihres Denkens, sondern ebenso gut auch der Spiegel ihres geistigen Lebens. Die kalligraphische Kultur des Islam hat ein ornamenthaftes Denken geschaffen, das im kunstvollen Verbergen des Eigentlichen unter Überflüssigem seine Erfüllung sieht,  das ägyptische Denken ergeht sich gern im Auslösen von Assoziationsketten, die den wachsamen Geist anhand von bekannten Versatzstücken gern ins Unbekannte und Neue entführen, das Griechische vergröbert alles, schneidet es auf das Oberflächliche zurück und kennt keine unterschwelligen Feinheiten, das römische Denken sieht sich umstellt von den Mächten und Kräften des Schicksals, die es vielleicht beeinflussen, aber nicht wenden kann, das keltische Denken ist im Sicht- und Greifbaren verwurzelt und sieht darin das Ungreifbare verdinglicht und das germanische Denken macht sich einen Spaß daraus, mit allem zu spielen, was ihm über den Weg läuft. Dabei kommt ihm das Symbolhafte zu Hilfe, in dem ein Entwurf als Gleichnis für ein anderes Ereignis steht und in dem eine alltägliche Geschichte, indem sie dann und wann an bestimmten Stellen aus dem Alltag ausbricht und ein Eigenleben beginnt, das aber nachvollziehbar bleibt – im deutschen Märchen erscheint kein Deus ex machina, der die Handlung zerbricht, wenn der Held die Braut bekommt, so  hat er sich dieselbe auch verdient, kein Gott erscheint und schenkt sie ihm, während bei Griechen, Römern und Kelten die Götter ständig korrigierend in die Handlungen der Menschen eingreifen.

Die orientalischen Märchen sind uns nur in kunstvollen, quasi ornamentalen Rahmenerzählungen überliefert, die selbst Teil der erzählten Geschichte sind. Demgegenüber ist die deutsche Sammlung denkbar nüchtern im neunzehnten Jahrhundert  von zwei nationalstolzen Deutschen veranlasst, die kein Interesse daran hatten, selbst künstlerisch zu glänzen und auch die Märchen selbst sind in keinen Zusammenhang zueinander zu bringen außer in den, dass sie Stücke einer ausgedehnten Sammlung sind, die ältestes Gut mit beinahe schon neuzeitlichem verbindet – das Märchen tritt uns hier als Zeitdokument entgegen. Die Brüder Grimm haben dann auch zwei Sammlungen angelegt, die berühmten Kinder- und Hausmärchen, die inzwischen die Weltliteratur erobert haben, und eine zweite, ausführlichere Sammlung, die allein wissenschaftlichen Zwecken dienen sollte und so auch manch düsteres Stück enthält wie das Märchen vom Machandelboom. Ein dritter Band der Sammlung enthält eine Anzahl deutscher Sagen – er ist niemals recht populär geworden und heute nur noch unter Volkskundlern bekannt. Dort allerdings behauptet er seinen Platz neben dem berühmten Bechstein als dem Standardwerk der deutschen Sage, die etwas grundlegend anderes ist als der griechische Mythos, denn die deutsche Sage hat stets einen festen Ort, an dem sie wurzelt und ist nur von diesem konkreten Ort her von Bedeutung, während das Märchen lokal und zeitlich völlig ungebunden ist – es kann gestern entstanden sein, aber auch vor Jahrtausenden, es kann diesen Wald meinen, aber auch jeden andern. Gemeinsam ist ihnen beiden nur, dass der Autor in beiden Fällen nicht mehr zu ermitteln ist und das auch gar nicht sein soll.

Das Märchen des Orients ist in jedem Falle Kunstmärchen, das Märchen des Okzidents ist um einer Botschaft willen entstanden, es mahnt  Verhaltensweisen an, gibt Hinweise, was recht und was unrecht sei, will Orientierung geben und zu diesem Zweck erzählt es Geschichten, während das Märchen des Orients sich zumeist, es gibt aber auch Ausnahmen, selbst genügt. Es ist eine nette, manchmal auch  traurige Geschichte, die man sich, vorgetragen vom Märchenerzähler, sozusagen vorspielen lässt und die keineswegs immer ein gutes Ende haben muss, aber zumindest ein versöhnliches. Das Märchen des Orients ist verzweigt und verästelt, das des Okzidents verfolgt einen straffen Erzählfaden, der über verschiedene Episoden desselben stets zur Lösung der aufgeworfenen Frage führt und am Ende jedem das verdiente Los zuteilwerden lässt.

Im Märchen und in der lehrreichen Parabel haben Lehren aller Zeiten ihre Botschaften verborgen. Keineswegs stand dabei der Zwang, etwas zu verbergen im Mittelpunkt des Bemühens, eher der Zwang, etwas zu veranschaulichen, was, abstrakt formuliert, dem Verstand nicht nur dann schwer eingeht, wenn er ungeschult ist. Es ist mit der Geschichte auch gleich ein Umfeld geschaffen, in dem die vermittelten Botschaften angemessen wirken können und in diesem Bemühen sind sich Orient und Okzident einig.

Gnosis im deutschen Mittelalter

Gnosis in der französischen Provençe, na schon, die war nach 1244 so gut wie tot. Das wissen wir, wie gedenken mit Bitternis des Falles von Montségur. Danach traf man hier und da noch auf vereinzelte Gruppen und Personen, aber die Kraft der Bewegung war gebrochen. So lernen wir es aus allen einschlägigen Enzyklopädien: die Gnosis befand sich von da an in ununterbrochenem Niedergang.

Nun, das ist nur zu einem Teil wahr. In Südfrankreich war sie schon längst dem Untergang geweiht, schon seit der Strom aus Byzanz an ihre Ufer brandete und sich aggressive Häretiker mit der Kirche offensiv anlegten. Aber die Bewegung reichte weiter: es gab Gnostiker in ganz Deutschland, in Böhmen bauten sie gerade eine neue Gesellschaft auf, es gab sie im Königreich Sizilien, wo die Normannenkönige sich genau so wenig um sie scherten, wie es zuvor die Muslime getan hatten, es gab sie in Norditalien, wo sogar der Papst fallweise mit ihnen gegen unliebsame Könige paktierte, sie waren in den Niederlanden präsent und gnostische Lehrer sind wohl auch bis in den Osten Europas gekommen, kurzum, der Fall Provençe war nur ein wenn auch tragisches Fanal, die Bewegung als solche war und blieb ungebrochen. Sie bildete eine stabile Unterströmung von der wir nur hier und da schattenhafte Spuren sehen, wenn irgendwo Ketzer aufgebracht werden oder wenn ein Name eine verräterische Botschaft vermeldet. Es ist verständlich, dass wir nicht mehr haben, denn die Kirche und ihre Geschichtsschreiber waren an einer genauen Bestandsaufnahme nicht interessiert. Sie hielten mehr davon, solche Erscheinungen so diskret wie möglich „außerhalb des offiziellen Programms“ aus der Welt zu schaffen. Niemand sollte wissen oder ahnen, wie weit und tief dieses Pilzgeflecht in Stadt und Land verbreitet war, es wussten ohnehin schon zu viele davon, und einige dieser Zellen waren sogar recht angesehen, wenn man an das Halberstädter Domstift denkt oder das Kanonikerstift zu Reinhausen in Hessen, wo man der Ketzerei sogar ein plastisches Denkmal setzte, möglicherweise sogar schon auf Begehren des Stifters. Naumburg liegt in diesem Zwielicht, auch hier ist es ein Bischofssitz, man weiß aus der Provençe, dass sich viele Kleriker damals für die wahre Lehre Jesu interessierten, warum sollte es hier in Deutschland anders gewesen sein.

Aber wie in der Provençe, so hatte auch hier die Bewegung, die ihrer Natur nach eine philosophische war, ihre volkstümliche Seite. Bauern und Bürger mögen gleichermaßen den lehrenden Kanonikern zugehört haben, wenn sie ihnen die Bibel erklärten und zugleich mit der Erklärung auch Manches zu Protokoll gaben, das nicht oder nicht so in der Bibel stand. Das Alte Testament kannten sie, aber darüber sprachen sie nicht. Sie sprachen über das Neue Testament, die Heiligen, die Taufe, das Abendmahl, das Paradies und die Hölle, sie sprachen darüber, wie die Seele nach dem Tode weiter lebt oder ob sie vielleicht mit dem Körper stirbt, sie sprachen über fromme und unfromme Magie, die der christliche Pfarrer gegen Geld praktizierte und sie sprachen darüber, wie man Krankheiten verhindert oder auch heilt. Sie lehrten die Kinder oft um Gotteslohn und heilten die Kranken mit weitaus weniger Gebeten, dafür mit mehr Kräutermedizinen als die christlichen Mönche und Ärzte und sie kümmerten sich um die Sterbenden, die doch noch wenigstens auf die letzte Minute doch in den Himmel kommen wollten. Dass Sterbende, die doch noch genasen, dann dem Hungertod preisgegeben wurden, ist ein übles Gerücht, denn es war dann eben ein Ritus vertan und der Betreffende konnte sich entscheiden, wollte er den Weg des Geweihten weiter gehen oder zur Welt zurückkehren, Kinder kehrten sowieso zur Welt zurück. Das Sterbeconsolament sahen die Gnostiker sowieso nicht gleichwertig ihrer Ordination an, es beruhte auf der Annahme, lieber etwas für diese Menschen getan zu haben, als gar nichts. Allerdings mag es vorgekommen sein, dass ein Gläubiger sich aus eigenem Antrieb zu Tode hungerte, aber damit hatte die Bewegung nichts  mehr zu tun. Er war eben, trotz Consolament, nur ein Credens, ein Gläubiger, und handelte wie er es verstand. Der Abstand zwischen den – frommen – Gläubigen und den höchst unfrommen Katharern war inhaltlich wie äußerlich enorm. Berührungspunkte ergaben sich nur dadurch, dass die Katharer wie sie immer konnten, die Sorge für die Seelen der ihnen Anbefohlenen nach bestem Wissen und Gewissen trugen, sie wurden dadurch zu einem Pfarrer – Ersatz, denn der kümmerte sich, trotz Beichtzwang, nicht einen Pfifferling darum, er drohte nur mit dem Verlust des Seelenheils, wenn es um etwelche zu erbettelnde Geldleistungen ging. Die Lebensberatung war, wenn man sie in der Nähe hatte, auf jeden Fall Sache der Katharer und allenfalls noch der Franziskaner, die einander in dieser Sache aber nie ins Gehege kamen. Nach guter alter Manier tolerierten die Kirche und ihre Institutionen und die Katharer einander, wenn sie auch übereinander die Nase rümpften, sie fielen doch nicht übereinander her. Die Entwicklung in der Provençe ist mit ihrer beiderseitigen Aggressivität eine, wenn auch hervorstechende, Ausnahme. Überall sonst in Europa existierten die Katharer unter wechselnden Benennungen weiter oder fanden sich gar, wie in Böhmen, in ganz neuen sozialen Strukturen zusammen. Und nur selten erfuhren die frommen Credentes etwas von den inneren Lehren der Katharer – nach außen blieb die Bewegung stets eine „Kirche in der Kirche“ und so wurde sie dann auch von der christlichen Kirche letztendlich klassifiziert, so kann man es heute in jedem christlichen Geschichtsbuch lesen.

 

 

… weil ja nichts dabei ist

Das christliche Mittelalter schwirrt in ganz Europa von „heidnischen“ Ideen und diese Ideen füllen Bände von Geschichten, in denen die alten nordischen Götter in verschiedenen Verkleidungen auftreten. Die Hel wird zu Teufels Großmutter, die Freia zur guten Fee, Loki wird zum leibhaftigen Satan, Baldur zum tragischen Helden, Wotan zum weisen Vogel und so geht es weiter, die ganze Mythologie des Nordlands hindurch geben sich Zwerge, Riesen, Elfen und Kobolde, himmlische und irdische Götter ein Stelldichein, aber wie sagte ich: das deutsche Märchen kennt keinen deus ex machina, keinen Gott, der das aufgeworfene Problem im Handumdrehen und mit himmlischer Autorität löst, so etwas gibt es nur in christlichen Legenden, diesen phantastischen Travestien von allerhand Märchentypen, die aber in ihren Botschaften äußerst beschränkt sind und scheinbar außer dem Streben nach Gottgefälligkeit keine andere kennen, zudem ist diese Gottgefälligkeit stets mit viel Leid verbunden, dennoch: die Legende, sie ist das christliche Märchen und die Gegenstrophe zur auf weite Strecken „heidnischen“ Volkskultur. Im Märchen beraten und helfen die Götter, selbst vor den Menschen verborgen, ihnen zwar auf verschiedene Weise, aber nicht mit Wundern, sondern mit gutem  Rat. Handelnde sind und bleiben immer die Menschen, die in die Dornen fassen oder ganz ihr Leben lassen und sich entwürdigenden Verwandlungen aussetzen müssen um an ihr Ziel zu gelangen. Auf der anderen Seite helfen ihnen auch wunderbare Dinge, die sich aber stets im  Umfeld ihres Alltags bewegen: ein Spiegel, ein Tisch, ein Esel oder eine Nuss und ein Haar, das zufällig von des Teufels Scheitel stammt. Sieben auf einen Streich – das sind sieben Fliegen, die ein Schneiderlein mit seiner Klatsche erwischt hat, aber was macht das Schneiderlein mit seinem Mutterwitz nicht alles aus diesem Satz? Und wächst er nicht selbst an den Aufgaben, die ihm gestellt werden? Pechmarie und Goldmarie lehren uns, dass es nicht um die äußerliche Formel geht, sondern um Gesinnung und Tat und die Frau Holle ist natürlich die Göttin, die gerecht und in Ansehen der Person das Schicksal zuteilt. Auf den Zauberspruch zu vertrauen ist Torheit. Der wendet sein Schicksal zum Besten, der immer das tut, was ihm gerade vor die Füße fällt – eine  Ohrfeige für alle Okkultisten, ausgeteilt von der Göttin persönlich. Und in „Hänsel und Gretel“ kommt Hänsel sogar ohne jedes Wundergeschenk aus, allein die List reicht aus, ihn zu befreien und Vergeltung an der Hexe zu üben. Man muss nicht immer Zauber zur Verfügung haben, der Mensch ist auch aus sich selbst für seine Rettung gut. Ein Knöchelchen besiegt das Monster auch, denn Gier ist dumm, das ist die Lehre dieses Märchens, sowohl hinsichtlich der Hexe wie auch hinsichtlich der Stiefmutter, die ihr Ziel ja auch nicht erreicht, Not aber macht erfinderisch. Nebenlehre ist: bediene dich nur am Köder der Gier, das ist dein Recht, aber lege sie dann auch aufs Kreuz, auch wenn du zunächst wie ihr Opfer scheinst, du musst es nicht sein, benutze deinen Verstand. Nur aus dem Bauch des Wolfes können dich nur noch die Götter befreien, also schau, dass du nicht erst in denselben gelangst und sei nicht vorwitzig wie Rotkäppchen, dessen Vorwitz aus Dummheit kommt. Sondern sei klug wie das Geißlein, dass den Wolf auch mit der Kreidestimme erkannte und so seine Brüder retten konnte. Denn die Gefahr tarnt sich zuweilen, ein guter Rat auch an jene, die gerne über die Lehre plauderten, genau hinzuschauen, wer sich da für ihre Botschaften interessierte. Es könnte der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz sein. Auch in diesem Märchen, schau einer her, geschehen keine wunderbaren Dinge. Und sie geschehen im deutschen Märchen überhaupt viel seltener als man denkt, meist ist es eben der Mutterwitz, der die Lage klärt und alles so werden lässt, wie es sein soll. Und von Gottesfurcht und gottergebenem Leiden ist im Märchen nirgendwo die Rede, wer sich helfen  kann, heißt es, der tue es unverweilt, hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Das fromme Mittelalter ist, scheint’s, recht pragmatisch, wenn es um das tägliche Leben geht. Denn die meisten Märchen entstanden in diesem Mittelalter und so geben sie uns ein gutes Bild davon, wie der Mensch in diesem „christlichen“ Mittelalter doch so eminent unchristlich dachte, aber nicht unmenschlich. Im Gegenteil – menschlich anständig zu handeln und zu denken ist die Kernbotschaft aller Märchen, mögen sie nun Beispiele für die Lehre sein oder nicht und zugleich ist die Botschaft, dass Strafe, die den Unanständigen trifft, gerechte Strafe ist und ruhig auch grausam sein darf. Rumpelstilzchen reißt sich vor Wut selbst entzwei, das Pech geht nicht mehr ab, der Wolf wird vom Jäger erlegt, der König muss ewig den Fährmann spielen, denn es wird niemand mehr kommen, der den Bann löst und so geht es weiter. Aber manche Strafe ist auch, wie wir sehen werden, eigentlich keine. Denn  es ist  ja nichts dabei, wenn man ein Märchen erzählt… nun, im deutschen Sprachraum ist auf jeden Fall mehr dabei als im persischen, ist es nicht ein Versteckspiel mit Begriffen, so ist es eine Lebenslehre, die beherzigt werden will, Märchen sind nie „nur so“ erzählt. Und so ist am deutschen Märchen doch immer „etwas daran“ und manchmal auch, wie wir sehen werden, weit mehr als nur etwas.

Unterweltsfahrt auf Deutsch

Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

Nichts kann ihn umwerfen. Er erlebt haarsträubende Abenteuer, deren Erwähnung einem anderen bereits weiße Haare machen kann, aber ihn ficht das alles nichts an und weil er sich auch hin und wieder an einem solchen Abenteuer die Finger verbrennt, wünscht er sich nichts  so sehnlich, als dass es ihm einmal gelingen würde, sich zu fürchten. Er ist nicht, wie man meinen könnte, zu dumm, sich zu fürchten, er kann es einfach nicht. Es ist nicht so, dass er kein Gefühl für die Brisanz mancher Situation hat, aber er kann sich nicht fürchten, er ist eben der Lebendige, der weder Tod, noch Furcht kennt. Ist er nun ein Wunschkandidat für die Unterweltsfahrt oder eher das, was sich kein Lehrer zum Schüler wünscht? An Einsicht, erfahren wir, mangelt es ihm ja nicht… nur an praktischem Vermögen.

Wenn wir sein Verhalten auf die Unterweltsfahrt beziehen, was zweifellos hierbei eine gewaltige Rolle spielt, dann erscheint der, der sich nicht fürchten kann, als Verlierer. Denn Grundbedingung für jede gelingende Fahrt durch sich selbst ist der Umstand, dass der Betreffende sich vor bestimmten Situationen fürchten kann und – sie dennoch besteht. Er hat nichts davon, wenn die Ungeheuer links und rechts davonrennen, weil sie mit einem, der sich nicht fürchtet, nichts anzufangen wissen, er hat nichts davon, wenn keines der notwendigen Ereignisse der Traumfahrt zum andern passt und keines das andere hervorruft, weil sie allesamt von jemandem links liegengelassen werden, ihm also auch nicht weiterhelfen. Nichts kann ihn weiser, nichts ihn klüger machen, seine Wesensart erscheint als seit Urzeiten festgelegt und das ist nicht nur so dahin gedacht, dieses Wesen gibt es wirklich und es ist denen, die diese Geschichte ersannen, auch bekannt. Aber sie geben nicht auf, sie machen sich Gedanken darüber, wie man diese Klippe im Interesse dieses Wesens doch meistern kann. Die Lösung ist ebenso einfach wie wirksam: nicht aus der Vielfalt der schrecklichen Erlebnisse wird das Mittel gewonnen, sondern mitten aus der Vielfalt der alltäglichen Widrigkeiten, nicht Drachen und Geister bereiten ihm die Furcht, auf die es ankommt, sondern ein Eimer voller kleiner Fische, den man ihm ins Bett kippt. So weit so gut und ein gutes Lehrstück, dass es nicht die außerordentlichen Ereignisse sind, die uns Angst einjagen können, sondern dass es auf die kleinen Widrigkeiten ankommt, so kann man das auch lesen. Aber hier ist etwas Anderes gemeint, etwas das uns über die Grenzen des Mutes belehrt und darüber, wozu diese Grenzen dienen und warum es nicht gut ist, wenn Mut grenzenlos ist. Denn ein Wesen ohne Furcht geht über die Dinge, die es bilden und erziehen sollten, hinweg und seine Furchtlosigkeit wird ihm am Ende zur Falle – und aus diesem Grunde gibt es auch die kleinen, nichtigen Dinge, die wegen ihrer Winzigkeit unsere Großartigkeiten unterlaufen und uns den Grusel bescheren, den wir benötigen. Sie sind nicht mit Gefahr verbunden, die Stichlinge tun uns nichts, aber die nasse Berührung an unserer warmen Haut schafft, was die Feuergarben von Drachen und anderen Ungeheuern nicht vermögen – wir fürchten uns und lernen so, wie alle anderen zu sein, was der eigentliche Sinn des Gedankenspiels ist. Wie lernt ein solches Wesen, in dessen Natur die Furcht nicht existiert, sie dennoch zu empfinden? Es wird sie sicher nie in dem Maße empfinden, wie ein Wesen, das von seinen Ängsten getrieben wird und schon zusammenzuckt, wenn sich im Zwielicht nur ein Schatten bewegt – aber es wird sie kennen und ermessen können, dass sie für andere vielleicht ein anderes Maß hat. Es wird sie sicher leichthin überwinden, aber darauf kommt es nicht mehr an  – nur darauf, dass es dieses Gefühl kennen lernt. Wie sagte ein Freund einst zu mir: du hast es leichter als alle und du hast es schwerer als alle – der Satz war wohl gesprochen und auch wohl bedacht.

 

Vom Fischer und syner Frau

Dieses niederdeutsche Märchen ist vielleicht die Krone aller deutscher Märchen überhaupt. Die Handlung ist bekannt: Fischers Frau ist mit ihrem Leben nicht zufrieden und macht ihrem Mann Vorhaltungen. Der kann es nicht mehr hören und geht fischen, fängt auch einen großen Fisch – da horche man schon auf,  was ist denn mit dem großem Fisch gemeint – der ihn bittet, ihn zu verschonen, er wolle ihm auch seine Wünsche erfüllen. Nun, der Fischer selbst ist mit seinem Los zufrieden, aber kann der große Fisch, der Butt, ihm vielleicht auch die Wünsche seiner Frau erfüllen, auf dass er endlich Frieden zuhause habe? Nun wohl, ich kann, sagt der Butt und als der Fischer nach Hause kommt, ist die Frau und damit auch er selber reich. Aber zufrieden ist sie immer noch nicht, erst muss sie einmal Kaiser werden, dann Papst – bitte sehr, der Butt erfüllt Wünsche am laufenden Band. Aber dann will sie „der liebe Gott“ sein und der Fischer geniert sich fast, den Wunsch seiner Frau zu überbringen, aber der Butt meint nur, er solle nach Haus gehen, es sei alles so geschehen und der Fischer geht nach Hause, leicht fällt es ihm nie, so nach Hause zu gehen, weil er nie weiß, was ihn erwartet – aber als er nach Haus kommt steht da die vertraute Hütte und sein Weib ist darin bei der Hausarbeit und man hört auch nichts von einem Tadel – sie ist der liebe Gott geworden und sie weiß es. Der Butt hat Wort gehalten. Und das Knacken in unseren Schädeln beginnt. Wie, was, der Butt hat Wort gehalten? Ja, das hat er. Denn alle gesellschaftlichen Veränderungen zielen auf eine Wandlung der Situation, ein Kaiser lebt ein anderes Leben als ein Papst und beide ein anderes als ein Reicher. Aber „der liebe Gott“ sein, ist keine gesellschaftliche, sondern eine existenzielle Veränderung . An unserem gesellschaftlichen Status  ändert sich nichts – aber wir ändern uns in dem Moment, in dem wir unserer wahren Natur inne werden. Und so ist Fischers Frau das was sie immer war: Fischers Frau und als solche Gott. Oberflächlich scheint das Märchen den Menschen zu sagen: versteig dich nicht in deinen Wünschen und Generationen von Großmüttern und Enkeln haben es auch so begriffen, aber so ist es nicht zu begreifen, es ist ein volkstümlich gemeintes, aber nicht volkstümlich gedachtes Märchen über den eigentlichen Sinn von Gnosis. Es räumt auf mit allen Vorurteilen über „Gott“. Es rückt unser Verständnis davon so gründlich zurecht, dass wir die Frau des Fischers als Gott Netze flicken sehen wie sie es immer tat, aber nun weiß sie, warum sie es tut und sie tut es zufrieden. Nun ist sie mit sich versöhnt, das steht nicht da, aber kommt darin zum Ausdruck, dass nach der Verwandlung in Gott weitere Verwandlungen und auch weiterer Hader enden, auch der Butt verschwindet auf Nimmerwiedersehen im Meer. Er hat, der Lehrer der Erkenntnis, der „große Fisch“ des Thomasevangeliums, das ja in Deutschland ebenfalls bekannt war, sein Werk getan. Wie ein fernes Echo brandet auch noch der Spruch von den Frauen an unser Ohr, die auf dem Weg der Erkenntnis den Männern gleichgestellt sind und so will sie auch nicht Kaiserin oder Päpstin sein, sondern Kaiser und Papst und es wir ihr ohne Zögern gewährt.  Ich denke, mit dieser Geschichte hat man wohl mehr als einen Novizen zum Nachdenken über die Sache gebracht und irgendeiner hat die Geschichte dann seinen Verwandten erzählt – natürlich mit der allgemeinen Lehre, man solle seine Wünsche im Zaum halten, nicht in dem Sinne, in dem er die Geschichte selbst verstand. Aber so konnte er sie erzählen und das Ungeheure in sich selbst bewältigen, ohne sich Anfeindungen auszusetzen, denn das war und ist ja einer der Hauptvorwürfe gegen die Gnosis, das sie lehre, wie der Mensch sich „vergotten“ solle. Nun ja, einem Christen mag das auch harsch aufstoßen. Und weil die Geschichte gut komponiert und für ein Märchen auch inhaltlich schlüssig war, hat man sie, übrigens eines der ganz wenigen christlich angehauchten Märchen, weiter und weiter erzählt bis sie Jahrhunderte später den Brüdern Grimm zu Ohren  kam.

Einschlägige Weisheiten in den Randzonen

Der Machandelboom

Eines der „bitteren“, der unheimlichen Märchen, aber ein Hohes Lied der Treue, die belohnt wird. Meine Mutter, die mich schlacht‘/mein Vater, der mich aß/mein Schwester die Marlenichen/sucht alle meine Benichen/legt sie untern Machandelboom/ kiwitt, kiwitt, was für’n schöner Vogel bin ick.“

Eine Fee verwandelt die Knochen des toten Bruders in jenen Vogel, der nun selbst nicht nur an seiner Verwandlung, sondern auch an der Vergeltung der an ihm begangenen Wohl- und Missetaten arbeitet. Der Vogel singt sein Lied bei einem Schuster, einem Goldschmied und bei einer Mühle und für eine Wiederholung bittet er sich Gaben aus: ein Paar Schuhe, eine goldene Kette und einen Mühlstein.

Kaum ein anderes Märchen ist so „international“, die Anspielungen reichen vom Nordland bis nach Ägypten. Osiris, aber auch der Ba der ägyptischen Seelenlehre, aber auch der Phönix, lassen grüßen, in der Lichtgestalt im Wacholderbaum tritt die dreifaltige Göttin uralter, aber durch das ganze Mittelalter lebendiger Mythologie ältester Kulturschichten hervor,  der ahnungslos kannibalische Vater, die intrigante Stiefmutter, die den Totschlag, den sie selbst beging, ihrer Tochter unterschiebt und sie damit zum Schweigen bringt,  bis am Ende zur Vergeltung aller Taten, wobei die Stiefmutter vom Mühlstein erschlagen wird und der wiedervermenschlichte Sohn gemeinsam mit Vater und Schwester gut gelaunt ein Mahl halten, all das hat gesamteuropäische Parallelen und möglicherweise auch Wurzeln. Bezeichnenderweise spielt das ganze Märchen in einer Sphäre bürgerlicher Wohlanständigkeit. Übrigens ist zu bemerken, dass sowohl dieses Märchen wie auch das vorgenannte auf eine Mitteilung des Malers Philipp Otto Runge hin von den Grimms in ihre Sammlung aufgenommen wurden. Wer sich seiner Bilder erinnert, wird eine gewisse gesteigerte Geistigkeit in einigen nicht leugnen können und so steht dahin, ob die Überlieferung hier nicht absichtsvoll geschah.

Was nun will das Märchen uns sagen? Einmal ist es, wie schon gesagt, ein Hohes Lied der Geschwisterliebe, aber deren finden sich mehrere in der Sammlung. Dann aber ist es eines der ganz seltenen Märchen in denen Götter handelnd auftreten, die Göttin schenkt dem Jungen ein neues Leben, zunächst als Vogel, der er bleiben kann, aber nicht bleiben muss, der Rest kommt dann auf sein Geschick an ob er die Tat aufklären und die Beteiligten gerecht beurteilen kann. Erst als die Stiefmutter unter dem Mühlstein zerquetscht wird, erneuert sich seine menschliche Gestalt und zudem bleibt es offen, ob nicht aus dem Wacholderbaum die verstorbene Mutter als verklärte Seele hinaus tritt, die Interpretation, dass es die Göttin sei, ist nicht zwingend. Es ist eine Geschichte, die über den Tod hinaus geht und ihn am Ende bezwingt, so wie der Novize lernt, den Tod zu sterben und ihn doch zu bezwingen – und da ist noch ein uralter Zauber, nämlich das Erstehen eines Körpers aus seinen Knochen, den man bis in indianische Mythen hinein findet und bis nach Afrika. Eine derart bewusst kosmopolitische Haltung ist dem deutschen Märchen an und für sich fremd, aber der weite Horizont einer Bewegung, die sich durch ganz Europa zog, mag schon solche Assoziationen parat gehabt haben, die ägyptischen  inklusive, von denen sie ja letztenendes abstammt. Dem Novizen wird das Beziehungsgeflecht wohl erklärt worden sein, zusammen mit der Mahnung, auf sich selber acht zu haben und keiner bösen Stiefmutter in den Arm zu laufen, will sagen, der christlichen Maria, für die er immer nur ein gehasster Stiefsohn sein  kann. Seine echte Schwester aber, die Marlenichen, wird ihm durch das, was sie tut, zum Leben helfen und hinter ihr steht ihre große Namensschwester, die Miriam als seine wahre  Mutter – zumindest in einer möglichen Lesart. Die psychologistische Interpretation Salbers hingegen können wir wohl getrost dahinten lassen, sie findet außer in Salbers psychischer Verfassung selbst keine Anhaltspunkte. Hier geht es vor allem um die Position einer gesamteuropäischen Bewegung innerhalb derer der Novize sich zu bewegen lernen soll, einer Bewegung, die seit jeher mit den Mythen der Anderen spielte und sie bewusst zu einem Netz für die eigene Lehre zusammen fügte. Schau, soll das heißen, du bewegst dich in einer Ebene, die bis in die ältesten Zeiten der Menschheit zurück reicht und deren Geflecht Kontinente verbindet, von denen die Welt um dich herum noch nicht einmal weiß. Aber sei gewarnt, es gibt eine böse Stiefmutter und die nennt sich Christentum. Wirf ihr getrost einen Mühlstein an den Kopf und erstehe du aus deinen armen Knochen als der Phönix neu, der sie überwindet und wieder menschliches Wesen gewinnt.

Die kluge Bauerntochter

Das Märchen ist eine Lobrede auf die Vernunft, die frei schwebend alle Hindernisse überwindet und unbedingt ihrer Liebe folgt. Die Bauerntochter befreit mit ihrer Klugheit ihren Vater aus mancher Not, aber sie bringt ihn auch in Nöte, denn niemand glaubt ihm, dass er allein so klug sein  kann, ergangene Fehlurteile dadurch zu entlarven, dass er sie durchspielt, niemand glaubt ihm, dass er die Tochter so herbringen kann, wie der König es anordnet, dass sie hergebracht werden soll. Dieses Märchen ist nicht vordergründig eines, das sich mit den Lehren der Erkenntnis befasst, es hat nur insofern etwas mit ihr zu tun, als in ihr die Vernunft frei gegen alle Dogmen sich behauptet und doch die Liebe nie verliert, denn als es darum geht, dass die Bauerntochter das Liebste aus dem Schloss mitnehmen kann, da wählt sie den König, ihren Mann, den sie liebt, betäubt und entführt ihn. Und doch stehen weite Räume der Erkenntnis dahinter, denn der Vater, für den die Tochter handelt und dabei den König gewinnt, der ihre Klugheit teils liebt, teils ihr aber auch misstraut, bis er sieht, dass sie sich ganz für ihn entschieden hat, hat einen Hintergrund im Spiel kosmischer Kräfte, findet sich in der Gnosis des Thomasevangeliums nicht, wohl aber in der Schule der Miriam, die dabei verstohlen auf ihre eigene Aufgabe Bezug nimmt: zu allererst für den Vater da zu sein, so begriff sie es wenigstens zu ihren Lebzeiten. Hier geht es, wie man sieht, nicht um Einfalt, sondern um Stringenz des Denkens, um gangbare Pfade jenseits des Gewohnten, nichts wird geschenkt, nicht einmal alles gleich gegeben, dieses Denken und Handeln muss sich erst durchsetzen, wird auch von niemandem sonst durchgesetzt. Es polarisiert, findet ebenso Bewunderung wie argwöhnische Ablehnung, man vertraut sich ihm nur notgedrungen an und muss, bis es sich durchsetzt, auch noch weitere Gefahren bestehen, aber  – es setzt sich durch, allen Unkenrufen und allem Kopfschütteln zum Trotz. Übrigens ist das wieder solch ein Märchen in dem kein einziges Wunder geschieht –  ganz im Gegensatz zum vorigen. Aber ein Märchen, das gut in die Wertschätzung der Vernunft passt, die das Leben der Katharer beherrscht – übrigens ganz im Gegensatz zur ideologischen Wirrnis, die man ihren Lehren unterstellt. Dieser Vernunft, dieser Abwesenheit von allem „man sagt“ und „man tut“ war das ganze Leben eines Katharers gewidmet und er schreckte dabei auch vor den unkonventionellsten Lösungen nicht zurück, er nahm sozusagen den Stier beim Horn, auch wenn alle Welt schwor, dass man ihn am Schwanz zu packen hätte. Im Märchen hat die Bauerntochter Erfolg, wird ihre Klugheit gewürdigt und belohnt – und eben das ist, was diese Schelmengeschichte zu einem Märchen macht: im wirklichen Leben geschieht das nämlich nicht.

Dornröschen

Die dreizehnte Fee wird nicht eingeladen. Sie ist an und für sich nicht besser und nicht schlechter als alle anderen Feen und sie sieht nicht ein, warum sie ihre guten Wünsche für das neugeborene Kind nicht wie auch die anderen vorbringen soll – nur wegen eines menschlichen Aberglaubens? Als Fee, also als geistig wirksames Wesen über solchen menschlichen Schnickschnack erhaben, ist sie doch gekränkt und beschließt,  sich zu revanchieren. Sie lädt sich selbst ein und niemand kann ihr den Zutritt verwehren. Man muss ihrem Wunsch entsprechen, und sie gibt dem Kind ihr spezielles Geschenk mit: an ihrem dreizehnten Geburtstag – eine humorige Anspielung auf das menschliche Getue – soll sie sich an einer Nadel stechen und daraufhin mit dem ganzen Schloss in einen ewigen Schlaf fallen – nein, sterben soll sie nicht und auch eine Möglichkeit soll ihr gegeben sein, zu erwachen, nämlich wenn ein Sterblicher zu ihr vordringt, die Dornen überwindet, mit denen das ganze Haus überwuchert sein wird, und sie wachküsst.

Es geht also um den unseligen Aberglauben und es geht um den Umgang mit Verletzlichkeit und es geht um die Macht der Liebe, um die geht es beinahe immer im Märchen. Was aber kann die Dreizehn dafür, dass sie die Dreizehn ist? Gar nichts. Sie ist eine Primzahl – nun gut,  vor ihr und nach ihr gibt es Primzahlen in der Reihe, daran kann es also auch nicht liegen. Aber wir wissen nun, dass dieses Märchen auf jeden Fall nach 1374 entstanden ist, denn vorher war die Dreizehn nicht besser daran als die Dreiundzwanzig und nicht schlechter als die Elf. Erst ab diesem Datum beginnt die Karriere der Dreizehn als Unglückszahl. Es war ein Freitag der Dreizehnte, an dem auf Befehl von Papst und König alle Tempelritter in Frankreich verhaftet wurden. Der Coup war lange vorbereitet worden und hätte der Papst wie einst in Rom residiert, es wäre wohl nie dazu gekommen, aber der Papst residierte seit geraumer Zeit in Avignon unter der Herrschaft des französischen Königs. Seither hat der Freitag der Dreizehnte seinen Schlag weg und mit ihm auch die Dreizehn und mit ihm also auch die dreizehnte Fee, deren Zorn über diesen Unsinn man nun verstehen kann.

Hundert Jahre schläft die Prinzessin und mit ihr das ganze Haus und die Dornen wachsen über das Haus, ehe ein Prinz, unbekannt warum, beschließt, sich gerade diese Prinzessin als Braut zu holen. Braucht Ehrgeiz eine Logik? Nein, die braucht er nicht, obgleich er sich gerne mit einer solchen schmückt, nun, das Märchen, in seinen Anforderungen gründlich, verzichtet. Der Prinz schafft es auch, er überwindet die Dornen und küsst die Braut wach, das Leben geht weiter. Und wo bleibt die Gnosis? Auf der Strecke? Ja, irgendwo da draußen bleibt sie in der Dornenhecke, denn sie ist die Dornenhecke, die der Prinz überwinden muss, um den Lohn, die schlafende Erkenntnis, wach zu küssen, warum, weiß er selbst nicht, er hat da mal etwas gehört, von etwas Unerreichbarem. Aber gerade das Unerreichbare ist es, das ihn reizt, er wäre sonst kein Prinz. Er hat das Recht, ja sogar die Pflicht, unvernünftig zu sein wie der Novize der Erkenntnis, der sich nach etwas streckt, das man für unerreichbar hält und gerade darum wagt er es. Niemand zieht ihn empor, niemand hilft ihm, auch in diesem Märchen winkt Erfolg nur dem, der auch das anscheinend Aussichtlose wagt und den Bann bricht – ungeachtet dessen, dass der Bann ja brüchig sein soll, denn das Leben soll und muss ja weitergehen und sei es mit hundertjähriger Unterbrechung. Was sind hundert Jahre vor der Ewigkeit? Nichts. Und es geschieht also: kurz ehe Schloss und Prinzessin ewigem Vergessen anheimfallen, kehren Leben und Normalität zurück, eben wie es auch in der Erkenntnis ist: wenn just der Moment gekommen ist, an dem entweder alle Vernunft versagt oder alles Leben stillsteht, kommt jemand und wagt es und sei es dann mit Unvernunft, den Himmel zu stürmen und den Göttern das Feuer zu entreißen und die nie zuvor gesehene Liebe wachzuküssen – es ist allein seine Entscheidung, nichts drängt ihn, das Schloss fehlt im Grunde niemanden wirklich… aber es soll eben nichts geben, das unerreichbar wäre und dem Leben auf immer entzogen und die Liebe, die blinde Liebe, macht das Unmögliche zur Tat. Auch dieses Märchen, scheint es, hat man Novizen erzählt, möglicherweise um ihren Willen zum Noviziat zu prüfen, und sie haben es weiter erzählt, weil es so hübsch ist und ja nichts dabei ist… und so ist es dann auch einem Walt Disney in die Finger geraten…

Schneewittchen

Rot wie Blut, weiß wie Schnee, schwarz wie Ebenholz – wo haben wir das schon einmal gehabt? Richtig, im Märchen vom Machandelbaum. Dort muss der Junge als Opfer sterben und wird zum Phönix und dank eigener Intelligenz wieder zum Menschen, hier ist es das Mädchen, das die Farben der Göttin trägt und auch sonst sieht sich einiges ähnlich, die Stiefmutter spielt als die Bedrohliche wieder eine Hauptrolle und der Mann, der König, fällt auf sie herein und auf ihre Ränke. Spieglein, Spieglein an der Wand… und die wahre Göttin wird schon wieder verfolgt von der intriganten Jungfrau Maria. Und wieder hilft es ihr wenig, aber hier geschehen keine Wunder. Der Jäger verschont das Schneewittchen, weil das Töten zwar sein Beruf ist, nicht aber das Morden, die Zwerge arrangieren sich mit ihr, obschon sie ganz anderen Sphären der Existenz angehören und gewinnen sie sogar lieb – so lieb, dass sie sie vor den Ränken der bösen Frau warnen. Aber sie fällt dennoch auf sie herein, und nur der Zufall rettet sie und zuletzt  scheint auch er zu versagen. Der Prinz findet nur noch die Tote im Glassarg, schön und kalt. Die Stiefmutter erhält endlich die richtige Botschaft ohne Nachsatz… aber Schneewittchen… und atmet durch. Die alte Qual scheint besiegt… und da fällt Schneewittchen das Apfelstück aus dem Mund, das sie bannte, und sofort beginnt sie wieder zu atmen, der Sarg wird geöffnet, der Prinz, der Novize der Erkenntnis, heiratet seine Angebetete und der Spiegel hat wieder seinen Nachsatz: … aber Schneewittchen… das Ende der bösen Königin.

Die Botschaft ist: in der großen Lehrerin der Erkenntnis, die von Gallien aus bis nach Germanien hinein gewirkt hat, haben viele keltische und germanische Völker eine Verkörperung ihrer großen Göttin gesehen, die vor den antiken Gottheiten da war und die weithin verehrt wurde. Nun, Miriam hat sich selbst gewiss nie so gesehen, aber sie konnte es auch nicht verhindern, ebenso wenig wie sie es verhindern konnte, dass sie eponym wurde für die große Frau der Christen, die demütige Magd Maria, die zur Himmelskönigin – zur Stiefmutterkönigin – wurde. In der katholischen Kirche heute weiß man nicht mehr so recht, wohin mit ihr… aber das nur am Rande. Diese große Frau sollte besiegt und ausgerottet sein, aber sie ist es nicht, sondern durch den Eifer und die Beharrlichkeit ihrer Schüler ist sie und ist ihre Botschaft lebendig geblieben, weder Gewalt noch Betrug haben ihr etwas anhaben können, so gefährlich es auch ab und an aussah. Erkenntnis und Mythos finden hier, wie auch in anderen Märchen, zusammen, das haben sie auch in Kleinasien, das haben sie in Ägypten getan und in Israel und das haben sie auch in Griechenland getan. Es gehört zum Wesen der Gnosis, dass sie sich mit Vorgefundenem arrangiert, dass sie sozusagen die Sprache derer redet, zu denen sie redet. Es mag Manchem sicher etwas viel von dieser Miriam und ihren Apotheosen die Rede sein, aber man bedenke, wie intensiv und vor allem wie eingängig sie gelehrt haben muss um derart in der Erinnerung der Völker zu bleiben. Man versteht dann auch, warum der spätere Marienkult die Präsenz des Christus derart hat verdunkeln können – der von ihr verehrte Lehrer der Erkenntnis war fern, sie aber war denen nahe, die von ihr über die Lehre nicht nur erfuhren, sondern sie selbst konnte sie praktisch darin ausbilden und so entstand ihr Ruf als Wundertäterin, denn einige Stücke des Unterrichts sind in der Tat „wunderbar“ zu nennen obgleich sie nichts als menschenmöglich sind. Es ist also kein Wunder, wenn Miriam in verschiedenen „Verkleidungen“ im Märchen eine größere Rolle spielt als Jesus, dessen Lehren sie verbreitete.

Etwas Besseres als den Tod… die Bremer Stadtmusikanten

Kommen wir nun zu einer mehr humoristischen Geschichte, die von denen handelt, die nichts mehr zu verlieren haben und die zugleich ein hübscher Seitenhieb auf die Qualität der Bremer Ratsmusiker ist. Eine krähende, fauchende, bellende und schreiende Katzenmusik soll es sein… und dabei ist die Geschichte doch auch so viel mehr als nur eine  auf deren Kosten. Da ist nämlich ein Satz und den sollte man sich hinter die Ohren schreiben, wenn alle Welt einen als depressiv abtun will: etwas Besseres als den Tod finden wir überall. Denn die armen Tiere sind, so entwickelt der unbekannte Spötter seine Geschichte, von der Gesellschaft abgeschrieben, keiner will sie mehr haben, denn sie können ihre angemessene Aufgabe nicht mehr erfüllen und ein Altenteil für Tiere gibt es nicht, sie leisten oder sie sterben. Unsere Tiere aber wollen sich diesem Diktat nicht fügen und formieren aus ihrer Untauglichkeit heraus für sich eine neue Rolle: eben als Stadtmusikanten in Bremen, mag man darüber nun denken wie man will. Mag auch keiner an sie glauben, sie glauben an sich selber. Und – der Spott nimmt kein Ende – sie haben Erfolg mit ihrer Erfindung, gerade weil sie entsetzliche Marter für die Ohren ist, es gelingt ihnen, die Räuber, die die Stadt bedrohen, zu verscheuchen, denn die glauben, ein schreckliches Untier bewache die Stadt und nehmen Reißaus. Der Spott ist unüberhörbar  – die Bremer Ratsmusik sollte man dafür einsetzen, Räuber zu scheuchen anstatt zu spielen… das entgeht wohl keinem und die Stadt Bremen hat denn auch mit Augenzwinkern ihren Stadtmusikanten ein schönes Denkmal gesetzt, direkt vor dem Rathaus.

Die Weisheit der Geschichte aber liegt darunter: gib nie auf, sagt sie, auch wenn alle dich aufgeben. Mach dir nichts daraus, an den Rand der Gesellschaft gespült zu werden, es wird immer noch etwas geben, das du ihr geben kannst, du musst es nur finden und du wirst es in dir selber finden, so wie du gerade bist, ein abgewrackter Esel, ein Hund mit stumpfen Zähnen, eine Katze die die Mäuse nicht mehr sieht, ein Hahn, der seine Hennen verlor… darauf, auf diese Begleitumstände, kommt es nicht an, sondern es kommt allein auf dich selber an, ob du dich von ihnen abhängig machst oder nicht. Akzeptierst du das Urteil, das man über dich fällt, oder hältst du dagegen und erfindest dich neu, das ist der Punkt auf den es ankommt. Statt einsam vor dich hin zu brüten mach dich auf und erfahre, dass Gemeinschaft stärkt und auch deine Kraft vervielfältigt. Statt depressiv in der Ecke zu hocken, mach aus deinem Leben, auch wenn du gar nichts mehr kannst, wieder etwas, das du kannst und „etwas Besseres als den Tod findest du überall“.  Du kannst zwar nicht musizieren, aber das, was du kannst, bewahrt, klug gehandhabt,  die Bürger vor Raub und Mord und das ist doch auch etwas… und so und in diesem Sinne wird man die Geschichte denen erzählt haben, die sich am Rande der Gesellschaft und weggeworfen fühlten und die deshalb an die Tore der Konvente klopften. Man nahm sie nicht auf, sondern gab  ihnen diesen Rat auf den Weg: etwas Besseres als den Tod findet ihr überall… wohlan.

Aschenputtel

Ach ist das schön… Aschenputtel bekommt den Prinzen, denn nur ihr passt der Schuh, nach dessen Trägerin er überall suchen lässt. Ihre Stiefschwestern würden alles darum geben, den Prinzen zu bekommen und sie geben alles, verstümmeln sich selbst, leiden Schmerzen und erreichen nichts.

Aschenputtel ist wie die Lehre von der Erkenntnis ein Kind, das man gern und absichtsvoll übersieht. Aber unentwegt sorgt sie für Ordnung im Haus, während ihre faulen Stiefschwestern den lieben Gott einen guten Mann  sein lassen. Und weil sie unentwegt die Ordnung aufrecht erhält, hat sie auch Helfer, die machen die Schikanen zunichte, mit denen man sie von der Welt fernhalten möchte indem sie die Arbeit besser und schneller für sie verrichten als sie es könnte und dazu noch statten sie Aschenputtel standesgemäß aus, denn die Erkenntnis in ihrem wahren Gewand ist absolut gesellschaftsfähig, gebildet, schön und geschickt. Sie ist die legitime Tochter ihres Vaters und die Asche in die man sie stieß ist nur der Neid derer, die ihr doch nicht das Wasser reichen können. Das ist die Rolle der Erkenntnis in jener Zeit. Sie ist in die Asche gestoßen, sie wird von den Christen schikaniert und ausgeschlossen – aber sie meistert alle Hindernisse und sie schnappt sich am Ende den Prinzen und damit die Herrschaft über die Welt, denn sie gewinnt seine Liebe. Daheim, in der Asche, ist sie schweigsam und demütig erträgt sie den Spott von Stiefmutter Maria und den Stiefschwestern, den  Christen insgemein, besonders aber den Klerikern aller Sparten. Gott – der Vater – schweigt zu allem, er wird im ganzen Märchen nicht reden, er lässt Aschenputtel allein und auf sich gestellt. Er weiß nichts und es geht ihn auch nichts etwas an… er verrät seine Tochter nach Strich und Faden. Nur die Mutter gedenkt aus dem Grab heraus ihrer und tut, was nötig ist. aber alles kann sie auch nicht tun, also kommen die Helfer.

Und dann als das Schicksal kaum mehr abzuwenden ist und Aschenputtel wohl den Prinzen bekommen muss, denn ihr allein passt der Schuh, kommt die Zeit der Täuschungsmanöver. Christen behaupten, der Schuh Erkenntnis würde ihnen passen, gründen Bettelorden, haben Visionen, reisen als Volksprediger durch die Lande – und schaffen doch nichts, denn „Blut ist im Schuh“.. halt, das Blut ist an ihren Händen. Jeder versteht – die können es nicht sein. Denn sichtlich passt der Schuh nicht. Ich habe heute, am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, Pfarrer erlebt, die christlich Erkenntnis  predigen wollten, es hat sie zwar das Amt gekostet, aber Erkenntnis haben sie nicht gelehrt, nur eine Art mystisch verquastes Christentum wie Eugen Drewermann. Die Sache mit Aschenputtel ist also immer noch brandaktuell, der rechte Fuß ist immer noch nicht im rechten Schuh. Aber der Prinz wird den rechten Fuß finden, das ist sicher, denn er hört nicht auf, nach ihm zu suchen und das ist das Wichtigste: wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er gefunden hat…

 

Froschkönig

Puh, was muss man sich nicht alles antun! Frösche küssen… aber da ist noch einer, der in dem Märchen oft vergessen wird, der eiserne Heinrich nämlich, der treue Begleiter und Lehrer des verzauberten Königs, um dessen Herz drei eiserne Bande liegen, die es beengen, Fesseln der Sorge ob er  es schaffen wird, sich von dem Bann, der auf ihm liegt, zu befreien und der dessen keineswegs sicher ist. Als der König die Prinzessin am Brunnen trifft, springt das erste Band ab. Aber die andern drücken noch immer das Herz zusammen mit eiserner Sorge, so ist das gemeint. Denn der Fluch, der den Herrscher in ein unansehnliches und, mehr noch, ein geradezu ekliges Geschöpf verwandelt hat, ist schwer und nicht gelöst. Er hat viele Namen die alle in einem einzigen zusammenfließen: der König erscheint als das genaue Gegenteil von allem was er ist, er scheint ein Verlorener, ein Verachteter zu sein, einer, dem man sein gegebenes Wort nicht halten muss. Und ist man drauf und dran es einzulösen, quakt der Frosch und alle schönen Träume verfliegen vor einem kleinen, schleimigen Ungeheuer. Das Reich, das da wartet, ist, so scheint es, schier nicht auffindbar. Wer küsst schon einen Frosch! Aber graust sich nicht auch der Frosch vor der Berührung eines menschlichen Mundes? Wir erfahren es nicht, wir erfahren nur, dass das zweite Band bricht, als die Königstochter ihr Versprechen gibt. Da weiß sie noch nicht, was sie verspricht und es bedarf mehrere Anläufe, bis sie endlich beherzt genug ist, es zu tun und den Frosch zu küssen. So geht es den Menschen mit der Erkenntnis wohl auch – ihnen erscheint zunächst ein kleines, quakendes, schleimiges Tier. Aber das Märchen erzählt auch noch eine andere Geschichte, es ist die vom König der Welt, der zum Bettler, zum Abschaum wurde und den man am Ende zornig an die Wand donnert – woraufhin der Fluch bricht und der König erscheint. Der Frosch kann eine Krankheit sein, die entmenscht, die den Kranken seiner ganzen menschlichen Würde beraubt, die nichts mehr von ihm übrig lässt als eben diese Krankheit. Man muss ihn küssen, so krank wie er ist und so leer oder man muss ihn zornig gegen die Wand werfen, weil diese Krankheit so unbesiegbar erscheint. Dann erst wird der König offenbar und das anscheinend garstige Werk war die Wohltat die auch das letzte Band sprengt und Heinrich, den sorgenvollen Kammerdiener, mit dem König, dem er bis zur Selbstaufgabe diente, befreit. Viele Katharer werden den Frosch geküsst haben – aber keiner von ihnen warf ihn wohl gegen die Wand, vielen erschien er als König, aber er blieb nicht, was er war, er wurde wieder zum Frosch, man vergebe mir diese Freiheit. Oder doch – einer warf ihn gegen die Wand und fand im erscheinenden König sich selbst wieder. Auch das geht und schließt wieder an an unseren gnostischen Solitär, der selbst noch einen Grass bezaubern konnte. Denn so richtig aufgelöst ist die Geschichte noch nicht…

Persisches Rosenwasser und deutscher Apfelsaft

Nein, es bleibt dabei, ich kann ihn nicht leiden, den Meister Rumi, mein Meister kann er nicht sein, er sucht ja Gott und ich suche ihn nicht. Laut mit den Armen fuchtelnd schleudert er seine langen Gedichte hinaus und immer noch fallen Esoteriker aller Sparten beinahe in Ohnmacht vor seiner Wortgewalt, wissen Sie –  er kann mich  mal….

Aber das ist das Malheur des orientalischen Märchens, dass es Gott sucht. Dabei kommt es sogar so weit, dass es Gott in der Nähe vermutet, aber zum Entscheidenden kommt es nie. Es hebt immer Schranken auf zwischen dem und dem… aber da sind gar keine. Persisches Rosenwasser duftet, aber es macht nicht satt – deutscher Apfelsaft stillt den Durst und den Hunger zugleich. Außerdem duftete er wunderbar nach Honig. Aber nur, wenn er unverfälscht ist.

Man sagt den Mitteleuropäern nach, dass sie auf persisches Rosenwasser angewiesen wären  – das sind sie nicht, ihr Apfelsaft ist mindestens ebenso gut wenn nicht besser. Aber er wird in derart homöopathischen Dosierungen angeboten, dass vom guten Apfel beinahe nichts mehr darin ist. Stattdessen schmeckt die Chemie – wie bei der ganzen Esoterik üblich.

Nun kann es nicht sein, dass die guten, alten Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm in den Rang philosophischer Erörterungen erhoben werden – sie sollen Kinder- und Hausmärchen bleiben, Stoff für ungezählte Lese- und Vorlesestunden, für Theaterstücke, Filme, Musicals, Opern, Cartoons, was auch immer. Aber man sollte wissen, dass einige unter ihnen – meine Auswahl ist willkürlich und es ließen sich sicher noch mehr finden – einen Schatz bewahren, der in unseren Breiten als im Mittelalter verloren galt und nur erklärten Häretikern noch bekannt. Dass dem ganz und gar nicht so war, und dass dem ganz und gar nicht so ist, das zu begreifen soll diese kleine Arbeit anregen. Man muss sicher nicht überall Geheimnisse vermuten, aber mehr als nur nette Geschichten sind deutsche Märchen immer, das unterscheidet sie von vielen anderen europäischen Geschwistern. Vielleicht können ihnen die russischen Märchen darin Konkurrenz bieten, deren dunkle Phantastik aber in ganz andere Kulturen zurückreicht und in denen ganz andere Götter auferstehen.

Ich halte nichts, aber auch gar nichts davon, Märchen psychologistisch zu deuten. Sie sprechen nicht von Seelentiefen, sie sprechen von dem, wovon man sonst nicht sprechen darf. Sie spucken auch nicht Archetypen um sich herum, denn was ein Archetypus ist, bestimmt allein C. G. Jung. Sie erzählen Geschichten, Gleichnisse, sie machen mythische Anspielungen auf damals Bekanntes, das vergisst man oft, dass wir heute unwissender sind als unsere Vorfahren. Heute steht man vor mittelalterlichen Bildern und weiß nicht, was man sieht, dicke Bücher werden geschrieben… „und uns blieb nur das entseelte Wort“ fällt mir jetzt gerade ein, aber auch Umberto Eco*s „uns bleiben nur nackte Namen“, was ungefähr dasselbe meint: wir haben unsere Kontinuität verloren. In den Märchen blieb sie erhalten, daher sind sie so zu nehmen wie sie liegen „das Wort sie sollen lassen stahn“ und kein Drewermannsches Psychogramm dran heften. Sie sind mehr als sie zeigen, aber DAS sind sie nicht. Und sie zeigen auch nur uns weniger als sie sind, einst waren sie offen für jedermann, einst war auch ein Bild von Hieronymus Bosch kein Rätsel und jeder wusste, was die Dinge auf Neidharts Bildern bedeuteten.

Und was ist mit dem Orient? Einmal ist dort die Gottsuche, die im Westen nicht stattfindet, dort sind die Götter gleich im nächsten Wald zuhause und das Christentum hat im Märchen nur einen Anstandsplatz, wenn es nicht ganz und gar angefeindet wird. Aber an Kunstfertigkeit haben orientalische und deutsche Märchen einander wohl nichts voraus, beide sind Ausdruck eines genauen Willens diese Geschichte zu erzählen, diese Botschaft zu übermitteln und keine andere. Man hat früher diese Geschichten weniger Kindern vor dem Schlafengehen erzählt als Erwachsenen am abendlichen Feuer. So war es auch im Orient, wo der Märchenerzähler seinen festen Platz unter den Institutionen der Gesellschaft hatte. Mohammed hasst ihn, weil seine Märchen eine bunte Welt vor den Hörern ausbreiten, mit der der Koran nicht  mithalten kann, auch die erzählerischen Passagen sind dem zeitgenössischen persischen Märchen nicht ebenbürtig. Die Märchenerzähler stahlen ihm mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder die Schau. Und auch das orientalische Märchen ist keineswegs einfältig. Aber es bietet andere Lösungen an, ist verzweigter, mehrdeutiger als das deutsche. Auch im Orient haben die Sufis denen Märchen erzählt, die sich als ihre Schüler betrachteten. Nur – im orientalischen Märchen wird man in die Sphäre des Göttlichen emporgezogen, im deutschen Märchen liegt diese Ebene gleich nebenan am Brunnen. Im Orient taucht man ins Meer hinab und ist doch kein Fisch… im Westen steigt man in die Hölle, aber nur um den Teufel um drei goldene Haare und etliche Informationen zu erleichtern. Nirgendwo steht, dass man dazu Fisch oder Lurch werden müsste, man muss sich nur mit des Teufels Großmutter gut stellen – was auch gelingt, denn Glückshaut ist Glückshaut und wem sie bestimmt ist, der hat seine Wahl schon getroffen. Aber seltsamerweise – Gott fehlt in diesem Märchen und es kommt wunderbar ohne ihn aus und Teufels Gro0mutter erweist sich als Verbündete der Menschen und kluge Nothelferin… aber nun soll es genug sein und den Rumi – ach, den stecken wir am besten gleich dahin, wo ihn nur noch Mystiker finden und auf seinen gottbegeisterten Versen selig dahin schwimmen können – aber es gibt doch mehr als nur ihn, es gibt den Nizami, den Chajjam, den Hafis, es gibt die Liebesgeschichte von Medschnun und es gibt die persischen Sammlungen und darin auch manch lehrreiches Stück – aber wir können sie beruhigt im Orient lassen, wir haben selbst genug Stoff – lasst uns einander unsere Märchen neu erzählen wie es die Alten taten….

Kommentare

Gnosis im Märchen

Ein sehr interessantes Thema!

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